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Kapitel 2-02
Pater Grand grunzte geringschätzig, musterte Mr. Ferret mit einem übellaunigen Blick und trat dann einen schnellen Schritt auf ihn zu.
Er brachte sein Gesicht ganz nah an das des seltsamen Mannes und schaute ihm eindringlich in die schwarzen Augen. Seine Hände ruhten dabei scheinbar teilnahmslos auf dem breiten Gürtel, der nur mit Mühe seine Körpermitte umspannte, um die schwarze Hose fest zu halten.
“Nur dieses eine Mal, Ferret. Das verspreche ich Ihnen. Nur dieses eine Mal werde ich ihnen voraus gehen. Zukünftig bleibe ich in Ihrem Rücken. Wir verstehen uns.”
Mr. Ferret erwiderte den Blick des Paters ausdruckslos und ohne die geringste Regung.
Ich musterte den groben Kerl abfällig.
Er war einer der Sorte, die sich gern hervor tat, in der trügerischen Annahme, bloße Körperkraft und ungezügelte Aggression würden reichen, um jeden um sie herum einzuschüchtern. Nicht, dass das bei mir funktioniert hätte. Ich hatte es im Lauf meiner Karriere schon mit ganz anderen Kalibern zu tun gehabt. Und ich war immer noch im Geschäft.
Nun, eigentlich hatte ich von Grand, dem Schlächter von Arminton, erwartet, dass er sofort handgreiflich werden würde. Nicht zuletzt, weil ich wusste, wie er auf Typen wie mich im allgemeinen reagierte. Den Gefallen tat er uns beiden allerdings nicht. Und so musste ich vorläufig doch darauf verzichten, ihm den Arm auszureißen und ihn solange damit auf die Ohren zu schlagen, bis ihm klar würde, dass mir seine Art heute ein wenig gegen den Strich ging. Andererseits – dann wäre ich vermutlich die nächsten Stunden beschäftigt gewesen. Grand war nicht dafür bekannt, dass neue Ideen leicht in seinen Kopf gingen.
Also beschränkte ich mich auf einige bissige Bemerkungen über seine Abstammung und kümmerte mich wieder um meine eigenen Angelegenheiten. Immerhin hatte ich noch einen Job zu tun. Für Vergnügungen würde später noch Zeit sein.
Das war es zumindest, was hinter den schwarzen Augen Mr. Ferrets vorging.
Nach außen drang davon kein Wort. Stattdessen blinzelte er schließlich, zog sich die Krempe seines schäbigen Bowlers tiefer ins Gesicht und trat mit dem Anflug eines Lächelns beiseite.
Die Wut hatte Siberius Grand gepackt und nur mit Mühe hielt er sie unter Kontrolle.
Er hasste diese Typen und Ferret drängelte sich geradezu auf den vordersten Platz seiner persönlichen Hitliste der Arschlöcher. Er traute ihm nicht einmal soweit, wie er seine eigene Großmutter werfen konnte und das sollte etwas heißen. Immerhin wog Granny damals, als sie noch lebte, fast soviel wie ein ganzer Ochsenkarren. Mitsamt des Ochsen.
Seine Kehrseite würde Ferret nicht mehr zu Gesicht bekommen, soviel stand fest. Außerdem würde Grand ihn dann besser im Blick behalten können.
Damit ließ er das Okular demonstrativ vor seinem Auge herunter klappen, doch Mr. Ferret zuckte nicht zurück. Unbeeindruckt wartete er ab, bis der Pater die ersten Sprossen bestieg und in die Kanalisation abtauchte, so wie es Eric zuvor getan hatte.
Unten angekommen umhüllte Grand sofort der muffige und ekelerregende Gestank der Kanalisation. Er keuchte und unterdrückte gerade noch ein Würgen. Bis sich die eigene Nase an schlechte Gerüche gewöhnte, dauerte es immer eine Weile. Der Pater wusste das von anderen, wenn auch nicht wirklich ähnlichen Erlebnissen.
Nach und nach besserte sich das flaue Gefühl im Magen und auch der pelzige Geschmack auf der Zunge verschwand. Mittlerweile hatten sich auch die Augen an das diffuse Dunkel gewöhnt, welches einige Schritte vor ihm von dem grünlichen Schimmer der Plasmalaterne in Erics Hand erhellt wurde. Vor ihm öffnete sich ein gemauerter Gang, der sich in einem Halbrund aus groben Ziegelsteinen über ihren Köpfen wölbte. Zwischen seinen Füßen floss träge ein Rinnsal brackigen Wassers in einem vielleicht zwei Fuß breiten Kanal. Der Pater war sich sicher, dass die Klumpen und Bröckchen, die das Rinnsal mit sich voran schwemmte, Exkremente und womöglich noch Schlimmeres waren.
Doch er war nicht hier, um sich darüber Gedanken zu machen.
Selbstsicher zog Pater Grand die 22er Hoegle aus seiner Tasche und entsicherte sie. Dann machte er sich auf die Suche nach weiteren Plasmonen von der Art, wie sie ihm an der Leiche des Ermordeten aufgefallen waren. Seine Sicht war vor dem einen Auge ähnlich verschwommen wie bei Tageslicht, nur dass es hier unten im Halbdunkel noch um einiges befremdlicher wurde. Kleine, leuchtende Partikel stiegen vom Grund hoch oder schwebten direkt vor ihm. Trotzdem entging ihm das einzelne Hesiodplasmon am Ende des Lichtscheins nicht, dessen dunkler Schimmer beinahe mit dem schwarzen, lichtlosen Hintergrund verschmolz.
Also doch.
Die Spur führte geradewegs in die unwegsamen Bereiche der Kanalisation hinein und noch war sie nicht kalt. Der Täter musste also tatsächlich hier entlang gekommen sein.
Bevor er jedoch Eric seine Entdeckung meldete, wartete er den Moment ab, bis Mr. Ferret ebenfalls herunter gestiegen und neben ihn getreten war.
Lässig wedelte er mit der Pistole in Richtung Dunkelheit.
“Da geht es lang, meine Herren. Ferret, nach Ihnen!”
Der dünne Mann warf Eric einen fragenden Blick zu. Als jener jedoch keine Anstalten machte, der Anweisung des Paters zu widersprechen, zuckte er schließlich mit den Schultern und nickte gleichmütig.
“Es is ihre Party, Sir. Dann würd ich allerdings darum bitten, Sir, etwas hinter mir zu bleiben. Die hier”, und dabei tippte er sich mit dem Nagel seines Zeigefingers auf sein rechtes Auge, “funktioniern besser, wenn ich nicht direkt im Schein Ihrer Lampe laufen muss. Falls wir, vollkommen wider Erwarten, möchte ich hinzufügen, auf den Urheber des Hackfleischs da oben treffen, Sir.”
Mr Ferret schob sich an der massigen Gestalt des Paters vorbei und marschierte mit eingezogenem Kopf in den Tunnel hinein.
Weder er noch die anderen beiden bemerkten die Augen, deren Blicke ihrem Weg durch die Dunkelheit aufmerksam folgten.

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