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14
Sep

Kapitel 6-11

   Posted by: Steamtown    in Kapitel 6

In Whiggs stritt die Verwirrung mit der Vernunft.
Auch dann noch, als sie mit den beiden Agenten in den modernsten Plasmawagen der Steamtown Power Transmission Ltd eingestiegen war, den ihn Mr. Maloy freundlicherweise samt Fahrer zur Verfügung gestellt hatte. Genau genommen brachte sie das moderne Gefährt nur noch mehr durcheinander. Wo sich bei den Droschken das Pferd oder bei den neueren Modellen ohne natürliche Pferdestärke der überdimensionierte Plasmaboiler befand, senkte sich der vordere Teil des Wagens zu einer flachen und schnittigen Haube. Allein die grünlich flackernden Lichter aus den Sichtschlitzen der Rohrleitungen, welche das Fahrzeug von vorne bis zum hinteren Ende durchzogen und selbst die Fahrgastzelle nicht ausließen, deuteten noch auf die Energiequelle hin, mit der der Wagen beinahe lautlos bewegt wurde. Ohne das Leise Summen der Plasmaaggregate hätte man meinen können, das Gefährt bewege sich von Geisterhand. Bei all dem roch das Innere des Gefährts nur wenig nach süßlichem Plasma, vor allem jedoch nach Leder und Holzpolitur.
Mehr denn je fühlte Whiggs, dass sie nicht aus dieser Welt stammte. Sie kam sich beinahe vor wie eine Wilde aus den Kolonien, der man die Errungenschaften der modernen Zeiten möglichst behutsam nahe zu bringen versuchte, um sie nicht zu sehr zu belasten. Und sie hasste dieses Gefühl. Dazu kamen die vielen, unzusammenhängend erscheinenden Informationen, von denen sie irgendwie nur die Hälfte verstanden hatte.

Mr. Ferret hatte vorne neben dem Fahrer Platz genommen und beobachtete die Straße mit einer Intensität, die dem Chauffeur schon beinahe wie laut ausgesprochene Kritik an seiner Fahrweise vorkommen musste. Fast so, als wolle er dem Mann auf diesem Wege mitteilen, ja keine Unachtsamkeit an den Tag zu legen, während sie sich langsam durch den abendlichen Verkehr bewegten. Die Emanatin und Eric, welche die rückwärtige Sitzgelegenheit in Beschlag genommen hatten, schien er in seiner Konzentration vollkommen vergessen zu haben.
„Sir, wenn Sie die Freundlichkeit hätten, an der Ecke Witthaker und Avory Hall für einen Moment anzuhalten“, wies Eric den Fahrer an. „Ich möchte noch schnell eine Depesche verschicken.“
Der Fahrer nickte unruhig. Er warf einen schnellen Seitenblick auf den Wiedergänger und bog dann folgsam an der nächsten Kreuzung ab. Eric wandte sich der Emanatin zu.
„Sie wirken etwas verloren auf mich, wenn ich das sagen darf, Miss Taversham. Wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann, dann sagen Sie es mir.“
„Verloren? Seit ich meinem Onkel an die Oberfläche gefolgt bin, musste ich aus einem brennenden Haus fliehen, wurde von einem Lynchmob verfolgt, den Wiedergänger in Ihrer Wohnung einmal völlig außen vor gelassen, und durchwühle die Akten wildfremder Menschen, die einen grauenvollen Tod gestorben sind, nach irgendwelchen Hinweisen, die ich nicht einmal annähernd verstehe. Zu guter Letzt fahren Sie mit mir in die Irrenanstalt einer Stadt, die aus meiner Sicht die Bezeichnung „Heimat“ in keinster Weise verdient. Würden Sie sich an meiner Stelle etwa anders fühlen?“
„Wahrscheinlich nicht, Miss Taversham. Ihr Onkel …“
„Das hier hat mit meinen Onkel überhaupt nichts zu tun“, unterbrach ihn Whiggs aufgebracht. „Ihr Plan, zu dem Sie mir bisher jede erklärende Einzelheit vorenthalten haben, ist das Problem. Sie sind das Problem. Da unten in Lethe sterben meine Leute. Ich müsste jetzt bei ihnen sein und ihnen Hilfe bringen. Jede Sekunde, die ich hier verschwende, könnte den Untergang meiner Heimat bedeuten und Sie fahren mit mir spazieren. Und nennen Sie mich nicht immer Miss Taversham. Meine Name lautet Whiggs.“
„Eins zu Null für Miss Taversham, Sir.“ Mr. Ferret deutete den Hauch eines Lächelns an. Eric dagegen fühlte sich mit einem Mal merklich unwohl in seiner Haut.
„Miss … Whiggs, ich verstehe ja, dass Sie aufgebracht sind. Sehr gut sogar. Aber Sie müssen auch verstehen, dass alles miteinander zusammenhängt. Die Morde, die Quexerüberfälle auf Lethe. Sie haben doch auch die Akten gesehen.“

„Was, Mr. Van Valen? Was bedeutet das alles? Sagen Sie es mir. Auf der Stelle oder ich lasse den Wagen halten und steige hier und jetzt aus. Ihren Plan können Sie dann vergessen.“
“Sofern Sie überhaupt einen Plan haben, Sir”, fügte Mr. Ferret leise hinzu. “Ich würde ebenfalls gern wissen, was unser nächster Schritt sein soll,Sir. Sie können kaum hoffen, dass man uns nur aufgrund einer höflichen Bitte nochmals Zutritt zum Asylum gewähren wird, Sir.”
„In Ordnung. Ich versuche es Ihnen zu erklären. Zumindest soweit ich es selbst bereits verstehe. Hartlefield war das erste Opfer. Zumindest hat diese Untersuchung mit ihm angefangen. Laut seiner Akte arbeitete er bei der Steamtown Power Transmission Ltd als Ingenieur und war in der letzten Zeit vor seinem Ableben als eine Art Inspektor tätig. Jemand, der Unregelmäßigkeiten beim … sagen wir mal Bezug von hochenergetischen Plasma untersuchte. Offensichtlich hat er etwas beim Coleman Asylum aufgedeckt. Was genau das war, ging leider nicht aus seiner Akte hervor. Es scheint, als habe man noch auf seinen abschließenden Bericht gewartet. Jedenfalls muss es etwas gewesen sein, das es notwendig machte, ihn auszuschalten.”
“Gründlich auszuschalten. Es war kein schöner Anblick, was der Täter von Hartlefield übrig gelassen hat, Miss Taversham”, ergänzte Mr. Ferret von vorne.
“Das kann man wohl ohne Untertreibung sagen. Nummer zwei - genau genommen sogar Nummer eins, da er noch vor Hartlefield starb - war Doktor Dunston. Ein wissenschaftlicher Mitarbeiter der Steamtown Power Transmission. Sein Spezialgebiet, um nicht zu sagen seine Passion: hochenergetisches Plasma. Er hat in der Vergangenheit mehrere Arbeiten über eine äußerst kraftvolle und seltene Plasmaform veröffentlicht, deren Existenz bis heute nur recht wenigen Menschen bekannt ist: Hes …
“Hesiodplasma”, vervollständigte Whiggs. “Das Zeug, dass in der Rohrleitung bei Fools Court war.”
“Exakt. Bleibt noch Nummer drei. Mr. Esposito, der angebliche Mörder von Doktor Dunstons Haushälterin. Er war als Hilfswachmann bei der Steamtown Power Transmission Ltd angestellt. Davor allerdings arbeitete er als Pfleger im Coleman Asylum. Damit haben wir dreimal das Asylum und dreimal Plasma, wenn man bedenkt, dass Mr. Espositos Leichnam für den tatsächlichen, von uns verfolgten Mörder herhalten musste. Und aus diesem Grund fahren wir genau dorthin, wo alle Fäden zusammenlaufen: zum Coleman Asylum.”

Einen Moment schwiegen alle.
“Eine unbestreitbare Logik”, sagte Mr. Ferret schließlich leise. Seine Hand verkrampfte sich um den Griff der Fahrzeugtür, als der Fahrer zügig einen langsameren Dampfwagen umrundete. Das Holz knirschte unter seiner Hand. “Aber ich verstehe noch nicht, was uns diese Erkenntnis bringen soll, Sir. Ich glaube kaum, dass man im Asylum alles zugeben und uns den Täter ausliefern wird, sobald wir dort auftauchen und sie mit unseren Erkenntnissen konfrontieren, Sir.”
Whiggs sah den jungen Agenten an. “Ich muss Ihrem Begleiter da zustimmen. Sie haben nichts Substantielles in der Hand.”
Eric gestattete sich ein schmales Lächeln. “Dazu kommen wir gleich”, entgegnete er und zog einen Tintenschreiber aus der Innentasche seiner Jacke.

Er entnahm einem Fach des Wagens einen Bogen Papier, warf einige Zeilen darauf, setzte seine Unterschrift darunter und faltete den Bogen sorgfältig zusammen. Dann steckte er das Schreiben in einen Umschlag. “Halten Sie bitte gleich dort vorn”, wies er den Fahrer an. “Ich bin sofort wieder da.” Ohne ein weiteres Wort verließ er den Wagen und betrat eilig ein kleines Botenbüro. Kaum eine Minute später trat er wieder auf die Straße. Schon wollte er sich wieder in den Wagen setzen, als er plötzlich inne hielt und sich an einen barfüßigen Zeitungsburschen wandte, der in der Nähe seine Litanei von Schlagzeilen herunter leierte. Einige Münzen wechselten ihren Besitzer und als Eric sich wieder auf die Rückbank des Fahrzeugs fallen ließ, trug er eine druckfrische Ausgabe des Steamtown Daily in der Hand und ein deutlich breiteres Lächeln im Gesicht.
“Sir?” fragte der Fahrer nach hinten.
“Eine Planänderung”, verkündete der junge Agent. “Sie sollen uns doch fahren, wohin wir wünschen, habe ich das richtig gehört?”
“Jawohl, Sir. Aber…”
“Dann bringen Sie uns bitte zuerst in die Vauxham-Avenue am Maltwasherpark. Wir benötigen zuallererst eine Stärkung. Und dann braucht Miss Taversham eine neue Garderobe.”
Whiggs verdrehte die Augen und setzte zu einer Entgegnung an, doch Eric schnitt ihr mit einem Winken den Protest ab. “Und dann erkläre ich Ihnen unseren Plan.” Mit diesen Worten legte er der jungen Frau die gefaltete Zeitung auf den Schoß.

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