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Kapitel 7-03
Whiggs holte noch einmal tief Luft, legte die Hand in dem weißen Spitzenhandschuh an die martialisch wirkenden, schwarzen Eisenverzierungen der Eingangstür - und drückte sie auf. Dem Impuls, sich einfach umzudrehen und das Gelände auf dem schnellsten Wege zu verlassen, hatte sie, trotz seiner Übermächtigkeit, nicht nachgegeben. Allerdings musste sie zugeben, dass nicht viel dazu fehlte, als sie das doppelflügelige Tor zum Vorhof des Sanatoriums mit dem Schriftzug “Coleman-Asylum” hinter sich gelassen hatte und über den gepflasterten Hof gegangen war. Die beiden Wächter am Eingang hatten sie nicht einmal kontrolliert, sondern gleich mit einem anzüglichen Grinsen durchgewunken, nachdem sie ihr Anliegen vorgetragen hatte. Dann war sie die Stufen zum Eingang hinauf gestiegen.
Mit langsamen, beinahe herrschaftlichen Schritten und einem bemüht gelangweilten Gesichtsausdruck bewegte sie sich auf das Empfangspult am Ende der großen Halle zu. Dorthin, wo ein genervt dreinblickender Pfleger eben noch ein ungestörtes Gespräch mit dem Pförtner geführt hatte. Offensichtlich hatten sie sich ein paar Minuten Auszeit gegönnt, die Whiggs nun unterbrach. Beide Personen blickten zu ihr herüber und warteten ungeduldig, dass sie die Distanz zu ihnen überwand.
Ein dumpfer, schwerer Knall hinter ihr zeugte davon, dass sich die Tür wieder geschlossen hatte. Das Geräusch jagte ihr einen kurzen, eiskalten Schauer über den Rücken. Das bedrückende Bild eines ausbruchsicheren Gefängnisses blitzte vor ihrem geistigen Auge auf und vermittelte ihr für einen Moment das beängstigende Gefühl von Claustrophobia. Etwas, das sie in den niedrigen Felsengängen um Lethe nie verspürt hatte und das sie ausgerechnet jetzt überfiel.
Reiß dich zusammen, Whiggs. Das ist nur ein wenig Theater. Das machst du doch mit links.
Der Pförtner musterte Whiggs mit vor der Brust verschränkten Armen abschätzend von oben bis unten. Sein Kollege stierte sie stumm an, während er sich mit dem Ärmel geräuschvoll die Nase abwischte. Whiggs starrte angewidert zurück, die Hände locker vor dem Leib liegend, einen hochmütigen Ausdruck auf dem Gesicht. Sie sagte kein Wort und wartete, bis der Pförtner sie ansprach.
“Sie wünschen?”
Seine Stimme hatte einen schnarrenden Unterton und seine Gestik deutete darauf hin, dass er weder Lust noch die Bereitschaft hatte, just in diesem Moment seinen Job zu erledigen. Schon gar nicht wegen irgendeinem dahergelaufenen Püppchen aus gutem Hause.
“Ich möchte Miss Halvston einen Besuch abstatten. Wo kann ich sie finden?”
Der Pförtner antwortete nicht, sondern warf dem Pfleger einen wissenden Blick zu. Der andere, ein Mann mit massiger Statur, kurzgeschorenen roten Haaren und einer teigig wirkenden blassrosigen Haut, grinste gehässig.
“Sie will zu unserer Wildkatze, was Reggory?”
“Scheint so, Plumley.”
Der Pförtner wandte sich betont lässig zurück zu Whiggs. “Sind Sie eine Verwandte?”
“Selbstverständlich. Würde ich mich sonst freiwillig in dieses Etablissement begeben?” Sie sprach das Wort mit aller ihr möglichen Herablassung aus. Insgeheim hoffte sie, den Pförtner und seinen Kumpanen mit ihrer arroganten Art aus der Fassung zu bringen. Leider funktionierte es nicht besonders gut.
“Sie heißen?”
“Ich weiß wirklich nicht, was Sie das angeht.” Whiggs warf selbstbewusst ihre kunstvoll gedrehten Locken nach hinten.
“Wenn Sie uns Ihren Namen nicht nennen, kann ich Sie leider nicht zu unserem Liebling lassen.”
“Nee, kann er leider nicht”, fügte Plumley immer noch grinsend zu.
“Ich muss die Besuchspapiere korrekt ausfüllen. Also, Ihr Name?”
“Weiß Ihr Vorgesetzter eigentlich, wie anmaßend Sie hier mit Besuchern, insbesondere mit einer Dame aus gutem Hause umspringen, Sie Flegel? Ich werde mich an höchster Stelle beschweren.”
“Wie auch immer. Ohne Namen, kein Zugang. So einfach ist das.”
“Ja, so einfach ist das.” Plumley grinste jetzt noch breiter als zuvor. Offenbar hatte er eine Menge Spaß an dem kleinen Streitgespräch.
“Taversham. Miss Eleonore Taversham”, gab Whiggs mit einem unterdrückten Knurren nach. “Das wird Folgen für Sie haben. Für Sie beide. Verlassen Sie sich drauf.”
“Natürlich. Dann können Sie sich bestimmt auch ausweisen, nicht wahr, Miss Taversham? Ich muss die Besucherpapiere … ”
” … korrekt ausfüllen. Ich weiß.” Es fiel der Emanatin immer schwerer, sich angesichts dieser Unverschämtheit zu beherrschen.
“Oh, und außerdem muss ich Ihnen dann noch einen Pfleger rufen, der Sie zu dem betreffenden Besucherzimmer führt. Dummerweise sind alle Pfleger im Augenblick beschäftigt.”
“Ja, genau. Sind alle beschäftigt, was Reggory?”
“Und was ist mit Ihnen, … Mister Plumley?” Whiggs sprach den Namen deutlich angewidert aus, ganz so als ob sie sich davor ekeln würde. Was Sie in gewisser Weise sogar tat. Der rothaarige Mann war ihr mehr als nur unangenehm.
“Oh, ich hab gerade Pause. Steht mir zu.”
Jetzt war es an Reggory, breit zu grinsen.
“Wann würden Sie Ihre Pause beenden, wenn ich das erfahren dürfte, Mister Plumley?”
“Schwer zu sagen. Kommt drauf an, was Sie mir dafür bieten, Schätzchen.”
“Schätzchen?!” Ein bedrohlicher Unterton mischte sich in Whiggs Stimme. Sie ballte ihre Hände langsam zu Fäusten. Genug war genug. Ihr platzte endgültig der Kragen. Sie war gerade drauf und dran, vollends aus ihrer Rolle zu fallen und diesen unverschämten Kerlen zu zeigen, wie man mit einer geachteten Emanatin aus Lethe umzugehen hatte, als die Eingangstür ein weiteres Mal mit lautem Hall zufiel.
Wie nannten das die Cinematographen in den Filmtheatern der Oberschicht? Den ‘Zweiten Aufzug‘, glaubte sich Whiggs zu erinnern.
Und der war wirklich gekonnt. Offenbar hatte der Anführer der kleinen Gruppe eine Menge Übung in solchen Dingen.
Breitbeinig, wie einer von diesen Revolverhelden aus billigen Groschenromanen, stellte er sich mitten in die Halle und schaute sich schweigend um. Die Hände hielt er hinter dem Rücken verschränkt und seine finstere Miene versprach jedem, der es wagte, sich ihm in den Weg zu stellen, einen Haufen Ärger.
Zwei seiner Untergeben hatten sich rechts und links von ihm postiert; eine Hand locker auf dem Pistolenholster, die andere an den Handfesseln, die vom Gürtel herunter baumelten. Der Dritte Polizist hielt sich mit Eric und Mr. Ferret im Hintergrund. Er würde jeden aufhalten, der das nun zu erwartende Schauspiel zu stören versuchte.
Plumley reagierte beinahe instinktiv.
„Ich geh dann mal wieder, Reggory. Die Arbeit ruft.“ Er warf dem Pförtner einen entschuldigenden Blick zu, zog den Kopf zwischen die Schultern und machte sich so schnell es ging aus dem Staub.
Reggory hätte es ihm gern nachgetan. Aber dummerweise war sein Arbeitsplatz hinter dem Empfangspult. Warum, verflucht nochmal, verursachte der Anblick von ein paar Polizisten immer diese Schuldgefühle? Gut, jeder hatten in dieser Stadt irgendwo Dreck am Stecken. Aber die meisten mehr als er. Also warum sollte man ausgerechnet ihn… Oder war es etwa möglich, dass… Kleine Schweißperlen begannen, ihm die Stirn hinunterzulaufen.
Tags: Coleman-Asylum, Halvston, Plumley, Whiggs

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