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31
Aug

Kapitel 6-05

   Posted by: Carsten    in Kapitel 6

„Also noch einmal von vorne. Wie ist ihr Name?“ Mr. Kreven, der schnurrbärtige Wachmann, wirkte kein bisschen angestrengt, als er zum wiederholten Male und ohne im geringsten die Miene zu verziehen seine Fragen auf Whiggs abfeuerte. Die Emanatin dagegen spürte die Erschöpfung in jedem Muskel. Die letzten Stunden hatten ihr einiges abverlangt und tiefe, grauschattige Ringe zeichneten sich unter ihren Augen ab. Dazu gab dieser arrogante Schnösel von der Steamtown Power Transmission LTD keine Ruhe und ging sie immer und immer wieder an. Whiggs dachte an ihre kühle, schattige Wohnung, die tief unten in Lethe auf sie wartete. Sie war müde. Sehr müde. Trotzdem raffte sie sich ein weiteres Mal zu der zurecht gelegten Antwort auf, die sie dem misstrauischen Mann so überzeugend wie möglich auftischte.
„Das habe ich doch schon erzählt. Mein Name ist Eleonore Taversham und ich komme aus St. Morris, wo ich bei meiner Tante und meinem Onkel wohne. Deren Namen lauten Mira und Rupert Malcomwell, wohnhaft in der Angelshore Street 43. Schicken Sie doch eine Depesche nach St. Morris, dann werden sie meine Angaben bestätigen. Vielleicht können wir uns dann diese ewige Fragerei endlich ersparen.“ Whiggs pokerte, wohl wissend, dass eine Depesche beinahe eine Woche unterwegs sein würde. Denn solange würde man sie hier nicht festhalten dürfen.

„Das werde ich noch veranlassen. Solange werden Sie sich jedoch meinen Fragen stellen müssen. Es sei denn, Sie wollen gleich mit der Wahrheit herausrücken.“ Kreven wartete ein paar Sekunden und Whiggs lieferte sich mit ihm ein kurzes Duell im Anstarren, das keiner von ihnen beiden gewann. Daher folgte die nächste Frage auf dem Fuß.
„Wo sind die Papiere, die Ihre Identität bezeugen können?“
„Noch einmal, Mr. Kreven“, schnauzte Whiggs ungehalten zurück. „Die Droschke hat auf dem Weg von St. Morris einen Teil des Gepäcks verloren und dem Kutscher ist es erst nach unserer Ankunft in Steamtown aufgefallen. Er wurde von seinen Vorgesetzten entsprechend zur Verantwortung gezogen. Um genau zu sein, er wurde gefeuert, was mir mein Gepäck und meine Papiere aber noch nicht wiedergebracht hat. Im Moment ist der unfähige Kerl auf dem Rückweg. Wie Sie wissen sollten, kann das auf einer Strecke von mehreren hundert Meilen auch eine Weile dauern. Bei meinem Glück hat sich irgendeine Diebesbande meinen Koffer unter den Nagel gerissen und läuft nun mit meiner Ausgehgarderobe in der Wildnis herum. Oder was glauben Sie, warum ich immer noch meine Reisekleidung trage?“

Whiggs deutete dabei mit ihren Händen an sich herunter. Kreven hatte es beinahe geschafft, dass sie sich für ihre einfache und am Saum des Rockes eingerissene Kleidung schämte. Zumindest dann, wenn sie die Frauen in ihren geschmackvollen und teuren Kleidern und Kostümen betrachtete, die ab und zu an den Fenstern zum Flur vorbei gingen und neugierige Blicke in den großen Verhörraum warfen. Trotzdem würde sie sich nicht unterbuttern lassen, selbst wenn das Verhör noch die ganze Nacht andauern würde. Früher oder später würde Kreven genug haben und sie in Ruhe lassen. Hoffte sie jedenfalls.
„Schöne Geschichte. Das Dumme ist nur, dass ich Ihnen kein einziges Wort davon glaube, Miss Taversham.“ Kreven stützte sich bei diesen Worten auf die Tischplatte, schob den Oberkörper vor über und kam Whiggs dabei bedrohlich nahe. Sein Atem roch nach Bratfisch und Minze, als er leise fortfuhr:„Ich kann sehr, sehr unangenehm werden. Das versichere ich Ihnen. Also strapazieren Sie nicht länger meine Geduld. Was hatten Sie auf dem Gelände der Steamtown Power Transmission LTD verloren? Besonders in Gesellschaft dieser Kanalreiniger.“ Kreven rümpfte angewidert die Nase.

„Das reicht! Ich mach den Drecksack fertich.“ Bruggs sprang hoch und machte Anstalten, sich mit geballten Fäusten auf den Mann hinter dem Schreibtisch zu stürzen. Die Waffen der restlichen Wachen würdigte er dabei keines Blickes. Cummins und der schweigsame Tawyer reagierten glücklicherweise schnell und fielen ihm in die Arme, bevor er Kreven erreichte. Sie konnten jetzt keine Eskalation der Situation gebrauchen, auch wenn man den Mienen aller Lederhäute deutlich ansah, dass sie diesem Arschloch nur zu gern selbst zeigen wollten, was sie von ihm hielten. Whiggs konnte sehen, wie sich kleine Schweißperlen auf der Stirn des Anführers bildeten, als sie mit Mühe und Not versuchten, den in Rage geratenen Bruggs zurückzuhalten. Die Wachen stellten sich sofort schützend zwischen Kreven und die drei Lederhäute. Einer versetzte Bruggs mit dem Kolben seines Kremsberger, einem großkalibrigen Plasmagewehr, einen derben Stoß vor die Brust, der ihn keuchend zurück trieb und ihn und Cummins zu Boden stürzen ließ. Die anderen Wachen legten ihre Waffen an und zielten auf die drei Seuchenschutzbeamten. Mit einem Aufschrei warf sich Whiggs dazwischen. Mit beiden Händen versuchte sie, die Wachen auseinander zu treiben und die tödlichen Schüsse zu vermeiden.

“Was ist denn hier los?”, donnerte eine gebieterische Stimme. “Hören Sie sofort mit diesem Unsinn auf!” Der hochgewachsene Anzugträger stand plötzlich im Türrahmen. Kreven, dessen Schnurrbart nervös zuckte, bemühte sich, umgehend sein Leute zurück zu rufen.
“Sir, ich musste nur ..”
“Das interessiert mich nicht im Geringsten, Mr. Kreven. Sie werden sich für diesen Zirkus vor mir verantworten müssen. Wenn das hier vorbei ist, werden Sie sich in meinem Büro melden. Unverzüglich. Haben wir uns verstanden, Mr. Kreven?”
“Ja … jawohl, Mr. Maloy. Sir.”
“Und nehmen Sie unseren Gästen die Handschellen ab. Sofort!”
Whiggs konnte die plötzliche Umkehr beinahe nicht fassen. Erst behandelte man sie wie Verbrecher und nun? Sie war sich beinahe sicher, dass es sich nur um einen weiteren Trick handeln konnte, um sie alle in Sicherheit zu wiegen. Oder hatte Eric Van Valen, der junge Agent, tatsächlich etwas bewirken können? Bevor sie sich noch wundern konnte, wo Eric abgeblieben war, trat er höchstpersönlich in den Raum hinein. Er wirkte nicht unbedingt zufrieden, aber auch er trug keine Handschellen mehr. Selbst seine Waffe hatte man ihm zurückgegeben. Nacheinander blickte er die Lederhäute, schließlich sie und Mr. Ferret an.
“Meine Herren, Miss Taversham. Wir haben eine neue Spur.”

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