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Zwischenspiel 02
Bang sah Edward Ayrton an dem düsteren Gebäude empor.
„Coleman-Asylum“ stand über der doppelflügligen Eingangtür, wie auch schon über dem eisernen Tor zum Hof, das sich nach dem Eintreten quietschend wieder hinter ihm geschlossen hatte. Hierher hatte man seine Julietta nach dem Vorfall an der Grube gebracht.
Edward schauderte, als er daran zurückdachte wie sie mit gebleckten Zähnen wild um sich geschlagen hatte. Unwillkürlich tastete er nach den Kratzern in seinem Gesicht. Sie brannten noch immer, wenn er sie berührte.
Endlich gab er sich einen Ruck und stieg die wenigen Stufen zum Eingang hinauf. Mühsam drückte er einen der Türflügel auf, dahinter empfing ihn eine große Halle. Ganz am anderen Ende saß an einem Empfangstisch eine Gestalt, fast vollständig hinter einer Zeitung verborgen. Als Eward näher kam, konnte er einen Blick auf die Schlagzeile werfen.
’GRAUSAMER MORD VOR DER BAKER’S HALL’
Dann ließ der Pförtner die Zeitung sinken und sah Edward gelangweilt entgegen. Dieser räusperte sich. „Ich würde gerne Julietta Halvston besuchen.“
„Sind Sie ein Verwandter?“
„Ich bin ihr Verlobter. Edward Ayrton.“
Der Pförtner nickte und setzte gerade dazu an, etwas zu sagen, als hinter Edward eine Stimme erklang.
„Mr. Ayrton? Dann sind Sie der junge Mann, der bei dem unglücklichen Vorfall zugegen war?“
Edward wandte sich um. Nicht weit entfernt hatte sich eine Tür geöffnet und darin stand ein hagerer Mann mit stahlgrauem Haar. Auf einer Adlernase saß eine Brille mit goldene Rand und auch wenn dieser Mann nicht den weißen Kittel trug, den der junge Adlige erwartet hatte, erweckte er doch sofort den Eindruck, einer der Ärzte der Anstalt zu sein.
Ein wenig verspätet nickte Edward. „Ja, der bin ich.“
„Mein Name ist Sartorius.“ Der Arzt winkte ihn näher, musterte Edward dabei, wie manch anderer ein faszinierendes Insekt gemustert hätte. Letztendlich blieb sein Blick an den Kratzern hängen. „Kommen Sie, ich zeigen ihnen, wo wir ihre Verlobte untergebracht haben. Und Sie müssen mir unbedingt genau erzählen, was geschehen ist. Etwas ähnliches habe ich noch nicht erlebt. Miss Halvston hat unglaubliche Kräfte entwickelt! Wirklich faszinierend.“
Edwards Hände ballten sich unwillkürlich zu Fäusten. Die Art, wie Dr. Sartorius über Julietta sprach, als wäre sie nicht mehr als ein interessantes Studienobjekt, stieß ihm bitter auf. Doch er trat ohne ein Wort durch die Tür, aus der der Doktor gerade erst gekommen war, hinein in einen düsteren Gang. In der Ferne glaubte er einen Schrei zu hören. Er schauderte. Nebeneinander gingen die beiden Männer den Gang entlang.
„Im Moment scheint einiges los zu sein, in dieser wunderbaren Stadt“, plauderte der Doktor drauf los. „Ihre Verlobte ist bereits die zweite, die hier innerhalb kürzester Zeit eingeliefert wird. Allerdings ist der Fall von Miss Halvston eindeutig der interessantere der beiden. Die andere Dame hat lediglich einen schweren Schock erlitten. Wobei ich es erstaunlich finde, dass der Anblick einer Leiche auf manche Menschen eine derart verstörende Wirkung hat.“
„Wie geht es Julietta jetzt?“ Edward nutzte eine kurze Sprechpause eilig, um das Thema zu wechseln. Das letzte, was er im Moment hören wollte, waren die grausigen Geschichten der anderen Anstaltsinsassen.
„Miss Halvston schläft. Wir haben ihr so viele Beruhigungsmittel verabreicht, wie wir konnten, ohne sie umzubringen.“
„Was denken Sie, könnte der Grund für ihr Verhalten gewesen sein?“
Sartorius hob in einer ratlosen Geste die Schultern. „Miss Halvston hat noch nie zuvor Verhaltensauffälligkeiten gezeigt. Die naheliegenste Erklärung ist, dass sie mit irgendeiner Substanz in Berührung gekommen ist, die dieses Verhalten bewirkt hat. Das habe ich auch dem Vater der jungen Dame bereits gesagt. Er hat äußerst zornig darauf reagiert.“ Der Blick des Doktors schweifte in die Ferne und er schien über irgendetwas nachzudenken, das ihn amüsierte, denn ein Schmunzeln ließ seine Mundwinkel zucken.
Edward vergrößerte unauffällig den Abstand zwischen sich und Sartorius ein wenig. Dieser Mann war ihm unheimlich.
Mit einem Ruck kehrte der Doktor kurz darauf in die Gegenwart zurück. „Hat Miss Halvston irgendetwas besonderes gegessen oder getrunken?“
„Nicht, dass ich wüsste.“ Unauffällig glitt Edwards Hand zu seiner Westentasche. Er fühlte den kleinen, harten Gegenstand darin, den er vorsichtshalber in ein Taschentuch eingewickelt hatte. Für einen Moment überlegte er, Dr. Sartorius davon zu erzählen, dann entschied er sich dagegen. Man würde es ihm nur wegnehmen und das wollte er nicht.
Der Doktor blieb vor einer eisernen Tür stehen und schob eine Klappe beiseite, die darin eingelassen war. „Hier ist es. Sie können nicht hinein, das wäre zu riskant.“
Edward zögerte, sah von dem Arzt zu der Klappe und wieder zurück. „Könnte ich einen Moment mit ihr allein haben?“
Dr. Sartorius zuckte mit den Schultern. „Sicher, wenn Sie denken, dass es ihnen etwas bringt. Mein Büro ist gleich den Gang runter. Wenn Sie danach dorthin kommen, können wir uns in Ruhe über den Vorfall unterhalten.“
Mit diesen Worten ging er davon und Edward blieb allein vor der Zellentür zurück.
Mit klopfendem Herzen schob er sich näher an das schmale Guckloch heran und spähte hindurch. Juliettas Gestalt lag im Halbdunkel auf einem schmalen Bett. Edward konnte dicke Lederriemen erkennen, die ihre Hände hielten, und unzählige Kratzer und Blutergüsse verunzierten ihr Gesicht. Es waren letztendlich fünf starke Männer nötig gewesen, um sie zu halten.
Für einen Moment pochte wieder Schmerz in den Kratzern in Edwards Gesicht und er glaubte sich an die Grube zurückversetzt. Wieder hörte er die Schreie der Menschen, als seine Geliebte erst ihre Begleiter und dann wildfremde Menschen angriff. Kratzte, schlug, trat und biss.
Ihn hatte ihr Angriff zu Boden geworfen und dort liegend hatte er es gesehen. Ein kleines Ding, das im Staub blitzte.
Edward zog das Taschentuch aus seiner Westentasche und wickelt vorsichtig den Gegenstand aus, der sich darin befand. Er drehte das winzige Projektil aus Kupfer und Glas zwischen den Fingern, betrachtete es im spärlichen Licht. Dann sah er wieder durch die Klappe zu Juliettas regloser Gestalt.
„Ich schwöre“, flüsterte er, „dass ich denjenigen finden werde, der dir das angetan hat. Wer auch immer es war, er wird dafür büßen.“
Tags: Coleman-Asylum, Dr. Sartorius, Edward Ayrton, Julietta Halvston

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