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27
Mai

Kapitel 3-03

   Posted by: Tom    in Kapitel 3

Während Mr. Ferret den Droschkenkutscher bezahlte, sah Eric etwas unsicher an dem düsteren Gebäude empor. “Coleman-Asylum” stand über dem doppelflügligen Tor zum Vorhof des Sanatoriums. Es war ein durchaus beeindruckendes Tor. Eiserne Stangen von der Stärke eines Kinderarmes waren zu eleganten Ranken geformt und mit ebenfalls geschmiedeten Blättern und metallenen Rosenblüten verziert. Diese konnten nichtsdestotrotz nicht die Dornen verbergen, die den oberen Teil des Tores krönten. Wie übrigens auch den gesamten hohen Eisenzaun, der den kleinen Vorplatz umgab.
Eric hielt den beiden Wächtern im Inneren seine Identifikationskarte hin und nannte seine Dienstnummer. Kurz darauf schloss sich das schwere Tor quietschend hinter dem jungen Agenten und seinem Begleiter.

Langsam passierten die beiden Männer den gepflasterten Hof.
Das Coleman-Asylum war im Grunde wenig mehr als ein schmutziggrauer Kasten aus Sandstein, mehr als 150 Meter lang, ebenso breit und vier Stockwerke hoch. Der Rand des mit schwarzem Schiefer gedeckten Daches war auf ganzer Länge mit eisernen Dornen besetzt und Reihe um Reihe von hohen, schmalen Fenstern zog sich an der Fassade entlang. Keines der Fenster war unvergittert. Der kleine Hof direkt vor dem Eingang des Komplexes war die einzige Unterbrechung in der monotonen Front, die irgend jemand - wohl erst im letzten Moment der Fertigstellung - mit einigen Ornamenten und düsteren Statuen zu verzieren versucht hatte. Ziemlich erfolglos, wie Eric im Stillen befand. Der Gesamteindruck war ausgesprochen deprimierend und das gedämpfte Stöhnen und Jammern, das durch die verschlossenen Fenster drang, verbesserte ihn ebenfalls nicht.

Eric schauderte, stieg die wenigen Stufen zum Eingang hinauf und betrat die große Halle. Ganz am anderen Ende saß an einem Empfangstisch eine Gestalt, fast vollständig hinter einer Zeitung verborgen. Als Eric näher kam, konnte er einen Blick auf die Schlagzeile werfen.
’JUMPING JACK TERRORISIERT WEITERHIN SHAMPTON! POLIZEI MACHTLOS!’
Dann ließ der Pförtner die Zeitung sinken und sah ihm gelangweilt entgegen. “Sie wünschen?”
Eric räusperte sich. “Leutnant Eric Van Valen. Dienststelle XXIV-02-003-B16. Ich würde gern mit dem zuständigen Arzt sprechen. Vor einigen Tagen wurde von Kollegen eine Patientin eingeliefert, die Zeugin eines Mordes geworden ist. Wissen Sie, wen ich meine?”
“Sind Sie ein Verwandter?”
“Ich… was? Nein, natürlich nicht.”
“Dann tut es mir leid, ich…” die Stimme des Pförtners erstarb, als neben Erics Schulter das Gesicht Mr. Ferrets auftauchte. Der dünne Mann lächelte.
“Hallo Reggory”, sagte Mr. Ferret mit seiner raspelnden Stimme. “Ich hoffe, deinen Fingern geht es wieder gut.”
Der Pförtner zog seine Hände vom Tisch, als hätte er sie sich verbrannt. Er setzte gerade dazu an, etwas zu sagen, als hinter Eric eine Stimme erklang. “Mr. Ferret? Ich hätte nicht erwartet, Sie außerhalb Ihrer Termine hier anzutreffen. Was verschafft Reggory das Vergnügen?”

Eric wandte sich um. Von der anderen Seite der Halle näherten sich zwei Männer. Der ältere der beiden war ein hagerer Herr mit stahlgrauem Haar, auf dessen Adlernase eine in Gold gefasste Brille saß. Auch wenn er nicht den zu erwartenden weißen Kittel trug, erweckte er doch sofort den Eindruck, einer der Ärzte der Anstalt zu sein. Sein Begleiter war ein junger, elegant gekleideter Mann, ungefähr in Erics Alter. Dessen angenehme Gesamterscheinung wurde allerdings durch einige hässliche Kratzer im Gesicht beeinträchtigt. Die Verwundungen sahen nur wenige Tage alt aus und waren von dickem, braunen Schorf bedeckt. Es schien fast so, als hätte ihm eine Frau ihre Nägel mehrfach über die Wangen gezogen. Nun, vermutlich war der Kerl aufdringlich geworden.
Der andere erwiderte Erics taxierenden Blick und der Agent wurde sich der Tatsache bewusst, dass sein eigener Anblick vermutlich kaum vertrauenerweckender war. Mit einem knappen Nicken grüßten sich die beiden Männer.
Etwas verspätet drehte sich auch Mr. Ferret um. “Doktor Sartorius”, sagte er leise, “meine Pflichten zwingen mich dazu. Das hier ist Leutnant Van Valen, Agent des Ministeriums. Ich vermute, Sie sind genau der Mann, den wir suchen, Sir.”
Der grauhaarige Mann musterte den Agenten, wie manch anderer ein faszinierendes Insekt gemustert hätte. “Verstehe”, sagte er schließlich zu Eric. “Wenn Sie sich noch einen Augenblick gedulden würden, Sir.”
Er wandte sich seinem Begleiter zu: “Machen sie sich keine Sorgen, Mr. Ayrton. Ihre Verlobte wird sich schon bald wieder auf dem Weg der Besserung befinden. Sie ist hier in den besten Händen, wenn ich das in aller Bescheidenheit sagen darf, und ich bin zuversichtlich, dass diese unerquickliche Begebenheit bald vollständig der Vergangenheit angehört.” Er nickte dem jungen Mann zu, was wohl bedeutete, dass er entlassen war. Jener warf noch einen unschlüssigen Blick auf den Arzt, verneigte sich dann, deutete Eric und Mr. Ferret gegenüber eine knappe Verbeugung an und marschierte in Richtung Ausgang.
“So”, wandte sich Doktor Sartorius seinen neuen Besuchern zu. “Und was kann ich heute für das Ministerium tun?”

“Millicent McManus”, sagte Eric, “Wir wurden informiert, dass eine Dame dieses Namens vor einigen Tagen hier eingeliefert wurde. Sie ist Zeugin eines Mordfalls und wir möchten sie befragen.”
“Mrs. McManus?” Der Doktor runzelte die Stirn. “Sie ist doch aber bereits von der Polizei verhört worden.”
“Tatsächlich?”
“Nicht direkt verhört”, korrigierte sich Sartorius. “Denn aus der armen Kreatur ist kein einziges, vernünftiges Wort zu bringen. Das musste die Polizei auch schon feststellen.”
“Uns ist aber gesagt worden, sie hätte den Mörder gesehen und beschrieben.”
“Sie hat etwas beschrieben”, korrigierte der Doktor, “Wir sind der Ansicht, dass es sich hierbei um nichts als Halluzinationen handelt. Wie auch immer, die Polizei hat eine Niederschrift ihres Gestammels erhalten. Wenden Sie sich bitte dort hin. Ich fürchte, es ist nicht möglich, dass Sie die Dame selbst besuchen. Ihr Zustand verschlechtert sich leider noch immer.”
“Umso mehr muss ich darauf bestehen, Doktor”, erwiderte Eric, “Es ist von äußerster Wichtigkeit. Weitere Menschenleben könnten in unmittelbarer Gefahr sein und Mrs. Manus ist unsere einzige Zeugin. Sie verstehen…”
“Und Sie verstehen sicherlich”, unterbrach ihn Sartorius bestimmt, “dass das Wohl der uns anvertrauten Patienten für uns oberste Priorität hat, Mister… Van Valen?” Er runzelte die Stirn und musterte Eric. Jener strich sich verärgert über die Haare und atmete tief durch. “Doktor, Sie wissen genau, dass ich in kaum einer Stunde wieder mit einer Verfügung des Ministeriums hier vor Ihnen stehen kann, die Sie offiziell zur Kooperation auffordert. Also warum die Umstände, die uns allen das Leben schwer machen?”
Sartorius musterte ihn geringschätzig. “In diesem Fall wäre ich wohl gezwungen, ihrem Wunsch wider besseren Wissens Folge zu leisten. Dann aber lägen Leben und Gesundheit der Patientin auf Ihren Schultern, junger Mann. Also tun Sie, was Sie nicht lassen können. Bringen Sie mir diese Verfügung.”
“Ich frag mich”, sagte Mr. Ferret leise und schaute nachdenklich den düsteren Gang entlang, aus dem der Doktor vorhin gekommen war. “Ob wir bei der Gelegenheit nicht auch gleich noch nachsehen sollten, ob diese anderen Untersuchungsräume im zweiten Untergeschoss noch da sind. Ich glaub, mich zu erinnern, dass Gerätschaften dieser Art seit einiger Zeit nicht mehr eingesetzt werden dürfen. Nicht einmal mehr an uns Plasmierten.”
Doktor Sartorius starrte den Wiedergänger an. “Und ich frage mich, ob Ihre letzte Evaluierung nicht zu vorschnell positiv ausgefallen ist, Ferret” stellte er schließlich eben so leise fest.
Mr. Ferret erwiderte den Blick aus seinen unergründlichen, schwarzen Augen. “Vielleicht finden wirs bei der nächsten raus, Doc. Falls Sie dann noch hier sind.”
“Das … war keine kluge Entscheidung”, sagte Sartorius nach einem Moment. Er wandte sich abrupt Eric zu. “Na gut, Agent Van Valen. Auf Ihre Verantwortung und entgegen meiner ausdrücklichen Expertenmeinung dürfen Sie die Patientin sehen. Folgen Sie mir. Und gehen Sie nicht verloren.” Er wandte sich brüsk um und marschierte mit langen Schritten davon.

Eric sah Mr. Ferret fragend an. “Was hatte das jetzt zu bedeuten?”
Der dünne Mann zuckte mit den Schultern.
“Ich hatte gehofft”, sagte er, “er würde sich zu dem Satz: ‘Sie sind ein toter Mann, Ferret.‘ hinreißen lassen.”

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