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Kapitel 1-04
Mit einem Seufzen brach der dünne Mann die rast- und fruchtlose Suche seiner im Schatten der Hutkrempe verborgenen Augen ab. Wer immer ihn beobachtete – falls irgendjemand ihn beobachtete! – er gab sich nicht zu erkennen. Und schließlich bestand immer noch die Möglichkeit, dass er einfach nur paranoid war.
Ein Pfiff und das unmittelbar darauf folgende Rasseln verborgener Ketten lenkten seine Aufmerksamkeit wieder auf die Grube. Dort öffneten sich jetzt zwei der Luken und aus dem Dunkel dahinter huschten die beiden Hauptakteure des Abends und reckten ihre zitternden, fleischfarbenen Nasen in die Luft. Ein Raunen ging durch die Menge, vermischt mit einigen ‘Oh’s und ‘Ah’s und dem spitzen Schrei einer der Damen.
Der dünne Mann hatte kaum einen Blick für die Wesen übrig.
Wie die meisten der ernsthaften Wetter hatte er die Tiere schon früher am Abend in ihren Käfigen begutachtet. Das kleinere hatte die Größe eines Kampfhundes und wies das graue, borstige Fell und die überlangen Zähne einer typischen Kanalratte der Docks von Steamtown auf. Diese Biester waren für ihre außerordentliche Wendigkeit und Intelligenz und bekannt und in Gruppen selbst für erfahrene Jäger gefährlich. Und dies hier war ein ungewöhnlich beeindruckendes Exemplar.
Ihr Gegner allerdings war beinahe dreimal so groß. Ein von schmutzig-weißem Fell bedeckter, unförmiger Klumpen aus Muskeln und Zähnen, dessen rechte Körperhälfte von unansehnlichen Wucherungen gräulichen Fleisches bedeckt waren. Nur der nackte Schwanz von der Dicke eines Kinderarmes wies auch dieses Tier als Ratte aus. Eine Mutation aus den Tunneln unter den Fabriken von Tanners Flats. Sie schienen jetzt öfter vorzukommen.
Er hatte die beiden Kontrahenten ausgiebig studiert und war zu dem Schluss gekommen, dass der Mutant ohne Zweifel überlegen war. Die Arena war schlicht nicht groß genug, als dass die andere Ratte ihre Gewandheit würde ausspielen können. Oh, es würde sicherlich ein denkwürdiges Schauspiel werden – aber am Ende würde die gesunde Ratte unterliegen.
Aber was wichtiger war: Ernsthafte Wetter würden zum selben Schluss gekommen sein. Die unerfahreneren Zuschauer mochten auf die Wendigkeit und Intelligenz der kleineren setzen – aber wer immer bereit war, größere Summen in diesem Spiel zu setzen wusste, dass diese Mutationen nie müde wurden.
Und genau darum ging es heute.
Die richtigen Leute mussten auf die richtige Ratte setzen. Dieser Teil war Thurgoods Sache. ein Wort hier, ein Zwinkern da, ein Nicken dort und Geld, unverschämt viel Geld, würde fließen.
Die Sache des dünnen Mannes war es, dafür zu sorgen, dass es am Ende in die richtige Richtung floss.
Während die letzten Wetten getätigt wurden, überprüfte er zum wiederholten Male den Sitz des kleinen Gerätes in seinem linken Ärmel. Sein Blick begegnete dem Thurgoods, welcher kaum merklich nickte. Er verzichtete auf eine Reaktion und konzentrierte sich stattdessen auf das Geschehen. Auf einen Wink des Hausherrn wurde das Gitter in der Mitte der Arena hochgezogen und der Kampf begann.
Die starren, schwarzen Augen, die so sehr denen der Ratten unten in der Arena glichen, waren unverrückbar auf ihr Ziel gerichtet. Es würde ein außerordentlich schwieriger Schuss werden. Und er hatte nur einen Versuch.
Von einem allgemeinen Aufbranden des Lärmpegels begleitet prallten die Kontrahenten unten in der Grube aufeinander.
Johlend beugten sich die gewöhnlicheren unter den Zuschauern über die Brüstung, begierig, kein noch so kleines Detail des blutigen Schauspieles zu versäumen. Aufgepeitscht, hungrig und vor dem Kampf zusätzlich bis zur Wut gereizt fielen die beiden so unterschiedlichen Ratten übereinander her und rollten in einem knurrenden, geifernden Knäuel durch die Arena. Gelbe Zähne blitzten und schnappten, Krallen rissen tiefe Furchen in Fell, Haut und Muskeln und vereinzelte Blutstropfen sprühten noch hinauf bis auf die Kleider der Zuschauer. Eine der feinen Damen am Grubenrand fiel in Ohnmacht, aber der dünne Mann war sich nicht sicher, ob dies Furcht, Ekel oder einfach nur der Aufregung und einem zu eng geschnürten Korsett zuzurechnen war. Unauffällig löste er seine linke Manschette.
In der Grube trennten sich jetzt die Gegner voneinander. Beide bluteten bereits aus mehreren, tiefen Wunden und der kleineren Kanalratte war eines ihrer Ohren zum größten Teil abhanden gekommen. Knurrend und schrill quiekend umschlichen sich die Tiere. Besser gesagt: die graue Ratte schlich - immer an der Wand der kreisrunden Arena entlang, ohne ihren größeren Gegner aus den Augen zu lassen, der sich in der Mitte der Arena um die eigene Achse drehte. Mit einem Zischen huschte der Mutant vor und versuchte, seine krummen Zähne in die Seite des anderen Tieres zu schlagen, doch der flinkere Gegner sprang, landete auf ihrem Rücken und hinterließ eine weitere, klaffende Wunde in der Flanke des Kolosses.
Murren kam rings um den kleinen Mann auf, das meiste geäußert von den zahlreichen Arbeitern. Interessiert stellte der dünne Mann fest, dass auch das Fräulein DeGuin voll Unmut die Stirn kräuselte und der Pulk der jungen Adeligen in das allgemeine Buhen einfiel. Der Gesichtsausdruck des Grauen Anzuges blieb unlesbar und der dünne Mann wandte seinen Blick dem Ringträger in Grün zu. Auch dieser Mann trug das unlesbare Gesicht des professionellen Spielers zur Schau. Und doch vermeinte er, eine gewisse Anspannung in dessen Kiefermuskeln zu sehen. Nun, der Mann konnte es nicht wissen, aber seine Besorgnis war durchaus berechtigt.

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