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2
Sep

Kapitel 6-06

   Posted by: Steamtown    in Kapitel 6

„Es gibt jemanden, der den Mord an Mister Hartlefield beobachtet hat.“
„Einen Augenzeugen?“ fragte Whiggs ungläubig.
Eric nickte. „Und er befindet sich hier auf dem Werksgelände.“
„Eine interessante Wendung, Sir“, stellte Mr. Ferret fest. „Und eine überraschende noch dazu – nicht dass wir in letzter Zeit nicht bereits genügend solcher Dinge gehabt hätten.“
„Es handelt sich um einen Lastenträger aus den Produktionshallen“, erklärte Eric und berichtete, was ihm erzählt worden war. „Offenbar ein guter Bekannter des Mordopfers. Sein Name ist Jan Wojcik. Mister Hartlefield wollte sich mit ihm in der fraglichen Nacht in einem Pub ganz in der Nähe der Baker’s Guild treffen. Die Gründe sind nicht bekannt, aber es schien sich um etwas Dringliches gehandelt zu haben. Als Mister Wojcik etwas verspätetet am vereinbarten Treffpunkt erschien, musste er etwas gesehen haben, das ihm schier den Verstand raubte. Er versteckte sich beinahe einen halben Tag lang in einem Haufen Unrat, ehe er es wagte, sich zurück in seine Unterkunft auf dem Gelände der Plasmawerke zu schleichen. Man fand ihn schließlich zusammengekauert unter seinem Bett, unsinniges Zeug vor sich hinbrabbelnd, beinahe ebenso verwirrt wie die arme Haushälterin des zweiten Mordopfers.“

„Sehr seltsam, Sir“, sagte Mr. Ferret. „Warum haben wir nicht früher davon erfahren?“
„Diese Frage ging mir ebenfalls als Erstes durch den Kopf. Aber es stellte sich heraus, dass Mister Wojcik ein illegaler Einwanderer ist und keine Aufenthaltserlaubnis besitzt. Das ist der Grund, warum er nicht zur Polizei gegangen ist – neben der Tatsache, dass ihm dort wohl niemand seine haarsträubende Geschichte geglaubt hätte. Jedenfalls beschloss man wohl in der Fabrik, aus den genannten Gründen ebenfalls Stillschweigen zu bewahren. Schließlich hatten sie schon genug Ärger am Hals. Mir wurde erzählt, dass man Mister Wojcik zuerst still und leise im Coleman Asylum unterbringen wollte, aber der arme Mann wehrte sich mit Händen und Füßen dagegen und beschwor Himmel und Hölle, ihn nicht fortzuschaffen. Also verbrachte man ihn auf die Krankenstation, wo er heute noch liegt. Ich wurde nun vom Vorstand gebeten, Mister Wojcik einen Besuch abzustatten und zu versuchen, mehr aus ihm herauszubekommen, als es den Ärzten bislang gelungen ist.“

Eric schaute sich in der Runde um und blickte schließlich den Anführer der Lederhäute an. „Ich denke, es ist besser, wenn wir das ohne Sie tun“, sagte er. „Wir haben Sie bereits tief genug in die Sache mit hineingezogen.“
„Kein Problem, Sir“, erwiderte Cummins gelassen. „Wir sind ohnehin mehr für die groben Dinge zuständig. Falls Sie jemanden brauchen, der Sie herausholen oder den Laden hier in die Luft sprengen soll, melden Sie sich einfach bei uns. Wir warten so lange hier und trinken nen Tee mit den netten Angestellten.“ Er grinste sarkastisch und fixierte dabei besonders Mr. Kreven auf eine wissende, ziemlich unverholen feinseelige Art und Weise. “Ansonsten wissen Sie ja, wo Sie uns finden können.”
“Vielen Dank, Mr. Cummins. Ich weiß Ihr Angebot wirklich zu schätzen. Dennoch hoffe ich, dass ich nicht darauf zurückkommen muss. Wenn schon nicht in meinem, dann aber zumindest in Ihrem Interesse. Momentan lässt sich einfach nicht abschätzen, welche Gefahren noch auf uns lauern. Genug davon hatten wir ja bereits, wie Mr. Ferret so treffend festgestellt hat.”

Mr. Maloy führte Eric, Whiggs und Mr. Ferret über unzählige Flure mit auf und ab laufenden, geschäftig aussehenden Mitarbeitern der Steamtown Power Transmission LTD und verwinkelte Treppen hinab und wieder hinauf, bis sie schließlich durch eine Tür nach draußen traten. Im Gegensatz zu der hektischen Betriebsamkeit des Platzes, über den Eric zuletzt gekommen war, herrschte hier beinahe ausgestorbene Ruhe. Offensichtlich waren sie auf einer völlig anderen Seite des Bürokomplexes herausgekommen. Ein leerer, fast an einen Hinterhof erinnernder Park erstreckte sich vor ihnen, dessen flache, sterile Oberfläche ab und zu von einem einsamen Baum, einer technisch anmutenden Skulptur oder einer unbesetzten Parkbank unterbrochen wurde. Aseptisch, ging Eric mit einem Frösteln durch den Kopf. Wie in einem Sterbezimmer.
Ihnen gegenüber erhob sich ein grauer, klobiger Bau, dessen Front ein Spiegelbild des vor ihm liegenden Parks darstellte. Kalt und emotionslos. Aseptisch.

“Dort entlang, bitte.” Mr. Maloy wies auf einen gepflasterten Weg, der geradewegs zum Eingang des Gebäudes führte. “Wir halten die Krankenstation möglichst abseits von dem übrigen Trubel. Mit einer optimalen Versorgungsumgebung und einer Mischung aus modernster Medizin mit der nötigen Ruhe gewährleistet die Fabrik, dass die Arbeitskraft ihrer Mitarbeiter schnellst möglich wieder hergestellt wird. Die Steamtown Power Transmission LTD kann auf keinen einzigen Arm verzichten, wenn wir unsere führende Wirtschaftskraft erhalten wollen.”
Eric nickte. “Ich verstehe.” Ihm war die Kälte in den Worten des Anzugträgers nicht entgangen. Auch Whiggs anscheinend nicht, wie er in den beinahe ungläubigen Augen der jungen Frau zu sehen glaubte. Er konnte sich gut vorstellen, dass in einer durchaus feindlichen Welt wie die, in der Lethe ihren Platz einnahm, andere Werte als reine Arbeitskraft zählten.

Als sie die Eingangstür erreichten, verabschiedete sich Mr. Maloy mit einer höflichen und doch übertrieben wirkenden Verbeugung. “Ich muss Sie nun verlassen. Meine Verpflichtungen lassen es leider nicht zu, dass ich Sie bis in das Krankenzimmer begleite. An der Rezeption ist man über Ihr Kommen unterrichtet. Dort wird man Ihnen das Zimmer mit Ihrem Patienten zeigen. Sobald Sie fertig sind, werde ich unterrichtet. Ich sorge dann dafür, dass Sie wieder zurück geleitet werden.”
Eric schaute ihm einen Moment hinterher, zumindest bis er am anderen Ende des Parks in der Tür zum Bürokomplex verschwunden war. Dann griff er nach der Klinke und nickte seinen Begleitern zu. “Dann wollen wir mal.”
Bevor er jedoch die Tür öffnen konnte, räusperte sich Mr. Ferret.
“Entschuldigen Sie, Sir”, sagte der dünne Mann. “Es ist vielleicht besser, wenn ich draußen bleibe. Der Zeuge dürfte nicht besonders begeistert reagieren, wenn er die hier sieht.” Er tippte sich mit dem Fingernagel auf einen schwarzen Augapfel. “Ich werde einfach hier warten, bis Sie zurück sind, Sir.” Damit drehte er sich um, ohne eine Antwort des Agenten abzuwarten, steuerte eine der Parkbänke an und setzte sich. Unbeweglich wie einer der Skulpturen verschmolz er nahezu sofort mit der stillen Umgebung des Parks.

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