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Kapitel 4-06
Es war ihm sofort klar, dass die angriffslustigen Wesen nicht einfach dort hocken bleiben und sich damit begnügen würden, ihn zu beobachten. Pater Grand bewegte sich wie in Zeitlupe rückwärts aus der Gasse heraus, zog dabei die Machete aus dem Gürtel und wechselte sie in die rechte Hand.
Die Plasmaflinte war in dieser Situation alles andere als eine große Hilfe. Eine einzige Patrone im Lauf und kein Nachschub zur Verfügung. Im Stillen verfluchte er sich für seine Dummheit, den toten Cryker nicht wenigstens flüchtig auf weitere Munition untersucht zu haben. Dafür war es nun definitiv zu spät.
Just in dem Moment, als er sich herumdrehen und losrennen wollte, erhob sich einer der Quexer, ein besonders hässliches und pestverbeultes Biest. Es warf dem Pater einen abschätzenden Blick zu und schüttelte sich dann wie ein nasser Hund. Zähflüssiger, gelber Seiber troff aus dem geöffneten Maul und wurde nach allen Seiten verspritzt. Mit einem feuchten Klatschen patschten die schwabbeligen Hautlappen der Kreatur gegen die unzähligen Ekzeme und Auswüchse auf dem Rücken und erzeugten ein Geräusch das gleichsam ekelerregend und widerlich war. Ein unangenehmer Schauer lief über Pater Grands Haut. Es wurde Zeit, das Weite zu suchen.
Ein heiseres Bellen des Quexers bekundete das Signal für den Angriff und wie aufs Stichwort begann Grand zu laufen. Die Meute zögerte keinen einzigen Lidschlag und hetzte geschlossen und mit aufpeitschenden Lauten hinter ihm her.
Ohne groß nachzudenken wählte Grand eine andere Gasse aus, deren Beschaffenheit allerdings nach nur wenigen Metern von einer schmalen Schlucht zwischen den Häusern Lethes zu einem engen, niedrigen Tunnel mit massiven Felswänden wechselte. Seine Entscheidung stellte sich damit als eine mittelgroße Katastrophe heraus. Zwar war der Tunnel absolut leer und es warteten keine weiteren Quexer oder sogar Tunnler auf ihn, was an sich erst einmal positiv war. Dafür bot der Weg jedoch auch keinerlei Abzweigungen oder Versteckmöglichkeiten. Für eine Umkehr war es viel zu spät. Die Quexer waren ihm bereits auf den Fersen. Es hieß also schneller als diese Viecher zu sein oder zu sterben. Er hoffte nur, dass der Weg nicht in eine Sackgasse führte. Es war ein Ding der Unmöglichkeit, zehn wütende Quexer mit wenig mehr als nur einem großen Messer aufzuhalten, selbst wenn der eigene Rücken von einer Wand aus Fels geschützt wurde.
Keuchend folgte er den Biegungen des Tunnels, begleitet nur von den triumphierenden Jagdrufen der Quexer und einer alten Dampfleitung, die in Kopfhöhe an der rechten Seite angebracht war. Lange würde er das Tempo nicht durchhalten. Selbst während des Priesterseminars, das er mit Anfang zwanzig absolviert hatte, waren weder Langlauf noch Sprint zu seinen Stärken gezählt worden. Grand hatte sich mit ganz anderen Qualitäten hervorgetan, die seinen Aufstieg in der Kirchenhierarchie ermöglicht hatten. Gerade jetzt wünschte er sich, es wäre anders herum gewesen.
Schließlich taumelte er in einer Kurve gegen die Felswand, stützte sich mit der Hand an der Dampfleitung ab und zuckte mit schmerzhaftem Erstaunen zurück. Das Rohr war heiß. Kochend heiß. Wie ein Blitz durchschoss ihn eine Idee. Wenn ihm die Glücksgöttin hold war, konnte das tatsächlich klappen. Er beschloss, alles auf eine Karte zu setzen.
Grand hastete zum nächsten Ventil weiter, das mit einem rostigen Handrad in der Größe einer Untertasse aus der Rohrleitung hervorstach. Fluchs drehte er die Flinte um und hieb mit dem Kolben gegen das Ventil, doch es hielt stand. Schlag um Schlag versetzte er der Konstruktion und noch immer tat sich nichts. Aus dem Augenwinkel sah er, dass die Quexer schon fast heran waren. Die führende Bestie hatte vermutlich nur noch wenige Meter zu überwinden, bevor sie ihn zu packen bekam. Verdammt, es würde eng werden. Sehr eng.
Endlich knackte es und die Rohrleitung bekam einen ersten Riss. Noch ein weiterer Hieb. Mit einem erlösenden Poltern fiel das Ventil herab, begleitet von einer fauchenden Wolke aus kochendem Dampf, die den Gang hinter ihm innerhalb weniger Sekunden auszufüllen begann. Schnell sprang der Pater zurück und entfernte sich aus dem Gefahrenbereich. Ein bulliger Schatten raste heran, durchstieß die Wolke und landete schreiend und als blutig verbrühter Klumpen genau vor seinen Füßen. Sah so aus, als ob die Tunnelsperre tadellos funktionierte.
Jeder Quexer, der nun diese Stelle im Tunnel passieren wollte, würde zwangsläufig gekocht werden. Zumindest solange, wie der Dampf aus dem Leck heraustrat.
Grand stieß ein verächtliches Lachen aus. Das Problem wäre damit erst einmal aus der Welt geschafft, auch wenn ihm der Rückweg nun definitiv versperrt war. Blieb nur zu hoffen, dass ihn auf der übrigen Strecke keine weiteren, üblen Überraschungen erwarteten.
In gemächlicherem Tempo als während der Verfolgungsjagd zuvor folgte er dem Tunnelverlauf. Er nutzte die Zeit, um wieder einigermaßen zu Atem zu kommen und sich Gedanken über seine weitere Flucht zu machen. Er kannte sich hier unten absolut nicht aus und es war müßig, so zu tun, als ob das kein Problem wäre. Dazu kam ihm langsam die Orientierung abhanden. Beides waren bei weitem keine günstigen Voraussetzungen für ein glückliches Ende. Er musste zwangsläufig aufs Geratewohl weitergehen und auf eine glückliche Fügung hoffen.
Wie heißt es doch so schön, dachte Grand achselzuckend, friss oder stirb. Irgendwohin wird der Weg schon führen.
Einer scharfen Biegung nach links schloss sich eine weitere an. Irgendwie hatte der Pater das unbestimmte Gefühl, dass das gar nicht gut war. Und tatsächlich, nur wenige Meter voraus öffnete sich der Tunnel zu einer Kaverne von vielleicht zwanzig an zwanzig Metern. Es gab zwei weitere Ausgänge und beide lagen fast genau gegenüber. Dunkle Öffnungen in der Felswand, die Freiheit oder den Tod versprachen. Es gab nur ein Problem. Zwischen seiner jetzigen Position, einem kleineren Seitentunnel, und den anderen Ausgängen tobte eine erbitterte Schlacht unter Tunnlern und Quexern. Verdammte Scheiße, fluchte Grand im Stillen. Und jetzt? Er saß in der Falle.
Der Gang hatte ihn genau seitlich hinter die Stellungen der Tunnler geführt, die sich dort hinter Barrikaden verschanzten, um der Flut der Quexerhorden standhalten zu können. Grand hatte noch niemals in seinem Leben so viele dieser Viecher auf einem Fleck gesehen, noch hatte er je davon sprechen gehört. Im allgemeinen galten sie als viel zu aggressiv, als dass sie sich nicht selbst unweigerlich an die Kehle gingen, wenn sie sich in zu großen Gruppen aufhielten. Aber das hier war anders. Gänzlich anders. Was der Pater zu Gesicht bekam, glich beinahe einer koordinierten Angriffswelle. Was ging hier nur vor?
Bei den Tunnlern dagegen wurde er schnell auf einen Mann aufmerksam, der unentwegt Befehle brüllte und offensichtlich gekonnt seine Männer gegen die Biester dirigierte. Der Duke. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Hinter ihm ein Dutzend Quexer, das nur darauf wartete, endlich wieder die Verfolgung aufzunehmen und vor ihm der verdammte Duke mit seinen Männern. Ihn wunderte nur, dass die Tunnler offensichtlich versäumt hatte, seinen Tunneleingang zu sichern.
Ein Klackern in der Rohrleitung neben ihn erinnerte ihn daran, dass der Druck des austretenden Dampfstrahls nicht ewig halten würde. Über kurz oder lang musste die Wirkung des Quexerkochtopfes nachlassen und den Weg zu ihm freigeben. Den Geräuschen der Leitung nach zu schließen, wahrscheinlich schon in den nächsten Augenblicken. Grand lockerte seine Hals- und Rückenmuskulatur und atmete einmal tief durch. Also dann, dachte er. Gehen wir es an. Damit trat er aus dem Seitengang hinaus und wandte sich dem Tumult vor ihm zu.
Tags: Cryker, Duke, Lethe, Pater Grand, Quexer

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