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Kapitel 3-06
Die Sicht des Paters veränderte schlagartig ihre Beschaffenheit, sobald sich das SMAP in allen Zellen seines Körpers breit gemacht hatte. Tief sog er einen Atemzug ein. Überall sah er plötzlich einzelne und wunderschön leuchtende Plasmonen umher schwirren, die einen seltsam anmutenden und doch so einnehmenden Tanz um ihn herum aufführten.
Ganz so, als ob sie es nur für ihn täten. Nicht einmal das beste Okular Steamtowns konnte ihm diesen Anblick verschaffen. Die Plasmonen bewegten sich mit einer Grazie, einer überirdischen Schönheit, die ihn beinahe hinter das Gefüge der Dinge, den Sinn des Universums schauen ließ. Aber nur beinahe. Pater Grand erschauerte.
Es war ein unbeschreiblich schönes und erhebendes Gefühl, dass er nicht missen wollte und ihn doch immer wieder dazu brachte, diese verteufelte Flüssigkeit zu trinken. Gleichsam wie er es genoss, verabscheute er es. Hasste es. Denn die Abhängigkeit und die Schwäche, die damit einher ging, beschämten ihn. In manchen Momenten ekelte er sich regelrecht vor sich selbst. Aber er hatte es gebraucht, damals nach dem Massaker und dem Tod seiner Frau. Es hatte ihm sozusagen das Leben gerettet. Für verspätetes Gehader mit dem eigenen Schicksal war es nun eh viel zu spät.
SMAP verstärkte darüber hinaus seine natürlichen Fähigkeiten, das Plasma zu handhaben, um ein Vielfaches. Es verbesserte auch seine körperliche Konstitution, zumindest eine zeitlang und für den Preis der Abhängigkeit.
Dabei war die Droge eigentlich so eine Art Abfallprodukt der komplizierten Plasmaherstellung. Für die Energieverwertung aufgrund von schädlichen Einlagerungen ungeeignet, wurde die smaragdgrüne plasmatische Substanz, die aufgrund der Farbe ihren Namen erhalten hatte, in Fässer abgefüllt und tief in den leeren Minenschächten vor der Stadt eingelagert. Dass sich irgendwann die findigen Geschäftsleute der kriminellen Vereinigungen dafür interessiert hatten und kurz darauf einige der Fässer verschwanden, wunderte eigentlich niemanden. Trotzdem kam das Eingreifen des Ministeriums viel zu spät. SMAP hatte längst den Schwarzmarkt erobert.
Was die Ursache für den berauschenden Zustand der Droge war, wussten nicht einmal die Experten zu sagen. Klang die Wirkung jedoch ab, benötigte Grand so wie jeder andere SMAP-Abhängige eine frische Dosis. Er hatte in den letzten Jahren viele Smapper, wie sich die Abhängigen untereinander nannten, gesehen, die sich mit einer zu großen Dosis der gefährlichen Substanz vollends das Hirn vernebelt hatten und deren Geist nun für immer sabbernd und brabbelnd in den Gefilden der Plasmonen umherirrte. Kein Schöner Anblick. Glücklich sah jedenfalls keiner dieser Verlorenen aus.
Langsam verging das überirdische Leuchten in seiner Umgebung. Pater Grand reckte seine Muskeln wie nach einem langen erholsamen Schlaf. Trocken knackten seine Schultergelenke.
„Wieder da? Ich habe schon gedacht, du hättest es dir anders überlegt und mir deine Habseligkeiten vor der gegebenen Zeit vermacht. Als Austausch für den Kaufpreis, versteht sich.“
Offensichtlich waren seit dem Einnehmen der Droge mehrere Minuten vergangen, in denen der Pater regungslos herumgestanden hatte. Verwirrt schüttelte Grand den Kopf. Der Wirt hatte bereits seinen umfangreichen Warenstapel verstaut und sah ihn auffordernd an.
„Also?“, fragte er, während er gleichzeitig Daumen und Zeigefinger aneinander rieb.
Der Pater grunzte ungehalten, zog aber dennoch seine Geldbörse hervor. Er griff sich mehrere zerknitterte Geldscheine, die durch das Bad im Staubecken mehr als gelitten und darüber hinaus den unangenehmen Geruch des Abwassers angenommen hatten und legte sie dem Wirt in die offen Hand. Der verzog angewidert die Miene.
„Soll noch mal einer behaupten, Geld stinke nicht. Sei es drum. Im Übrigen hat Cutter Pew unseren toten Freund von gestern abgeholt. Er erzählte etwas von einem Kontaktmann, der ordentlich Geld bieten würde für frische, nahezu unbeschädigte Leichen. Ich schätze also, wir werden ihn nicht unbedingt wieder sehen.“ Gus lachte schäbig.
„Gibt es sonst noch etwas, was ich für meinen alten Kumpel tun kann?“
„Ich muss Eleonore sprechen. Kannst du ein Treffen organisieren?“, fragte Grand, ohne den Blick von dem Wirt zu nehmen. Gus schüttelte den Kopf.
„Du weißt doch, dass Whiggs dich nicht sehen will.“
„Es ist dringend. Sonst würde ich dich nicht fragen.“
„Sie hat dir nicht verziehen und wird es wohl auch nie. Irgendwie kann ich sie sogar verstehen. Immerhin sind damals ihre Eltern umgekommen.“
„Habe ich den Eindruck gemacht, als ob ich deine Meinung hören wollte?“, blaffte Grand den Wirt an. „Dann behalte sie für dich. In uungefähr vier Stunden findet sie mich an der Squire Street, in der Nähe des Hovener Garden. Sie weiß schon wo. Schaffst du das?“
„Ich sage es ihr. Aber ich kann dir nicht versprechen, dass sie auftauchen wird. Trotzdem, ich werde meinen ganzen Charme spielen lassen, um sie dazu zu überreden. Allerdings schuldest du mir dafür dann noch einen Gefallen.“
„Ja, schon gut. Ich werde es nicht vergessen.“ Damit drehte sich Grand um und verließ die Buckelige Ratte. Wütend knallte er die Hintertür hinter sich zu, bevor er erneut in die schmale Gasse einbog. Die Strecke bis zu seinem gemieteten Zimmer würde er zu Fuß zurücklegen, in der Hoffnung, sich bis dahin einigermaßen abgeregt zu haben. Dann wartete ein heißes Bad, ein frischer Anzug und vor allem geeignete Ausrüstung auf ihn, bevor er sich anschließend zum Treffen mit Eleonore begab.
Tags: Bucklige Ratte, Gus, Pater Grand, SMAP, Whiggs

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