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Archiv für ‘Werkstatt’.

17
Jan

Resümee - Teil 1: Tom

   Posted by: Tom

Oder: Was ich in und durch Steamtown gelernt habe.

Was eine ganze Menge ist.
Zum Beispiel (gerade eben erst), dass man Resümee tatsächlich so schreibt. Sieht schrecklich aus. Vielleicht hätte ich “Fazit” verwenden sollen.

Wie auch immer.
Die Top 5 der Dinge, die ich im Verlauf des Projektes gelernt habe. Allerdings ohne bestimmte Reihenfolge.

1. Ich muss mich kürzer fassen.
2. Du brauchst keine Welt erschaffen, bevor du schreibst. Sie tut das schon selbst, sobald du schreibst.
3. Der letzte Satz des jeweiligen Abschnittes ist unnötig.
4. Es wird immer knapp. Immer.
5. Wir werden gelesen.

Ausführlicher heißt das:

1. Ich muss mich kürzer fassen
Ich schreibe zu lange Sätze. Das ist eines meiner ältesten Probleme beim Schreiben.
Ich kann mich an eine Deutscharbeit der 10. Klasse erinnern, in der ich die erste A4-Seite mit einem einzigen Satz gefüllt hatte. Er fing übrigens an mit: “Weit draußen in den unerforschten Einöden eines total aus der Mode gekommenen Ausläufers des westlichen Spiralarms der Galaxis leuchtet unbeachtet …”.
In einer Erörterung über Dürrenmatt.
Okay, ich hatte einen Brass auf meinen damaligen Lehrer. Zugegeben, diese Form der Verweigerungshaltung hatte mich nicht wirklich weiter gebracht. Zumindest nicht, was die Noten in diesem Halbjahr anging.

Aber allein die Idee war und ist symptomatisch. Der Großteil meiner Sätze verträgt gut einen Punkt oder auch zwei mehr. Dafür ein paar Klammern, Gedankenstriche und “…” weniger. Was das betrifft, war das bisherige Steamtown-Projekt eine hervorragende Schule. Weil ich mich darauf verlassen konnte, dass ich so gut wie jeden dieser Punkte postwendend und immer wieder um die Ohren gehauen bekomme. Und das nicht nur von Nico und TPF, sondern im ersten Durchgang schon von Carsten und Stephan. Wenn ich es jetzt noch schaffe, mich dahin gehend kurz zu fassen, dass ich die angestrebte Wortzahl einhalte, dann… Ich muss mich kürzer fassen.

2. Du brauchst keine Welt erschaffen, bevor du schreibst.
Ich gehöre zu den Leuten, die gern eine Welt bis ins kleinste Detail erschaffen. Angefangen von der Ökologie der umliegenden Wälder über die Thermischen Strömungen in den Ozeanen, die Geschichte der Region in den letzten 5.000 Jahren, die Kleidung, sprachlichen Eigenheiten und Ernährungsgewohnheiten der Bewohner bis hin zu ausgefeilten Magiesystemen, Stammbäumen und der Heraldik. Das macht Spaß und füllt regalweise Ring-Ordner mit fleißig beschriftetem Papier.
Aber wenn ich ehrlich bin – die Zeit hätte man wesentlich besser mit Schreiben verbringen können. Ich meine, mit dem Schreiben von Geschichten.

Steamtown ist ein Projekt, das quasi aus dem hohlen Bauch heraus entstanden ist. Als wir unsere Protagonisten in ihre jeweiligen Anfangsszenen haben laufen lassen, existierte noch nicht einmal der Name des ersten Stadtviertels. Wir hatten uns keine Gedanken gemacht, wo die Stadt lebt, wovon sie lebt, von wem sie regiert wird oder was für Bewohner sie hat. Während der ersten drei Kapitel hat jeder von uns einfach Details eingeworfen, wenn sie für den kommenden Satz benötigt wurden. Und es hat - meiner sich als bescheiden ausgebenden Meinung nach - absolut funktioniert.
Im Verlauf der Geschichte haben wir natürlich trotzdem angefangen, und weiter vorgreifende Gedanken zu machen. Ab einem bestimmten Punkt ist grundlegender Weltenbau einfach nicht völlig zu vermeiden. Und es wird früher oder später notwendig, sich mal ein oder zwei Stunden mit intensiver Recherche zum einen oder anderen Detail zu beschäftigen (ich sage nur “Messing”). Aber man muss nicht damit anfangen, lange bevor man mit der eigentlichen Geschichte beginnt.

3. Der letzte Satz des jeweiligen Abschnittes ist unnötig.
Klingt seltsam, hat sich aber in neun von zehn Fällen bewahrheitet.
Die Geschichte erschien ja in Abschnitten von 700 bis 1.400 Worten, denen jeweils eine Wartezeit von  mindestens einem Tag folgte. Das machte es (zumindest für die, die die Geschichte nicht in mehreren Abschnitten direkt hintereinander lasen, sondern im eigentlichen Rhythmus) notwendig, jeden einzelnen Abschnitt mit einem Cliffhanger zu beenden. Der durfte mal weniger stark sein, mal richtig knackig. Das eine, was sie alle gemeinsam hatten war, dass die jeweils erste Script-Version über das Ziel hinaus schoss und die Spannung entschärfte. Vor allem bei Carsten und mir.
Die Patentlösung war fast immer, einfach den  letzten Satz oder Absatz weg zu lassen.

Das funktioniert übrigens erstaunlich oft auch mit dem ersten.

4. Es wird immer knapp. Immer.
Egal, wann man sich vornimmt zu schreiben und wie früh man anfängt. Es wird immer knapp. Ich glaube, wir haben es nicht einmal geschafft, Züge länger als maximal einen Tag früher fertig zu haben. Und nicht viel öfter ist es uns gelungen, am Vorabend der jeweiligen Veröffentlichung wenigstens so gegen 22 Uhr fertig zu sein.
Zugegeben, Teil des Konzeptes war es schließlich, nicht zu lange voraus zu schreiben, um auf die Stimmungen und Ideen der Leser eingehen zu können. Was wir übrigens gelegentlich weit mehr getan haben, als es jetzt den Anschein hat. Ganze Szenen sind entstanden, um Erwartungshaltungen zu entsprechen. Und andere wieder, um ihnen absichtlich noch schnell zu widersprechen.
Das macht es natürlich von vornherein relativ eng. Aber selbst, wenn man einen ganzen Tag Zeit hat, an einem Abschnitt zu feilen – es ist immer kurz vor 24.00 Uhr, bevor man so weit ist, dass man es an das Publikum entlassen kann. Aller guten Vorsätze und Mühen zum Trotz.

Und wenn man es doch mal deutlich vor Deadline geschafft hat, dann streikt die Technik.
Das ist wie mit dem Entschärfen von Bomben. Das gelingt nie 10 Stunden und 28 Minuten vor Ablauf des Timers. Nie.

5. Wir werden gelesen.
Um ehrlich zu sein, hat mich das mehr überrascht als alles andere. Natürlich haben wir erwartet, dass wir eine Handvoll Leser zusammen bekommen. Jeder von uns konnte immerhin den einen oder anderen mitbringen. Aber die regelmäßigen hohen Leserzahlen haben uns dann überrascht. Vor allem aber, darauf angesprochen zu werden. Positiv und mit dem Wunsch nach mehr oder immerhin mit unerwartet deutlicher Anerkennung.
Oft aber auch mit völligem Unverständnis. Es gibt eine erstaunlich große anzahl von Leuten, die bis zum Schluss nicht verstanden haben, wie wir (ich zitiere) so blöd sein können, und das einfach so und kostenlos im Internet veröffentlichen. Danach ist es doch unverkäuflich.
Unverkäuflich an Verlage, war damit gemeint.
Das mag sein. Aber es war auch gar nicht die Idee, diese Geschichte zu verkaufen. Wenn jemand Interesse hat, eine Steamtown-Geschichte zu kaufen (immer noch sind Verlage gemeint), dann können wir sicher jetzt recht einfach eine oder auch mehrere nachliefern. Zumal jetzt die Stadt als Hintergrund existiert, eine ganze Reihe Charaktere eingeführt sind und das ganze so bekannt ist, ass sogar andere Leute, wie unsere Gastautoren zum Beispiel, mühelos in der selben Szenerie andere Geschichten erzählen können.
Wir brauchen diese Geschichte nicht verkaufen, selbst wenn wir uns nicht wehren, wenn sie jemand will. Es ging uns nämlich nicht darum die eine, ultimative Geschichte zu erzählen. Jeder von uns hat weit mehr als nur eine Geschichte. So viel, dass wir die eine oder andere auch mal einfach so an unsere Leser verschenken können. Immerhin haben wir auf diese Weise jetzt Leser. Das ist weit mehr, als viele unverkaufte Geschichten haben. Und wir haben eine ganze Menge dabei gelernt. Vor allem aber hatten wir ein derart direktes Feedback, wie man es sonst beim Schreiben nie bekommt. Das ist kaum zu bezahlen.

Ausblick:
Wir arbeiten uns in den nächsten Tagen und Wochen an eine komplette Überarbeitung der Steamtown-Gestaltung heran. Gleichzeitig überlegen wir, welchen Weg wir in Zukunft mit Steamtown beschreiten werden. Eine Mehrzahl der Leser tendiert ja eher dazu, einen weiteren online-Roman zu bekommen. Prinzipiell spricht natürlich nichts dagegen, weitere Romane  in diesem Setting zu schreiben.
Allerdings muss das nicht mehr unbedingt im 3-Tage-die-Woche-Takt passieren. Das war eine interessante Erfahrung, ist letztendlich aber sehr zeitaufwändig und Kräftezehrend. Keiner von uns dreien ist Vollzeit-Autor und wir alle arbeiten nebenher auch noch an anderen Schreibprojekten, die jetzt ersteinmal Vorrang haben.

Das bedeutet, dass wir uns derzeit ein neues Konzept überlegen, das Steamtown trotzdem gerecht wird.
Gerade deshalb ist auch die Idee einer Steamtown-Anthologie nicht vom Tisch. Kurzgeschichten von uns, von unseren Gastautoren und von weiteren Gästen könnten durchaus eine reizvolle Alternative sein, um die Stadt weiter zu beleben und eine Vielzahl anderer Facetten auf zu tun. Was für einen später folgenden, neuen Roman sogar nützlich wäre.

Aber wie gesagt: Die Planungen sind noch nicht durch. Derzeit arbeiten wir alle mit Hochdruck an anderen Baustellen und genießen es, in Hinblick auf Steamtown ein wenig Luft zu haben, bevor wir uns wieder der smaragdgrünen Stadt widmen und Neues von Eric, Whiggs und Mr. Ferret in den Æther schicken. Wir sind übrigens für Vorschläge offen.

So, und jetzt darf sich einer meiner Kollegen ins resümieren stürzen.
Ich wünsche eine angenehme Woche.

Tom

PS: Genau 1400 Worte. Das nenne ich Punktlandung.