Order viagra buy viagra online no prescription canada

Archiv für ‘Kurzgeschichten’.

30
Dez

Ein Interview mit Whiggs (Teil 2)

   Posted by: Carsten

„Also, Whiggs … ich darf Sie doch Whiggs nennen, oder ? …Also, wie hat Ihr Leben in Lethe begonnen? Sind Sie hier geboren?“
Dilbot gab seiner Stimme einen fast beiläufigen Ton, im Versuch, dem Gespräch die Charakteristik einer Unterhaltung während eines gemütlichen Spazierganges zu verleihen. Er hatte im Vorfeld dieser Abenteuerreise mit einigen äußerst zwielichten Gestalten gesprochen, Unmengen Bargeld seinen Besitzer wechseln lassen und Informationen gesammelt, die den meisten Menschen in Steamtown nicht einmal vom Hörensagen bekannt waren. Vor allem wollte er seine Aufregung nicht allzu sehr zeigen. So etwas machte die meisten Gesprächspartner nervös und verleitete sie womöglich zu emotionalen Überreaktionen, besonders wenn man den Umstand nicht außer Acht ließ, dass er in Lethe widerrechtlich eingedrungen war.
Die hochgezogene Augenbraue der Emanatin deutete an, dass sie die unerlaubte Anrede mit einigem Missfallen zwar bemerkt, aber offensichtlich beschlossen hatte, nicht darauf einzugehen.
„Ich bin Kind dieses Ortes. Meine Eltern wohnten früher im Arminton-Viertel, zumindest, bis es von der Kirche gereinigt worden ist, wie sie es später nannte. Die tausende Leben, welche dabei dem unverantwortlichen Handeln der Kirche zum Opfer fielen, wurden als notwendige Opfer abgetan.“
Whiggs verschwieg, dass sich ihr eigener Onkel für das damalige Massaker verantwortlich zeigte. Doch Pater Siberius Grand war tot. Er hatte bezahlt für sein Verbrechen. In dem Moment, als der metallene Explosivkragen seinen Kopf zeriss, noch von den untoten Klauen eines Wiedergängers umklammert, hatte sie Onkel Sib vergeben. Es gab für sie keinen Grund, die Frage der Schuld erneut zu stellen.
„Das Leid muss unvorstellbar gewesen sein. Die Überlebenden flohen in die einzige Richtung, die ihnen noch blieb. Nach unten. Die vergessenen Tunnel unter der Stadt wurden somit zur Zuflucht und zum einzigen Rückzugsort. Es gab stichhaltige Hinweise dafür, dass die Kirche alle Überlebenden töten ließ, die sie nach dem Verlöschen der Flammen vorfand. Anstatt ihnen zu helfen. Das ist eine Tatsache, die der Erzbischof bis heute vehement leugnet. Ist es da so verwunderlich, dass die Tunnler der Oberwelt schließlich den Kampf ansagten?“
Dilbot antwortete nicht auf die Frage. Er wollte den Gedankenfluss der Emanatin jetzt nicht unterbrechen. Was er in den wenigen Sätzen vernommen hatte, enthielt so viel Zündstoff, wie es selten einer Story zuteil wurde. Mit ein bisschen Glück lieferte sie ihm sogar einen unwiederlegbaren Beweis für ihre Behauptungen und machte ihn damit zum gemachten Mann. Die Kirche im Kreuzfeuer der Öffentlichkeit, was für ein unerwartetes Sahnehäppchen für die Steamtown Evening Post.

„Aus den Trümmern der Häuser bauten sich die Menschen hier ein Heim. Ein Heim aus Dunkelheit und brennendem Schmerz. Aus Angst und Hass. Es dauerte Jahre, bis sich die Gemeinschaft so weit erholt hatte, um einigermaßen schadlos gegen Quexer und die Ratten bestehen zu können. Immer in der Gefahr, dass die Kirche sie eines Tages entdecken und umbringen würde. Eine halbe Ewigkeit nach Arminton krepierten die Menschen immer noch an den Folgen des Feuers. Wie Ungeziefer, das sich zum Sterben in eine dunkle Ritze verkrochen hat. Ein grausames, entbehrungsreiches Leben, aber es hat uns hart wie Felsgestein werden lassen.“
„Das kann ich nachvollziehen. Könnten Sie sich denn ein Leben an der Oberfläche vorstellen? In der Gemeinschaft der Stadt und in der Obhut des Ministeriums?“
„Mr. Dilbot, ich bezweifle doch stark, dass Sie auch nur ansatzweise in der Lage sind, das Leben hier unten zu verstehen. Das kann niemand, der nicht selbst hier gelebt hat. Zurück nach oben, ans Licht? Warum sollten wir das tun? Um uns erneut der Anfeindung und Verfolgung entgegen zu stemmen? Hier unten sind wir sicher. So sicher, wie es eben geht.“
„Denken Sie doch einmal an die Kinder, Whiggs. Wäre es für sie oben nicht viel besser, als hier in der Dunkelheit?“
„Ich denke gerade an die Kinder, Mr. Dilbot!“
Whiggs schroffer Satz ließ einen kurzen Moment peinlich berührter Stille entstehen. Der Reporter merkte, dass er sich beinahe zu weit vorgewagt hatte. Er musste unbedingt umsichtiger sein, wenn er das Interview nicht gefährden wollte. Er räusperte sich verlegen, bevor er zu seiner nächsten Frage ansetzte.
„Was hat sich für Sie persönlich geändert, seit der Zerstörung des Coleman-Asylums?“
„Nicht viel. Zum Glück wurde ich durch den Plasmasturm nicht verletzt, wenn auch nur um Haaresbreite. Es war …“
„Plasmasturm?“, unterbrach sie Dilbot, der sich auf den unabsichtlich dahin geworfenen Knochen wie ein halb verhungerter Straßenköter stürzte. „Was genau muss ich mir darunter vorstellen?“
Whiggs Augenbrauen zogen sich verärgert zusammen. Was war sie nur für eine dumme Gans, schalt sie sich in Gedanken. In einem unaufmerksamen Moment hatte sie mehr preisgegeben, als sie eigentlich beabsichtigt hatte. O´Donohue hatte ihnen nach dem Brand in aller Eindringlichkeit eingeschärft, keinerlei Einzelheiten über die Geschichte verlauten zu lassen und sie verplapperte sich bei erster Gelegenheit. „Da müssen Sie sich verhört haben“, versuchte sie die Situation zu retten, auch wenn ihr klar war, dass sie den Reporter damit auf eine Fährte gesetzt hatte, die er vor allem außerhalb Lethes hartnäckig verfolgen würde. Sie beschloss, das Thema zu wechseln.

„Möchten Sie einen Blick in den Ratsaal Lethes werfen? Dort bespricht sich der Duke mit den ältesten und erfahrensten Bewohnern, wenn er zugegen ist. Ich muss Sie allerdings vorwarnen. Der Saal ist nicht sonderlich ansehnlich. Er wurde bewusst in der gleichen nüchternen Schmucklosigkeit gehalten, wie es unsere Häuser sind. Niemand soll beim Anblick pompöser Einrichtung gepaart mit farbenprächtigen Verzierungen in die Verlegenheit geraten, zu vergessen, warum wir hier leben. Dieses Bewusstsein ist eines der wichtigsten Bestandteile unserer Gesellschaft.“
Dilbot nickte zustimmend, beinahe begeistert. Zum jetzigen Zeitpunkt würde er keine weiteren Einzelheiten aus der Emanatin herausbekommen. Dazu musste er den richtigen Moment abpassen, wie ein Jäger, der auf seine Beute lauerte. Er beschloss, das Thema Plasmasturm erst einmal fallen zu lassen und sich stattdessen den uninteressanten Ratsaal anzuschauen. Und tatsächlich, der Raum war sogar noch öder, als er befürchtet hatte. Trotzdem lächelte er. Es war Zeit für einen weiteren Angriff.
„Sehr beeindruckend. Wirklich. Der ideale Ort für eine Plasmagraphie. Darf ich?“
Whiggs stellte sich ein wenig unbeholfen vor den runden Tisch der Räte und verzog gequält das Gesicht. Sie mochte diese Art von Technik nicht und die Vorstellung, dass ihr Antlitz tausendfach in der Zeitung erscheinen würde, behagte ihr überhaupt nicht. Dilbot drückte jedoch schonungslos auf den Auslöser. Zwei, dreimal blitze es grünlich auf. Die Abzüge verstaute Dilbot wie zuvor in seiner Tasche.
„Vielen Dank, das haben Sie sehr gut gemacht. Und hier ist es dann passiert?“
„Was meinen Sie?“
„Naja, wo man ihrem Onkel den Plasmakragen umgelegt hat, der letztendlich zu seinem Tod geführt hat.“
„Wer hat das behauptet?“, fauchte Whiggs. Sie trat bedrohlich nahe an den Reporter heran. Ihre Wangen leuchteten in einem ärgerlichen Rot. Ihr Finger zeigte drohend auf seine Brust. „Raus mit der Sprache, sonst …“
„Niemand, wirklich“, lenkte Dilbot schnell ein. „Ich habe nur den Bericht des Bestatters aufmerksam gelesen und dann eins und eins zusammengezählt. Ich will Sie nicht mit Einzelheiten belästigen. Letztendlich konnte es nur hier passiert sein. Die Bruchstücke des Kragens hielten eine deutliche Rede.“

„Wenn Sie das in Ihrem Schmierblatt schreiben, dann werde ich persönlich dafür sorgen, dass das der letzte Artikel in Ihrem erbärmlichen Leben war. Das Interview ist hiermit beendet.“
„Nun reagieren Sie aber unsachlich, Whiggs. Das war doch nur eine harmlose Frage.“
„Wenn Sie die Quexergrube nicht harmlos von innen inspizieren wollen, dann halten Sie besser den Mund. Und jetzt her mit den Bildern.“
„Das können Sie doch nicht machen. Sie haben kein Recht …“
„Hier unten bin ich das Gesetz, Mr. Dilbot. Entscheiden Sie sich: die Bilder oder die Quexer. Ich warte …“
„Nur unter Protest. Hören Sie? Nur unter Protest.“
Dilbot kramte eingeschüchtert in seiner Tasche und zog mehrere Abzüge hervor. Die Emantatin riss ihm den Packen aus den Händen. Dann winkte sie einem Wachposten in der Nähe.
„Ich lasse Sie umgehend an die Oberfläche zurückbringen. Kehren Sie niemals zurück, Mr. Dilbot. Denken Sie nicht einmal darüber nach. Sollte ich ihr Gesicht jemals wieder in Lethe oder seinen Tunneln sehen, werden Sie sich wünschen, nur einen Plasmakragen umgeschnallt zu bekommen. Bring in weg, Roemer.“
„Jawohl, ehrenwerte Emanatin.“
Der Wachposten griff sich Dilbot und schleifte ihn gewaltsam aus dem Ratsaal. Am Ausgang stemmte sich der Reporter noch einmal gegen unbarmherzigen Zug seiner Bewacher, drehte sich um und rief Whiggs etwas zu.
„Noch eine letzte Frage, Miss Taversham. Werden Sie und Agent Van Valen sich wiedersehen? Die Leser lieben eine gute Liebesgeschichte.“
Doch Whiggs hatte sich bereits abgewandt und reagierte nicht.

Dilbot grinste still in sich hinein, während ihn sein Aufpasser rüde durch die schmalen Gassen in Richtung der Tunnel abführte. Das würde eine bombastische Story werden. Nur gut, dass die Emanatin seinen kleinen Schwindel nicht bemerkt hatte. Wie konnte sie nur glauben, dass er tatsächlich die echten Abzüge herausgerückt hätte. Die Bilder lieferten seiner Enthüllungsstory den nötigen Rahmen. Machten sie perfekt. In ein paar Stunden, wenn die Abzüge in der Hand der Emanatin immer noch nichtssagend und farblos waren, würde Whiggs den Unterschied sicher bemerken. Aber bis dahin war er längst zurück an der Oberfläche. Und der Artikel, der wäre dann bereits auf dem Weg zur Redaktion der Steamtown Evening Post.