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Zwischenspiel 6
Huxley unterdrückte den Drang, sich auf dem Stuhl zu bewegen. Und noch schaffte er es, dem wintergrauen Blick standzuhalten. Der Mann, der vor ihm auf dem Stuhl für Gesindel saß, hatte die Ruhe der wahrhaft Mächtigen. Ein selbstgefälliges Auftreten, geboren aus dem Wissen, dass er unberührbar war. Jedenfalls für einen kleinen Beamten der Einwanderungsbehörde, wie er es war. Allein die Tatsache, dass er hier war und nach der „zahnlosen Sally“ fragte, bedeutete, dass er etwas gegen ihn in der Hand hatte. Jemand wie er dürfte gar nicht hier sein! Dieser Stuhl war für Gesindel. Für Einwanderer, die es nicht wagten, ihm, Albert Huxley in die Augen zu sehen, weil er ihr Gott war. Er hatte die Macht, sie auf die Flüchtlingsschiffe zurückzuschicken, oder aber ihnen ein neues Leben zu schenken.
„Sie sind ein ordentlicher Beamter…“ Der Satz blieb in der Schwebe, irgendwo in der Mitte zwischen Frage und Feststellung.
Da Huxley nicht wusste, was als Nächstes kommen würde, zog er es vor zu schweigen. Jetzt war der Augenblick gekommen, dass er seinen Blick senkte. Er hätte das nicht tun sollen! Das sah aus wie ein Schuldeingeständnis, aber er vermochte den grauen Augen nicht länger zu widerstehen.
„Sicherlich haben Sie eine Akte über jeden Einwanderer, der von ihnen ein Bleiberecht gebilligt bekommt.“
„Natürlich“, entgegnete Huxley. „So gehört es sich!“
Sein Gegenüber lächelte. Der Mann war glatt rasiert und hatte ein vornehm wirkendes Gesicht. Doch lag ein harter Zug darin, der darauf schließen ließ, dass er keineswegs ein adeliger Müßiggänger war. Der Mistkerl hatte nicht einmal seinen Namen genannt. Und Huxley war klar, dass er nicht in der Position war, Forderungen zu stellen. Der taubengraue Anzug dieses Gentlemans verströmte den Duft teurer Zigarren, der sich mit dem Geruch alter Akten mischte, die drei Wände der kleinen Kammer füllten, in der Huxley den größten Teil seines Lebens verbrachte.
„Wie viel bringt es, wenn man ein Mädchen wie Sally verschachert?“
„Ich weiß nicht…“
Der Fremde hob eine Braue, und Huxley wurde klar, dass der Mistkerl die Antwort schon kannte. Er musste bei Digger gewesen sein, sonst hätte er niemals hierher gefunden. Und dieser schmierige Zuhälter hatte geredet.
„Ein Mädchen wie Sally bringt ein Monatsgehalt.“ Damit war er erledigt. Er hatte eingestanden, dass er seine Position nutzte, um krumme Geschäfte zu machen. Aber fast alle hier taten das auf die eine oder andere Weise. Manche holten sich Mädchen oder Jungs in ihr eigenes Bett. Andere forderten Abgaben wie ein Feudalherr. Sie alle hier wurden viel zu schlecht bezahlt für ihre Arbeit. Es reichte gerade mal, sich allein durchzubringen. Aber eine Familie…
„Sie war recht hübsch, als sie hierher gekommen ist, nehme ich an…“
Wieder so ein Satz in der Schwebe, dachte Huxley ärgerlich. Mistkerl! „Dünn wie eine Bohnenstange war sie.“
„Manche mögen das.“ Der Fremde spielte mit dem Silberknauf seines Gehstocks. „Wie kam es dazu, dass sie dieser besonderen Behandlung unterzogen wurde?“
„Sie meinen die Sache mit den Zähnen?“
Der Fremde hob auf affektierte Art die Brauen. „Gab es noch andere Sonderbehandlungen, die sie über sich ergehen lassen musste?“
Huxley atmete langsam aus. Es hatte nichts gegeben, was für eine Bordsteinschwalbe ungewöhnlich gewesen wäre. Nach den Maßstäben eines Gentlemans mochten natürlich auch ganz übliche Abläufe in diesem Geschäft abstoßend wirken.
„Die Sache mit den Zähnen also…“
„Das war der Wunsch eines Kunden. Digger hat einige ungewöhnliche Beziehungen. Manchmal verkehren Männer bei ihm, die man an einem solchen Ort nicht vermuten würde. Er hat aber nie Namen genannt“, beeilte sich Huxley hinzuzufügen, als ihm dämmerte, dass wohl einer dieser Männer den merkwürdigen Fremden geschickt haben musste. Seltsam… Das letzte, was er von Sally gehört hatte, war, dass sie als Bettlerin herumzog. Dass sich noch jemand für sie interessierte, war eigenartig. Spielte sich da einer als Ritter auf?
„Wem ist daran gelegen, ein hübsches Mädchen zu entstellen und ihr alle Zähne zu ziehen?“
Das war nur ein Trick, um herauszufinden, ob er nicht doch einen Namen kannte. Aber so naiv war er nicht, dachte Huxley grimmig. Da konnte sich der Kerl einen anderen suchen. „Alles, was ich weiß, ist, dass es jemand angenehm fand, wenn ein nettes Ding wie Sally gewisse sexuelle Handlungen ausübt, ohne ihn dabei mit Zähnen verletzen zu können. Dass auch ihr Gesicht einfallen würde, wenn man ihr die Zähne herausreißt, hat wohl niemand bedacht.“ Er machte eine resignierende Geste. „Oder es war egal. Auf den Flüchtlingsschiffen vom Kontinent herrscht ja kein Mangel an hübschen Mädchen. Da kann man jederzeit eine Neue finden.“
„Hat Sally Verwandte?“
Huxleys Gedanken wanderten in eine neue Richtung. Nein, den hatte kein edler Ritter geschickt. „Nein, sie ist allein gekommen.“ Er entschied sich, einen Vorstoß ins Ungewisse zu wagen. „Ich fürchte, niemand wird sie vermissen.“
Der Fremde lächelte, doch sein Blick blieb kalt. „Ich sehe es auch so, dass sie der Letzte sind, der noch etwas über das Leben der unglücklichen, zahnlosen Sally zu sagen hätte.“
Drohte der Kerl ihm? Das war verrückt. Er war zwar ein schlecht bezahlter Beamter, aber er vertrat den Staat. Und mochte der Staat seine Diener auch schlecht bezahlen, so duldete er doch keineswegs, dass man sie bedrohte oder erpresste. Was war mit Digger, schoss es ihm durch den Kopf? Er hatte Sally doch auch gut gekannt…
„Nun, Mr. Huxley, ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir die Akte überlassen würden und diese Angelegenheit damit endgültig aus der Welt wäre. Mit diesen Worten legte er einen unbeschrifteten Briefumschlag auf den Tisch, in dem irgendetwas Dickes steckte.
„Ihnen ist natürlich klar, dass es streng verboten ist…“
„… seine Amtsmacht dazu zu nutzen, junge Mädchen an einen Zuhälter zu verschachern?“
Huxley lächelte gezwungen. „Die Akte liegt dort vorne im Regal.“ Er erhob sich. Alles in ihm sträubte sich dagegen, diesem Erpresser die Papiere zu überlassen. Aber er war dem Fremden ausgeliefert. Er hob ein Aktenbündel aus dem Regal, legte es auf seinen Schreibtisch und löste die Verschnürung. Was war mit dieser abgehalfterten Nutte geschehen, dass sich so ein Kerl bei ihm einfand? Er würde versuchen es herauszufinden! Das schwor er sich insgeheim.
„Hier.“ Er zog einen dünnen Aktendeckel aus dem Stapel. Der Fremde nahm ihn.
„Nur eine Seite?“
„Über die kleine Schlampe gab es nicht viel zu sagen.“
„Und Sie haben ihren Namen geändert, sehe ich. Sie hieß gar nicht Sally, als sie hier ankam.“
„Damit habe ich ihr einen Gefallen getan! Sie hatte so einen unaussprechlichen ausländischen Namen, den sich kein normaler Mensch merken kann. Sally, das passt in unserem Land besser . Und hier wollte sie ja gerne bleiben.“
Der Fremde faltete die Akte zusammen und schob sie in seinen Mantel. „Sie hat Sie sicher für einen netten Kerl gehalten, als Sie ihr Arbeit versprochen haben. Was haben Sie ihr gesagt, etwa, dass Digger ein kleines Hotel betreibt und sie als Zimmermädchen arbeiten könnte?“ Er lächelte zynisch. „Wenn man den Begriff Zimmermädchen etwas weiter fasst, war das ja nicht einmal gelogen.“
Arroganter Scheißkerl, dachte Huxley. Dich krieg ich noch. Jemand wie du ist nicht unsichtbar! Ich werde herausfinden, wer du bist und wer dich geschickt hat.
„Ich bin kein netter Kerl“, sagte der Fremde gelassen und erhob sich. „Und ich kann mir vorstellen, was Sie gerade über mich denken.“ Er ging zur Tür. „Wir sehen uns“, sagte er leise beim Herausgehen.
Huxley schluckte. Er schloss die Tür hinter dem Erpresser. Dann setzte er sich an seinen Tisch. Unsicher betrachtete er den Briefumschlag. Da ist kein Geld drin, sagte ihm eine innere Stimme.
Der Beamte trommelte unschlüssig mit den Fingern auf die Tischplatte. Er stand auf, ging drei Schritte in der engen Kammer und kehrte wieder zurück, um sich zu setzen. Endlich nahm er den Umschlag. Es war tatsächlich Papier darin, stellte er erleichtert fest, als er ihn betastete. Er riss ihn auf und schüttete den Inhalt auf seinen Schreibtisch.
Einen Augenblick lang hatte er zu hoffen gewagt, dass ihm das Schicksal endlich die Chance geben würde, diesem winzigen Büro zu entfliehen. Weit gefehlt! Vor ihm lagen schmutzige Papierfetzen. Sie hatten alle dieselbe Größe. Auf manchen konnte man Fußabdrücke erkennen. Fast alle waren eingerissen. Er las den unscharfen Aufdruck aus billiger Druckerschwärze. Es waren Wettscheine. Sie stammten aus der Grube. Die Wettscheine von Verlierern, die man nach den Kämpfen achtlos fortwarf. Ein einziges Mal hatte er einen dieser Kämpfe besucht. Und er konnte sich noch gut daran erinnern, wie die Verlierer ausgesehen hatten, die im blutigen Sand lagen.

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