Order viagra buy viagra online no prescription canada

Archiv für ‘Kapitel 5’.

19
Aug

Zwischenspiel 5

   Posted by: TPF Tags: , , , , ,

Zischend entwich Dampf aus einem Messingkolben, als der jüngere der beiden Wissenschaftler das Relais schloss, wozu es einiger Anstrengung von ihm bedurfte.
„Schneller, Stevenson!“ rief der ältere. Seine Stimme klang nur gedämpft hinter dem schweren Bleischild hervor, der fast sein ganzes Gesicht bedeckte. „Jetzt Relais Sieben! Auf, auf!“
Der Angesprochene hob die Hand, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen, indes, er schlug nur mit dem schweren Leder seines Handschuhs gegen die eigene Maske, an die er einen Moment nicht gedacht hatte. Er unterdrückte ein Seufzen und wandte sich dem nächsten Relais zu, ergriff den etwa unterarmlangen Hebel am oberen Ende und zog mit ganzer Kraft. Knirschend bewegte sich das Relais, zunächst zögernd; schließlich gelang es Stevenson aber doch, es in die gewünschte Position zu bringen, woraufhin wiederum eine gewaltige, heiße Dampfwolke aus der Apparatur entwich und beiden Wissenschaftlern für einige Augenblicke völlig die Sicht nahm.
„Drehzahl auf 120 erhöhen!“ rief der ältere nun, bei dem es sich um Stevensons Vorgesetzten handelte, Professor Wachsler. Nicht etwa Waxler, wie die meisten Einwohner Steamtowns seinen Namen geschrieben hätten.
Stevenson nahm den Verschluss vom Sprachrohr und wiederholte den Befehl des Professors so laut wie möglich. „Drehzahl auf eins-zwo-Null!“ kam die Bestätigung aus dem im Untergeschoß liegenden Heizraum dumpf aus dem Sprachrohr zurück, und ein paar Herzschläge später steigerte sich das dumpfe Pochen der Kolben spürbar von einem gemächlichen Trab zu einem Galopp. Der Boden des Labors, das fast die Hälfte der Gebäudebreite einnahm, erzitterte, und die druckführenden Rohre, die zur monströsen Apparatur in der Mitte des Labors führten, ächzten gequält. VERDICHTUNGSKAMMER stand in großen Lettern an der Vorderseite eines fassförmigen Tanks, dessen Ausmaße freilich den eines Wein- oder Steinölfasses um ein Vielfaches überstiegen. Dieser Tank war das Zentrum ihrer Anstrengungen, hier liefen die Rohrleitungen zusammen, an ihn waren die Instrumente angeschlossen und er hatte den Großteil der astronomischen Summen verschlungen, die Professor Wachsler hatte seinen Geldgebern aus der Tasche ziehen können.
Mit einem lauten Knall riss eine Schlauchschelle und erneut zischte heißer Dampf hervor. Stevenson sprang hinzu, packte das wild hin und her pendelnde Schlauchende und befestigte es mit einem Kraftakt wieder am vorgesehenen Verschluss. Die Hitze im Labor und die körperliche Anstrengung ließen den Schweiß in Strömen fließen, und er musste wiederholt blinzeln, um das Brennen in seinen Augen zu lindern, als es für einen Moment nichts mehr für ihn zu tun gab.
Ungeduldig warte Professor Wachsler an seinem angestammten Platz – vor dem Periskop, mittels dessen sich ein Blick in das Innere des Tanks erhaschen ließ. Er beobachtete gespannt eine große, runde Instrumententafel, auf der sich zitternd der Zeiger über die gelbe Markierung hinaus in den roten Bereich drehte. Aufgeregt wischte er Kondenswasser vom Okular und presste dann seine Schutzbrille dagegen. Sofort wurde er mit dem unnatürlich wirkenden Glühen von hochreinem Plasma belohnt.
„Vortrefflich, vortrefflich“, murmelte er, mehr zu sich selbst als zu seinem Assistenten. Der hätte ihn ohnehin nicht verstanden - selbst, wenn er ihn trotz Maske vor den dröhnend stampfenden Kolben, dem Zischen aus Sicherheitsventilen entweichenden Dampfes und dem Brausen der Kessel unter ihren Füßen hätte hören können. Denn Professor Wachsler war für einen Moment in seine Muttersprache verfallen, die, soweit man wusste, in Steamtown von kaum jemandem sonst gesprochen wurde. Was einer der Anreize für Professor Wachsler gewesen war, die weite Reise hierher anzutreten, denn so konnten auch keine Veröffentlichungen von ihm aus der alten Heimat verstanden werden.
Oder Steckbriefe.
Der Hauptgrund waren natürlich die hervorragenden Arbeitsbedingungen hier. Vor allem, wenn man bereit war, gewisse hinderliche ethische oder moralische Prinzipien hinten an zu stellen. In dieser Hinsicht war er noch nie zimperlich gewesen. Allerdings war er dann doch überrascht, um wie viel skrupelloser als er sich gewisse Elemente in Steamtowns kompliziertem System aus Macht, Geld und Intrigen gezeigt hatten. Nun, das sollte ihm gleichgültig sein, solange man ihn in Ruhe arbeiten ließ.

In einem Anfall von Kollegialität gab er Stevenson durch eine Geste zu verstehen, herüber zu kommen und selbst einen Blick in die Verdichtungskammer werfen. Dieser tat, wie ihm geheißen – waren doch die Momente, in denen er sich wie der wissenschaftliche Assistent fühlen durfte, der er doch eigentlich seinem Rang nach hätte sein sollen, rar gesät – und konnte seinerseits einen Laut der Verblüffung nicht unterdrücken. „Herr Professor! Sehen Sie nur. Das müssten doch weit über 200 oder sogar 250 Hedley sein, meinen Sie nicht auch?“
„Unsinn!“ rief Professor Wachsler. „Lachhaft. 200? 250? Was reden Sie da? Ich würde mich wundern, wenn es weniger als 300 Hedley wären!“
Stevenson sah erneut durch das Bullauge und musste dem Professor Recht geben. Aber ein Plasma mit einem solchen Reinheitsgrad, das durfte es eigentlich gar nicht geben. Es müsste doch…
Ein hohes Pfeifen unterbrach seinen Gedankengang und beide Wissenschaftler sahen zu den Armaturen, wo ein rotes Licht unter der Druckanzeige auf sich aufmerksam machte. Hoch über ihren Köpfen öffnete sich ein Ventil, und wie ein Geysir spie der Schornstein des Gebäudes eine Dampfwolke aus, die sich wie ein Speer in den nachtdunklen Himmel zu bohren schien.
Beinahe im gleichen Augenblick flackerte das Plasma im Verdichtungstank einmal, zweimal auf, und sein Leuchten ließ merklich nach.
„Stevenson! Was stehen Sie herum! Der Druck sinkt, und Sie halten Maulaffen feil. Los, schließen Sie das Relais 7 wieder, und sagen Sie den Heizern, wir brauchen noch mehr Dampf. MEHR DAMPF!“ Die letzten Worte schrie der Professor seinem Assistenten hinterher, der, quasi wieder zum Mechanisten degradiert, eilig das Labor durchquerte, so schnell es ihm seine schwere Schutzkleidung erlaubte, um zum Hebel des Relais zu gelangen.

Im Schatten der Mauer, die den Gebäudekomplex umgab, der das Labor beherbergte, sahen zwei Gestalten zur Dampfwolke empor.
Beide hätten sich eine Geldsumme, wie sie zur Einrichtung des Labors notwendig gewesen war, nicht mal vorstellen können, wenn sie gewusst hätten, dass es überhaupt soviel Geld gab.
Der Lahme Harry spuckte aus. „‘s is wohl mal wieder soweit, was, Sally?“ grunzte er seiner Begleiterin zu , die neben ihm an der Hauswand lehnte. Sie wussten schon, dass diese eine Dampffontäne anders war, als die anderen, die dann und wann dem Komplex entwichen. Denn wenn diese Dampfwolke zu sehen war, dann kamen schweigsame Männer und brachten auf Karren in Decken gewickelte, schmutzige Leichen, von denen sie nicht wussten, woher die kamen. Sie wollten es auch gar nicht wissen.
Beide warteten sie hier auf Kundschaft, aber die kam nur selten vorbei, was das Betteln nicht so anstrengend machte. Und Anstrengung zu vermeiden, das hatte eine sehr hohe Priorität für den Lahmen Harry. Weswegen er meistens auch gar nicht erst den Kopf drehte, wenn er ausspuckte.
Die Angesprochene wiederum machte sich nicht die Mühe, den Speichel von ihrem verdreckten und verfilzten Mantel zu wischen. Ihr fehlten alle Zähne, und das Gesicht starrte vor Ruß, aber man konnte an ihrem Körper sehen, dass sie noch sehr jung sein musste. Harry wusste auch, dass sich ihr Körper auch noch sehr jung anfühlte, denn er war ja nicht der Bekloppte, sondern sie. Er hoffte nur, dass er ihr nicht zu bald ein Balg unterschieben würde, denn dann müsste er sie im Stich lassen, und das würde ihm schon leid tun und sei es nur, weil sie sich so ganz anders anfühlte, als die anderen Bettelweiber. Wenn sie nur die Klappe halten würde, die Sally.
„Ja, ja, der Drache, Feuer spuck’n tut er mal wieder! Er hockt auf seinem Berg aus Gold, aber Blut will er, ja, das is‘ was er will, Blut, ja, ja…“ wimmerte sie mit ihrer Jungmädchenstimme vor sich hin.
„Blut, von wegen. Du bis‘ ja nich‘ ganz dicht, ne, biste einfach nich‘, Sally. Bekloppt biste, aber das weißte ja selbs‘…“ Beruhigend tätschelte er ihr den Kopf, wie man andernorts in Steamtown einem Hündchen den Kopf tätscheln würde. Allerdings würde man dort das Hündchen wahrscheinlich ersäufen, sobald es nicht mehr niedlich war.
Sally kicherte in sich hinein. „Die Sally is‘ bekloppt, na klar, Harry! Aber heut Nacht is‘ Dir die Sally wieder warm genug, warm genug dass Du die Sally wieder unter Deine Decken holst, Harry. Der Lahme Harry mit den flinken Fingern, den Fingern so warm. Aber nich‘ so heiß, nich‘ so heiß wie der Drache, gell, Harry?“ Ihre Stimme wurde leise. „Aber Du musst keine Angst hab’n, Dich hol’n se nich‘, Dich nich‘ und die bekloppte Sally, die auch nich‘. Nich‘ mal tot hol’n se uns, denn die holen keinen Dreck… “

Darauf sagte Harry nichts mehr, denn, verdammt noch mal, bekloppt oder nicht, damit hatte Sally einfach mal Recht.