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Archiv für ‘Kapitel 4’.

20
Jul

Zwischenspiel 4

   Posted by: Christiane Gref Tags: , , , ,

Das war verdammt knapp gewesen. Mit letzter Anstrengung hatte Helena den Fluchtraum erreicht. Alle aus ihrer Gruppe waren tot und ihr war schmerzlich bewusst, dass der Geruch des verkrusteten Blutes, das ihre Schnittwunden bedeckte, die Feinde hierher locken würde.

Der Raum war etwa fünf Schritte breit, sechs lang und unmöbliert. Eine verdreckte Plasmalampe an der Decke spendete dürftiges Licht. Helena schätzte, dass rund zwanzig Flüchtlinge an die Wände gelehnt und auf dem Boden verteilt saßen. Ein Mann, mit einer Plasmaflinte bewaffnet, stand an der Tür und spähte in den Gang. Dann schloss er die Tür und wischte sich den Schweiß mit dem Ärmel vom Gesicht. Sein fleckiges Hemd erweckte den Anschein, als habe er dies schon einige Male zuvor getan. Das Wutgeheul der Quexer hallte durch die verzweigten Tunnel. Die Augen der Flüchtlinge waren groß vor Angst, die Gesichter angespannt und kränklich im grünen Licht.

Cyrill, ein Mann, der die Fünfzig schon überschritten hatte, und der nahezu blind war, beugte sich zu Helena herüber und flüsterte ihr ins Ohr: „Wir sind abgeschnitten von Lethe. Der Nachschub kommt einfach nicht, um uns raus zu hau’n. Scheint, als wär’ dies das Ende, Mädchen.“
„Ich habe unterwegs gehört, dass es den Duke erwischt hat“, sagte Helena.
Diejenigen, die Helenas Worte vernommen hatten, sogen zischend die Luft ein.
„Ist er tot?“, flüsterte Cyrill.
„Er lebt anscheinend noch, aber ich weiß nichts Genaues. Die Quexer haben das Gespräch dann leider unterbrochen.“
„Das wird ja immer besser!“, empörte sich Cyrill. Unwillkürlich war seine Stimme lauter geworden.
Ein Heulen erklang in unmittelbarer Nähe der Tür. Der Bewaffnete bedeutete den Flüchtlingen, sich weiter in den Raum zurückzuziehen und nahm seine Flinte in Anschlag. Helena sah, dass seine Hand merklich zitterte.
Er hat schreckliche Angst. Aber wer nicht? Niemand sonst hat eine Waffe. Ich hoffe, er feuert sie nicht im Raum ab.

Ein Schlag ließ die eiserne Tür erbeben. Ein kleines Mädchen schrie auf und klammerte sich an seine Mutter. Helena sah, dass die Schneidezähne des Kindes verfault waren. Sie selbst hatte glücklicherweise noch alle Zähne, was Seltenheitscharakter in Lethe besaß. Überhaupt wurde sie oft für ihr Äußeres gelobt. Warum, war ihr schleierhaft. Sie nannte noch nicht einmal ein Kleid zum Wechseln ihr Eigen, geschweige denn ein Korsett. Musste sie tatsächlich einmal in die Oberwelt, um Nahrung oder Tauschgüter zu beschaffen, wusch sie ihr Kleid im saubersten Wasser, das sie finden konnte und wartete, in eine schäbige Decke gewickelt, darauf, bis es trocken war. Ein weiterer Schlag gegen die Tür unterbrach ihre Gedanken. Putz aus den brüchigen Fugen rieselte auf Helenas Kopf.
„Cyrill, wir sind hier drin leichte Beute für die Quexer. Wir müssen raus und uns irgendwie nach Lethe durchschlagen.“
Der alte Mann zeigte ihr einen Vogel.
Helena konzentrierte sich auf die Geräusche. Sie schätzte, dass es acht bis zehn der widerlichen Kröten waren, die draußen lauerten. Dies war nicht das erste Mal, dass sie auf ihr Gehör angewiesen war, und es hatte sie noch nie im Stich gelassen. Erneut warfen sich die Kreaturen gegen die Tür. Mit vereinten Kräften dieses Mal, die obere Angel brach und ein Spalt klaffte. Durch den Schlag hatte sich der Sperrriegel verbogen. Schon gruben sich die ersten Quexerklauen in den Durchbruch und rissen das marode Mauerwerk mit roher Gewalt ein.

Instinktiv sprangen die Flüchtlinge auf und drängten sich panisch zusammen. Helena stellte sich an die Seite der Gruppe, wohlbedacht, von niemandem blockiert zu werden.
Ihr Lämmer, lasst ihr euch nur abschlachten, ich werde mich jedenfalls nicht kampflos ergeben.
Ihre Blicke wanderten über den mit Staub und Steinbröckchen übersäten Boden. Zwischen den Füßen einer grobschlächtigen Frau sah sie Teile eines zerbrochenen Gehstocks. Das Holz sah morsch aus, aber welche Wahl blieb ihr? Helena bückte sich und nahm das längste Stück, das etwas über eine Elle maß und eine scharfe Bruchkante besaß.
Dann waren die Quexer durch.
Polternd fiel die Tür ins innere des Raums, begrub den Mann mit der Flinte unter sich und wirbelte eine Wolke aus Staub und Splittern auf, was die Quexer jedoch nicht sonderlich zu stören schien. Helena sah eine der aufgedunsenen Kröten direkt auf sich zu springen, umfasste den Stock mit beiden Händen und hielt ihn wie einen zu kurz geratenen Speer vor sich. Gerade noch rechtzeitig drehte sie ihr Gesicht weg, so dass die Klaue sie nicht erwischte. Voller Ekel schleuderte sie die aufgespießte Kreatur mitsamt dem Stock zur Seite. Die Todesschreie derjenigen, die von den Quexern attackiert wurden, machten Helena kurzfristig taub. Der Staub hatte sich noch nicht gelegt, wurde er doch von den Kämpfenden wieder und wieder aufgewirbelt.
Eines der Krötenmonster befand sich noch zwischen ihr und dem rettenden Durchgang. Beherzt sprang sie über den abgeduckten Quexer hinweg und wandte sich nach rechts. Der Gang war frei. Helena rannte, ohne sich nur einmal umzusehen und so lange, bis die Stiche in ihrer Brust sie zum Anhalten zwangen.

In diesem Teil der Tunnel kannte sie sich nicht besonders gut aus. Die verzweigten Gänge stellten sie jedes Mal erneut vor die Frage: Links oder Rechts? Zum Glück hatte sich kein Quexer von der Tunneldecke auf sie fallen lassen, auch Ratten schien es in diesem Teil des Labyrinths nicht zu geben. Die Lampen funktionierten auch, also alles Bestens! Sie wusste, dass alle Wege früher oder später nach Lethe führten.
Eher später, aber besser spät als nie. Was war das?
Helena hielt inne und lauschte angestrengt.
Das sind Schritte! Wer, bei allen Medusen, treibt sich in diesem gottverlassenen Winkel noch herum?
Schon öffnete Helena den Mund, um zu rufen. Ein warnendes Prickeln im Genick hielt sie in letzter Sekunde davon ab. Schnell huschte sie zu einer Ausbuchtung in der Wand, die einst zu Wartungszwecken gemauert worden war. Mit dem Rücken an ein Rohr gepresst, lauschte sie den Schritten, die sich in ihre Richtung bewegten.
Wer es auch ist, er oder sie trägt Schuhe mit Metallsohlen.
Sie zog ihre Knie noch enger an den Körper, machte sich so klein wie es nur ging. Hosenbeine kamen in Sicht. Saubere Hosenbeine und sauber polierte Schuhe, die unter dem Saum hervorlugten.
Kein Mensch kann seine Kleidung hier unten so rein halten.
Helena hielt die Luft an, als unmenschlich starke Hände nach ihr griffen und sie aus ihrem Versteck zerrten. Als sie das Gesicht der Kreatur sah, schrie Helena wie noch nie zuvor. Ihr Schrei ging in ein Gurgeln über und erstarb.

„Was war’n das?“, fragte Joe und kratzte sich eine Pustel auf der Stirn auf.
„Ein Quexer war’s nich, aber auch egal. Da kommt unsere Ablösung, soll’n die sich drum kümmern“, erwiderte Pete.
Erleichtert schlugen sie den Weg nach Lethe ein. Weit hatten sie es nicht.