Archiv für Dezember 28th, 2009
Heftig mit den Armen winkend, wand sich der schlanke Mann mit einem überraschenden Ruck aus dem festen Griff seiner beiden Bewacher und lief auf die junge Frau zu, die er trotz der dämmrigen Dunkelheit Lethes in einiger Entfernung erspäht hatte. Zu seinem Glück hatte sie gerade eine der wenigen Lichtinseln in der Kaverne passiert, gespeist von einer einsamen Laterne.
„Miss Taversham! Miss! Bitte, nur einen Moment.“
Whiggs blieb stehen und drehte sich mit einer schnellen Bewegung zu dem Fremden um. Reflexartig hoben sich ihre beiden Hände, während sie mit den Beinen eine standfeste Position einnahm. In weniger als einer Sekunde war sie bereit, den unbekannten Angreifer abzuwehren und gegebenfalls kampfunfähig zu machen. Doch ebenso zügig erkannte sie, dass der Mann in dem grauen Anzug und der dicken Ledertasche, die im Laufen schwer von einer zur anderen Seite baumelte, absolut harmlos war. Er schnappte kurzatmig nach Luft, als er vor ihr anhielt und mit einer grazilen Bewegung seinen Bowler lupfte.
„Miss Taversham, auf ein Wort bitte.“
„Was haben Sie hier unten zu suchen? Besucher sind in Lethe nicht willkommen. Außerdem sollten Städter besser an der Oberfläche bleiben, wo es für sie sicherer ist.“
„Mortimer Dilbot, von der Steamtown Evening Post. Ich würde Ihnen gerne ein paar Fragen … Hey!“
Die beiden Wächter, ein bulliger, vierschrötiger Kerl mit einer kurzen, altmodischen Plasmaflinte und ein drahtiges Narbengesicht mit einem schartigen Säbel, waren endlich hinterhergekommen und packten Dilbot unsanft an den Oberarmen. Im Gegensatz zu Mortimer Dilbot hatten sie keine Probleme mit der Dunkelheit in den Tunneln. Schließlich hatten ihre Augen über die vergangenen Jahre genügend Zeit gehabt, sich daran zu gewöhnen. Narbengesicht versetzte ihm mit der Faust einen Hieb gegen den Hinterkopf, der den Bowler davon segeln ließ.
„Was soll´n das, du Spion. Will´se etwa unsere Plauderstunde beim Boss verpassen, was?“
„Unverschämtheit. Au! Lassen Sie mich gefälligst sofort los. Sie Grobian“, beschwerte sich Dilbot, während er verzweifelt versuchte, sich dem schmerzhaften Griff zu entziehen.
„Ehrenwehrte Emanatin“, meldete sich nun der Bullige mit einer leichten Verbeugung zu Wort. „Wir ham´ den Schnüffler in´n Tunneln vor der Stadt aufgegabelt. Eindringlinge müss´n sofort zum Boss gebracht werd´n. Ist ne Order vom Duke.“
„Das weiß ich selbst, Cranky. Der Befehl stammt von mir, nicht vom Duke.“ Whiggs verschränkte die Arme vor der Brust und fixierte Dilbot für eine Weile mit einem geringschätzigen Ausdruck in den Augen. Dabei sagte sie kein Wort.
Narbengesicht kratzte sich, unangenehm berührt, das kurze, aschblonde Haar. „Was is´n nu? Soll´n wir ihn jetzt wegbringen? Oder nich?“
Die Emanatin schwieg noch einige Sekunden, gab den beiden Männer dann aber mit einer fahrigen Bewegung ihrer Hand zu verstehen, dass sie auf ihre Posten zurückkehren sollten.
„Ihr könnt gehen. Ich werde mich selbst um den Spion kümmern.“
„Aber ehrenwerte Emanatin, der Duke …“, protestierte Cranky schwach. „Er wird mächtig sauer, wenn wir´n Kerl nicht abliefern.“
„Stellst du meinen Befehl in Frage, Cranky? Nein? Das habe ich mir gedacht. Andernfalls hätte ich mir überlegen müssen, was der Duke davon hält, dass euch mitten in Lethe ein Gefangener abhanden gekommen ist. Und jetzt zurück in die Tunnel mit euch.“
Die beiden Wächter ließen Dilbot sofort los, drehten sich nach einer tiefen Verbeugung vor der jungen Frau um und verschwanden zwischen zwei gedrungenen Häusern mit flachen Dächern, welche eine schwarze Tunnelöffnung nach Süden flankierten. Zumindest vermutete Dilbot, dass es Süden war. Um ehrlich zu sein, hatte er seine Orientierung hier unten längst eingebüßt.
„Danke, Miss Taversham. Das war wirklich allerhöchste Zeit.“ Dilbot zupfte sich die Ärmel seines Anzuges zurecht, hob den Bowler vom grauen Felsenboden auf und setze ihn sich auf den Kopf. „Also diese beiden Schläger sind alles andere als zartfühlend mit mir umgegangen. Wer weiß, was Sie sonst noch mit mir vorgehabt haben.“
„Es sind gute Männer und sich wachen mit ihrem Leben über unsere Sicherheit“, fuhr ihm Whiggs über den Mund. „Bevor Sie sich also weiterhin so geringschätzig über meine Leute äußern, sollten Sie mir lieber schleunigst einen triftigen Grund liefern, warum ich Sie nicht in die Quexergruben werfen sollte. Wie haben Sie hier hergefunden? Raus mit der Sprache.“
„Das ist schnell erklärt. Ich habe einen guten Bekannten bei den Lederhäuten, Abteilung 4-C-2, der mir noch einen Gefallen schuldete. Und nach dem Vorfall im Coleman-Asylum dachte ich mir, es wäre doch eine gute Sache, wenn die Öffentlichkeit mehr darüber erfahren würde. So zu sagen aus dem Mund einer beteiligten Person.“
„Warum?“, herrschte ihn Whiggs mit dunkel blitzenden Augen an.
„Ja, weil … nun, ich meine, dass…“, stotterte Dilbot sichtlich aus dem Konzept gebracht. Dann riss er sich blitzschnell zusammen, angespornt durch seinen Reporterspürsinn und die Aussicht auf eine einzigartige Story. Diese Miss Taversham war ein wahres Energiebündel, so ganz anders als die feinen Damen von Bakers Grove. Er sah den Zeitungsbericht bereits schwarz und weiß vor seinen Augen. Und genau darüber schwebte der Albert-Swanson-Preis, in greifbarer Nähe … Nur vermasseln durfte er es jetzt nicht.
„Miss Taversham, lassen Sie uns doch wie zwei zivilisierte Menschen miteinander reden. Es gibt nun wirklich keinen Grund mir zu drohen. Sie müssen die Vorteile einer solchen Berichterstattung, wie sie mir vorschwebt, sehen. Die Leute von Steamtown werden ein völlig neues Bild von den Einwohnern Lethes gewinnen. Ich spreche hier von tiefgreifender Anteilnahme am Schicksal der Tunnler. Nicht mehr der Abschaum aus der Tiefe, nein, die Heldin aus Lethe, Überlebende von Arminton, Retterin von Steamtown.“
Dilbot begleitete seine Ausführungen mit aufgerissenen Augen und übertrieben schwingenden Armen. Dazu bekam seine Stimme einen nahezu beschwörenden Klang.
„Mit der Sympathie der Bevölkerung im Rücken haben Sie eine solide Basis für Verhandlungen mit dem Ministerium. Mit der Kirche. Bessere Lebensbedingungen für Ihr Heim, Schutz vor den Wesen des Untergrunds … Vielleicht sogar Anerkennung.“ Er ließ eine bedeutsame Pause folgen. „Anstelle von Inhaftierung oder Vertreibung, wie sie zurzeit vom Ministerium favorisiert wird. Also, was sagen Sie?“
Whiggs hatte während des kurzen Vortrags Dilbots keine Regung gezeigt. Nahezu unbeeindruckt von den einschmeichelnden Worten des Reporters wägte sie die Vor- und Nachteile einer solchen Entscheidung ab. Normalerweise hätte sie ein derartiges Vorhaben mit dem Duke besprochen, doch der überwachte momentan die Trockenlegung der Quexerbrutgründe in der verlassenen Arminton-Station.
“Wer weiß noch von dieser Route, die Sie offensichtlich hierher geführt hat? Sie haben sich gewiss eine Karte angefertigt, oder etwa nicht? Sie werden Sie mir umgehend aushändigen.”
“Jawohl, Miss Taversham.” Dilbot wühlte in seiner Umhängetasche, bis er das Stück Papier mit der groben Wegbeschreibung der Lederhaut gefunden hatte. “Hier ist sie. Ich versichere Ihnen, ich bin der einzige, der hiervon weiß und meine Lippen werden versiegelt bleiben. Bei meiner Ehre.”
Whiggs nahm die Karte und steckte sie, nachdem sie einen flüchtigen Blick darauf geworfen hatte, in die grüne Weste, die sie über einer dunkelgrauen, langärmeligen Bluse trug.
„Die Ehre eines Reporters? Sie belieben zu scherzen. Was haben Sie da in der Tasche?“
„Einen Plasmagraphen. Ich dachte den Artikel mit ein paar aussagekräftigen Bildern zu bereichern, wenn es Ihnen recht ist. Ein sehr teures Gerät, eigentlich noch überhaupt nicht zu kaufen. Aber ich habe da einen guten Bekannten in der Entwicklungsabteilung von Mikon Industries, der …“
„… Ihnen noch einen Gefallen schuldete. Richtig?“
„Äh ja. Das ist korrekt“, bestätige Dilbot.
Whiggs Lippen verzogen sich zu einem kaum sichtbaren Lächeln. Eigentlich mochte sie keine Reporter. Schon gar nicht so einen aufdringlichen Kerl wie den genau vor ihr. Selbst wenn er im Grunde genommen einen harmlosen Eindruck machte. Andererseits …
„In Ordnung, fragen Sie. Ich gebe Ihnen fünf Minuten. Sollte mir jedoch zu Ohren kommen, und das werde ich, dass Sie in ihrem Schmierblättchen Unwahrheiten über mich oder meine Leute verbreiten, dann werden Sie sich wünschen, niemals den Weg nach Lethe gefunden zu haben. Ist das bei Ihnen angekommen?“
„Selbstverständlich, Miss Taversham, selbstverständlich. Ich werde nur das wiedergeben, was Sie mir zutragen.“ Dilbot beeilte sich, mehrfach zustimmend zu nicken. Trotzdem zuckte es in seinen Fingern, die er hinter seinem Rücken verbarg und nur schwer davon abhalten konnte, sich über Kreuz zu legen.
„Und nennen Sie mich nicht andauernd Miss Taversham. Hier unten spricht man mich mit ehrenwerte Emanatin an.“
„Jawohl, ehrenwerte Emanatin.“
„Gut. Offensichtlich verstehen wir uns. Kommen Sie, wir gehen ein Stück. Dann können Sie sich vielleicht ein Bild davon machen, wie es in Lethe zugeht.“
Whiggs drehte sich um, ohne auf den Reporter zu warten und folgte einer schmalen Gasse, die sich in ein paar Metern Entfernung zu einem großen Platz verbreitete. Auch wenn die Kaverne eine nicht unerhebliche Ausprägung besaß, die gut und gerne mehreren tausend Menschen Unterschlupf bieten konnte, lag die Höhlendecke niedrig und an manchen Stellen beinahe in greifbarer Nähre. Schmucklose Häuser, vereinzelt zwei oder drei Stockwerke hoch, reihten sich an den Tunnelwänden entlang oder schmiegten sich an natürliche, steinerne Stützpfeiler, mit denen sie gemeinsam den Fels über ihren Köpfen zu tragen schienen.
Dilbot bemühte sich, den Anschluss nicht zu verpassen, während er im Gehen umständlich seinen Plasmagraphen aus der Ledertasche auspackte. Schließlich blitzte es sporadisch mit grünem Licht auf, als der Reporter einige Bilder von den Häusern Lethes machte. Nach jedem festgehaltenen Motiv zog er ein dünnes Stück Pappe aus dem Apparat und verstaute es sorgfältig in seiner Tasche. Es würde eine Weile dauern, bis darauf ein entsprechendes Abbild der Wirklichkeit erschien. Einen Schreibblock für Gesprächsnotizen benutzte Dilbot eigentlich nie. Sein Gedächtnis behielt sämtliche Einzelheiten fast wie von selbst, ohne dass er sich dafür irgendwie anstrengen musste.

Artikel als RSS-Feed
Kapitel als PDF