Archiv für Dezember 9th, 2009

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Dez

Die Nacht in Steamtown

   Posted by: Stephan    in Kurzgeschichten

„Schrecklich, nicht wahr?“ Sie beugte sich über seine Schulter, so dass sein Blick unweigerlich in ihren aufreizenden Ausschnitt fiel. Ihr Parfüm war billig und roch penetrant.
Er nickte.
Die aufgeschlagene Zeitung zeigte ein Bild des Leiters der Coleman Heilanstalt, der des Mordes an unzähligen Obdachlosen, Prostituierten und heimatlosen Einwanderern überführt worden war. “Der Schlächter von Steamtown” lautete die marktschreierische Schlagzeile.
„Sie sehen aus, als suchten Sie Gesellschaft. Darf ich mich zu Ihnen setzen? Auf einen Drink? Einen Sherry, wenn es Ihnen nichts ausmacht.“
Der Barmann brachte das Gewünschte. Und einen Chateau Rêve für den Herrn.
Sie schaute ihn von oben bis unten an. Die blonden, fast weißen Haare fielen in sanften Locken über seine Schultern. Die Fingernägel waren sorgfältig manikürt. So etwas sah man selten. Jedenfalls hier in diesen Etablissements. Seine stahlblauen, beinahe kalt wirkenden Augen musterten sie interessiert.
„Eine anständige Frau hat sich nachts ja kaum noch auf die Straßen getraut“, begann sie im Plauderton. „Sie glauben, dass ich keine anständige Frau bin?“ In gespielter Entrüstung stemmte sie die Hände in die Hüften und neigte keck den Kopf zur Seite. „Ich beweise Ihnen gern, wie anständig ich bin. Barmann, noch einen Drink für mich und diesen anständigen Herrn! Sie sind ganz gewiss einer, in Ihrem feinen Anzug und mit der teuren, plasmagetriebenen Taschenuhr. Sehr vornehm. Wie? Oh, keine Sorge, ich gehöre nicht zu diesen Menschen. Ich habe lediglich einen Blick für so etwas, weil mein Vater Uhrmacher in der Pinkton Street war. Er hatte sogar einen eigenen Laden. Ich kann also mit Fug und Recht behaupten, dass ich einmal eine feine Dame war.“ Sie lachte. Laut und ordinär. „Jedenfalls bevor das Plasma die mechanischen Uhrwerke beinahe überflüssig machte. Und dann kamen der Krieg auf dem Kontinent und die Rezession. Die haben das Geschäft meines Vaters endgültig ruiniert und ihn letztens Endes umgebracht. Als er starb, war er ein gebrochener Mann. Ganz wie in diesen romantischen Fortsetzungsgeschichten, die man für einen Penny in der Mall Street kaufen kann - Doch genug davon…“
Sie deutete erneut auf die Zeitung.
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