Mr. Ferret entstand am selben Tag, als wir beschlossen, Steamtown in die Realität umzusetzen.
Und zwar auf der Fahrt zur Buchmesse nach Leipzig.
Man könnte also sagen, dass sein Geburtstag der 14.03.2009 um ca. 11.00 Uhr war.
Was schon mal falsch ist, denn Mr. Ferret war von Anfang an eine Totgeburt.
Als Stephan und ich uns gegenseitig erzählten, was für eine Figur wir “spielen” würden …
Okay, ein Einschub zur Erklärung:
Intern haben wir drei eigentlich von Anfang an Rollenspieltermini verwendet. Jeder von uns “spielte” einen “Charakter” und die einzelnen Abschnitte der Kapitel wurden grundsätzlich mal als “Zug” bezeichnet. Letzteres vermutlich ein Überbleibsel aus den Tagen der Postspiele, an denen Stephan und ich in pre-Internet-Zeiten teilgenommen haben. Carsten als Tabletop-Spieler kann damit natürlich auch etwas anfangen.
Jedenfalls: Als wir uns gegenseitig erklärten, was wir uns jeweils als Protagonisten gedacht hatten, kristallisierte sich schnell das Schema “The Good, the Bad and the Ugly” heraus.
The Ugly - das war in diesem Fall mein Part.
***
Zu diesem Zeitpunkt wusste ich lediglich, dass ich einen Zombie wollte.
Ich hatte gerade “World War Z” von Max Brooks gelesen und war auf den Geschmack gekommen.
Allerdings war mir nicht nach einem sabbernden, schlurfenden Untoten sondern eher nach einer traurigen Gestalt - einem Mann, der (aus undefinierten Gründen) einfach nicht liegen bleiben konnte. Allerdings einer ohne Mission.
Das war einer der Eckpunkte bei Mr. Ferrets Erschaffung: Ich wollte eine Figur, die definitiv nicht die Richtung der Geschichte vorgibt.
Jemanden, der reagiert, statt agiert, der Anordnungen folgt und sich eher treiben lässt, wenn die Situation nicht gerade unbedingt etwas anderes erfordert.
Jemanden, der keine Entscheidungen trifft. Für diese Rolle hatten wir nämlich Eric auserkoren.
Diese eher passive Einstellung ergab sich schon aus seiner Eigenschaft als Zombie, die ja in ihrer ursprünglichen, haitianischen Variante auch eher Automaten und Werkzeuge sind.
“Automat und Werkzeug” wurden dann die nächsten Merkmale der Figur.
Neben seiner automatenhaften Gleichgültigkeit sollte er tatsächlich als Werkzeug behandelt werden. Weshalb er auch keine Personalnummer sondern lediglich eine Dienstnummer erhielt, die ihn als “Einheit 682-423877-32-06″ archiviert.
Das waren alle Gedanken, die ich mir zu seiner Vorgeschichte gemacht hatte.
Als nächstes kam die “Drei-Merkmale-Regel”, die ich für alle meine Rollenspiel-NSC, also die Statisten angewöhnt habe und die ich gern auch für Nebenfiguren beim Schreiben verwende.
Mr. Ferrets Merkmale waren:
-hager und ausgezehrt (da reichlich ausgetrocknet)
-schwarze Glasaugen (er ist ein Untoter - und die Augen vertrocknen zuerst und werden unbrauchbar. Also benötigt er einen Ersatz)
-ebenmäßige, weiße Kunstzähne (das Zahnfleisch vertrocknet, also fallen die echten Zähne aus)
Das Ergebnis war also ein dünner, spitzgesichtiger Mann (eben “Der dünne Mann”) mit vorstehenden Zähnen und schwarzen Knopfaugen.
Der Spitzname “Ferret” drängte sich also geradezu auf (zusammen mit einer Vision von Steve Buscemi aus ConAir. Fragt nicht…).
Und aus irgendeinem Grund fand ich es amüsant, dass der tote Mann ein heimliches Faible für die Schmonzetten-Romane einer gewissen Lady Florence Hollingsworth hegt. Davon übrig geblieben sind seine gelegentlichen, inneren Monologe, wenn er unter Anspannung steht.
Diese Idee war auch der Ansatz dazu, dass Mr. Ferret vielleicht nicht ganz der willenlose Automat sein könnte, für den ihn seine Vorgesetzten halten.
Was er mir dann auch eindrucksvoll bewiesen hat, indem er bemerkenswert schnell eine Neigung zu Sarkasmus und verblüffend tiefsinnigen Einsichten entwickelt hat - und einen leichten Hang zu kleinkriminellen Nebenbeschäftigungen nach Dienstschluss.
Und mit der Tatsache, dass er das “Mr.” quasi als seinen Vornamen adoptierte, weil ich ihm ja keinen gegeben hatte.
Plötzlich trug er den eigentlich abwertenden Spitznamen mit Stolz.
Als nächstes stieß er mich auf das Problem, wie seine übermenschliche Kraft zu erklären sein könnte, die er in der ersten Tunnelszene zeigte.
Tatsächlich ist seine Kraft nicht wirklich übermenschlich, sondern - da untot - lediglich nicht durch natürliche Schmerzgrenzen eingeschränkt. Er kann also seine Muskeln wesentlich weiter strapazieren, als ein lebender Mensch. Um sich damit allerdings nicht selbst die Knochen zu brechen, musste ich ihm diese durch Metall ersetzen. Auf diese Weise kam er dann zu seinen Messing-Modifikationen (sein Messing-Hinterkopf ist eine andere Sache. Die gehört aber nicht hierher).
Und mit der Überlegung, warum jemand einen Zombie mit Messingknochen ausrüsten und damit eine Art untoten Steampunk-Wolverine erschaffen sollte, kam die Idee, dass er eines der ersten, ausgemusterten Modelle einer langen Versuchsreihe zur Schaffung von willenlosen Kampfmaschinen gewesen sein dürfte. Ein veraltetes Modell, bei dem auch das mit dem “willenlos” noch nicht so recht funktioniert hatte.
Wohin dieser Gedanke schließlich geführt hat, sieht man ja im Lauf der Geschichte.
Wie gesagt, dieser Punkt tauchte erst auf, als unsere drei Helden schon durch die Kanalisation wateten.
Die nächste Frage, die ich mir stellen durfte, war: Was zum Teufel treibt ihn eigentlich an?
Die Gier nach Hirn war zu diesem Zeitpunkt schon mal ausgeschlossen - auch wenn er als Pathologe ein gewisses Faible für die wabbeligen Graubrötchen in den Köpfen anderer Leute hatte.
Auf die Lösung brachte uns schließlich Pater Grand, als Mr. Ferret vorübergehend außer Betrieb war: Der Wiedergänger hat in seinem Brustkorb eine Plasmabatterie, genauer: eine Pumpe mit hochenergetisiertem Plasma, das ihm als Energielieferant dient.
Was eine elegante Lösung war, da wir das Plasma zum einen bereits als universale Energiequelle für Steamtown definiert hatten.
Außerdem war das Plasma bereits als flüssiger, destillierter Æther definiert, hat eine unwiderstehliche Nähe zum Wort “Ektoplasma” - und ist herrlich grün. Was sich nicht nur in dramatisch beleuchteten Reagenzgläsern und Laborkolben gut macht, sondern auch, wenn es aus den Wunden von Untoten rinnt. Zudem ist eine so spezielle Energiequelle für seinen Arbeitgeber eine gute Methode, ihn unter Kontrolle zu halten. Bei Bedarf kann man ihm schließlich einfach den Nachschub verweigern. Was wiederum den Kreis zu seinen kriminellen Aktivitäten schließt, weil er auf diese Weise vielleicht die Chance hätte, an alternative Quellen zu kommen. Stichwort: SMAP.
Gekauft.
Auch seine weiteren Eigenheiten entwickelte Mr. Ferret dann von allein.
Mit der Erkenntnis, dass er Höhenangst hat, hat er mich tatsächlich überrascht.
Aber im Nachhinein ist das wohl logisch: Er wiegt durch das ganze Metall in seinem Körper ziemlich viel. Gleichzeitig ist er zwar schmerzfrei und unsterblich (weil bereits tot) - aber das könnte sich genau dann als wesentlicher Nachteil herausstellen, wenn er dank seines Gewichtes irgendwo abstürzt und als Haufen verbogener Messingschrott und zerquetschtes Fleisch liegen bleibt. Bei Bewusstsein.
Insgesamt stellte sich heraus, dass er eher zu Vorsicht und Zurückhaltung neigt. Verständlich, wenn man bedenkt, dass er mit seinem Körper noch auf unbestimmte Zeit auskommen muss.
Daraus resultiert auch seine eher unterwürfige Art und der Hang dazu, zu oft das Wort “Sir” zu gebrauchen.
Selbst wenn diese Unterwürfigkeit ein gelegentliches Aufblitzen seiner zynischen Ader nicht ganz überdecken kann. Für die meisten seiner uncharakteristisch aufmüpfigen Sätze kann ich dementsprechend nichts. Die stammen von ihm.
Auch mit dem Merkmal, das inzwischen als sein Markenzeichen gehandelt wird, kam er von allein.
Eigentlich war meine Überlegung, dass er, im Gegensatz zu Lebenden, keinen Lidschlag benötigt. Immerhin hat er Glasaugen, die auch ohne Befeuchtung hervorragend funktionieren. Und er hat keine Feuchtigkeit im Auge, die seine Lider verteilen könnten. Also sollte er eigentlich überhaupt nicht blinzeln.
Damit fing er von selbst an. Inzwischen ist mir klar, dass das ein übrig gebliebener Reflex ist, der immer dann auftritt, wenn ihn etwas tatsächlich einmal überrascht, verwirrt oder erbost. Was bei einem hormonlosen Untoten ziemlich schwer ist.
Seltsam, wie sich solche Kleinigkeiten festsetzen, während eigentlich geplante Merkmale in den Hintergrund treten.
Mehrere Eigenheiten, die ich mir zwischendurch ausgedacht hatte, hat schlicht nicht angenommen. So war eine Überlegung gewesen, dass er keinerlei Behaarung mehr hat - eine Folge seines untoten Zustandes. Außerdem sollte er keinerlei Geruchssinn haben. Schlicht, weil seine Schleimhäute komplett vertrocknet sind.
Der Kerl hat diese Ideen einfach ignoriert, so dass sie nie wirklich zum Tragen kamen.
Insgesamt kann ich feststellen, dass meine bislang am schlampigsten entwickelte, innerhalb von 5 Minuten entworfene Figur zu einem, für mich überraschend, vielschichtigen Charakter gereift ist. Im Gegensatz zu wesentlich ausgefeilteren Figuren hat er ein bemerkenswertes Eigenleben entwickelt und sicher nicht seinen letzten Auftritt gehabt.
Ich fürchte, zur Not wird er mich dazu zwingen.
Vielleicht, indem er auf der anderen Seite meines Schreibtisches herumlungert und mich aus schwarzen Nagetieraugen anstarrt.
Und dann blinzelt.
Einmal.
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