Was schreibt man über jemanden, den man eigentlich nur für kurze Zeit kannte und dessen Innenleben sicher hinter Schloss und Riegel verborgen lag? Vordergründig arrogant wie ignorant, stets auf seinen eigenen Vorteil bedacht und mit einer Vergangenheit gesegnet, die man nicht einmal seinem ärgsten Feind wünscht? Jemanden wie Pater Siberius Grand …?

Als wir bei den ersten Planungen zu Steamtown über die Protagonisten sprachen, ahnte ich noch nicht wirklich, mit was für einer Sorte Mensch ich die nächsten Wochen zu verbringen gedachte. Ein Pater sollte es werden, keine Frage, und damit das absolute Gegenstück zu der Figur des engagierten, jungen Agenten und dessen willfährigen Werkzeug, dem Wiedergänger Mr. Ferret.
Ein Pater - als Vertreter einer zu dem Zeitpunkt noch gestaltlosen Kirche, deren Regeln oder Prinzipien mir völlig unbekannt waren (bis auf den Umstand, dass sie Plasmierte als widernatürliche Kreaturen in die tiefsten Höllen verdammte), die jedoch zweifellos das gesellschaftliche Leben der Stadt Steamtown in irgendeiner Weise mitbestimmen sollte.

Allerdings stand mir dabei nicht der übliche Ordinatsträger vor Augen. Kein belesener und bebrillter Priester, dem die Hörigkeit zum Erzbischof auf die Stirn geschrieben stand und der unbedarft, im Glauben gleichwohl unerschüttert, in eine Verschwörung tapert. Auch nicht dessen Pendant, einen womöglich hasserfüllten oder fanatischen Inquisitortypen, dem sein fast schon stereotypisches, körperliches Handicap einer längst vergangenen Ungerechtigkeit zu schaffen macht.
Es sollte jemand besonderes sein, einer, der mit außergewöhnlichen Talenten von sich reden macht, der die Herzen der Leser aufgrund seiner sympathischen Art für sich einnimmt. Ein echter Pfundskerl halt.

Stattdessen kam Pater Grand…

Sib, wie ihn die wenigen seiner Bekannten oder Freunde (Hatte er überhaupt welche? Ich bin mir nicht wirklich sicher) nannten, war ein heruntergekommener Penner wie er im Buche stand (Was er dann ja auch tatsächlich geschafft hat, also ins Buch zu kommen). Und genauso sah er auch aus, als er das erste Mal durch meine Tür trat.
Ungepflegte Erscheinung, das Gewand und den weißen Kragen der Geistlichkeit speckig und verdreckt, tiefe, dunkle Augenringe und einen derart unwirschen Blick, der sogar das störrischste Maultier der bekannten Welt zurückweichen lassen würde. Meine offen ausgestreckte Autorenhand schlug er wie selbstverständlich aus und spuckte stattdessen geräuschvoll auf den Fußboden.
In diesem Moment wurde mir eines überdeutlich bewusst: Pater Grand hatte Probleme … und zwar eine Menge! Und ich jetzt auch, da ich ihn unweigerlich am Hals hatte.

Trotz allem kamen wir schnell zu einer beidseitig tolerierbaren Vereinbarung. Er sprach nicht mit mir über seine Angelegenheiten und im Gegenzug redete ich ihm nicht in irgendetwas hinein. Keine besonders gute Basis für einen Autoren, zugegeben, aber es war die einzige Option, die er mir anbot.
Da keine weiteren Kandidaten zur Verfügung standen, musste ich wohl oder übel darauf eingehen. Wenn ich damals etwas mehr Beharrlichkeit gezeigt hätte, sein unrühmlicher Abgang wäre vielleicht zu verhindern gewesen. Nun, es sollte wohl nicht sein. So besah ich mir dann, nahezu handlungsunfähig zum bloßen Zuschauer degradiert, die letzten Tage dieses Mannes.

Ich habe mir viele Gedanken gemacht, später, als es zu Ende ging. Mehr sogar noch, als ich in Hamburg der Trauerfeier für ein noch größeres Arschloch beiwohnte (dem Auftragskiller Steven Caine, aus dem Hause Lausch). Eigentlich hatte ich es gar nicht so schlecht getroffen, mit ihm, meinem Pater. Grands harte Schale, versehen mit miesen Ansichten, unflätigen Ausrücken und Niederträchtigkeiten gegenüber seinen Mitmenschen, verbarg einen Kern aus unzähligen Problem, uralten Verletzungen und einem Fünkchen Ehrgefühl. Mir war es tatsächlich vergönnt, ab und an einen Blick durch die seltenen, winzigen Risse in seinem Gefühlspanzer zu erhaschen. Aber nur dann, wenn er es selbst nicht bemerkte. Was ich sah, spottete jeder Beschreibung, daher verzichte ich hier auf tiefgründige Beschreibungen.

Irgendwie ist es schade, dass mir nicht mehr Zeit mit ihm vergönnt war. Womöglich hätte er sich mir irgendwann geöffnet. Vielleicht hätte ich ihm sogar einen guten Therapeuten empfehlen können. Wer weiß.
Es ist nicht leicht, einen Protagonisten zu verlieren. Selbst einen Pater Grand nicht.
Das ist es wohl nie. Als Autor sollte man sich zwangsläufig daran gewöhnen. Oder etwa nicht?
Die Zeit wird diese Wunde heilen und die Lücke schließen, die er hinterließ. Irgendwann. So oder so. Sib, du wirst mir fehlen. Mit all deinen Fehlern und Macken, deiner Unausstehlichkeit und deinem Heldenmut. Auch wenn man wohl nie alle deine Überreste finden wird.

Ruhe in dem Frieden, der dir zu Lebzeiten nicht vergönnt war!

In stiller Trauer,
dein Wegbegleiter.

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Dieser Eintrag wurde geschrieben am Dienstag, Dezember 1st, 2009 um 20:45 in der Kategorie Werkstatt. Reaktionen zu diesem Eintrag können Sie mit dem RSS 2.0 Feed verfolgen. Die Kommentare für diese Seite sind geschlossen.

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