Die drei Eindringlinge beobachteten das Geschehen aus der Deckung eines abgetrennten Lagerbereichs. Hier hinten im Halbdunkel türmten sich unzählige Kisten bis fast unter die Decke des riesigen Kellerraumes. Sie hatten Sartorius im weit verzweigten Labyrinth der Keller unter dem Coleman Asylum nicht finden können. Stattdessen waren sie auf das hier gestoßen.
„Schaut, dort drüben“, flüsterte Whiggs und deutete auf eine Gruppe Wissenschaftler, die sich um eine geschäftig tuckernde Apparatur herum versammelt hatten, deren schwengelartige Arme aus Metall abwechselnd nach oben und nach unten fuhren. „Ich glaube, sie pumpen das Wasser aus diesen Dingern!“
Der Anblick der in ihren aus Kupfer, Bronze und dickem Glas gefertigten Gefängnissen schwimmenden Widergänger hatte beinahe etwas Friedfertiges an sich. Es schien, als würden sie schlafen.
Doch als ihnen die Flüssigkeit nur noch bis zu den Schultern reichte, öffneten sie die Augen. Einer nach dem anderen.
“Das ist kein Wasser, Miss.” Mr. Ferrets Stimme klang wie das Rascheln trockener Blätter in der Dunkelheit. “Diese Zylinder sind mit Plasma gefüllt, Miss. Schmeckt scheußlich.” Es war in der Finsternis nicht genau zu erkennen, aber es schien, als erschauere der Wiedergänger. “Dieses Zeug ernährt sie und macht sie schläfrig. Aber wenn es weg ist, werden sie bald aufwachen.”
„Warum zerschießen wir die Pumpe nicht einfach?“ schlug Whiggs vor.
„Das wird sie bremsen“, erwiderte Eric, „aber nicht aufhalten. Wahrscheinlich haben sie noch etliche Ersatzpumpen auf Lager. Außerdem sehen die Dinger ziemlich stabil aus. Wenn wir sie nicht mit dem ersten Treffer zerstören, werden wir keine zweite Chance mehr bekommen. Die Wachen werden uns die Hölle heiß machen.“
“Wenn das Plasma in diesen Tanks ist, dann könnte ein Treffer mit Ihrer Hoegle vielleicht…”
“Nein, Miss.” Mr. Ferret schüttelte bedauernd den Kopf. “Dafür ist es nicht konzentriert genug. Es würde nicht einmal brennen.”
Eric musterte den Wiedergänger. Dann fiel sein Blick auf dessen neuerworbene Waffe. “Vielleicht…”
Mr. Ferret folgte seinem Blick. “Nein. Wir wissen nicht genau, was sie tut. Wir sollten sie wirklich für einen Notfall aufsparen.”
Eric hob eine Augenbraue und ein dünnes Lächeln schlich sich auf sein Gesicht. “Sie wollen es erst in einem Notfall herausfinden?”
“Sir, ich meine…”
“Schon in Ordnung, Mr. Ferret. Wir werden einen anderen Weg finden.”
Die drei verfielen wieder in grübelndes Schweigen.
“Was Sie vorhin mit diesem Wachmann gemacht haben, Mr. Ferret”, wisperte Eric nach einigen Momenten, “das war…”
“Es war das einzig Sinnvolle, Sir.”
“Schon. Aber es war… ungewöhnlich. Woher wussten Sie dass das funktionieren würde?”
“Sir, ich habe selbst als Wachmann gearbeitet. Die Bezahlung ist nicht so gut, wie man eigentlich annehmen sollte. Und wenn man vorher zusammengeschlagen wurde, dann braucht es nicht mehr allzu viel Motivation, um zur Kooperation überredet zu werden, Sir.”
“Wenn Sie es sagen, Mr. Ferret.” Eric schüttelte den Kopf und starrte hinüber, wo die drei Dutzend Tanks bereits zu einem Drittel leer gelaufen waren. “Aber… das müssen beinahe zwei Monatsgehälter gewesen sein!”
Der Plasmierte zuckte mit der Schulter. “Ich habe keine hohen Lebenshaltungskosten, Sir.”
Whiggs kicherte.
“In Ordnung.” Der junge Agent schaute sich nachdenklich um. Seine Finger klopften nervös auf dem Holz der Kisten herum, hinter denen sie sich verborgen hielten.
Zufällig fiel sein Blick auf die Buchstaben, die mit groben Kohlestrichen auf die Deckel der Behälter geschrieben waren. Das Klopfen hörte auf.
„Die Pumpe, die das Plasma aus den Tanks saugt, sieht aus wie ein einfacher Volbert-Heber. Das heißt, sie funktioniert in beide Richtungen, richtig? Wenn es uns gelingen würde, an sie heranzukommen, könnten wir den Prozess vielleicht umkehren.“
„Das wird sie bremsen“, erwiderte Mr. Ferret, „aber nicht aufhalten, Sir. Ihre Worte.“
Eric lächelte. „Erinnern Sie sich noch an unser Intermezzo mit dem Widergänger auf dem Dach des Asylums?“ Seine Hand tätschelte liebevoll das Holz der Kiste.
Mr. Ferrets Blick folgte der Bewegung und blinzelte. Einmal.
„Wir müssen nur noch irgendwie dafür sorgen, dass die Wissenschaftler und ihre Kettenhunde uns nicht im Weg stehen.“
Mr. Ferret nickte. „Ich denke, das kann ich arrangieren, Sir. Ich habe ein Händchen für so etwas. Vertrauen Sie mir.“
Eric wandte sich an Whiggs. „Würden Sie im richtigen Augenblick wieder für die nötige Dunkelheit sorgen, damit wir uns ungestört an die Arbeit machen können?“
Die Emanatin schaute von einem zum anderen. „Ich weiß zwar beim besten Willen nicht, was Sie vorhaben, aber ich werde mein Bestes tun.“
“Ich bin mir sicher, das werden Sie, Whiggs.” Eric lächelte kurz. Dann nickte er Mr. Ferret zu. “Also gut. Bei der Rate der Pumpen benötige ich mindestens zehn Minuten, wenn das funktionieren soll. Und wir sollten gleich anfangen.” Ein schneller Seitenblick sagte ihm, dass die Glastanks bereits zur Hälfte geleert waren. “Wenn die erst raus kommen, haben wir keinerlei Chance mehr, sie zu stoppen! Whiggs, machen Sie sich bereit. Mr. Ferret wird Ihnen sagen, wenn es Zeit ist.”
Der junge Agent atmete tief durch, wuchtete sich die ganz offensichtlich schwere Kiste auf die Schulter und verschwand in der Düsternis der Lagerhalle.
Einige lange Augenblicke sahen Wiedergänger und Frau schweigend zu, wie die grünliche Flüssigkeit weiter aus den beleuchteten Tanks lief und eine Handvoll Wissenschaftler geschäftig zwischen ihnen auf und ab eilte, Anzeigen und Skalen ablas und Dinge notierte.
“Miss Taversham”, flüsterte Mr. Ferret schließlich, “als ich sagte, ich hätte ein Händchen dafür, war das nur halb richtig.”
Alarmiert sah Whiggs ihn an.
Der Wiedergänger hob mit der Linken seinen schlaffen, rechten Arm und ließ ihn wieder fallen. “Ich könnte noch eine helfende Hand gebrauchen.”
Whiggs schluckte. “Was soll ich tun?”
Mr. Ferret streckte ihr den gesunden Arm entgegen. “Zuerst müssen Sie meine Manschette öffnen, Miss.”
Tags: Eric, Miss Taversham, Mr. Ferret, Van Valen, Whiggs, Wiedergänger

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