Whiggs folgte den beiden Männern vorsichtig durch einen Gang von ungetüm wirkenden Maschinen. Manche von ihnen waren gut drei, vier Meter hoch, andere dagegen eher flach und mehrere Schritte lang. Unzählige Rohre und Leitung führten von allen Seiten heran, aus dem Halbdunkel des Hintergrunds, der beinahe nachtschwarzen Decke oder direkt aus dem Fußboden heraus. Vereinzelte kubische Behälter direkt daneben pumpten mit leisem Rauschen und Zischen verschiedenfarbige Flüssigkeiten durch Glaskolben und Röhren in geriffelte Schläuche, die wiederum in kleinen runden Öffnungen der Apparaturen verschwanden. Schwach beleuchtete Anzeigengläser zeigten hektisch zitternde Nadeln, die auf ihr unbekannte Zahlenwerte deuteten. Sie konnte die summende Energie, die hier benutzt wurde, förmlich schmecken. Und dieser Geschmack hinterließ einen abstoßend metallischen Film auf der Zunge. Was war das nur für ein Raum? Und was stellte man mit diesen Gerätschaften an?
Beinahe fühlte sie sich in einen literarischen Klassiker von Thomas Moreaus versetzt, “Technomatopia”, der von einer von grausamen Maschinen beherrschten Gesellschaft erzählte. Sie hatte diese Geschichte als Kind geliebt … und zugleich gehasst, für die unbändige Angst, die sie ihr eingeflößt hatte. Hier sah es fast genau so aus, wie sie es sich damals in ihrer kindlichen Fantasie ausgemalt hatte. Ein unangenehm eisiger Schauer kroch ihr über den Nacken.
Vor ihr bogen die beiden Männer um eine Ecke und verließen ihr Sichtfeld. Es hatte nicht viel gefehlt, dass sie durch die Ablenkung den Anschluss verloren hätte. Konzentrier dich gefälligst, herrschte sie sich selbst in Gedanken an. Oder willst du hier in diesem unübersichtlichen Labyrinth umher irren, bis dich einer der Wahnsinnigen findet?
Sie raffte den bauschigen Rock, der sich mit seiner starren Krinoline für eine unauffällige Verfolgung als äußerst unpraktisch erwiesen hatte, mit beiden Armen zusammen. So leise wie möglich hastete sie bis zu der Stelle vor, wo der Wissenschaftler und sein Begleiter die Richtung gewechselt hatten. Vorsichtig lugte sie um die Ecke eines klobigen, grauen und mannshohen Kasten herum, der mit diversen Hebeln und Schaltern versehen war. Vor ihr öffnete sich ein kurzer, schmuckloser Gang mit einer einzelnen Tür. Die Männer öffneten sie und betraten den Raum dahinter. Whiggs hastete schnell hinterher und hielt die Tür fest, bevor sie zurück ins Schloss fallen konnte. Nach einigen Sekunden, in denen die Schritte der anderen beinahe verklungen waren, öffnete sie vorsichtig die Tür, lugte in den Raum und schlüpfte dann ebenfalls hinein.
Sofort umfing sie klirrende Eiseskälte, so wie sie in dunklen Winternächten vorherrschte, wenn der Wind still und die Sterne leuchtend am Himmel standen. Ihr Atem formte kleine Dunstwolken vor ihrem Gesicht. Die Emanatin ertappte sich beim inbrünstigen Gedanken an einen dicken Wintermantel. Warum in aller Welt gab es in einem Asylum eine Kältekammer diesen Ausmaßes?
Die Antwort auf ihre Frage eröffnete sich ihr fast noch im selben Moment. Vor ihr, in dem mit vereinzelten Trennwänden unterteilten Raum, standen mehrere Reihen Metalltische. Und auf diesen lagen Dutzende, unter Tücher begrabene, unförmige Körper aufgebahrt. Leichen. Das mussten Leichen sein. So unglaublich viele. Das war auf keinen Fall ein legales oder vom Ministerium abgesegnetes Vorgehen. Konnte es definitiv nicht sein! Ein kaltes Entsetzen beschlich sie. Zögernd hob sie einen Zipfel des Tuches vom Tisch direkt neben ihr … und prallte keuchend zurück.
Sie hatte direkt in die aufgerissenen, starren Augen einer toten Frau geblickt, der man sorgfältig und umfassend die Schädeldecke entfernt hatte. Sie brauchte die jetzt fehlenden, braunen Haare nicht zu sehen, um die Tote zu erkennen. Agatha war kurz vor ihrem Aufbruch zur Oberfläche von einem Patrouillengang nicht zurückgekehrt. Ihre Leiche war nie gefunden worden. Wie jene so vieler anderer.
Mit einem Mal wurde Whiggs klar, warum in den letzten Wochen und Monaten immer wieder Menschen spurlos aus Lethe verschwunden waren. Und wohin. Der Duke und mit ihm die meisten Bewohner ihrer Gemeinschaft waren stets davon ausgegangen, dass die aggressiven Quexer die Schuld dafür zu tragen hatten. Doch dies hier… Sie hob ein anderes Tuch und blickte in ein weiteres, bekanntes Gesicht, auf dessen Augäpfeln winzige Eisblumen blühten. Dienten die Quexer am Ende nur der Ablenkung? Gab es eine andere, noch viel erschreckendere Erklärung für das Verschwinden so vieler Einwohner? Konnte es tatsächlich sein, dass irgend jemand die Reihen der Tunnler als willkommene Quelle für namenlose Körper missbraucht hatte? So viele Kinder waren verschwunden… Schlagartig wurde ihr übel. Nur mühsam bekämpfte Whiggs den aufkommenden Würgereiz. Sie zwang sich zu einigen tiefen Atemzügen. Dann eilte sie den beiden Männern hinterher, ohne sich noch einmal umzusehen.
Der nächste Raum war deutlich wärmer als die Kühlkammer, obwohl auch hier eine niedrige Temperatur vorgehalten wurde. Direkt in der Nähe des Eingangs reihten sich Regale, gefüllt mit Kisten, Gläsern und medizinischen Gerätschaften aneinander und boten ihr gute Deckung. Vorsichtig schlich sie weiter, bis sich der Raum öffnete und den Blick auf mehrere Metalltische freigab. Die beiden Männer hielten direkt auf den einzigen davon zu, über dem eine einsame Hängelampe in gleißendem Licht strahlte. Dort wurden sie von einer dritten Person, einem hageren Mann in weißem Kittel und stahlgrauen Haaren, knapp und mit befehlsgewohnter Stimme begrüßt. Der Grauhaarige wandte sich sofort wieder dem Tisch vor sich zu.
„Wunderbar. Da unsere kleine Gesellschaft ja nun endlich komplett ist, können wir jetzt vielleicht anfangen”, die klare, kühle Stimme trug deutlich bis zum Versteck der jungen Frau. “Ich hoffe, dass Sie, bis wir hier fertig sind, eine gute Erklärung für Ihr verspätetes Auftauchen haben, Gernstet. Ich dulde derartige Säumigkeiten nicht.“ Er griff nach einem blitzenden Instrument.
Der Wissenschaftler zuckte, als sei er geschlagen worden. Dann nahm er mit wortlosem Nicken seinen Platz neben dem Operationstisch ein.
Denn das war es, was Whiggs vor sich sah: Ein speziell für medizinische Behandlungen ausgerüsteter Tisch, auf dem ein Körper festgeschnallt war. Ohne Zweifel ein menschlicher Körper. Was ging hier vor?
Der Mann, offensichtlich einer der Ärzte des Asylums, betätigte einen Hebel seitlich neben dem Operationstisch und das längliche, silbern glänzende Werkzeug begann ein surrendes Geräusch von sich zu geben. Langsam näherte der Arzt das Gerät dem Gesicht des Patienten. Der Wachmann stand hämisch grinsend daneben, während Gernstet, der Wissenschaftler mit den Spuren von Hesiodplasma auf dem Kittel, in eifriger Beflissenheit Tupfer, Messer und Knochensägen bereit legte.
„Da Sie ja ein offensichtlich ungebrochenes Interesse an meinen Unternehmungen gezeigt haben, gehe ich davon aus, dass Sie auch weiterhin jede Einzelheit verfolgen wollen. Daher verzichten wir in gegenseitigem Einverständnis auf eine Betäubung, mein Freund.“ Er bedeutete dem Wachmann, auf der anderen Seite des Tisches Aufstellung zu nehmen. “Halten Sie gut fest”, wies er den Mann an, “Wir möchten doch nicht, dass sich unser Patient verletzt. Also gut, Mr. Van Valen. Bereit? Das wird jetzt ein kleines Bisschen weh tun.”
Van Valen? Whiggs erschrak. Sie musste etwas unternehmen. Jetzt! Sonst würde dieser Metzger noch etwas Schlimmes mit Eric anstellen. Sie konnte sehen, wie sich der Agent auf dem Operationstisch vergeblich dem Zugriff des Arztes zu entwinden suchte. Dicke Lederbänder fixierten ihn jedoch auf der metallischen Platte, so dass er keine Chance auf Befreiung hatte. Ohne zu zögern stand die Emanatin auf, trat aus ihrem Versteck hervor und richtete die Hoegle auf die drei Männer.
„Sofort aufhören!“
Der Wachmann reagierte schneller, als Whiggs es erwartet hatte. Er warf nur einen kurzen Blick auf die junge, bewaffnete Frau. Dann fing er sich, riss seine eigene Waffe aus dem Holster und feuerte aus der selben Bewegung heraus mehrere Schuss in Whiggs’ Richtung. Gläserne Boiler und Kisten explodierten über ihr. Whiggs zog den Kopf ein, ohne einen einzigen Schuss abgegeben zu haben und wirbelte schnell zurück hinter das Regal. Splitter aus Glas und Holz regneten auf sie herab und zwangen sie noch tiefer in Deckung. Den Beschuss mit gleicher Münze zu beantworten wagte sie nicht, aus Angst, ein schlecht gezielter Schuss mit der explosiven Munition könnte Eric treffen. Irgendwo begann eine Alarmglocke zu schrillen.
Whiggs wagte einen Blick durch einen Spalt im Regal und entdeckte den Wissenschaftler, der geduckt hinter einer Säule kauerte und wiederholt an einem Hebel riss. Das war nicht gut. Schon kündigten schnelle Schritte die Ankunft weiterer Männer an. Dann wurde eine Tür aufgestoßen und mehrere bullige Kerle in der Kluft von Pflegern oder Wachmännern stürmten in den Raum. Pfleger und Wachmänner, verbesserte sich Whiggs grimmig. Die eine Sorte schwang bösartig aussehende, schwarze Knüppel , während zwei andere gleichfalls Schusswaffen zogen und ihr Versteck mit Schüssen eindeckten.
Whiggs fluchte. Sie saß in der Klemme.
Anstatt Eric zu retten, hatte sie alles nur noch schlimmer gemacht.
Ein Schuss verfehlte sie um Haaresbreite. Das Projektil zerspritzte neben ihrer Wange und überschüttete sie mit Glassplittern und Plasma. Der körperliche Schock der Spritzer ließ sie laut aufschluchzen. Der Verzweiflung nah tat sie das einzige, was ihr in diesem Moment einfiel. Sie kroch tiefer in die Deckung der Regale zurück, schloss die Augen und griff mit aller ihr zur Verfügung stehenden Macht nach den unsichtbaren Strömen des Plasmas.
In einem mehrfachen Funkenregen explodierten die Plasmalampen an der Decke und hüllten den Raum in tiefe Dunkelheit.
Tags: Coleman-Asylum, Dr. Sartorius, Eric Van Valen, Gernstet, Whiggs

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