Eric ließ seinen Blick durch den Raum schweifen.
Die meisten Tische und Arbeitsplätze lagen im Halbdunkel. Auf der gegenüberliegenden Seite des Labors jedoch brannten einige Plasmalampen an der Decke und spiegelten sich im Schein von auf Hochglanz polierten Tischen - und Instrumenten. Besonders der Anblick letzterer verursachte bei Eric ein unangenehmes Gefühl der Enge im Hals. Er schluckte. “Was…”
“Bitte, Sir”, unterbrach ihn Mr. Ferret leise, “fragen Sie nicht so etwas Abgedroschenes wie ‘Was haben Sie vor?’, Sir. Und ergänzen Sie es nicht mit ‘Sie sind ja wahnsinnig, Sartorius!’ Die Antworten darauf sind offensichtlich und werden ihn nur zum diabolischen Kichern verleiten, Sir.”
Der Arzt warf dem dünnen Mann einen undeutbaren Blick zu.
Dann lächelte er humorlos. “Ich würde Ihren Versuch des Sarkasmus beinahe als gelungen bezeichnen, Ferret, wüsste ich nicht genau, dass ein Leichnam wie Sie nicht wirklich zu so etwas Subtilem fähig ist.” Er wandte sich an Eric. “Ihr Werkzeug hat allerdings in einem recht, Mr. Van Valen. Die Antwort dürfte offensichtlich sein.”
“Das ist sie”, stimmte Eric düster fest. “Besonders jene auf die zweite Frage. Damit…”
“Und bitte, Mr. Van Valen: Tun Sie uns allen den Gefallen und sagen Sie auch nichts wie ‘Sie wissen ja nicht, mit wem Sie es zu tun haben!’ oder ‘Das wagen Sie nicht!’ Ersparen Sie uns diese langweiligen Plattitüden einfach. Denn ich werde es. Genauer gesagt, ich habe es bereits. Mehrfach. Was Sie allerdings nicht mehr kümmern muss. Also gut, verschwenden wir keine Zeit.” Auf einen Wink des Doktors hin ergriff einer der Plasmierten den Agenten und warf ihn, bevor er auch nur eine Chance hatte, zu reagieren, auf den nächsten der Seziertische. Ohne sich um die Gegenwehr des jungen Mannes zu kümmern, presste er ihn auf den Tisch und schloss breite Messingbügel um seine Arme und Beine.
“Sartorius! Sie machen einen großen Fehler!” brüllte Eric, während ihm der stumme Plasmierte einen breiten Ledergurt um die Brust zog und damit seinem Aufbäumen Einhalt gebot.
“Ah. Sehen Sie, Mr. Van Valen, es gibt immer noch eine Phrase, die man vergessen hat. Das war sie.”
Mr. Ferret nickte unwillkürlich, obwohl der Lauf der Flechette direkt auf seinen Hinterkopf gerichtet war.
“Also gut, Mr Van Valen. Ich werde Ihnen, nur um dem Klischee gerecht zu werden, erklären, was als Nächstes folgt. Nicht nur Ferret hier hat eine fatale Neigung zu Pennie-Romanzen. Da mir nun die Rolle des wahnsinnigen Schurken zugeteilt wurde, werde ich mich bemühen, Ihren Erwartungen gerecht zu werden.” Sartorius trat hinter Eric und legte ihm mit geübtem Griff einen weiteren Lederriemen um die Stirn. Durch schmale Schlitze in der Tischplatte zog er den Gurt fest und presste damit Erics Kopf unverrückbar auf das kalte Metall. Der Agent öffnete den Mund, um eine Reihe ausgesuchter Verwünschungen auszustoßen, doch alles, was er dadurch erreichte, war, dass ihm der Plasmierte einen zweiten Riemen zwischen die Zähne drückte und auch diesen am Tisch befestigte.
Was natürlich jeglichen artikulierten Protest des jungen Agenten unterband.
Der Arzt nickte zufrieden. “Danke, meine Herren. Sie dürfen mich jetzt mit Mr. Van Valen allein lassen. Bringen Sie diese Einheit”, er deutete mit einem Kopfnicken auf Mr. Ferret, “in’s Labor zwei zu Dr. Orwill.”
Er lächelte Mr. Ferret spöttisch zu. “Sie erinnern sich doch noch an Doktor Orwill, oder, Ferret? Nun, mein Kollege freut sich schon, Sie wiederzusehen und einen Blick unter Ihre Messinghaube zu werfen. Was fehlt Ihnen wohl am meisten, Ferret? Herz? Hirn? Oder doch Mut? Ich denke, wir werden es bald erfahren.”
Mr. Ferret blinzelte. Einmal.
“Ich werde Sie töten, Sartorius”, stellte er sachlich fest.
Der Arzt schnaubte und wandte sich ab. “Ich wünschte, ich könnte das gleiche von Ihnen sagen, Ferret. Aber leider werde ich in der nächsten Stunde mit Mr. Van Valen beschäftigt sein. Und unglücklicherweise drängt die Zeit. Aber wer weiß”, fügte er hinzu, als er eines der aufgereihten Skalpelle vom makellosen Leinentuch des Instrumententisches nahm. Er begutachtete die Klinge kritisch. “Vielleicht gönne ich mir dieses Vergnügen, wenn Ihre Nützlichkeit aufgebraucht ist. Und nun - fort mit euch.”
Die drei Plasmierten nahmen Mr. Ferret in die Mitte und verließen in stummem Gleichschritt den Raum. Bevor sich jedoch die Türen ganz geschlossen hatten, hörte Eric noch ein letztes Mal Mr. Ferrts leise, trockene Stimme: “Keine Sorge, Sir. Ich bin gleich zurück.”
Doch so sehr er es wünschte, in diesem Moment mochte der junge Agent nicht so recht daran glauben.
Seine Augen wanderten zur hageren Gestalt Sartorius’ zurück, der jetzt sorgfältig den Schliff eines gezahnten Knochenbohrers begutachtete. Der Arzt bemerkte seinen Blick und nickte.
“Wir warten noch auf meinen Assistenten und dann kann es auch schon losgehen. Falls Sie sich aber fragen, warum ich Sie nicht einfach töte? Nun, das würde ich gern. Aber es würde meine Lage tatsächlich verkomplizieren. Denn ich weiß tatsächlich, wer Sie sind, mein ehrbarer, junger Freund. Vor allem weiß ich, wer Ihr Vater ist. Deshalb weiß ich auch, dass Ihr Tod mehr Ärger verursachen würde, als er mir wert ist.” Sartorius schmunzelte, legte den Bohrer beiseite und griff an die über dem Tisch schwebende Hängelampe, um den Plasmabrenner weiter aufzudrehen. Mit einem Knistern wurde das Licht so hell, dass Eric gezwungen war, die Augen zu schließen.
“Aber einer der Vorteile meiner Position ist, dass ich hier quasi einen unbegrenzten Vorrat an Studienobjekten habe. Ich weiß also ziemlich genau, was man mit einer kleinen Inzision an einem der Stirnlappen Ihres Gehirnes hier oder einer gezielten Ausschabung in jener Region dort bewirken kann.” Eric fühlte das Klopfen eines knochigen Fingers auf verschiedenen Stellen seines Schädels. Er keuchte erstickt.
“Und deshalb werden wir jetzt gemeinsam einen kleinen, heilsamen Spaziergang durch Ihren Kopf machen. Keine Sorge, Mr. Van Valen”, der Arzt tätschelte ihm die Stirn. “In nicht einmal einer Stunde werden Sie sich wie ein neuer Mensch fühlen.”
Eric spürte heiße Panik in sich aufsteigen. Vergeblich riss er an seinen Fesseln.
“Ach, was sage ich: Sie werden ein ganz neuer Mensch sein. Wir könnten diesen heutigen Tag also fast als Ihren Geburtstag bezeichnen. Wir beide werden natürlich die besten Freunde sein und die ganze Sache hier, dieses ganze leidige Thema, ist vergessen. Wie von Zauberhand.”
Eric hörte, wie Sartorius mit den Fingern schnippte. Und während das gleißende Licht der Operationslampe auf seinen Augen brannte, gestattete sich der Doktor endlich, zwar leise nur, jedoch unverkennbar, ein kurzes Kichern.
Tags: Eric, Mr. Ferret, Orwill, Sartorius, Van Valen

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