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“Doktor Sartorius, nehme ich an.” Eric ließ den Wiedergänger vor sich nicht aus den Augen.
Der Besitzer der Stimme schnaubte belustigt. “Sie sind ein überaus scharfsinniger junger Mann, Mr. Van Valen.”
“Also sind Sie für den mörderischen Wiedergänger verantwortlich.”
“Zu scharfsinnig, möchte ich sagen. Unglücklicherweise.” Der Arzt trat in Erics Blickfeld und musterte die beiden Agenten wie das Ergebnis einen verunglückten Experiments. Dabei klopfte er sich mit einem Finger auf die welken Lippen. “Sehen Sie, Mr. Van Valen, ich muss mich bei Ihnen entschuldigen. Ich hielt Sie bislang lediglich für eine kleinere Unannehmlichkeit. Aber Sie weisen eine Hartnäckigkeit auf, die ich bewundern könnte, wenn sie nicht meine Arbeit behindern würde.”
“Ihre Arbeit, Sartorius?”
“Ich vermute, der Doktor meint seine Forschungen an plasmierten Massenmördern, Sir.”
“Soldaten”, korrigierte der Doktor, “Aber Mr. Ferret hat recht. Wir arbeiten hier an verbesserten Versionen Ihres untoten Kollegen, Mr. Van Valen. An stärkeren, schnelleren, widerstandsfähigeren und - das möchte ich betonen - wesentlich gehorsameren Modellen.”

Sartorius war inzwischen neben den Wiedergänger an der Tür getreten und schlug ihm mit der Hand auf die Schulter. Der Koloss bewegte sich um keinen Millimeter. “Darf ich Ihnen Ihre Enkel vorstellen, Mr. Ferret? Das hier, meine Herren, ist die Zukunft. Keine Messingummantelungen, keine gläsernen Plasmatanks, keinen unzuverlässigen, eigenen Willen. Ihre Nachfahren haben inzwischen ein Skelett aus Stahl, eine vollständige, integrierte Körperpanzerung, und ein Plasma-Aggregat, von dem Sie nicht zu träumen wagen würden. Und wie Ihre kleine Demonstration so praktisch bewiesen hat, sind sie selbst mit schweren Waffen kaum aufzuhalten.”
Der Arzt winkte den ersten der Wiedergänger zu sich. Die Schritte des Plasmierten waren schwer und unsicher. Ihm fehlte der rechte Arm und noch immer rann zähes, grellgrünes Plasma aus dem Loch in seiner Schulter. “Sehen Sie, im Grunde muss ich Ihnen sogar danken. Sie haben mich durch ihre Mühen auf einige kleinere Designschwächen hingewiesen, die uns bisher entgangen waren. Ein paar mehr Rückschlagventile dürften zum Beispiel nicht schaden, um den Plasmaverlust zu minimieren.”
Sartorius nahm eine chirurgische Klammer von einem der Tische, setzte sie in der zerstörten Schulter des Wiedergängers an und das grüne Rinnsal versiegte. Dann wandte er sich wieder Eric zu. “Und jetzt wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie Ihre Waffen niederlegen würden und mir folgen. Ich muss Ihnen wohl nicht sagen, dass unser Freund mit der Flechette dort drüben Sie in eine Wolke unansehnlicher Fetzen verwandeln wird, wenn Sie irgendeine Unüberlegtheit versuchen.”
Nach kurzem Zögern seufzte Eric und legte sein Gewehr auf den Tisch neben sich. “Sie haben gewonnen, Sartorius. Mr. Ferret, bitte folgen Sie seiner Aufforderung.”
“Sir?”
“Ich denke nicht, dass uns diese Waffen noch etwas nützen, Mr. Ferret. Meinen Sie nicht auch?”
“Aber Sir!”
“Mr. Ferret, meinen Sie, dass Sie mit all diesen Plasmierten zu gleich fertig werden, ohne dass wir dabei erschossen werden?”
“Wenn Sie es so formulieren, Sir: Nein. Ich fürchte, Sie haben recht, Sir.” Zögerlich ließ der dünne Mann seine Waffe fallen.
“Sehen Sie, Mr. Van Valen, genau das habe ich gemeint! Die neuen Modelle kommen nicht einmal auf die Idee, einer Anordnung zu widersprechen. Eine wesentliche Verbesserung, finden Sie nicht auch?”
Der junge Agent sah den Doktor an. “Sie scheinen ohnehin nicht sehr gesprächig zu sein.”
Sartorius seufzte. “Das ist das Problem, wenn man mit Leichen zu arbeiten gezwungen ist. Es ist so schwer, bereits im Verfall begriffene Sprachapparate in Funktion zu halten. Besonders bei derart weitreichenden Modifikationen, wie wir an ihnen vornehmen. Eine kleine Schwäche, die wir in der nächsten Generation sicher auch beseitigt haben. Das schöne ist aber, dass es ihre Funktion nicht im Geringsten behindert. Ich meine - was sollten sie schon groß zu sagen haben?”
“Nun, es hat den Vorteil, dass sie uns nicht ihren ganzen Plan erzählen. Selbst wenn sie blöd genug dafür wären, Sir”, gab Mr. Ferret zu bedenken.

Sartorius lächelte schmal. “Das war unhöflich, Ferret. Aber warum sollte ich das nicht tun? Was habe ich schon zu verlieren? Wie ich schon sagte: Folgen Sie mir bitte. Jetzt, wo Sie schon mal hier sind, möchte ich Ihnen etwas zeigen.”
Eric wechselte einen fragenden Blick mit Mr. Ferret, doch der dünne Mann zuckte nur unbehaglich mit den Schultern. Dann beeilten sich die beiden Agenten, zu Doktor Sartorius aufzuschließen. Schon weil jetzt dicht hinter ihnen die beiden unbeschädigten Plasmierten marschierten.
“Wenn Sie schon erzählen wollen, Doktor, dann hätte ich eine Frage”, sagte Eric.
“Sie wollen sicher wissen, warum.”
Sartorius winkte Eric, Ferret und die Plasmierten durch ein Sicherheitsgitter und verschloss es hinter ihnen. “Ganz einfach. Profit. Profit und Patriotismus, wenn Sie so wollen. Der Krieg in den Kolonien kostet uns Millionen. Und er kostet uns unzählige, junge Männer wie Sie, Mr. Van Valen. Männer, die wir wesentlich besser hier in der Heimat gebrauchen könnten. Und abgesehen von den Ärmsten werden die meisten Familien es leid, ihre Söhne zum Sterben zu schicken. Gegen einen Gegner, der übrigens keine Scheu hat, Untote, Sombiis, gegen unsere Leute zu schicken. Und wir? Wir hatten einen bedauernswerten Unfall vor über fünfzehn Jahren und verbieten deshalb gleich eine ganze Technologie, die seitdem die Leben tausender junger Männer hätte retten können! Kurzsichtige, verweichlichte Politik und falsche Vorstellungen von Ethik!”
Sartorius atmete tief durch und sammelte sich wieder. “Sehen Sie, mit einer genügend entwickelten Armee dieser Plasmierten haben wir die Chance, den Krieg in den Kolonien binnen weniger Monate für uns zu entscheiden. Können Sie sich vorstellen, was die Ministerien Ihrer Majestät für eine schnelle und gründliche Lösung dieses Problems zu zahlen bereit sind? Und wir sind die, die diese Lösung hat. Wie gesagt: Patriotismus und Profit. Wir retten die Leben tausender junger Männer - und werden dafür gut bezahlt.” Der Doktor lächelte zufrieden.

“Das ist ausgesprochen aufschlussreich”, sagte Eric nach einem Moment. “Aber nicht das, was ich fragen wollte.”
“Tatsächlich?” Sartorius blieb stehen und musterte Eric verwirrt. “Ich dachte…”
“Was mich eigentlich interessiert ist, wie Sie auf die seltsame Idee kommen könnte, dass Ihnen niemand auf die Schliche kommt?”
“Oh. Höre ich da tatsächlich ein: ‘Damit kommen Sie nie durch, Doktor’?” Sartorius schmunzelte. “Sehen Sie, Mr. Van Valen, das ist das Brillante daran. In wenigen Stunden werden Tausende von Quexern aus allen möglichen Öffnungen der Kanalisation strömen und damit beginnen, in den Straßen von Tanners Flat, Orums Lot und Gresey ein blutiges Massaker anzurichten. Vielleicht wurden sie von jemandem dazu getrieben - aber wer will das schon nachprüfen, nicht? Das Entscheidende daran ist: Die Polizeikräfte unserer Stadt sind nicht darauf eingerichtet, einem derart massiven Angriff inmitten unserer Straßen Einhalt zu gebieten. Und genau dann werden unsere Produkte hier auftreten und für Ordnung sorgen. Wenn sie einmal bewiesen haben, wie gehorsam und überaus effektiv sie sind, wird niemand in irgendeinem der Ministerien noch Fragen stellen. Umso mehr, als wir die Stadt dann gerade vor einem Desaster gerettet haben - und das zukünftige Einsatzgebiet unserer Produkte ohnehin nicht bei uns, sondern in den Kolonien sein wird.”
“Ein beeindruckend größenwahnsinniger Plan”, flüsterte Mr. Ferret trocken. “Sind Sie darauf allein gekommen, oder hatten Sie Hilfe von einem Ihrer Patienten?”

Sartorius ignorierte den Seitenhieb und grinste gut gelaunt. “Kommen Sie, Ferret. Auch Sie haben Ihren Teil dazu beigetragen. Ohne unsere Grundlagenforschungen an Ihrer Generation wären Ihre Enkel nicht das, was sie heute sind!”
“Maulfaule Idioten?”
Sartorius schnalzte missbilligend mit der Zunge. “Perfekte Tötungsmaschinen.”
“Und um all das zu verschleiern, werden Sie jetzt Mr. Ferret und mich töten? Das wird Ihnen nicht nützen. Die Polizei weiß, dass wir hier sind.”
“Die Polizei, Mr. Van Valen? Sie meinen Ihren windigen Polizistenfreund McIntosh? Ich glaube nicht, dass ich mir darüber Sorgen machen muss. Man wird Sie, Mr. Van Valen, und ihren plasmierten Kollegen mein Haus in bester Laune verlassen sehen. Und sie beide werden bezeugen, dass hier alles in bester Ordnung ist.”
“Das wage ich zu bezweifeln, Sir.”
“Mag sein”, Sartorius öffnete lächelnd eine weitere Tür und winkte Eric und seine Begleiter hindurch. Vor ihnen tat sich ein weitläufiges Labor mit mehreren Operationstischen auf. “Aber ich habe nicht gesagt, dass Sie eine Wahl haben werden, oder?”

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Dieser Eintrag wurde geschrieben am Montag, Oktober 12th, 2009 um 00:01 in der Kategorie Kapitel 7. Reaktionen zu diesem Eintrag können Sie mit dem RSS 2.0 Feed verfolgen. Die Kommentare für diese Seite sind geschlossen.

6 Kommentare bisher

 1 

das Ergebnis einen verunglückten Experiments
- eines

Ihre Waffen niederlegen würden und mir folgen
- Ihre Waffen niederlegen und mir folgen würden

Schon weil jetzt dicht hinter ihnen die beiden unbeschädigten Plasmierten marschierten.
- das “jetzt” wirkt fehl am Platz, bitte streichen

Und wir sind die, die diese Lösung hat.
- nicht “haben” ?

wie Sie auf die seltsame Idee kommen könnte,
- konnten

öhm, ja, gerade keine weiteren sprachlichen Anmerkungen.

Oktober 12th, 2009 at 08:42
 2 

Der gute Doktor kennt wohl die 100 Regeln zum Erlangen der Weltherrschaft nicht
http://geoffhunt.ca/web/cgi-bin/forwards.cgi?true=372&back=W&order=2

Oktober 12th, 2009 at 14:35
TPF
 3 

Ferret könnte noch zwinkern, bevor er sein Plasmagewehr zu Boden fallen läßt! :-)

“Sombiies”, das gefällt mir! :-) Krieg in den Kolonien… Wunderbar.

Oktober 12th, 2009 at 16:17
 4 

Sombiis heiß das. Ohne “e”. ;)

Der gute Doktor kennt die Regeln tatsächlich nicht. ;)
Er hat nur einen triftigen Grund (meint er) Eric und Ferret nicht gleich einfach zu erschießen. Ob das clever ist, sei dahingestellt.
aber mal ehrlich: Wenn Man Chef über einen Komplex voller Wahnsinniger ist, dann bleibt das nicht ohne Folgen…

Oktober 12th, 2009 at 22:54
 5 

Hehe ^^ Wobei mich Sombiis ein wenig an Sombreros erinnern … sind dass dann mexikanische Untote?

Oktober 13th, 2009 at 00:01
 6 

Pssst …. wie sieht das eigentlich aus … ist meine email eingetroffen oder irgendwo im WWW verloren gegangen?

Oktober 13th, 2009 at 19:11

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