Archiv für Oktober 7th, 2009
Kapitel 7-08
Whiggs drehte sich betont langsam um. Trotzdem warf sie noch einen schnellen Blick in die Küche. Niemand hatte auf ihre Anwesenheit vor der Tür reagiert oder schaute zu ihr herüber. Eine Küchenhilfe schob soeben eines der hohen Tablettregale aus dem geöffneten Speiseaufzug und stellte es neben einem großzügigen Spülbecken in der Nähe der Eingangstür ab. Ein Ungetüm von Turm, bestehend aus schmutzigen Tellern und Tassen, schaukelte bedrohlich unsicher oben auf. Das begünstigte den Notfallplan, der sich soeben in ihrem Kopf breit machte. Mit ein wenig Glück und Geschick …
Erst im letzten Moment, kurz bevor ihr Kopf gänzlich herum geschwungen war, setzte sie ein entwaffnendes Lächeln auf.
„Ja, bitte?“
„Was machen Sie hier, Miss? Hier oben ist der Zutritt für Besucher untersagt“, wies sie ein untersetzter Wachmann in einer schlecht sitzenden Uniform hin. Arme und Aufzug glichen denen eines Metzgermeisters. Der muskulöse Halsansatz, der sich unter dem offenen Kragen wölbte, ließ erahnen, dass der Mann kräftiges Zupacken gewöhnt war. Kein leichter Gegner, sollte es zum Äußersten kommen. Zum Glück ließ diese Art von Mensch die intellektuelle Seite des Lebens meist deutlich zu kurz kommen.
Zwischen den Augen des Mannes hatte sich eine ungehaltene Falte gebildet. Oder sie war schon immer da gewesen. Er stand bedrohlich nahe und roch nach Zwiebeln und altem Schweiß. Whiggs hatte Mühe, nicht angewidert das Gesicht zu verziehen.
„Ich?“
Whiggs öffnete ihre Augen bewusst um zwei, drei weitere Unschuldsmillimeter. Sollte der Mann ruhig glauben, dass er vor dem Inbegriff einer adeligen Dame mit guter Erziehung und erwartungsgemäß einfachem Gemüt stand. Unauffällig rutschte sie mit ihren Füßen in eine standfestere Position.
„Wer denn sonst? Oder sehen Sie hier oben noch jemand anderen?“
„Also wenn Sie mich so direkt fragen, kann ich nur Sie hier vor mir sehen“, antwortete Whiggs, nachdem sie betont aufmerksam erst die eine, dann die andere Seite des Flures betrachtet hatte.
„Wollen Sie mich vergackeiern, Miss? Das sollten Sie besser lassen. Ich verstehe nämlich überhaupt keinen Spaß. Klar?“
Am hellrosa Hals des Wachmannes bildeten sich die ersten hektischen Flecken. Rötliche Sprenkel, die sich langsam aber sicher zu undefinierten Flächen vereinigten.
„Wie kommen Sie überhaupt hier herein? Ohne Schlüssel können Sie die Sicherheitsgatter doch überhaupt nicht öffnen.“
„Wissen Sie, das habe ich mich auch gefragt. Noch gerade eben erst. Ich habe überlegt und überlegt.“
Whiggs machte sich bereit. Langsam lehnte sie sich der Plasmaleitung zu ihrer Rechten entgegen, welche die Flurlampen mit Energie versorgten. Der Kerl war doch nicht ganz so blöde, wie sie gehofft hatte. Es würde also auf eine Konfrontation hinauslaufen. Unauffällig ging sie ein wenig in die Knie, was unter dem bauschigen Rock dem Himmel sei Dank nicht zu sehen war. Sie konzentrierte sich auf die Strömungen der Energie, hörte auf das leise Flüstern in ihren Ohren. Nach einem tiefen Atemzug, begleitet von einem übertriebenen Augenverdrehen, wie es nur junge Mädchen benutzen, sprach sie weiter.
„Und dann bin ich drauf gekommen. Ganz von alleine. Es muss daran liegen, dass ich tatsächlich einen SCHLÜSSEL HABE!“
Mit den letzten Worten warf sie sich nach vorne und packte zu. Ihre Hände berührten die Leitung, hielten sie fest. Sofort war die Verbindung da. Whiggs fühlte die Kraft des Plasmas, wurde eins mit ihm. Es dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde, bis sie die Stelle in der Leitung, die sie nun brauchte, mit ihren Gedanken erfasst hatte. Mit einem fauchenden Aufstöhnen entzündete sich das Plasma und brach aus der Leitung aus. Genau neben dem Wachmann. Überrascht von der unerwarteten Richtung, aus der der Angriff kam, und der Verpuffung, mit der das Plasma wuchtig aus der zerfetzten Leitung brach, verlor der Mann das Gleichgewicht und stürzte mit einem ungläubigen Ausdruck auf dem Gesicht rücklinks zu Boden. Gleichzeitig verlosch mit einem gleißenden Blitz das Licht auf der gesamten Etage. Whiggs, die ihre Augen vorsorglich geschlossen hatte, entging der blendenden Wirkung. Ganz im Gegensatz zu dem Wachmann. Der Flur war mit einem Mal in ein undurchdringliches Dunkel getaucht. Noch in der gleichen Sekunde drehte sich die Emanatin herum und stürmte in die Küche.
Ein unwirsches Knurren in ihrem Rücken machte ihr klar, dass sie den Mann zwar nicht verletzt, aber in jedem Fall äußerst verärgert hatte. Sie hörte, wie er sich aufrappelte und ihr blind und mit unbeholfenen Schritten folgte. Ihr machte die Dunkelheit wenig aus. Zu lange hatte sie in Lethe gelebt und sich zurechtgefunden, als dass sie sich davon aufhalten ließ.
Auch in der Küche waren die Lichter ausgefallen und die Bediensteten an den Spülbecken schnatterten in heller Aufregung durcheinander. Im trüben Schein der wenigen, kleinen Fenster bemerkte keine den flinken Schatten, der geradewegs auf sie zu kam. Kaum war Whiggs an den verwirrten Küchenfrauen vorbei, griff sie nach einem der beängstigend hohen Geschirrtürme und gab der schwankenden Konstruktion einen heftigen Stoß. Mit einem Stöhnen kippte der altersschwache Rollwagen zur Seite. Schmutzige Teller und Besteck kamen ins Rutschen und gleich darauf krachte der Turm gegen seinen nächststehenden Bruder. Scheppernd gingen Teller und Schüsseln auf ihrem Verfolger nieder, begleitet von den spitzen und angsterfüllten Schreien der Frauen. Als er auf schleimigem Blechgeschirr und Essensresten ausrutschte, ging der Wachmann erneut zu Boden. Er knallte mit dem Kopf dröhnend gegen eine hölzerne Ablage, wurde aber nicht ohnmächtig. Auf dem Boden sitzend schüttelte er den feisten Schädel, um die störende Benommenheit loszuwerden. Direkt neben ihm kam ein weiterer der Geschirrtürme ins Rutschen und überschüttete ihn mit einem neuen Schauer aus Abfällen und Tischware.
Whiggs wartete nicht darauf, dass der Kerl wieder auf die Beine kam oder die kreischenden Damen ihre Sinne wiederfanden. Mit wehendem Rock rannte sie in den Speiseaufzug und zog die rasselnde Klappe herunter, welche die Kabine verschloss. Mit einer Hand stemmte sie sich gegen den Halteriegel, während sie mit der anderen hektisch den Hebel für das Kellergeschoss nach unten drückte. Nichts geschah. Warum rührte sich der verfluchte Aufzug nicht?
Tags: Coleman-Asylum, Emanatin, Küche, Whiggs

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