Archiv für Oktober 2nd, 2009
Kapitel 7-06
“Nichts, Sir.”
“Nichts?” wiederholte Eric. “Ich muss mich schon sehr wundern. Sie haben Türen hier und behaupten, hinter diesen sei nichts? Wenn das den Tatsachen entspricht, dann haben Sie in diesem Haus eine wissenschaftliche Sensation und sollten die Herren Professoren von der Universität mal einen Blick darauf werfen lassen.”
Der Wachmann sah erst Eric, dann Mr. Ferret und den Polizisten ratlos an.
“Das war sarkastisch gemeint”, erbarmte sich Mr. Ferret schließlich. Der Wachmann wirkte für einen Moment erleichtert. Bis er Erics durchaus freundliches Lächeln wahrnahm.
“Mr. Ferret hat natürlich recht”, sagte der junge Agent. “Ich bitte um Verzeihung. Ich habe mich nur gefragt, warum Sie dieses ‘Nichts’ mit ‘Aufbahrung’ beschriften.” Er deutete auf das unscheinbare Schild neben dem Türrahmen. “Sie haben hiermit die Gelegenheit, Ihre Antwort nochmals zu überdenken. Also: Was ist hinter dieser Tür?”
“Ni…nichts Wichtiges, Sir. Nur der Aufbahrungsraum des Asylums. Wir sind ein großes Haus. Todesfälle kommen auch bei uns immer wieder vor.”
Eric nickte verständnisvoll. Er wandte sich an den sie begleitenden Polizisten. “Sir, wenn ich Sie bitten dürfte, für die Öffnung dieser Tür zu sorgen.”
Der Beamte zuckte mit den Schultern, schob seinen Rockschoß beiseite und legte die Hand auf den Griff der Waffe. “Sie haben den Agenten gehört, Sir”, erklärte er gelangweilt.
“Aber…”
“Ich kann auch Mr. Ferret bitten, die Tür zu öffnen. Die entstehenden Schäden verantworten dann jedoch sie.”
Diese letzte Bemerkung von Eric gab den Ausschlag. Der Wachmann warf entnervt die Hände in die Luft. “Bitte, wenn Sie so wollen.” Er schloss die Tür auf und trat beiseite.
Auf ein Nicken Erics hin stieß Mr. Ferret die Tür auf.
Ein Schwall kalter Luft schlug den Männern entgegen. So kalt, dass Eric unwillkürlich einen Schritt zurück machte. Sein nächster Atemzug blieb einen Moment vor seinem Gesicht hängen.
Der dünne Wiedergänger betrat den Raum und drehte einen Schalter neben der Tür. Mit einer Serie von Knistern und Knacken erwachten die Zündrädchen von Lampen zum Leben. Gleich darauf flackerten zahlreiche Lichter auf und tauchten den Raum in immer heller werdendes Licht. Reif glitzerte auf jeder Oberfläche des Raumes und verlieh ihm eine märchenhaft unwirkliche Atmosphäre.
“Bemerkenswert.” Eric trat einen Schritt in die Kältekammer. Eine Reihe fahrbarer Metalltische stand an der rechten Wand. An der linken trennten, ähnlich wie in den Krankenlagern von Sanatorien, Leinenbahnen kleine Parzellen ab. Mit dem Unterschied, dass die Vorhänge steif gefroren waren und in der Kälte glitzerten. “Bitte nach Ihnen.” Der junge Agent winkte den Wachmann an sich vorbei in den Raum. “Wir möchten uns nicht nachsagen lassen, etwas Unerlaubtes getan zu haben. Bitte öffnen Sie das da.” Er deutete auf den nächsten Vorhang. “Und Sie”, wandte er sich an den Polizisten, “bewachen bitte diese Tür.”
Unwirsch zog der Wächter das knisternde Tuch beiseite. Dahinter kam ein weiterer Rolltisch zum Vorschein, auf dem sich diesmal jedoch ein Leichnam befand. Eric musterte den Toten einem Moment lang. Dann nickte er. “Der Nächste bitte.”
“Ich weiß nicht, was das soll…” murrte der Wachmann, doch der Agent schnitt ihm mit einer Handbewegung das Wort ab. “Tun Sie es einfach. Danke.” Er musterte einen weiteren Toten, dann einen dritten und vierten.
“Wollen Sie jeden einzelnen ansehen, Sir? Es ist verdammt kalt hier drin!” Der Wachmann hauchte demonstrativ in seine Hände und rieb sich die Arme.
“Sie haben recht”, gab Eric zu und wandte sich wieder zur Tür. Dann jedoch hielt er inne und schaute sich aufmerksam um. “Eine Sache noch. Mr. Ferret, sehen Sie doch bitte hinter den letzten Vorhang dort hinten.”
Noch bevor der Wachmann protestieren konnte, war der Wiedergänger der Aufforderung des jungen Agenten nachgekommen und hatte die letzte Leinenbahn in der Reihe beiseite geschoben.
Dann zwinkerte er. Einmal.
“Eine weitere Tür, Sir.”
Eric nickte und lächelte dem Wachmann zu. Dieser vergaß, zu frieren. “Halt! Sie können nicht einfach…!”
“Wollen Sie Ihre Anstellung darauf verwetten, was ich kann und was nicht? Wir sind beinahe eine halbe Stunde hier unten unterwegs und soweit ich das richtig sehe, sind wir dabei einmal im Kreis gelaufen. Da war dieser eine Raum entschieden zu klein, um den gesamten Innenbereich auch nur ansatzweise zu füllen. Öffnen Sie die Tür, Sir.” Bei den letzten Worten wurde Erics Stimme eine Spur schärfer und nach einem Wink stand Mr. Ferret plötzlich direkt neben dem Wachmann. “Jetzt. Bitte.”
Die doppelflüglige Metalltür führte in einen weitaus größeren Raum. Man konnte ihn fast schon als Saal bezeichnen. Er war ebenfalls mit sauber geordneten Reihen von Rolltischen gefüllt, die mit reifbedeckten Leinenbahnen voneinander abgetrennt waren. Auf jedem einzelnen Tisch lag ein Leichnam.
“Vielleicht hatte das Asylum vor kurzem einen Ausbruch der kontinentalen Grippe”, mutmaßte Mr. Ferret.
Eric trat zu dem nächstliegenden Tisch. “Ich wüsste nicht, dass man Grippepatienten für gewöhnlich erschießt”, sagte er nach einem kurzen Blick auf den Toten.
“Vielleicht ein neuer Ansatz zur Eindämmung von Epidemien”, erwiderte der dünne Mann trocken. “Die junge Dame dort drüben starb übrigens am Schlag, Sir.” Er deutete auf die Leiche auf dem nächsten Tisch. “Mit einem schweren, stumpfen Gegenstand.”
Eric ging langsam zwischen den Reihen hindurch. Hier lagen Dutzende von Leichen. Vierzig. Vielleicht fünfzig. Keiner von ihnen trug Anstaltskleidung.
Plötzlich ließ ihn ein Geräusch aufhorchen.
Mit schnellen Schritten durcheilte er den Raum bis zu einem Bereich im hinteren Teil, der ebenfalls mit kältesteifen Tüchern verhangen war. Der Wachmann und Mr. Ferret folgten ihm auf dem Fuß. Eric legte sein Gewehr an und schob mit dem Lauf vorsichtig den Vorhang zur Seite. Unter seinem Fuß knirschte es. Er sah nach unten. Die Splitter eines zerborstenen Messglases bedenkten den Boden. “Das ist seltsam”, murmelte er.
“Eine halbe Hundertschaft Leichen so vorzufinden, ist mehr als nur seltsam”, entgegnete Mr Ferret. “Ich würde wetten, dass wir jetzt ohne Probleme die Genehmigung für eine richtig große Razzia bekommen, Sir.”
“Ich finde es vor allem seltsam, dass sie hier auch Leichen auf dem Boden lagern.” Der Wachmann deutete auf einen weiteren Leichnam, der halb unter einem der Leinenvorhänge lag. “Es ist schließlich nicht so, als hätten wir nicht genug Tische.”
“Da fragt man sich, warum ein Haus wie dieses über mehr Rollbahren verfügt, als unser Leichenschauhaus.”
“Ich frage mich vor allem, wer all diese Leute sind”, sagte Eric leise.
“Und ich frage mich, von welchem Tisch dieser Tote gefallen sein könnte”, sagte Mr. Ferret. “Ich meine, wo sie doch alle belegt sind.”
Die anderen beiden sahen ihn an.
Sie musterten die Tische in der unmittelbaren Umgebung.
“Sirs”, sagte Eric leise und hob seine Waffe, “Ich fürchte, wir haben ein Problem.”
“Ach ja?” Der Wachmann hob das Tuch von der Leiche neben sich und musterte beiläufig das vernarbte Gesicht des Toten. “Und welches?” Die schwarzen Augen des Toten starrten ihn blicklos an.
Dann blinzelten sie. Einmal.
Noch ehe er reagieren konnte, schoss eine Hand nach oben und riss ihm das Gesicht ab.
Der Wachmann taumelte schreiend zurück und übergoss Eric und Mr Ferret mit einer Fontäne von Blut. Dann zermalmte ein Fausthieb seinen Brustkorb und das Kreischen brach abrupt ab. Im nächsten Moment sprang der vermeintlich Tote über den Tisch hinweg und rannte davon. Der Schuss aus Mr. Ferrets Plasmagewehr verfehlte ihn nur um Haaresbreite und ließ einen Schauer von gefrorenen Leichenteilen durch den Raum fliegen.
Ohne nachzudenken schickten Eric und Mr. Ferret weitere Feuerstöße hinter dem fliehenden Wiedergänger her.
Tags: Eric, Mr. Ferret, Van Valen

Artikel als RSS-Feed
Kapitel als PDF