Archiv für Oktober, 2009

30
Okt

Kapitel 8-05

   Posted by: Carsten    in Kapitel 8

„Was haben Sie vor, Mr. Ferret?“ Whiggs schaute den Wiedergänger mit einem leichten Anflug von Misstrauen an. Der dünne Mann war ihr immer noch nicht ganz geheuer, obwohl sie zugeben musste, dass er seine Fähigkeiten bislang voll und ganz in den Dienst des Agenten gestellt hatte. Allerdings begründete das in ihren Augen nicht unbedingt blindes Vertrauen. Wer vermochte schon hinter die grundlosen, schwarzen Augen eines Plasmierten blicken? Was, wenn er doch lieber seine Nachfahren schützte, als für ihre Sache zu kämpfen?
„Sie können mir vertrauen, Miss Taversham, oder es lassen. Das ändert nichts an meiner Loyalität gegenüber Mr. Van Valen.“
Er hatte ihre Gedanken gelesen, erkannte Whiggs erschrocken. Ihr war nicht bewusst gewesen, dass dies auch zu den Fähigkeiten eines Wiedergängers gehörte. Oder etwa doch nicht? Vielleicht hatte er auch einfach nur ihren Blick richtig gedeutet.
„Die Manschette. Bitte.“

Die Emanatin zögerte noch einen Moment, griff dann aber nach dem dargebotenen Arm Mr. Ferrets. Mit schnellem Griff war die Manschette geöffnet und nach oben zum Ellbogen gekrempelt. Darunter kam ein dürrer, trockener Arm zum Vorschein, an dem eine einfache Apparatur aus Messing angebracht war.
„Was ist das, Mr. Ferret?“
„Sie können es meine kleine Lebensversicherung nennen, wenn Sie möchten, Miss Taversham. Auch wenn Leben in meinem Fall … nun ja, Sie wissen schon. Jetzt kommen Sie bitte. Wir müssen näher heran, fürchte ich.“
“Näher?” Whiggs runzelte die Brauen. Das würde bedeuten, die Deckung zu verlassen. Abgesehen von einigen, steinernen Säulen befand sich nicht zwischen ihrem Versteck und der hektischen Betriebsamkeit auf der anderen Seite der Halle.
“Näher, Miss”, bestätigte Mr. Ferret. “Mein kleines Spielzeug hier ist ausgesprochen nützlich und effektiv. Jedoch nicht über größere Entfernungen als etwa zwanzig Schritte. Wir sollten also so weit wie möglich vordringen. Trauen Sie sich das zu, Miss? Ohne Sie kann ich das leider nicht tun.”
Einen langen Moment rang Whiggs mit sich. Dann seufzte sie leise und nickte. “Also gut, Ferret. Ich hoffe, Sie wissen, was Sie tun.”
Mr. Ferret knickte die linke Hand nach unten ab und mit einem leisen Klicken schob sich ein kurzes Rohr nach vorne. “Wenn wir hinter dieser Säule dort vorn sind, sollten wir dicht genug heran sein, um einen sicheren Schuss zu landen. Und sicher sollte er sein”, erklärte er flüsternd, “denn wir haben nur diesen einen Schuss.” Der Wiedergänger deutete mit dem Kinn auf einen kleinen Knopf schräg hinter dem Messingrohr. “Das ist der Auslöser. Ich würde vorschlagen, dass ich das Zielen übernehme und Sie dann den Knopf betätigen. Wenn Sie es mit sich selbst vereinbaren können, gerne auf mein Kommando, Miss Taversham.“
„Ich nehme einfach mal an, dass Sie mir vorab nicht sagen werden, wozu diese Apparatur genau dient.“
Sie wartete kurz auf eine Entgegnung des Wiedergängers, der ihren Blick aus seinen unlesbaren Augen erwiderte und schwieg. „In Ordnung. Wahrscheinlich wären Erklärungen nun auch fehl am Platz, schließlich verlässt sich Eric auf unsere Rückendeckung.“
Whiggs wurde plötzlich bewusst, dass sie den Agenten zum ersten Mal Eric und nicht Mr. Van Valen genannt hatte. Komisch, wie sich manche Dinge änderten, wenn man zusammen in Schwierigkeiten steckte.
Mr. Ferret lächelte schmal.

Einige atemlose Augenblicke waren die beiden hinter einer gedrungenen Backsteinsäule angekommen.
Nur wenige Meter vor ihnen liefen die Männer in ihren weißen Kitteln geschäftig auf und ab. Einer der Wachmänner sah in ihre Richtung. Für einen Moment wähnte sich Whiggs schon entdeckt, doch dann wurde der Mann angesprochen und wandte den Blick ab. Unhörbar atmete sie aus.
Mr. Ferret hatte sich neben sie in den Schatten der Säule gehockt und hob langsam den Arm. Sorgfältig zielte er auf einen hochgewachsenen Mann mit weißem Kittel und Klemmbrett auf dem linken Arm, der offensichtlich so eine Art Aufsicht über die Arbeiten an den Volbert-Pumpen führte. Ab und zu wies er die anderen Wissenschaftler dazu an, den Druck zu regulieren oder die ein oder andere wichtig aussehende Tätigkeit auszuführen. Dabei lief er hektisch durch den Raum. Als er kurz stehen blieb, um die Angaben auf seinem Klemmbrett mit einer der Anzeigen zu vergleichen, nickte Mr. Ferret der Emanatin zu.

Whiggs zögerte keinen Sekunde und betätigte den Auslöser. Ein winziges Projektil schoss mit einem beunruhigenden Zischen aus dem Messingrohr und sirrte blitzschnell davon. Dann bohrte es sich seitlich in den Hals des hochgewachsenen Mannes. Dessen Hand zuckte hoch und fühlte nach dem kleinen Pfeil. Gleichzeitig drehte er sich mit aufgerissenen Augen einmal um seine eigene Achse. Bevor er jedoch einen Angreifer ausfindig machen und zur Verantwortung ziehen konnte, erfasste ein leises Zittern seinem Arm. Das Klemmbrett entglitt seiner Linken und polterte zu Boden. Von einer Sekunde auf die andere verkrampften seine Muskeln. Schaumiger Speichel quoll zwischen seinen plötzlich blassen Lippen hervor. Sein ganzer Körper hatte angefangen zu beben.

Ein Mitarbeiter trat auf den zitternden Mann zu und sprach ihn besorgt an, während er hilfeanbietend nach dessen Arm griff. Die körperliche Berührung löste, bedingt durch die ungesunde Mixtur in seiner Blutbahn, bei dem hochgewachsenen Mann einen unerwarteten, gewalttätigen Reflex aus. Zumindest unerwartet für seinen Untergebenen.
Whiggs keuchte überrascht auf, als sich der Wissenschaftler plötzlich mit einem gutturalen Schrei auf den anderen Mann stürzte und ihm mitten ins Gesicht biss. Blut spritzte auf und besprenkelte den blütenreinen Stoff der Kittel mit einem zufälligen Muster von Rot. Schreiend und mit vor das Gesicht geschlagenen Händen ging der Verletzte zu Boden und wand sich dort unter unerträglichen Schmerzen. Der andere schenkte den geschockten Kollegen ein blutiges Grinsen und spuckte die abgebissene Nase beiseite. Dann stürzte er sich auf den am nächsten stehenden Mitarbeiter.

“Das wäre nun ein geeigneter Zeitpunkt, um für ein wenig anheimelnde Atmosphäre zu sorgen. Meinen Sie nicht auch, Miss Taversham?”
Whiggs nickte mit zusammengebissenen Zähnen. Dieser Wiedergänger steckte voller unangenehmer Überraschungen. Mit einem Schauder schloss sie die Augen und versenkte sich so schnell wie möglich in die plasmotische Sicht. Voller Entschlossenheit griff sie in Gedanken nach den Plasmaröhren an der Decke, fühlte jede einzelne Endung, die in einer der hell leuchtenden Lampen mündete - und brachte sie zum explodieren. Unter sprühenden Funken erlosch das Licht. Allein die grünlich schimmernde Fluoreszenz der Plasmatanks gewährte der Emanatin und Mr. Ferret noch die Aussicht auf das ausgebrochene Chaos vor ihnen.

Tags: , , ,