Whiggs hatte schließlich den geschäftigen Eingangsbereich des Asylums hinter sich gelassen.
Hier, ein Stockwerk höher und abseits der Büros, war der scheinbar unerschöpfliche Strom von Angestellten irgendwann versiegt, bis sie schließlich Niemandem mehr begegnete. Allein wanderte sie durch die kargen, gekachelten Gänge, die schal nach Ammoniak und Scheuerpulver rochen und nicht besonders anheimelnd oder auch nur gesundheitsfördernd wirkten.
Ab und an war hinter der einen oder anderen der verschlossenen Türen ein Schaben zu hören gewesen, ein verzweifeltes Stöhnen, ein monotones Murmeln oder auch ein schrilles Lachen. Sie hatte allerdings der Versuchung widerstanden, durch die schmalen Sichtschlitze einen Blick in die Zellen der Kranken zu werfen. Es hätte sie nur aufgehalten und helfen – ja, helfen hätte sie ohnehin nicht können.
Tatsächlich vergingen oft Minuten, in denen sie nur den Hall ihrer eigenen Schritte hörte, ohne dass sie noch jemanden zu Gesicht bekam. Was angenehm war, da sie sich deshalb auch keine Gedanken darum machen musste, dass man sie nach dem Grund ihres Hierseins fragte. Fast kam es ihr so vor, als sei das gewaltige Gebäude verlassen. Zumindest, wenn sie die Insassen der Zimmer außer Acht ließ, die hinter dicken Stahltüren einen großen Teil ihres Weges säumten. Mit ihrem neu erworbenen Schlüsselbund öffnete sie eine Gittertür.
Auf jedem Gang gab es diese besonderen Sicherheitstüren, zumeist am Anfang und am Ende, oftmals sogar in der Mitte. Mittlerweile war sie recht froh, dass sie das Risiko eingegangen war, den unsympathischen Pfleger um die Schlüssel zu erleichtern, als er sich vor den anrückenden Beamten verdrückte. Ohne dieses Hilfsmittel wäre ihr kleiner Ausflug von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen, wäre sie nicht einmal bis zur ersten Etage gelangt.

Helles Plasmalicht leuchtete alle paar Meter aus vergitterten Lampen an den sonst nackten, steril wirkenden Wänden und malte grünliche Flecken auf die schmucklosen Kacheln. Sie vermutete, dass dieser Polizist, in dessen Begleitung sich Eric van Valen und dieser seltsame Mr. Ferret befunden hatten, noch einige Zeit ordentlich Wirbel machen würde. Selbst wenn er nichts fand oder die Asylumleitung dem Spuk ein jähes Ende bereitete. Ob er wusste, dass er damit ihren Alleingang deckte? Wahrscheinlich. So wie sie den jungen Agenten mittlerweile kennen gelernt hatte, überließ er nur ungern Dinge dem Zufall, auch wenn es sich in diesem Fall wohl kaum anders handhaben ließ.
Sie selbst hielt grundsätzlich nichts von eilig dahin entworfenen Planungen, die so löchrig wie grüner Suthbale-Käse waren. In den Tunneln um Lethe kostete eine dürftige Vorbereitung in zwei von drei Fällen das eigene Leben. Und zumeist auf eine brutale und äußerst schmerzhafte Art. Andere Eventualitäten, die sich selbst durch sorgfältigste Planung nicht ausschließen ließen nicht einmal eingerechnet. Aber das, was sie gerade tat, entsprach genau dem, wovor der Duke die Menschen von Lethe immer warnte: Geht nicht unvorbereitet in die Tunnel.

Wenn sie ehrlich zu sich selbst war, hatte sie eigentlich nicht den Hauch einer Idee, wie sie vorgehen sollte.
Klar, in den Kellerbereich eindringen und ein verdächtiges Rohr suchen.
Und dann? Ging sie dann einfach zurück zu Eric, damit er den Rest regeln konnte? Was wäre, wenn sie gar nichts fand? Würde sie dann wieder nach Hause zurückkehren und dem Duke schulterzuckend erzählen müssen, dass sie nichts, aber auch gar nichts erreicht hatte? Irgendwie befriedigte sie die Vorstellung nicht besonders.
Anderseits – dieser Ort hier war ihre einzige Spur. Eine deutliche Spur.
Wiesen nicht alle Indizien darauf hin, dass das, was ihre Welt dort unten bedrohte, unmittelbar mit diesem Ort hier zu tun hatte? Mit der Plasmaleitung, die bis hier her führte. Mit Plasmierten, die Morde begingen - in den Straßen Steamtowns und unter ihnen.
Es war kaum denkbar, dass die Quelle all dessen nicht hier zu finden war. Und der Schlüssel war Hesiodplasma. Diese geheimnisvolle Leitung, deren Ende sich ganz einfach hier befinden musste. Es ging also nur noch darum, dass sie die Beweise fand, die hier sein mussten. Die Beweise dafür, dass es an diesem Ort nicht mit rechten Dingen zu ging. Was immer das auch heißen mochte.
Oh, und natürlich ging es darum, sich nicht erwischen zu lassen. Das war ein weiteres der Dinge, vor denen der Duke sie immer wieder warnte. Seufzend schritt sie weiter aus.

Hinter einer der nächsten Abzweigungen – sie hatte gerade angefangen, sich zu fragen, ob sie sich nicht bereits verlaufen hatte – erreichte sie endlich das Areal, nach dem sie gesucht hatte. Noch immer war sie keiner Menschenseele begegnet, seit sie diesen Teil des Gebäudekomplexes betreten hatte. Zumindest, wenn man von zwei Wachstationen absah, die sie jedoch tunlichst umgangen hatte. Diese Umwege hatten Sie länger aufgehalten, als sie geplant hatte, aber schließlich war sie unbemerkt bis hierher vorgedrungen.
Eine große, doppelflüglige Tür markierte den Zugang zu ihrem ersten Etappenziel. „KUECHE“ verkündete das Schild über dem Durchgang. Die Anstaltsküche. Vorsichtig riskierte sie einen Blick durch einen der nur angelehnten Türflügel.

Silbermetallisch blitzende Tische standen in Reihen vor weißen Wandfliesen, an denen Regale mit Töpfen, unterschiedlich großen Löffeln und sonstigem Küchengerät angebracht waren. An der hinteren Wand standen zwei sechsflammige Plasmaöfen, auf welchen gewaltige Töpfe mit undefinierbarem Inhalt vor sich in brodelten. Drei Frauen arbeiteten an daneben stehenden Anrichten. Sie zerkleinerten oder vermischten Zutaten, bevor diese in den Töpfen landeten.
Hier also wurde die Verpflegung der Insassen zubereitet. Um dann, wie es aussah, portionsweise auf mannshohe Rollregale gestellt und auf die Zellen verteilt zu werden. Links der bereit stehenden Essenswagen schließlich entdeckte Whiggs das, was sie zu finden gehofft hatte: die metallenen Türen automatischer Speiseaufzüge, groß genug für die Rollregale und mit Sicherheit geräumig genug, um auch einer zierlichen Frau Platz für eine Fahrt nach unten zu bieten.
Selbst mit diesem unpraktischen, wenn auch wunderschönen Kleid, dessen Reifrock sich langsam aber sicher zu einem ernsthaften Hindernis zu entwickeln versprach. Abgesehen davon, dass ihr das Korsett gerade soviel Luft ließ, um nicht ohnmächtig zu werden. Sicherlich war dieses Kleidungsstück traumhaft. Aber es war ebenso unglaublich unpraktisch. Durch einen Tunnel zum Beispiel würde man damit nicht gelangen, ohne es vollkommen zu ruinieren. Wahrscheinlicher noch wäre es, dass man damit irgendwo stecken blieb, bis man entweder durch einen anderen Tunnler gerettet oder von einem Quexer gefressen wurde. Diese Kleidung war entschieden zu unpraktisch für das Leben unter der Erde. Oder auch nur für irgendeine Aktion, die mehr als Herumsitzen und Tee zu trinken erforderte. Inwieweit es ihr bei der Umsetzung des nächsten Teils ihres Planes behilflich war, musste sich noch herausstellen.
Zuerst musste sie jedenfalls an den drei Frauen vorbei. Und dann blieb zu hoffen, dass die Aufzüge tatsächlich auch hinab in das Kellergeschoss reichten.
Whiggs wollte sich gerade zurückziehen, um die benachbarten Räume auf eventuell Brauchbares zu untersuchen, als sie sich plötzlich versteifte. Hinter ihr waren jetzt Schritte zu hören. Verdammt - warum ausgerechnet jetzt?
“Entschuldigung, Miss. Darf ich fragen, was Sie hier tun?”

Langsam drehte sich Whiggs um.

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Dieser Eintrag wurde geschrieben am Mittwoch, September 30th, 2009 um 00:01 in der Kategorie Kapitel 7. Reaktionen zu diesem Eintrag können Sie mit dem RSS 2.0 Feed verfolgen. Die Kommentare für diese Seite sind geschlossen.

3 Kommentare bisher

TPF
 1 

Dieser Absatz scheint mit heißer Nadel gestrickt:
“Tatsächlich vergingen oft Minuten, in denen sie nur den Hall ihrer eigenen Schritte hörte, ”
… den Widerhall oder den Klang?
“ohne dass sie noch jemanden zu Gesicht bekam. Was angenehm war, da sie sich deshalb auch keine Gedanken darum machen musste, dass man sie nach dem Grund ihres Hierseins fragte. ”
keine Gedanken, OB man sie …
“Fast kam es ihr so vor, als sei das gewaltige Gebäude verlassen. Zumindest, wenn sie die Insassen der Zimmer außer Acht ließ, die hinter dicken Stahltüren einen großen Teil ihres Weges säumten. ”
Die Insassen säumen zwar auch den Weg, aber hier ist wohl gemeint, daß die Zimmer den Weg säumen?
Irgendwie irritiert das, weil ja vorher schon das Jammern und Stöhnen erwähnt wurde. Der Leser weiß das also schon.

September 30th, 2009 at 12:36
 2 

Hoi.
Also die ersten beiden Einwände versteh ich nicht ganz.
Am dritten aber bin ich schuld. Ich habe das Jammern und stöhnen von einem anderen Ort dorthin verfrachtet. Wir war noch so, als wäre da was mit den Zimmer ngewesen, aber ich habe es in meinem nächtlichen Tran partout nicht finden können. DA war’s also. Hm. Okay. *g*
Danke!

September 30th, 2009 at 13:19
 3 

Hier, ein Stockwerk höher und abseits der Büros, war der scheinbar unerschöpfliche Strom von Angestellten irgendwann versiegt, bis sie schließlich Niemandem mehr begegnete.
- Ein Stockwerk höher und abseits der Büros, war der scheinbar unerschöpfliche Strom von Angestellten versiegt.

nicht besonders anheimelnd oder auch nur gesundheitsfördernd wirkten.
- nicht besonders anheimelnd oder gesundheitsfördernd wirkten.

wenn sie die Insassen der Zimmer außer Acht ließ, die hinter dicken Stahltüren einen großen Teil ihres Weges säumten.
- die Insassen säummten einen Teil ihres Weges? Ich glaube, da müsst ihr was ändern…

Mit ihrem neu erworbenen Schlüsselbund öffnete sie eine Gittertür.
- so neu erworben ist er nun auch nicht mehr. “Mit dem Schlüsselbund …”

Mittlerweile [...] gelangt.
- ist… überflüssig. Ihr habt zuvor gezeigt, dass ein Vorkommen ohne Schlüssel unmöglich ist, ihr braucht es nicht nochmal zu erzählen.

Helles Plasmalicht leuchtete alle paar Meter aus vergitterten Lampen an den sonst nackten, steril wirkenden Wänden und malte grünliche Flecken auf die schmucklosen Kacheln.
- doppelte Infos, “Helles Plasmalicht leuchtete alle paar Meter aus vergitterten Lampen und malte grünliche Flecken auf die schmucklosen Kacheln” reicht.

Selbst wenn er nichts fand oder die Asylumleitung dem Spuk ein jähes Ende bereitete.
- Whiggs weiß nichts von dem Bluff. Dieser Satz deutet aber etwas anderes an!

So wie sie den jungen Agenten mittlerweile kennen gelernt hatte [...]
- SO lange kennt sie ihn nun auch noch nicht …

Sie selbst hielt grundsätzlich nichts von eilig dahin entworfenen Planungen, die so löchrig wie grüner Suthbale-Käse waren
- zwar schön atmosphärisch geschrieben aber… langsam kriege ich den Eindruck, dass ihr den Text einfach nur strecken wollt. Es passiert nichts. Die Spannung, die ihr im Kapitel zuvor aufgebaut habt, ist verpufft. Ihr hättet beschreiben können, wie sie durch die Gänge schleicht, von den Schreien erschrickt etc.

Wenn [...] aus.
- Diese Überlegungen hätten - rein erzähltechnisch in einen der vorherigen Abschnitte besser gepasst… Eigentlich hat sie jetzt andere Sorgen - nämlich das nicht erwischt werden - als sich NOCHMALS darüber klar zu werden, warum sie dort rumschleicht.

Diese Umwege hatten Sie länger aufgehalten, als sie geplant hatte, aber schließlich war sie unbemerkt bis hierher vorgedrungen.
- Ich dachte, sie hat keinen Plan? Vor allem keinen zeitlichen. Vielleicht eher: “, als sie gedacht hatte”

Silbermetallisch blitzende Tische
- au, meine Zehennägel!

vor sich in brodelten
- hier fehlt nen h

Hier also wurde die Verpflegung der Insassen zubereitet.
- überflüssig, hat man gerade gesehen. Wenns ein Gedanke ist … auch überflüssig.

Selbst mit diesem [...] noch herausstellen.
- Die Probleme mit dem Kleid sind dem Leser auch bereits bekannt… Lasst sie lieber vorsichtig durch die Küche schleichen, mit dem Rock fast irgendwo hängen etc.

Der Cliffhanger am Ende kann so bleiben, aber das dazwischen ist ein wenig … ruiniert! Da geht mehr. Mehr Leeser fesseln, mehr Spannung, weniger INFODUMP und weniger “Telling”.

September 30th, 2009 at 16:24

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