„Eklatante Unregelmäßigkeiten!“ Joey McIntosh liebte diese zwei Worte. Seine jeweiligen Gegenüber um so weniger. Genau aus diesem Grund wiederholte er sie so gern.
„Eklatante Unregelmäßigkeiten, Sir. Wo immer man auch hinschaut!“ Bedeutungsvoll wedelte er mit dem fiktiven Durchsuchungsbefehl vor der Nase des aufgelösten Pförtners herum. Seine beiden Untergebenen begannen derweil, das herbei zitierte Personal herumzuscheuchen und ziellos in dem höher werdenden Berg aus Dokumenten und Unterlagen zu stöbern, der vor ihnen auf der Empfangstheke aufgeschichtet wurde.
Dem Verdächtigen keine Zeit lassen, einen klaren Gedanken zu fassen. Keine Gruppenbildung, keine Atempause. Die Geheimpolizisten verstanden ihr Handwerk. Ihnen war aber auch klar, dass dieser Zustand panischer Verwirrung nicht ewig anhalten würde. Sobald eine einigermaßen aufgeweckte Person auftauchte, die mit der Gesetzeslage in Steamtown vertraut war, hätte der Spaß ein schnelles Ende.
Joey drückte dem Pförtner einen Zeigefinger gegen die Brust. „Feuerschutzvorschriften, Sir! Brandschutzverordnung 3045, Abschnitt F bis G. Sie verstehen mich?!“
Der verängstigte Mann schüttelte ratlos den Kopf.
„Sie haben mich schon richtig verstanden, Mann! Wo befinden sich die verdammten Evakuierungspläne für den Brandfall? Dort drüben im Sicherheitsschrank, ja? Sehr gut. Öffnen Sie die Tür!“
Joey griff nach den Plänen, die ihm der Pförtner mit zitternden Händen über die Theke reichte, und gab sie an Eric weiter. „Mister Van Valen, würden Sie bitte die ordnungsgemäße Zugänglichkeit der Fluchtwege überprüfen? Mister Reggory, die Schlüssel für die Abschnittstüren bitte!“
„Sir, bei allem Respekt. Aber ich bin nicht sicher, ob…“
„Sicher ist hier so einiges nicht“, bellte Joey böse. „Und dazu scheint mir ein ausgesprochener Mangel an Kooperationsbereitschaft Ihrerseits zu bestehen. Offenbar bezahlt man Sie sehr gut, dass Sie diese eklatanten Unregelmäßigkeiten auch noch zu decken versuchen.“
„Nein, Sir. Ganz und gar nicht“, beeilte sich Reggory zu versichern. Hastig zog er ein großes Schlüsselbund hervor und händigte es dem Polizisten aus. „Es ist nur so, dass eigentlich niemand die Sicherheitsbereiche ohne Begleitung betreten darf.“
„Daran hätten Sie denken sollen, bevor man uns informiert hat. Dann wäre uns allen diese Prozedur hier erspart geblieben.“ Joey gab Eric und Mr. Ferret ein unauffälliges Zeichen und drängte den Pförtner in das nächstbeste Büro hinein. „Und jetzt werden wir uns mal über Ihre Vorgeschichte unterhalten, Mister Reggory. Ihr Name klingt mir doch arg verdächtig kontinental.“
Als die Tür hinter dem Polizisten zugefallen war, schauten sich die beiden Agenten vielsagend an.
„Ich bin wirklich froh, dass wir ihn zum Verbündeten haben“, bemerkte Eric.
Mr. Ferret nickte langsam. „Wir sollten uns beeilen, solange das noch der Fall ist, Sir“, erwiderte er.
Eric rollte den Evakuierungsplan auf und reichte ihn an den dünnen Mann weiter. „Wir finden die Plasma-Rohre vermutlich irgendwo in den unteren Stockwerken. Können Sie erkennen, wie wir dort hinkommen?“
Mr. Ferret orientierte sich kurz und deutete dann auf eine Stelle im übernächsten Flügel. „Ich glaube, es ist diese Treppe, Sir. Zumindest erinnere ich mich daran, dass man mich für meine Untersuchungen irgendwo dort hinunter gebracht hat.“
„Verlieren wir keine Zeit.“ Eric nickte dem Polizisten zu, den ihnen Joey zur Unterstützung abgestellt hatte. Er wollte sich schon in Bewegung setzen, als er sich plötzlich verwirrt umschaute. “Wo ist eigentlich Miss… Whiggs?“
Mr. Ferret schüttelte den Kopf. „Die junge Dame hat sich bereits abgesetzt. Sie scheint mir sehr entschlussfreudig. Das muss man wohl auch sein, wenn man in dem Umfeld groß geworden ist, in dem sie gelebt hat, Sir.“
„Dann läuft alles nach Plan. Sie wird nicht weit kommen, wenn sie hier allein durch die Gänge läuft. Die Sicherheitstüren halten sie rechtzeitig auf, bevor sie in echte Gefahr geraten könnte.“
Whiggs bewegte sich zielstrebig durch die finsteren Gänge. Das Schlüsselbund, das sie vorhin diesem widerlichen Plumley entwendet hatte, hielt sie mit beiden Händen eng an ihren Körper gepresst. Um sie herum hallten die Flure vom Getrampel unzähliger Angestellter wider, die in hektischer Betriebsamkeit mal hier hin und mal dorthin rannten. Wie es schien, hatten die beiden Agenten ganze Arbeit geleistet, und die Anstalt in helle Aufregung versetzt. Innerlich bebte Whiggs vor Anspannung - und doch schien der Plan aufzugehen. Mit einer Zielstrebigkeit, die sie nicht fühlte, schritt sie die Flure des Asylums entlang, als wüsste sie genau, wohin sie unterwegs war. Und tatsächlich, fast niemand achtete auf eine einsame Frauengestalt, die forsch in die Sicherheitsbereiche vordrang. Und die wenigen, die ihr Beachtung schenkten, beschlossen nach einem Blick auf die hoch aufgerichtete Gestalt, dass der Versuch, sie aufzuhalten, vermutlich schwerwiegende, juristische Konsequenzen nach sich ziehen würde - oder schlimmer noch, einen missbilligenden Blick dieser jungen Dame. Niemandem schien diese Aussicht zu gefallen und so drang Whiggs zu ihrer eigenen Verblüffung immer tiefer in die labyrinthischen Korridore des Komplexes vor, ohne dass auch nur ein Versuch unternommen wurde, sie aufzuhalten.
Schließlich hielt sie kurz an einer Tafel, auf der kleine Pfeile die ungefähre Richtung der verschiedenen Stationen anzeigten. Einer der Pfeile endete an einem Treppensymbol.
Nach unten. Wenn die Plasma-Rohre tatsächlich im Asylum endeten, so mussten sie irgendwo in den unteren Stockwerken zu finden sein. Dort, wo sich laut der Tafel neben einigen Lagerräumen auch die Labore für die Untersuchung der Plasmierten befanden. Die Emanatin zögerte kurz und entschied sich dann für eine völlig andere Richtung.
Eine Treppe die zu den Untersuchungslaboren für die Wiedergänger führte, war sicherlich viel zu gut bewacht.
Außerdem zweifelte Whiggs, dass ein Pfleger von Plumleys Intellekt tatsächlich Berechtigung und die Schlüssel besaß, sich dort hin Zutritt verschaffen zu können. Es war also reine Zeitverschwendung, es auf diesem Weg zu versuchen. Aber sie hatte auf der Tafel etwas gesehen, was sehr viel erfolgversprechender klang. Direkt über den Laboren befanden sich die Küchen der Anstalt. Wenn sie richtig lag, dann gab es aus diesem Grund zwangsläufig einige kleine Lastenaufzüge, die die beiden Stockwerke miteinander verbanden. Sie waren höchstwahrscheinlich zu klein, als dass sich ein Mann dort hinein zwängen konnte – aber eventuell gelang es einer zierlichen, kleingewachsenen Frau. Selbst wenn sie in einer Garderobe wie der ihren unterwegs war …
Tags: Coleman-Asylum, Eric Van Valen, Joey McIntosh, Mr. Ferret, Reggory, Whiggs

Artikel als RSS-Feed
Kapitel als PDF
6 Kommentare bisher