Archiv für September 23rd, 2009
Kapitel 7-02
“Ich werde ihr nicht begegnen? Was soll…”
“Sie haben richtig gehört. Denn kurz nachdem Sie im Asylum eingetroffen sind, werden Mr. Ferret und ich ebenfalls dort aufschlagen.”
Der Wiedergänger warf einen Blick nach hinten. “Wie Sie so treffend bemerkten, wird man uns vermutlich nicht einlassen wollen, Sir”, gab er zu bedenken.
Eric lächelte. “Nicht allein, das ist richtig. Aus genau diesem Grund habe ich vor einer Stunde diese Depesche abgeschickt. Sie ging an Chief-Inspector O’Donohue, der, wie Sie sich sicher erinnern, nicht begeistert davon war, wie in diesem Fall verfahren worden ist. Ich habe ihm also unsere neuesten Erkenntnisse mitgeteilt und um ein wenig Unterstützung gebeten. Während unseres Besuches bei Madam Roshnatov erreichte mich dann diese Antwort.” Er reichte einen Umschlag nach vorn.
“Wir werden uns vor dem Eingang mit einigen Männern des Inspektors treffen. Und diese werden sich im Besitz eines Durchsuchungsbefehls befinden. Wir beide, Sie und ich, Mr. Ferret, werden die Herren Polizisten als Berater und Beobachter begleiten. Das dürfte für ein hübsches, kleines Ablenkungsmanöver reichen. Wie Sie so zutreffend festgestellt haben, sind wir dort ja bereits bekannt und, vorsichtig ausgedrückt, nicht unbedingt gern gesehen. Um so mehr wird man sich also auf uns konzentrieren, besonders, wenn wir uns entsprechend neugierig und unbequem verhalten – und das werden wir tun. In der Zwischenzeit haben Sie, Whiggs, also jede Möglichkeit und Freiheit, sich gründlich umzuschauen.“
Whiggs schaute den jungen Agenten entgeistert an. „Und das soll ein Plan sein?“
„Er ist nicht sehr ausgefeilt“, gab Eric zu, „aber in der Kürze der Zeit, ist es das Beste, was wir tun können. Mr. Ferret und mich lässt man sicherlich nicht aus den Augen und wird alles daran setzen, dass wir nichts Kompromittierendes finden. Selbst wenn es etwas zu finden gäbe. Die Polizei hat, wenn wir ehrlich sind, lediglich eine bloßen Verdacht, jedoch kaum eine Handhabe, solange wir keine Beweise vorweisen, die ein Verbrechen innerhalb der Mauern des Asylum belegen. Das heißt, auch deren Möglichkeiten sind begrenzt. Unsere einzige Chance ist es somit, jemand Unauffälliges hinein zu schmuggeln, der etwas entdecken kann, was man vor uns aller Wahrscheinlichkeit nach verborgen halten wird. Eine junge Dame mit besonderen Fähigkeiten wie den Ihren, die sich unbeachtet durch die Anstalt bewegt, hat wesentlich bessere Aussichten. Alles, was wir brauchen, ist ein Beweis dafür, dass das Asylum tatsächlich mit größeren Mengen Hesiodplasma hantiert. Und Sie als Emanatin sind in der Lage, genau das zu finden. Haben wir unseren Beweis, dann kann der Chief-Inspector das komplette Haus mit einem Großaufgebot auf den Kopf stellen. Dann finden wir unseren Mörder mit Sicherheit. Darauf würde ich mein Gehalt verwetten.” Eric lächelte zufrieden.
Als er die Miene der jungen Frau sah, fügte er nach einem Augenblick jedoch hinzu: “Und keine Sorge - falls man Sie erwischen sollte, können Sie sicherlich glaubhaft versichern, sich in den verwinkelten Gängen der Anstalt verirrt zu haben und allein nicht mehr heraus zu finden. Sie sind also unsere Trumpfkarte.“
„Das ist … vollkommen verrückt“, bemerkte Whiggs. „ Haben Sie sich eigentlich gerade selbst zugehört?“
“Freut mich, dass Sie meinem Plan so begeistert zustimmen”, sagte Eric trocken.
“Was? Ich …”
“Sir”, unterbrach Mr. Ferret “Dort vorn kommt das Asylum in Sicht. Wir sollten also jetzt besser aussteigen.”
“Aber…!”
“Sie haben recht, Mr. Ferret.” Eric wies den Fahrer an, den Wagen anzuhalten und die Emanatin nach ihrem Ausstieg direkt vor das Asylum zu fahren. “Und Whiggs - seien Sie vorsichtig.” Er legte, nach kurzem Zögern, seine Hoegle auf den Sitz neben die junge Frau und stieg aus. “Ich zähle auf Sie.” Mit einem Lächeln nickte er der sprachlosen Whiggs zu, schloss die Tür und trat einen Schritt zurück. Mit leisem Summen nahm der Wagen wieder Fahrt auf und rollte den Berg hinauf auf das Eingangstor des Colemans Asylum zu.
Einige Momente sahen die beiden Männer dem Wagen nach.
“Meinen Sie, ich habe das Richtige getan, Mr. Ferret?”
Der dünne Mann zuckte mit den Schultern. “Das kann ich nicht beurteilen, Sir” sagte er leise.
“Aber ich muss zugeben, dass das nicht übel improvisiert war, Sir.” Mister Ferret warf einen Blick auf das Blatt, das er noch immer festhielt. “Betreffend: Durchsuchungsbefehl auf dem Grund des Coleman Asylums … Keine ausreichende Handhabe”, las er vor. “Und so weiter … Offizielle Unterstützung bei derzeitiger Sachlage nicht möglich.”
“Ich habe getan, was ich für das Richtige hielt. Auf diese Weise ist sie immerhin aus dem Weg und nicht in Gefahr. Man wird sie nicht mit uns in Verbindung bringen. Sie werden mich doch begleiten, Mister Ferret?”
“Ja Sir.” Der Wiedergänger faltete den Bogen zusammen und steckte ihn in die Tasche. Dann griff er in seinen Mantel, holte ein Plasmagewehr hervor und reichte es dem jungen Agenten. “Ich hatte Ihnen doch gesagt, dass ich Ihnen zur Seite stehe, wenn Sie diese Untersuchung zu Ende bringen. Daran hat sich nichts geändert. Ich bin davon überzeugt, dass wir dort die Beweise finden, die Sie benötigen. Also sollten wir dafür sorgen, dass sie nicht verschwinden, Sir. ”
Eric atmete tief durch. Dann straffte er die Schultern. “Gut, dann los.”
Hinter ihnen räusperte sich jemand geräuschvoll. “Die Herren hatten doch nicht vor, ohne mich aufzubrechen?”
Eric und Mr. Ferret wandten sich langsam um. Der Mann hinter ihnen schenkte ihnen ein breites Grinsen. Dann nahm er noch einen Bissen von seinem Sandwich, warf den Rest in den Rinnstein und begann, sich die Finger an einem Taschentuch zu reinigen. Erst mit einem Augenblick Verspätung reagierte Eric: “Joey. Der Polizist. Was machen Sie hier?”
“Richtig”, antwortete Joey. “Der Polizist. Ich habe gehört, dass Sie unserem gemeinsamen Freund Sartorius einen Besuch abstatten wollen. Da wollte ich nicht fehlen.”
“Aber - ich denke, es gibt keine offizielle Unterstützung?”
Der Polizist zuckte mit den Achseln und sah an sich herab. Dann grinste er Eric an. “Sehen Sie hier irgendwo eine Uniform?” Er winkte und drei Männer lösten sich aus dem Schatten des nächsten Hauseinganges. Joey wandte sich an den Wiedergänger. “Sind Sie so freundlich und geben mir das Blatt, das Sie da gerade eingesteckt haben, Mister Ferret? Das kann uns noch gute Dienste leisten. Und Sie, Sir, bringen Ihre Waffe besser etwas unauffälliger unter. Wir haben einen Besuchstermin. Da sollte man höflich sein.” Er trat an den beiden erstaunten Männern vorbei und ging in Richtung des Asylums. Seine drei unauffälligen Begleiter nickten den Agenten zu und folgten ihm.
Das ist vollkommen verrückt. Whiggs versuchte, tief durchzuatmen, was allerdings an der engen Schnürung ihrer Korsage scheiterte. Entnervt verdrehte sie die Augen. Dann fiel ihr Blick auf die Waffe neben ihr. Nachdenklich nahm sie sie in die Hand. Mit geübtem Griff ließ sie das Magazin herausgleiten und überprüfte die Munition. Schwere Munition. Gut. Sie lud die Waffe wieder und schob sie in die Handtasche. Ihr Blick glitt durch das teure Innere des Wagens, dann über die vorbeiziehende Straße vor den Scheiben.
Ihre Hand umklammerte den Messinggriff der Tür und für einen kurzen Augenblick spielte sie tatsächlich mit dem Gedanken, aus dem Fahrzeug zu springen und einfach zu fliehen.
Der Augenblick ging vorüber.
Whiggs straffte die Schultern, als der Plasmawagen das Tor zum Asylum passierte und langsamer wurde. Unter ihr, in den Tunneln, kämpften ihre Leute um Lethe und um ihr Leben. Wie konnte sie da vor einem Kleid und einem Krankenbesuch davonlaufen? Wenn es das war, was sie zum Überleben Lethes beitragen sollte, dann war es ihre Pflicht. Deshalb musste ihr es ja nicht gleich gefallen.
Als der Chauffeur ihr die Tür öffnete, entstieg sie hoch aufgerichtet dem Wagen und schritt die Stufen zum Portal hinauf, ohne sich umzusehen.
Tags: Eric, Joey, Mr. Ferret, Van Valen, Whiggs

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