Archiv für September 21st, 2009
Kapitel 7-01
“Ein Krankenbesuch?” Dame Roshnatov zeigte sich professionell besorgt. “Ich hoffe doch, nichts Ernstes!”
“Es war ein Unfall”, murmelte Mr. Ferret. Auf seinem Schoß lag zusammengefaltet die Zeitung, die Eric zuvor erworben hatte. Seine spinnengliedrige Hand ruhte auf dem Artikel mit der Nachricht, dass die Verlobte des Glasimperiumserben Ayrton einem heimtückischen Giftanschlag zum Opfer gefallen und infolgedessen nun Patientin im berühmten Coleman Asylum sei.
“Ein Unfall!”, echote die Dame und ihre Schneiderinnen schlugen sich pflichtschuldig die Hände vor den Mund. “Wie schrecklich!”
“Ein bedauerliches Versehen, mit dem nicht zu rechnen war”, sagte Mr. Ferret leise.
Eric winkte ab. “Sie müssen sich nicht unnötig sorgen, meine Damen. Es ist alles halb so schlimm. Wie ich hörte, befindet sich die arme Miss Halvston bereits auf dem Wege der Besserung und es ist gut möglich, dass der Vorfall keinerlei bleibende Folgen hinterlassen wird. Dennoch ist Miss Tavershams Besuch bei ihrer Cousine längst überfällig.”
“Meine Cou…?”
“Das ist auch der Grund, weshalb Miss Taversham gelegentlich ein wenig verwirrt reagiert”, fügte Eric hinzu, als er die Betreiberin des Salons mit vertraulicher Miene zur Seite nahm. “Das Ganze hat sie doch arg mitgenommen, müssen Sie verstehen. Wie dem auch sei - uns läuft, fürchte ich, die Zeit davon und so sehr ich Ihre Gesellschaft und Aufmerksamkeit schätze, wir müssen uns jetzt verabschieden.”
Die Dame nickte mitfühlend. Dann kehrte ihr professionelles Lächeln zurück. “Nun gut, dann bliebe lediglich eine Kleinigkeit zu tun übrig.” Sie trat zu einer Ihrer Mitarbeiterinnen, die hinter einem wuchtigen Schreibpult aus Mahagoni eifrig mehrere Bögen mit kleiner, gestochener Schrift und großen Zahlen ausfüllte. Eric warf einen Blick auf den Bogen und nickte. “Das erscheint mir angemessen”, sagte er ungerührt, nahm den Tintenschreiber entgegen und setzte schwungvoll seine Signatur unter die unverschämt lange Zahl am Ende des Bogens. Er zog eine Karte aus dem Inneren seines Jacketts und reichte sie der Couturistin. “Alle anfallenden Kosten gehen auf diesen Namen. Wenn Sie so freundlich sein würden, die Rechnung bitte an diese Adresse gehen zu lassen?”
Dame Roshnatov musterte die Karte, wendete Sie und las auch ihre Rückseite. Dann sah sie den jungen Agenten an und ihre Miene flackerte für einen Moment. Eric schenkte ihr ein liebenswürdiges Lächeln und reichte ihr eine weitere, kleinere Karte. “Falls Fragen aufkommen sollten, so finden Sie hier meine Dienstnummer und Dienststelle, wo man Ihnen meine Identität sicherlich gern bestätigen wird. Sie dürfen versichert sein, dass mein Name für den Empfänger der Rechnung genügt, um umgehend die Begleichung der Ausstände zu begleichen.” Dame Roshnatov warf einen Blick aus dem Fenster, wo der Wagen der Plasmawerke noch immer geduldig auf den jungen Mann und seine Begleiter wartete. Schließlich kehrte ihr Lächeln zurück.
Sie warf die beiden Karten auf das Schreibpult und streckte Eric ihre Hand entgegen. “Es war mir eine Freude, sie als Kunden gewinnen zu dürfen, Mr. Van Valen”, sagte sie. Eric dachte an die Zahl direkt über seiner Unterschrift und nickte amüsiert. “Das bezweifle ich nicht, Verehrteste. Wir werden Sie selbstverständlich weiter empfehlen. Dennoch müssen wir sie jetzt verlassen. Die Pflicht ruft.” Er neigte sich über die dargebotene Hand. Dann wandte er sich um und deutete mit ausholender Geste auf die Tür. “Miss Taversham, Mr. Ferret, wenn Sie so freundlich wären…?”
Whiggs warf zuerst der Näherin neben ihr, dann der Dame Roshnatov und schließlich dem Wiedergänger einen fragenden Blick zu. Als sie auch dort keine Erklärung fand, seufzte sie und rauschte an Eric vorbei nach draußen, ohne den jungen Agenten eines weiteren Blickes zu würdigen. Mr. Ferret seufzte ebenfalls und folgte ihr zum Wagen, die Zeitung fest im Griff seiner fahlen Hand.
***
“Und was soll das nun alles bedeuten?“ erkundigte sich Whiggs gereizt. Zum wiederholten Mal versuchte sie sich einigermaßen bequem zurück zu lehnen, was jedoch durch das steife, fischbeinerne Korsett wirkungsvoll verhindert wurde. Ihre Laune verbesserte sich dadurch nicht gerade. Dass der Agent seinen Plan noch immer nicht mit ihnen geteilt hatte, war diesem Zustand auch nicht gerade zuträglich. Irritiert zupfte sie an einem Ärmel ihres neuen Kleides. Zugegeben, sie hatte sich verliebt. Wenn sie ehrlich war, musste sie sich allerdings eingestehen, dass das Objekt ihrer neu entflammten Liebe eventuell nicht ganz ihrem Gefühl für Schicklichkeit entsprach. Selbstverständlich würde sie das jetzt um keinen Preis laut zugeben - und doch: Diese Ärmel ließen entschieden viel zu viel Haut frei.
Sie seufzte. „Wären Sie nun so freundlich, uns in Ihre Pläne einzuweihen, Mister Van Valen, oder diente dieser Ausflug lediglich dem Versuch, mich mit Freigebigkeit und ihrem Modeverstand gleichermaßen zu beeindrucken? Warum sollte ich Ihrer sicherlich bescheidenen Meinung nach überhaupt bei Ihrem geheimnisvollen Plan mitmachen? Welche Art von Scharade planen Sie, dass es notwendig war, mich derart auszustaffieren? Und vor allem - was hat es mit diesem Krankenbesuch auf sich? Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich von keiner Cousine in dieser Stadt weiß. Sofern nicht mein Onkel eine Tochter gehabt hat, die mir bis jetzt von jedermann verschwiegen worden ist.“
„Ich weiß es nicht, möchte diese Möglichkeit aber nicht ausschließen“, gab Eric ehrlich zu. „Eine Tochter des Paters spielt für unseren Plan jedoch keine Rolle. Mr. Ferret?” Er streckte die Hand nach vorn und nahm die Zeitung entgegen, um sie auf dem Schoß der jungen Frau zu deponieren. “Zweite Kolumne, rechts unten. Lesen Sie.”
Mit gerunzelter Stirn überflog Whiggs die drei Dutzend Zeilen, die die Steamtown Daily der neuesten Tragödie aus den Reihen der Schönen und Reichen gewidmet hatte. “Julietta Halvston? Muss ich diese Dame kennen?”
Erick zuckte mit den Schultern. “Ich vermute, dass man sie kennen sollte, wenn man zu den oberen Zehntausend unserer schönen Stadt gehört. Ich selbst weiß auch nur das, was ich in diesem Artikel über Miss Halvston gelesen habe – und natürlich, dass sie die Verlobte eines gewissen Edward Ayrton ist. Nicht zu vergessen die Tatsache, dass sie sich zur Zeit zur Behandlung im Coleman Asylum befindet.”
“Und? Tut mir leid, Mister Van Valen, aber ich verstehe noch immer nicht…”
“Ganz einfach. Sie, meine Liebe, werden Ihre geliebte Cousine Julietta besuchen, um sich von Ihrer fortschreitenden Genesung zu überzeugen. Und keine Sorge - so umwerfend, wie Sie jetzt aussehen, wird niemand auf die Idee kommen, Ihnen irgendwelche Fragen zu stellen. Solange Sie nur selbstbewusst genug auftreten.” Eric griff mit automatischer Beiläufigkeit nach Whiggs Hand, die ein weiteres Mal nervös am Ärmel ihres Kleides zupfen wollte.
Die Haut der jungen Frau fühlte sich überraschend weich und warm an. Viel weicher, als er es erwartet hatte. Eilig ließ er los und ein leichtes Brennen machte sich auf seinen Wangen bemerkbar. Aus irgendeinem Grund hatte er gerade den Faden verloren.
“Meine Cousine Julietta? Julietta Halvston? Sie müssen mich entschuldigen, Mister Van Valen, aber mir erschließt sich immer noch nicht der Sinn und zweck dieses Planes. Vielleicht liegt es daran, dass ich den Umgang in Ihren Kreisen nicht gewohnt ist, aber was sollten wir von einem derartigen Besuch haben?”, antwortete Whiggs, eine Spur schnippischer, als sie es eigentlich beabsichtigt hatte. “Vielleicht erklären Sie es mir einfach so, als wäre ich nur ein kleines, dummes Mädchen mit umwerfendem Aussehen, wie Sie es formulierten.”
Das Brennen auf Erics Wangen verstärkte sich.”Ich hatte nicht vor, Ihnen zu nahe zu treten, Miss…Whiggs. Es ist nur so… Mr. Ferret und ich sind in der Anstalt vermutlich nicht mehr erwünscht. Zumindest nicht als Besucher und schon gar nicht in einer Funktion als offizielle Ermittler. Das heißt, es besteht die realistische Chance, dass es uns nicht gelingt, uns Zutritt zum Asylum zu verschaffen, zumal es eventuell schon bekannt ist, dass uns dieser Fall entzogen wurde. Von Ihrer Existenz, Whiggs, weiß man dort jedoch garantiert noch nichts. Wenn Sie also als Vertreterin der Oberschicht unserer Stadt eine dort behandelte Verwandte besuchen, dann wird man sicherlich keinen Verdacht schöpfen, und Ihnen ohne Probleme Zutritt gewähren. Die junge Dame ist für uns der perfekte Zugang.“
„Das ist ja ganz fantastisch”, spöttelte Whiggs, während sie ihre Hand zurückzog. Allerdings nicht so schnell, wie sie es eigentlich vorgehabt hatte. “Und was dann? Soll ich mit Miss Halvston eine Tasse Tee trinken, Ihr mein Mitgefühl über ihren geistigen Zustand bekunden und sie über den neuesten Klatsch aus der Gesellschaft unterrichten?“
„Keineswegs“, erwiderte Eric. „Sie werden ihr gar nicht erst begegnen.”
Tags: Ayrton, Coleman-Asylum, Dame Roshnatov, Eric Van Valen, Mr. Feret, Whiggs

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