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“Mister Hartlefield?” fragte der Archivar noch einmal.
“Ja Sir”, Eric hielt dem alten Mann die Notiz des Vorstands entgegen. “Seine Akte soll uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt werden.”
Der Archivar rückte seine Lesebrille zurecht und warf einen kritischen Blick auf das Dokument. Dann runzelte er die Stirn und blickte auf. “Mister Hartlefield ist tot.”
“Ich weiß. Das ist ja der Grund, warum wir seine Akte haben möchten. Es geht um eine diesbezügliche Untersuchung.”
“Er ist tot”, wiederholte der Archivar noch einmal eindringlicher und schaute den Agenten dabei über den Rand seiner Brille an, als wäre der irgendwie zurückgeblieben.
“Ist das ein Problem, Sir? Ist die Akte denn nicht mehr verfügbar?” Whiggs klang inzwischen reichlich gereizt.
Der Archivar musterte sie mit einem Blick, der darauf schließen ließ, dass seine beruflichen Kontakte mit dem anderen Geschlecht eher selten waren und er das keinesfalls bedauerte. “Nicht mein Bereich”, erklärte er schließlich und wandte sich erneut der Arbeit auf seinem Schreibtisch zu.
Eric öffnete den Mund zu einer Erwiderung, schloss ihn gleich darauf aber wieder. So ging das in diesem Gebäude nun schon seit einer kleinen Ewigkeit. Die Bürokratie an diesem Ort schien sogar noch schlimmer zu sein, als im Ministerium - und langsam verlor er wirklich die Geduld. Hilflos schaute er zu Mr. Ferret, der das kleine Schauspiel mit ausdruckslosem Gesicht verfolgt hatte. Der dünne Mann beugte sich über den Schreibtisch und griff nach einem der ordentlich der Größe nach in ein Gestell einsortierten Stempel. Sorgfältig presste er ihn auf das Stempelkissen und danach auf die Akte, die der Archivar gerade bearbeitete.

- Abgelehnt -

“Sir!” rief der Archivar erschrocken aus. “Was machen Sie da?!”
Ohne sich um das Geschrei des Mannes zu kümmern, blätterte Mr. Ferret die Akte um und setzte einen weiteren Stempel. “Hören Sie auf!” befahl der alte Mann und griff nach dem Ärmel des Wiedergängers. Doch dieser ließ sich nicht beirren und machte seelenruhig weiter. Seite für Seite.
“So sagen Sie ihm doch, dass er aufhören soll!” flehte der Archivar Eric an. “Das gehört sich doch nicht. Das ist gegen die Vorschriften!”
Eric lächelte. “Nicht mein Bereich”, erwiderte er ungerührt.
Der Archivar warf schicksalsergeben die Arme hoch. “Also gut”, rief er aus. “Ich sage Ihnen ja schon, wo Sie die Akte finden können. Aber ich füge eines hinzu: Die Sache wird Konsequenzen haben. Darauf können Sie sich verlassen!” Murrend und schimpfend griff er nach seinem Sprechrohr und rief einen Gehilfen herbei, der sie in die Aktenaufbewahrungsstelle bringen sollte.
Auf dem Weg nach draußen nickte Eric dem Wiedergänger anerkennend zu. “Gute Arbeit”, sagte er. “An Ihnen ist ein echter Beamter verloren gegangen.”
Whiggs grinste Eric an. “Beeindruckend, wie wirkungsvoll es ist, wenn man der Bürokratie seinen Stempel aufdrückt.”
Mr. Ferret neigte dankend den Kopf und schwieg.

Die Aktenaufbewahrungsstelle war in in einem gewaltigen Gebäudetrakt untergebracht, dessen Räume sich zum großen Teil unter der Erde befanden. Die uralten Gewölbekeller wirkten wie Grabkammern, in denen die Akten unzähliger Menschen, fein säuberlich nach dem Alphabet sortiert von einer dicken Staubschicht bedeckt, für die Ewigkeit aufgebahrt waren.
Der düstere Raum, in den sie der Gehilfe führte, hatte die Größe einer Abstellkammer. Bis auf einen Tisch, zwei Stühle und eine schwache Plasmalampe war er vollständig leer. “Helligkeit zerstört das Material”, erklärte der Gehilfe ungefragt. Er deutete auf die beiden Stühle und wandte sich zur Tür. “Bitte warten Sie hier. Ich lasse Ihnen sämtliche Unterlagen von Mister Hartlefield zusammenstellen. Das kann eine Weile dauern, aber Sie haben Glück: Sie sind nicht die Ersten, die nach seinen Akten fragen. Vor zirka zwei Wochen wollte sie schon mal jemand einsehen, so dass wir den Großteil wahrscheinlich noch nicht wieder einsortiert haben.”
Eric warf Mr. Ferret einen alarmierten Blick zu, der der jungen Frau nicht entging. “Was ist? Gibt es ein Problem?”
“Ich weiß es nicht, Miss”, erwiderte der junge Agent nachdenklich. “Aber es kommt mir seltsam vor.”
“Ich muss Mister Van Valen zustimmen”, sagte Mr. Ferret. “Vor zwei Wochen war Mister Hartlefield noch am Leben.”
“Sie meinen, er starb wegen etwas in seiner Akte?”
Eric zuckte mit den Schultern. “Das bleibt abzuwarten. Ich bin gespannt, was wir darin finden werden.” Dass der letzte Satz aus mehr als einem Grund zutraf, sagte der junge Mann jedoch nicht laut. Hartlefield. Ein Schatten aus seiner Vergangenheit, der ihn zu seinem Vater geführt hatte. In all den Jahren, die seit ihrem letzten Aufeinandertreffen verstrichen waren, bis hin zu dem Zeitpunkt, als der verstümmelte Leichnam Hartlefields vor seinen Füßen gelegen hatte, war dieser Mann immer in der Nähe seines Vaters gewesen. Hatte noch immer für ihn gearbeitet. Was war…
Die Rückkehr des Archivarsgehilfen unterbrach seinen Gedankengang.
“Die Akte Hartlefield”, sagte dieser und stellte einen kleinen, braunen Pappkarton auf den Tisch, dessen einzige Beschriftung aus den Initialen des Toten und einer langen folge von Zahlen bestand.
Einen Augenblick lang betrachtete Eric den Karton gedankenverloren. Dass in so etwas kleinem das Leben eines Menschen Platz fand… Er schüttelte den Kopf und griff nach dem Deckel der Kiste.
“Moment, Sir. Halt!” wandte der Gehilfe ein und legte eilig die Hand auf den Karton. “Sie müssen entschuldigen, aber nur ein Angestellter des Archivs darf die Akten entnehmen. Ich werde das für Sie erledigen. Wenn Sie gestatten?”
“Ich gestatte nicht”, entgegnete Eric entschieden. Ein plötzlicher Widerwille stieg in ihm auf, eine Abneigung dagegen, dass das Leben des toten Mannes von nun an nur noch in den bleichen Fingern von Archivaren liegen sollte. “Mr. Ferret wird Sie hinaus begleiten, Mister … Bastings.” Er hatte einen Blick auf das Messingschild am Revers des Gehilfen geworfen und nickte dann Mr. Ferret zu. “Unsere Zeit ist knapp bemessen und wir benötigen noch die Akten zweier weiterer Mitarbeiter von Steamtown Power Transmission Ltd.”
“Aber…”
“Mr. Esposito, ein Hilfswachmann, sowie Doktor Dunston, ein wissenschaftlicher Mitarbeiter ihrer Firma. Und nun gehen Sie. Mr. Ferret wird ihnen beim Tragen behilflich sein.”
Falls der verwirrte Gehilfe noch etwas hatte einwenden wollen, so wurde das wirkungsvoll von der Tatsache unterbunden, dass ihn der Plasmierte einfach zur Tür hinaus geschoben und diese hinter sich geschlossen hatte.
“Eine gute Idee, Mister Van Valen”, sagte Whiggs. “Vielleicht finden wir auf diese Weise weitere Gemeinsamkeiten.”
Eric zuckte abermals mit den Schultern und gestattete sich ein schmales Lächeln. “Möglicherweise auch das. Aber eigentlich wollte ich den Kerl nur aus dem Weg haben.” Er setzte sich auf einen der Stühle und zog den Karton zu sich heran. “Kommen Sie. Lassen Sie uns nachsehen, was wir hier finden.”

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Dieser Eintrag wurde geschrieben am Freitag, September 11th, 2009 um 00:30 in der Kategorie Kapitel 6. Reaktionen zu diesem Eintrag können Sie mit dem RSS 2.0 Feed verfolgen. Die Kommentare für diese Seite sind geschlossen.

8 Kommentare bisher

 1 

Die Sorgen und Nöte eines Schreiberlings:

Ohje, das war wieder so ein Tag, wo jeder der Beteiligten in Arbeit versumpft ist (ich meine damit richtige Arbeit. Sowas mit dem man Geld verdient) und man sich nicht auf eine Vorgehensweise einigen konnte. Und wenn dann am späten Abend einer davon direkt im Editor schreibt (groooßer Fehler! ;-) und beim Speichern plötzlich die Seite nicht mehr lädt, dann ist Frust vorprogrammiert.

Aus dem Grund ist der heutige Text also ein ganzes Stück kürzer geraten und nicht unbedingt eine Glanzleistung. Es könnte im Laufe des Tages aber nochmal erweitert werden - je nachdem, wie es zeitlich hinhaut und ob die Erinnerung an die verlorenen Passagen noch frisch ist.

Die heutige Schreiblektion:
1. Erweitern Sie obigen Text mindestens zu einem Zweiseiter, indem Sie Raumbeschreibungen entwerfen und die Gespräche vertiefen.
2. Speichern Sie regelmäßig ab.

September 11th, 2009 at 09:33
Tom
 2 

Anmerkung eines anderen Schreiberlings:
Der Text ist auf meinem Rechner daheim tatsächlich deutlich länger und auch im momentanen Inhalt etwas erweitert. Allerdings war unser Hosting-Server heute Nacht zwischen 23.30 und 0.30 nicht erreichbar.

Und länger zu warten, ob er sich doch wieder zurückmeldet, war mir nicht möglich. Man muss ja früh auch wieder raus.
Das heißt, ich werde heute Abend “Kapitel 6-10 Reloaded” einstellen. Bis dahin reicht uns das hier als Teaser und cliffhanger. ;)

September 11th, 2009 at 10:24
 3 

So. Erledigt. Viel Spaß und ein erholsames Wochenende!

September 11th, 2009 at 23:21
TPF
 4 

“In all den Jahren, die seit ihrem letzten Aufeinandertreffen bis zu dem Zeitpunkt, als der verstümmelte Leichnam Hartlefields vor seinen Füßen gelegen hatte, war dieser Mann immer in der Nähe seines Vaters gewesen.”
Da fehlt ein “verstrichen waren” oder so etwas?

Wie wäre es mit einer Chiffre, um die Monströsität noch zu untersteichen: oder so. Das legt den Schluß nahe, daß es noch weitere gäbe! :-)

September 21st, 2009 at 18:18
 5 

zurück geblieben.
- Im Sinne von doof wohl eher: zurückgeblieben.

Diese Bürokratie
- Die Bürokratie hier …

einem der ordentlich der Größe nach in ein Gestell einsortierten Stempel.
- einem der, ordentlich der Größe nach in ein Gestell einsortierten, Stempel.

Die [Abgelehnt]-Passage: Klasse ;)

… gerade keine weiteren Anmerkungen.

September 21st, 2009 at 20:41
 6 

Man kann es nicht oft genug wiederholen: Besten Dank für die bisherigen Anmerkungen und Hinweise. Sind wieder mal einige überdenkenswerte Punkte dabei gewesen.

September 21st, 2009 at 21:18
TPF
 7 

In meinem Kommentar fehlt etwas.
Ich meinte etwas wie “Aktenaufbewahrungsstelle 2R” oder “AABS IV”.
Irgend so was, dann ist das Ding nämlich nicht die einzige ihrer Art! :-)

Wie wäre es mit einer plasmabetriebenen Rohrpost?

September 22nd, 2009 at 12:14
 8 

Monströse Bürokratie. Das Allein gibt schon Stoff genug für einen eigenen Horror-Roman…

PS: Die Plasmabetriebene Rohrpost hatte ich auch schon mal im Kopf (also bildlich gesprochen). Ich fand sie dann aber etwas übertrieben - und außerdem sind düstere Katakomben in die man hinabsteigen muss, um an die Akten zu gelangen, irgendwie romantischer

September 22nd, 2009 at 14:52

Die Kommentare sind geschlossen.