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„Ich habe es ihm nicht glauben wollen. Kein Wort.“ Jan Wojcik hielt es schon seit einigen Minuten nicht mehr auf dem Stuhl. Hektisch, wie eine gefangene Ratte in einem winzigen Käfig, und am ganzen Körper zitternd lief er in dem kleinen Patientenzimmer hin und her. Immer von einer Wand zur anderen. Ein ums andere Mal hieb er mit der Faust gegen das nackte Gestein. „Kein einziges Wort aus seinem verdammten, verlogenen Maul!“
Whiggs kauerte sich auf dem Bett zusammen und zuckte jedes Mal leicht zusammen, wenn die geballte Hand Wojciks gegen das Mauerwerk klatschte. Das Gespräch hatte bislang keine besonderen Erkenntnisse gebracht. Nur unverständliches Zeug war aus dem Mund des Mannes gekommen, keine Anhaltspunkte, keine stichhaltigen Beobachtungen. Gebrabbel eines traumatisierten Zeugen. Sie kannte diesen Zustand. In Lethe nannte man es den Tunnelkoller. Eine Heilung konnte nur durch eine ausreichende Menge an Ruhe und Zeit erreicht werden, zumindest war es in der Stadt der Tunnler so. Vielleicht wusste man hier in der Krankenstation der Fabrik von einer schnelleren Methode, aber für Whiggs war das nur schwer vorstellbar.

Selbst der Agent machte mittlerweile ein unglückliches Gesicht. Sicherlich hatte auch er sich mehr von der Befragung erhofft. Deutlich mehr sogar. Stattdessen blickte er beinahe hilflos zu Wojcik hinüber, der unablässig seinen Weg abschritt. Whiggs hatte den Eindruck, als wäre Eric kurz davor, die Sache abzubrechen. Schließlich hielt sie es nicht mehr aus, stand auf und stellte sich dem Mann in den Weg. Vorsichtig legte sie ihre Hand auf seine Faust und sprach mit beschwörender Stimme auf ihn ein. „Jetzt beruhigen Sie sich doch erst einmal. So führt das doch zu nichts. Kommen Sie, setzen wir uns.“ Langsam führte sie Wojcik zum Bett, drückte ihn mit sanfter Gewalt hinunter und setzte sich dann neben ihn. „Und nun atmen Sie erst einmal tief durch. Ihnen tut doch niemand etwas. Weder ich noch Agent Van Valen möchten Sie in irgendeiner Art und Weise unter Druck setzen. Trotzdem ist das, was Sie uns vielleicht mitteilen können, von größter Wichtigkeit. Dieses Monster, wie Sie es genannt haben, muss unbedingt gefasst und unschädlich gemacht werden. Damit nicht noch mehr Menschen zu schaden kommen. Verstehen Sie?“

Wojcik ließ sich tatsächlich von den einfühlsamen Worten Whiggs besänftigen. Nach kurzer Zeit hörte er auf zu zittern und sein Blick klärte sich zusehends. Er atmete tief ein und wieder aus. Dann senkte er müde den Kopf und schloss die Augen. Leise verließen die Worte seine Lippen. Seine Besucher hatten anfangs Mühe, ihn überhaupt zu verstehen.
„Hartlefield dieser Spinner. Alles, was er von sich gibt, ist blödsinniges Gelaber. Hohles Geschwätz und hundertfach übertrieben. Er wollte einmal sogar gesehen haben, wie sich die Bosse vom Ministerium drei Wochen lang jeden Abend mit toten Quexern gepaart haben. Können Sie sich das vorstellen? Ich nicht.“ Ein irres Kichern entrang sich seiner Kehle und Whiggs hatte sichtlich Mühe, ihn zum Sitzenbleiben zu bewegen. “Wahrscheinlich hat er den Patienten im Asylum die Tabletten geklaut und das Zeug selbst geschluckt. Keiner glaubt ihm seinen Schwachsinn. Keiner…“
„Asylum?“, unterbrach ihn Eric. „Meinen Sie etwa das Coleman Asylum?“
“Welches denn sonst? Hartlefield ist doch dauernd dort gewesen. Hat ja beinahe schon dort gewohnt, der verrückte Kerl. Ich weiß nicht, was er da wollte, aber…” Wojcik hielt inne und schaute Eric ernst an. “Er war… ist mein bester Freund, wissen sie? Feiner Kerl - aber erzählt eine Menge Unsinn, wenn er betrunken ist. Er ist ja dauernd betrunken gewesen, in letzter Zeit.”
„Was hat er Ihnen erzählt?” fragte Whiggs und lenkte den Mann erneut von Eric ab, auch wenn dem das nicht zu gefallen schien. “Was ist das für ein Unsinn, den Sie ihm nicht glauben wollen? Bitte, Mr. Wojcik, es ist unglaublich wichtig, dass Sie es uns sagen!”
“Na, von diesen Kreaturen mit den schwarzen, glänzenden Augen. Die Kerle stammen direkt aus der Hölle, wenn Sie mich fragen. Und sie sind gefährlich. Sehr gefährlich. Nie wieder will ich einen von Ihnen auch nur von hinten sehen.” Ruckartig stand Wojcik vom Bett auf und wies auf die Tür. “Sie müssen jetzt gehen. Ich habe schon viel zu viel gesagt. Von mir werden Sie kein Wort mehr hören. Gehen Sie!”
Sie wollten bereits das Krankenzimmer verlassen, als Wojcik den Agenten hastig am Ärmel fasste und zurück hielt. “Wie geht es Hartlefield?” fragte er mit tiefer Besorgnis in der Stimme. “Ist er… er wird doch wieder gesund, oder? Sagen Sie mir, dass es ihm gut geht!” Eric schaute hilflos zu Whiggs, die nach kurzem Zögern an seiner Stelle antwortete. “Es geht ihm gut”, sagte sie schlicht. “Es geht ihm gut.”

Doktor Brown wartete vor der Tür, so dass sie ihn nicht erst über das Sprechrohr herbeirufen mussten. Unwillkürlich beschlich Whiggs das Gefühl, die Anlage fungierte durchaus auch als Abhöreinrichtung für die Patientenzimmer - und dass sie genau damit soeben belauscht worden waren.
„Ich hoffe, Sie sind mit dem Ergebnis Ihres Gespräches zufrieden. Mister Wojcik ist in der Regel recht kooperativ. Wenn er denn nicht gerade einen seiner Aussetzer hat. Kann ich sonst noch etwas für Sie tun? Andernfalls würde ich mich dann wieder meinen Aufgaben widmen. Unsere Patienten brauchen schließlich ab und an auch einmal ihre Medikamente.“
„Nein, vielen Dank. Ich denke, wir haben jetzt alles was wir brauchen“, bedankte sich Eric mit der nötigen Höflichkeit. „Machen Sie sich bitte keine Umstände. Wir finden alleine raus. Kommen Sie, Miss Taversham, wir sind hier fertig. Wir sollten zu Mr. Ferret zurückkehren und unser weiteres Vorgehen besprechen.“
„Natürlich, Mr. Van Valen.“ Whiggs nickte ihm bestätigend zu. Ihr brannten so einige Bemerkungen auf der Zunge, die jedoch an einem anderem Ort und zu einer besseren Zeit zu äußern angebrachter waren als hier und jetzt. „Vielen Dank für Ihre Unterstützung, Doktor Brown. Das Gespräch mit Mr. Wojcik war sehr aufschlussreich. In mehr als nur in einer Hinsicht.“
Doktor Brown lächelte selbstgefällig, als er den beiden hinterher schaute, wie sie den Flur in Richtung Ausgang hinunter gingen. „Das hoffe ich, Miss Taversham”, murmelte er zu sich selbst. “Das hoffe ich.” Dann drehte er sich um und verschwand in einem naheliegenden Büro. Er musste dringend seinen Vorgesetzten kontaktieren, bevor er sich wieder an die Arbeit machte.

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Dieser Eintrag wurde geschrieben am Mittwoch, September 9th, 2009 um 00:01 in der Kategorie Kapitel 6. Reaktionen zu diesem Eintrag können Sie mit dem RSS 2.0 Feed verfolgen. Die Kommentare für diese Seite sind geschlossen.

5 Kommentare bisher

TPF
 1 

“wusste man hier in der Krankenstation der Fabrik von einer schnelleren Methode”
-> ‘kannte man hier in der Krankenstation der Fabrik eine schnellere Methode”

“Er musste dringend seinen Vorgesetzten kontaktieren”
-> Sein Vorgesetzter wird wohl eher ein Oberarzt oder so etwas in der Krankenstation sein? Oder ist er der einzige Arzt - so jung?
Wahrscheinlich macht er Meldung, aber wohl abseits der “offiziellen” Hierarchie?

September 9th, 2009 at 18:59
 2 

Ich kenne Doktor (Emmet?) Brown nicht - aber ich vermute mal, dass es mehrere Hierarchien gibt, denen er untersteht. Immerhin gilt das ja für fast alle Einwohner Steamtowns.

… ist “Bürokratie” eigentlich eine offizielle Gesellschafts- bzw. Regierungsform…?

September 11th, 2009 at 23:23
TPF
 3 

In Steamtown bestimmt! :-)

September 16th, 2009 at 15:47
 4 

Ich kenne noch so das eine oder andere Land, in dem Bürokratie eine offizielle Gesellschafts- bzw. Regierungsform ist. Ich erinnere mich da z.B. vage an meine Abwrackprämie…

September 17th, 2009 at 08:37
 5 

unschädlich gemacht werden. Damit nicht
- werden, damit

Whiggs das Gefühl, die Anlage fungierte durchaus auch als
- , dass die Anlage durchaus auch als Abhöreinrichtung fungierte

Ok, Doc Brown ist mir suspekt …

September 21st, 2009 at 20:31

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