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Am Eingang empfing sie ein junger Arzt. Er stellte sich als Doktor Brown vor und begleitete sie ohne weitere Worte durch die gefliesten Gänge des Gebäudes zu den Patientenzimmern. Trotz der neueren Bauart ähnelten die Gänge in ihrem erdrückenden Erscheinungsbild stark denen des Coleman Asylum und Whiggs und Eric warfen sich Blicke zu, die besagten, dass keiner von ihnen glücklich darüber wäre, sich an diesem Ort jemals von irgendwelchen Krankheiten erholen zu müssen.
Nachdem der Doktor sie durch mehrere Gittertüren geschleust hatte, die unangenehme Erinnerungen in Eric wachriefen, öffnete er eine überraschenderweise unverschlossene Zimmertür und bat die Besucher, einzutreten.
„Sie haben zehn Minuten, Mister Van Valen. Bitte vermeiden sie alles, was den Patienten übermäßig aufregen könnte und wenden Sie keine Gewalt an. Falls Sie Hilfe benötigen, finden Sie an der Wand zu Ihrer Linken ein Sprechrohr. Heben Sie den Hörer ab und drehen Sie danach die Kurbel einmal im Uhrzeigersinn. Falls ich nichts von Ihnen höre, hole ich Sie spätestens nach Ablauf der Besuchszeit wieder ab.“
Eric nickte zum Zeichen, dass er verstanden hatte und der Doktor schloss hinter ihnen die Tür.

Das Zimmer wirkte sauber aber trostlos. Bis auf zwei schmale, unbenutzt wirkende Betten, einen Tisch mit zwei Stühlen und einen schlichten Schrank, besaß es keinerlei Inventar.
Auf einem der Stühle saß Jan Wojcik. Erstaunlicherweise machte er auf Eric überhaupt nicht den Eindruck eines Lastenträgers. Auf den ersten Blick wirkte er schmächtig und feingliedrig. Mit seinem schütteren Haar und dem abgehärmten Gesicht hätte man ihn sich viel eher als verarmten Musiker oder Lehrer vorstellen können.
Möglicherweise täuschte dieser Eindruck noch nicht einmal. In den Docks arbeiteten eine Menge Einwanderer, die in ihrer Heimat ein Einkommen als Akademiker gehabt hatten, aber durch den Krieg auf dem Kontinent dazu gezwungen waren, in andere Länder zu flüchten. Wo ihre Fähigkeiten nicht benötigt wurden, mussten sie sich oft mit körperlicher Arbeit durchschlagen und legten dabei manchmal eine Zähigkeit und einen Fleiß an den Tag, die ihr schwächliches Äußeres Lügen straften. Mister Wojcik schien einer von diesen Männern zu sein.
Er hatte die Hände vor sich auf dem Tisch übereinander gelegt und blickte seinen Besuchern still aber aufmerksam entgegen.
Für einen kurzen Augenblick schien er zu überlegen, ob er aufstehen und Whiggs und Eric begrüßen sollte, entschied sich dann aber anders und machte mit der Hand eine kurze Bewegung, die Eric als Einladung interpretierte, sich zu setzen, wo es ihm beliebte. Der junge Agent schaute für einen kurzen Moment unentschlossen von dem einzigen noch leeren Stuhl zu Whiggs. Die Emanatin ersparte ihm irgendwelche höflichen Gesten, indem sie sich einfach auf den Rand eines der Betten niederließ. Nach kurzem Zögern zog Eric den Stuhl zu sich heran und setzte sich ebenfalls.

„Mein Name ist Eric Van Valen“, begann er. „Und meine Begleiterin hier heißt… ist Miss Taversham.“
Wojcik nickte. „Sehr erfreut“, erwiderte er mit leichtem Akzent. „Sie wurden mir freundlicherweise bereits angekündigt. Entschuldigen Sie bitte, dass ich sitzen bleibe, aber ich fühle mich zur Zeit etwas schwach auf den Beinen.“
Erst jetzt bemerkte, Eric, dass die Hände des Mannes leicht zitterten.
„Man sagte mir, dass Sie ein Agent aus dem Ministerium seien“, sagte Wojcik. „Und Sie würden mir einige Fragen stellen. Ich solle Ihnen vertrauen, hieß es.“ Er blickte Eric mit ernsten Augen an. „Sie kommen von der Regierung, Mister Van Valen.” Das war keine Frage, sondern eine erneute Feststellung. Von jemandem, dessen Augen Abscheuliches gesehen haben mussten, dienten sie der eigenen Bekräftigung. Der Mann schien nicht mehr zu wissen, was oder wem er noch glauben konnte.
“Ja, Mr. Wojcik. Ich hoffe, das macht Ihnen keine Sorgen. Sie haben wirklich nichts zu befürchten. Ich möchte Ihnen nur ein paar Fragen stellen.”

Erics Gegenüber lachte kurz und trocken auf. “Sorgen? Was wissen Sie schon von Sorgen? Sie haben es nicht gesehen … es .. dieses Ding, dieses …” Von einer Sekunde auf die andere kippte sein Gesichtsausdruck weg von der Gesprächskonzentration in einen Zustand der fahrigen Abwesenheit. Beinahe so, als ob er noch einmal vor diesem Schrecken davon lief. “Wo ist nur meine süße, kleine Lucy? Ist sie wieder weggelaufen, meine Lucy? Meine süße, zuckersüße Kleine. Komm zurück zu Daddy. Komm …”
“Mr. Wojcik. Mr. Wojcik!” Erics fasste den Mann am Arm und sprach bestimmt auf ihn ein. Wojcik zuckte unkontrolliert, aber der Ton von Erics Stimme ließ ihn langsam zurück in die Wirklichkeit zurückgleiten.
“Wer? … wo bin ich?”
“Auf der Krankenstation. Sie wollten gerade von Ihrem Erlebnis erzählen.”
“Es war ein Monster.” Wojcik schrie nun. “Ein Monster!”

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Dieser Eintrag wurde geschrieben am Freitag, September 4th, 2009 um 00:33 in der Kategorie Kapitel 6. Reaktionen zu diesem Eintrag können Sie mit dem RSS 2.0 Feed verfolgen. Die Kommentare für diese Seite sind geschlossen.

3 Kommentare bisher

TPF
 1 

Kommt nach der neuen Rechtschreibung mehr kein Komma in Sätzen wie “Das Zimmer wirkte sauber, aber trostlos.”?
Ich würde da eins setzen…

Hier auch:
“des Coleman Asylum, und Whiggs und Eric” da ein vollständiger Satz folgt.

Hier dagegen:
“…und einen schlichten Schrank besaß es keinerlei Inventar.” würde ich das Komma weglassen.

Am Schluss wäre vielleicht “EIN MONSTER!” gut, um den Schrei darzustellen.

Stil:
“…die in ihrer Heimat ein Einkommen als Akademiker gehabt hatten, aber durch den Krieg auf dem Kontinent dazu gezwungen waren, in andere Länder zu flüchten.”
Vielleicht stattdessen:
“…die in ihrer Heimat als gebildete Männer galten, aber durch den Krieg auf dem Kontinent dazu gezwungen wurden, zu flüchten.”

September 9th, 2009 at 18:41
 2 

Trotz der neueren Bauart ähnelten die Gänge [...] irgendwelchen Krankheiten erholen zu müssen.
- zu lang, trennen! … Whiggs und Eric wirken übrigens verdammt intim …

„Sie haben zehn Minuten, [...] wieder ab.“
- Diese Dinge würde man normalerweise VOR betreten des Zimmers besprechen, eventuell auch unterwegs.

In den Docks [...] schwächliches Äußeres Lügen straften.
- Vorschlag: “In den Docks arbeiteten eine Menge Einwanderer, die in ihrer Heimat ein Einkommen als Akademiker gehabt hatten. Durch den Krieg auf dem Kontinent jedoch waren sie dazu gezwungen, in andere Länder zu flüchten, wo ihre Fähigkeiten nicht benötigt wurden. Oft mussten sie sich mit körperlicher Arbeit durchschlagen und [...]

die Eric als Einladung interpretierte, sich zu setzen, wo es ihm beliebte.
- die Eric als Einladung interpretierte, sich zu irgendwo hinzusetzen.

einfach auf den Rand eines der Betten
- Dativ: einfach auf dem Rand eines Bettes

Nach kurzem Zögern zog Eric den Stuhl zu sich heran und setzte sich ebenfalls.
- warum verrückt Eric den Stuhl? Steht er zu nah an dem Kerl oder zu weit weg? Ist das überhaupt wichtig? Kann er sich nicht einfach “nur” setzen?

Erst jetzt bemerkte, Eric
- streicht das dortige Komma

Das war keine Frage, sondern eine erneute Feststellung. Von jemandem, dessen Augen Abscheuliches gesehen haben mussten, dienten sie der eigenen Bekräftigung. Der Mann schien nicht mehr zu wissen, was oder wem er noch glauben konnte.
- Der erste Satz: überflüssig. Der zweite und dritte Satz: Zuviel psychoanalyse. Zeigt, woher Eric auf diesen schluss kommt, lasst es den leser eventuell selbst herausfinden, aber erzählt es nicht einfach.

Von einer Sekunde auf die andere kippte sein Gesichtsausdruck weg von der Gesprächskonzentration in einen Zustand der fahrigen Abwesenheit.
- öhm sein Gesichtsaudrcuk kippte weg? *mit der Stilkeule zuschlag*

Beinahe so, als ob er noch einmal vor diesem Schrecken davon lief.
- Überflüssig. Er LÄUFT davon weg, das merkt man gut im nachfolgenden Satz.

Erics fasste
- Eric

sprach bestimmt auf ihn ein
- streicht “bestimmt”

langsam zurück in die Wirklichkeit zurückgleiten.
- zuviel “zurück” - streicht das erste.

September 21st, 2009 at 20:05
 3 

Diese Szene ist für Leser, Lektor und Autor gleichermaßen knifflig. Ich kann nicht mal hier darauf eingehen, warum - obwohl du mit deinem Hintergrundwissen an den meisten Stellen recht hast - ein Teil so stimmt. Spoilergefahr.

Zum Thema “bestimmt” aber: Es ist hier bestimmt nicht in seiner Funktion als Synonym für “sicherlich” gebraucht, sondern in der Bedeutung von “fest”, “”mit Nachdruck”. Man könnte es aber sicherlich auch durch letzteres ersetzen.

September 21st, 2009 at 21:24

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