Archiv für August 26th, 2009
Kapitel 6-03
Der hochgewachsene Anzugträger und seine beiden Wachleute führten Eric aus dem Gebäude hinaus auf einen offenen Platz.
Der Anblick der sich ihm dort bot, verschlug dem jungen Agenten schier die Sprache. Denn was er sah, ähnelte mehr als alles andere, was er je zuvor gesehen hatte, dem chaotischen Treiben auf einem riesigen Ameisenhaufen. Unzählige Menschen wuselten in einem unglaublichen Durcheinander über das Kopfsteinpflaster, manche mit schweren Lasten beladen, andere mit Aktenmappen oder in weißen Kitteln und mit seltsamen Gerätschaften in den Armen. Hier und da schoben sich gewaltige, chromblitzende Maschinen hupend durch das Gedränge. Auf ihren Ladeflächen hoben und senkten sich in gleichmäßigem Rhythmus pumpenschwengelartige Auswüchse, wie die Arme von Riesen, die sich gegenseitig drohend die Fäuste entgegen reckten. Nach einigen ziellos wirkenden Runden über den Platz verschwanden sie zumeist hinter einem der großen Stahltore auf denen in goldenen Lettern das Zeichen der Steamtown Power Transmission Ltd. aufgeprägt war. Ersetzt wurden sie durch andere, noch seltsamere Maschinen, die sich wie Insekten auf grotesk wirkenden, stelzenartigen Beinen vorwärts bewegten und deren Fahrer in ihren an Taucheranzüge erinnernden Schutzkleidungen wie Wesen aus einer anderen Welt wirkten.
Es dauerte einige Augenblicke, bis Eric hinter all dem Chaos eine gewisse Ordnung erkennen konnte. Je genauer er hinschaute, um so mehr fielen ihm die eng abgegrenzten Bereiche auf, in denen sich die Maschinen bewegten, die Bürgersteige auf denen die Reihen der Arbeiter schwer beladen in die Gebäude hinein marschierten und die Pfade, auf denen sie mit leeren Händen oder neuen Lasten wieder herauskamen. Sein Blick fiel unweigerlich auch auf die uniformierten Wachen, die überall an den Kreuzungen und Halleneingängen postiert waren und mit grimmigen Blicken die vorbei eilenden Lastenträger musterten. Sie waren mit den modernsten Plasmawaffen ausgerüstet und der jungen Agent bemerkte, dass einige von ihnen sogar Lederkappen trugen, unter denen sich Kommunikationsgeräte verbargen, wie sie sonst nur bei den Piloten der großen Luftschiffe Verwendung fanden.
Wie ein gewaltiger Ameisenhaufen… Das Bild schien tatsächlich zuzutreffen. Auf der einen Seite die unzähligen, fleißigen Arbeiter, die unablässig Vorräte und Baumaterial heranschafften, auf der anderen Seite die Krieger, die dafür sorgten, dass alles seinen geregelten Gang lief, dass niemand aus der Reihe tanzte oder die Heimstatt des Volkes gefährdete. Es fehlte nur noch die Königin, die irgendwo tief im Inneren des Nestes verborgen dafür sorgte, dass das Volk wuchs und sich ausbreitete, indem sie unablässig weiteren Nachwuchs erzeugte.
Eric wurde von seinen Begleitern unsanft auf eine wartende, plasmagetriebene Droschke befördert. Als auch der Anzugträger aufgestiegen war, klappte der Fahrer an der Seite des Wagens ein rotes Fähnchen nach oben und ließ ein blechern klingendes Signal ertönen. Sofort öffnete sich in der Menge der Arbeiter eine schmale Gasse, durch die das Gefährt ungehindert den Platz überqueren und auf die Hauptstraße einbiegen konnte. Das Signal schien eine beinahe magische Wirkung auf die Menschen und Fahrzeuge auszuüben, die sich in einem steten Strom die Straße hinauf bewegten. Wer auch immer den blechernen Ton hörte oder das rote Fähnchen erkannte, tat sein Möglichstes, der Droschke schnell Platz zu machen. Nur die mächtigen Maschinen zeigten sich unbeeindruckt von dem winzigen Störenfried. Warum auch? Niemand würde angesichts dieser unaufhaltsamen Masse aus Messing und Stahl auf seinem Recht auf Vorfahrt beharren. Dem Fahrer blieb also nichts anderes übrig, als fluchend und schimpfend um die riesigen Hindernisse herum zu fahren.
Trotzdem kamen sie zügig voran und erreichten kurze Zeit später ein gut bewachtes Sicherheitstor. Als sie es passiert hatten, änderte sich das Bild schlagartig. Die Werkhallen mit den großen Toren waren lang gestreckten, braunen Fabrikgebäuden gewichen, aus deren Dächern die mächtigen Schornsteine ragten, die so typisch für das Bild von Steamtown geworden waren. Der beißende, schmutziggraue Rauch den sie ausspieen, verdunkelte den Himmel hier so stark, dass die Plasmalaternen am Straßenrand sogar am Tag noch weiter brennen mussten. Viele Arbeiter trugen Gesichtsmasken, die ihnen das Atmen erträglicher machten. Die Meisten mussten ihre schweren Lasten aber ohne Schutz durch die stinkenden Abgase schleppen. Ihrem heruntergekommenen Äußeren nach zu schließen, handelte es sich zum Großteil um arme Lohnarbeiter aus den Docks, die sich hier, angelockt von der besseren Bezahlung, ihre Gesundheit ruinierten.
Glücklicherweise mussten sie nur kurz zwischen den Fabrikgebäuden entlang fahren. Die Verwaltungsgebäude - das Ziel ihrer Reise, wie Eric kurz darauf erfuhr - lagen ein Stück weiter oben an der Flanke der Lord Hedley Hills. Dort sorgte der Seewind für eine frische Brise und deutlich bessere Luft als unten im Tal.
Die Droschke kletterte den Berg hinauf und passierte noch ein zweites und drittes Sicherheitstor, ehe sie schließlich vor einem mächtigen Gebäudekomplex zum Stehen kam. Die Gebäude erinnerten in ihrer funktionalen Schlichtheit mit den mächtigen symmetrischen Säulen und klaren Formen an die kontinentale Architektur der Jahrhundertwende, schienen aber bedeutend jünger zu sein. Ihr respekteinflößender Anblick erfüllte Eric mit einer gewissen Ehrfurcht, als er aus dem Wagen stieg und an den Fassaden empor schaute.
Die Wachleute brachten ihren noch immer gefesselten Gefangenen in eine große, kalt wirkende Eingangshalle aus grauem Marmor und marschierten ungeachtet der verwunderten Blicke des Empfangspersonal die breiten Treppen hinauf in das Obergeschoss. Oben angekommen, lösten sie Erics Handschellen und übergaben ihn der Obhut des Anzugträgers.
“Folgen Sie mir, Mister Van Valen.” Ohne sich noch einmal umzudrehen, verschwand der hochgewachsene Mann in einem langen Flur. Eric machte sich keine Illusionen. Falls er diesen Augenblick zur Flucht nutzte, würde er nicht weit kommen. Das Gebäude war höchstwahrscheinlich schwer bewacht. Und selbst wenn es ihm gelänge, es irgendwie zu verlassen, wäre er immer noch auf dem weitläufigen Gelände gefangen. Die vielen Sicherheitstore und Wachmänner gaben deutlich zu erkennen, wer in dieser seltsamen Stadt in der Stadt das Sagen hatte.
Seufzend folgte der junge Agent dem Anzugträger durch zwei weitere Flure und schließlich in ein großes Büro, dessen noble Einrichtung in krassem Gegensatz zur Nüchternheit des restlichen Gebäudes stand. Die Wände waren hier mit dunklem Eichenholz getäfelt, der mächtige Schreibtisch in der Mitte des Raumes aus Teak gefertigt. Über dem marmornen Kamin hing ein Ölgemälde aus der königlichen Sammlung. Eric zweifelte nicht daran, dass es sich dabei um eine persönliche Leihgabe oder sogar um ein Geschenk handelte.
Als er das Gesicht des Mannes erkannte, der ihm aus dem schweren Ledersessel hinter dem Schreibtisch entgegen blickte, zuckte Eric unwillkürlich zusammen.
Dieses Gesicht… und diese Augen!
Sicher, es wirkte um vieles älter als damals, als er es zum letzten Mal gesehen zu haben glaubte. Aber wie lange war das inzwischen her? Zehn Jahre? Vielleicht sogar Fünfzehn. In so einer langen Zeit konnte sich viel verändern. Trotzdem bestand kein Zweifel.
Tags: Eric Van Valen, Lord Hedley Hills

Artikel als RSS-Feed
Kapitel als PDF