Nur wenige Schritte später sah Eric im grünlichen Schein der Laternen einen vom Schlamm unzähliger unterirdischer Fluten verkrusteten Torbogen auftauchen.
Vorsichtig stiegen sie über eine kurze Treppe hinab. Die Reste einer verrosteten Eisentür lagen hier, schon viel zu lange der steten Feuchtigkeit der Tunnel ausgesetzt. Unter ihren Stiefeln brachen große, braunrote Flocken aus dem zerfressenen Blech.
Stumm tasteten sie sich in die dahinter liegende Dunkelheit, während sich in den schmalen Lichtkegeln ihrer Lampen nach und nach eine wahrhaft phantastische Szenerie des Verfalls auftat: Filigrane Plasmalaternen, welche längst weder Glas noch Plasma aufwiesen und die über und über mit dem Schlamm vergangener Fluten verschmiert waren. Ein seltsam warmer Wind schlug ihnen aus der Finsternis entgegen und trug einen unmissverständlichen Geruch von Fäulnis, Brackwasser und Raubtier mit sich.
Argwöhnisch musterte Eric die im grünen Licht der Lampen dunklen Schlieren, Streifen und Handabdrücke, die die blinden Kacheln links und rechts des Torbogens bis fast zur Decke in bizarren Mustern überzogen.
Er brachte seinen Mund dicht an Cummins Ohr: “Ist das Blut…?”
Der Sergeant musterte die Wand. “Scheiße”, flüsterte er dann eben so leise zurück.
“Das ist Quexer-Scheiße. Diese Bastarde markieren ihr Revier damit. Fassen Sie hier besser nichts an, Sir.”
“Oh”, vorsichtig rückte Eric ein Stück von der Wand ab und sah sich um.
Der Raum hinter dem Torbogen war groß. So groß, dass die Lichtfinger kaum erfassen konnten, dass sie sich in einem weiten, lang gestreckten Saal befanden, dessen Deckenkuppel sich über ihnen im Dunkel verlor. Hoch über ihren Köpfen hingen schief und verdreckt die Reste eines gewaltigen Kristallleuchters, von denen lange, wie Seetang anmutende Fetzen von Unrat herab hingen.
Die Flächen zwischen den stählernen Rippen des Deckengewölbes waren einst wohl mit Spiegeln ausgekleidet gewesen. Die meisten waren allerdings inzwischen erblindet und gesprungen oder bedeckten als glitzernde Scherben den marmornen Boden. Eric hatte das vage Gefühl, einen zerstörten, vergessenen Himmel betreten zu haben.
Quälend langsam tasteten sie sich in die große Halle von Fools Court vor, die Waffen im Anschlag. Eric fühlte, wie sich der Schweiß auf seinem Rücken sammelte und über seine klammen Hände kroch.
Die Wand zu ihrer Rechten war mit aus zerbröckelndem Gips modellierten Säulen verziert, zwischen denen sich riesige Mosaike aus vermutlich farbigen, glasierten Kacheln befanden. Der junge Agent musterte eines von ihnen genauer. Es stellte eine von sanften, bewaldeten Hügeln überragte Landschaft dar, die von einem Fluss durchzogen wurde. An dessen Ufern standen die charakteristischen Gebäude großer Sägemühlen. Die Szenerie war unwirklich, beinahe wie das Gemälde in der Grabkammer auf einer archäologischen Expedition, wäre da nicht der Abfall gewesen, der sich am Fuß der Wand türmte. Im oberen Drittel der Wand war mit goldenen Lettern der Name “Lestor” eingelassen und plötzlich verstand Eric.
Die Lestors gehörten zu den reichsten Familien Steamtowns. Sie hatten ihr gigantisches Vermögen mit dem Bauholz für die rasant wachsende Stadt und ihre Flotte begründet. In den benachbarten Nischen entdeckte er nacheinander die Namen Willingsworth, Van Hurst, Barnsleigh, DeGuin und andere. Jeder einzelne von ihnen zierte ein weiteres Mosaik, das davon berichtete, wie die Reichsten der Reichen der Metropole zu ihrem Wohlstand gekommen waren. Eric verzog angewidert das Gesicht.
Ein eisernes Gitter tauchte im Schein der Lampen auf, dieses noch intakt und in seinen Scharnieren hängend. Schmutz und Klauenspuren am oberen Rand belegten, dass sich die Quexer nicht davon hatten aufhalten lassen und einfach darüber hinweg geklettert waren. Über dem Gittertor prangte in abblätternden Buchstaben der Schriftzug “Sampton Market, Aufgang Nord”. Direkt daneben wies ein Schild mit der Aufschrift “ZUM HOTEL” in einen kurzen Korridor mit zwei reich verzierten Fahrstühlen. Ein schimmliges Sofa lehnte sich müde an eine Wand und fauliges Rosshaar und rostige Federn quollen aus seiner Polsterung. Die von Grünspan überzogenen Messingtüren einer zerstörten Kabine standen weit offen und an ihrem Boden kringelten sich, metallenen Schlangen gleich, die gerissenen Aufzugskabel. Eine ebenfalls verschimmelte, von Würmern zerlöcherte Mahagonitafel trug die Aufschrift “Fahrplan”, ohne jedoch Zeiten oder Zielorte anzugeben. Was der junge Agent seltsam passend fand.
Stumm schritten sie weiter die langgezogene Halle hinab, stets darauf gefasst, sich von einem zum nächsten Moment kreischenden, blökenden und geifernden Horden der amphibischen Monster gegenüber zu sehen, in deren Reich sie eingedrungen waren. Doch die tiefe Stille wurde nur vom leisen Geräusch tropfenden Wassers unterbrochen, das an mehreren Stellen durch die Decke sickerte. Keiner der Lampenstrahlen traf auf ein lebendes Wesen und auch Mr. Ferret schüttelte auf Erics fragenden Blick hin nur den Kopf.
Dennoch wurde der brackige Gestank immer stärker.
Schließlich hob Cummins die Hand und signalisierte Halt.
Auf ihre fragenden Blicke hin deutete er auf das Plasmarohr, das bisher über ihren Köpfen an der Wand entlang gelaufen war und achtlos alle Mosaike zerschnitten hatte. An dieser Stelle jedoch verließ es die Wand und folgte einem der schmalen Eisenträger der Deckenkonstruktion hinaus in die Mitte der Halle.
Auf ein Nicken Erics hin änderten sie ihre Richtung und bewegten sich hinaus in den freien Raum.
Nach nur wenigen Metern erfassten die Kegel ihrer Lampen eine spiegelnde Fläche. Es dauerte einen Moment, bis Eric klar wurde, dass nicht der Boden der Halle verspiegelt war, sondern eine Wasserfläche vor ihnen lag, die sich unbewegt in die Dunkelheit erstreckte. Ein fischiger, fauliger Gestank stieg von ihr auf.
Stirnrunzelnd musterte der junge Mann die scharfe Kante, die die marmornen Bodenfliesen von dem stummen See trennte. “Der Bahnsteig”, flüsterte Whiggs mit ehrfürchtiger Stimme neben ihm. “Dort unten müssen die Gleise liegen.”
Eric nickte ehrfürchtig. Whiggs hatte recht. Sie standen hier an der Stelle, an der die Gleise zur Arminton Station hätten verlaufen sollen. Hier hätten Züge halten sollen, die jedoch nie gekommen waren.
“Ich frage mich, wo die Quexer geblieben sind”, murmelte er.
“Kann ich Ihnen sagen, Sir”, entgegnete Mr. Ferret dicht an seiner linken Schulter. Eric zuckte zusammen. Dann folgte sein Blick dem ausgestreckten Finger des Wiedergängers und er glaubte, einen unförmigen Schatten zu erkennen, der einige Meter entfernt von ihnen auf dem Bahnsteig lag.
Die Tunnler leuchteten angespannt in diese Richtung und im Schein der Laternen erkannten sie, dass Mr. Ferret recht hatte: Am Rande des Wassers lag der Leichnam eines der grotesk verwachsenen Amphibienwesen. Mehrere tiefe, klaffende Schnitte ließen keinen Zweifel daran, wie es zu Tode gekommen war.
“Wir sind bereits an mehr als einem Dutzend vorbei gekommen”, sagte Mr. Ferret leise und trat an den aufgeblähten Kadaver, um ihn eingehender zu mustern. “Seit mindestens drei oder vier Tagen tot”, stellte er fest. “Scheint so, als hätten sich nicht mal die Ratten hier her getraut.”
Coler zog scharf die Luft ein. “Das gefällt mir nicht, Chef”, flüsterte er. “Wir sollten machen, dass wir hier weg kommen. Diese Scheißviecher haben normalerweise vor nichts Angst.”
Cummins nickte düster. “In Ordnung, verschwinden wir hier.”
„Das Rohr führt dort drüben weiter, Sir.“ Bruggs trat aus der Dunkelheit hinzu und deutete über den See hinweg auf die andere Seite der Höhle.
Der Lederhaut-Sergeant schaute stirnrunzelnd auf die undurchdringliche schwarze Wasserfläche. „Gibt es einen Weg hinüber?“
„Samson meint, dass da vorn ein etwas erhöhter Fußweg ist. So einer wie in der Main-Station, den die Gleisarbeiter nehmen, um schneller zu den verschiedenen Bahnsteigen zu gelangen.“
„Keine Fußgängerbrücken?“
„Nein, Sir. Sind alle verrottet und zusammengebrochen.“
Cummins nickte. „Dann der Fußweg“, entschied er. „Hoffen wir, dass der uns nicht direkt auf den Präsentierteller führt.“
Einer nach dem anderen stiegen sie vorsichtig den Bahnsteig hinunter, in das dunkle Wasser.
Es war etwa hüfttief. Überrascht stellten sie fest, dass es sogar eine angenehme Temperatur hatte, beinahe schon zu warm für ihre dicken Stiefel und Jacken. Nachdem Samson wie immer den Weg erkundet hatte, folgten sie ihm, langsam und aufmerksam in die Dunkelheit spähend, auf dem schmalen Pfad über die Gleise.
Sie waren etwa bis zur Hälfte gelangt, als sie plötzlich ein lautes Platschen vernahmen. Erschrocken blieben sie stehen und leuchteten mit ihren Lampen in die Richtung aus der das Geräusch gekommen war.
Eric sah es als Erster. Instinktiv riss er die Waffe herum und feuerte. Wie ein Donnerschlag hallte der Schuss durch die Halle und ließ eine gewaltige Fontäne aufspritzen. Ein unförmiger Körper wurde in die Luft geschleudert, überschlug sich einmal und klatschte etliche Meter entfernt hart auf dem Wasser auf.
Dann sahen es auch die anderen: Dutzende längliche Schatten, die von allen Seiten lautlos auf sie zu geschwommen kamen. Sie waren umzingelt!
Sofort eröffneten sie das Feuer und schossen aus allen Rohren. Um sie herum schäumte und spritzte das Wasser auf und Angreifer für Angreifer wurde zerfetzt und verstümmelt. Doch je mehr von diesen Wesen sie töteten, um so mehr tauchten aus den Tiefen des Sees auf. Es schien kein Ende mehr zu nehmen.
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