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“Sie wissen ziemlich gut Bescheid hier unten, Miss, dafür, dass die Tunnler sich eigentlich nie so weit im Norden herumtreiben”, stellte Cummins nachdenklich fest. Er schnitt ein Stück Kautabak von einer Rolle aus seiner Brusttasche und schob es sich in die Wange. “Sollte ich erfahren, dass der Duke sich nicht an unsere Abmachungen hält, muss ich vielleicht wieder über unangekündigte Kontrollgänge nachdenken.”
Sinnend musterte er einige Augenblicke das noch fast fabrikneue Gusseisenrohr, das im Licht der Plasmalampen matt schimmerte. Dann grunzte er. “In Ordnung. Coler, die Karte. Woll’n doch mal seh’n, wo uns das Schätzchen hin führt. Miss, wenn Sie mal eben so freundlich wären, und uns genau zeigen würden, wo wir Ihrer Meinung nach gerade sind.”

Kurz darauf beugten sich die Lederhäute und ihre Begleiter über die aufgefaltete Karte. Für Eric und Mr. Ferret stellte der ausgebreitete Bogen Ölpapier lediglich ein verwirrendes Muster aus dicken und dünneren, gestrichelten, schraffierten, sich kreuzenden und windenden Linien dar, das mehr dem Schnittbogen einer Näherin denn einer Straßenkarte glich, doch Whiggs und die Ledernacken schienen durchaus entziffern zu können, was sie dort sahen. Es schien ihnen allerdings nicht zu gefallen.
“Da hol mich doch…” murmelte Coler und tippte mit einem schwieligen Finger auf ein besonders dichtes Kneuel von Linien. “J.C., du weißt, was das hier ist?”
Der stämmige Sergeant nickte und zermalmte grimmig den Priem zwischen seinen Zähnen.
“Fools Court”, antwortete die schweigsame Lederhaut namens Samson statt seiner.
“Scheiße”, ergänze Bruggs fröhlich.
Eric und Mr. Ferret sahen sich verständnislos an.
“Wäre einer der Herren eventuell so freundlich, uns zu sagen, was das zu bedeuten hat?” sagte der junge Agent schließlich. “Was ist dieser Court und warum scheint er ein Problem darzustellen?”
“Fools Court ist lediglich ein Spitzname hier unten in den Tunneln”, erklärte Whiggs. “Eigentlich heißt dieser Ort ‘Samton Court’ und ist eine Station der Untergrundbahn direkt unter dem Lower Market von Sampton.”

Eric musterte die Karte verblüfft. “Sind Sie sicher? Soweit ich weiß, besitzt Sampton doch überhaupt keine eigene Station.”
“Tut’s schon”, sagte Bruggs achselzuckend. “Weiß nur keiner. Is zugemauert un’ vergess’n wor’n.”
“Das Problem ist, dass es die Station zwar gibt, aber keine Linie der Untergrundbahn dorthin. Die sollte nämlich von Arminton Station aus bis Sampton vorgetrieben werden. Der Durchstich war noch nicht gemacht, als…” Whiggs unterbrach sich. “Sie wissen schon…”, schloss sie nach einem Moment und wandte sich ab, um in’s Dunkel des Tunnels zu starren.
“Und nachdem Arminton Station verbrannt war, wurde die Linie nie fertig gestellt. Die Station Sampton Court war damals aber schon gebaut. Mit Passagiersteig, Geschäften, Wartehallen und allem”, ergänzte Cummins an ihrer Stelle. “Aber ohne Linie konnte natürlich keiner was damit anfangen. Selbst für ‘nen Keller ist das einfach zu tief unten. Also hat man sie nach’n paar Jahren zugemauert.”
“Klingt beeindruckend”, sagte Mr. Ferret. “Aber ich seh’ das Problem nicht, Sir.”
“Lower Market”, erklärte Tawyer grinsend. “Nachdem keiner mehr das Ding gebraucht hat, hat sich auch keiner um die Pumpen dort gekümmert. Wie Sie wissen, Sir, liegt der Market ziemlich nahe beim Potoma Channel. Das heißt, Fools Court liegt fast unterhalb des Kanals. Deswegen nennen wir’s hier unten eben Fools Court. Man muss schon ein Idiot sein, wenn man ne Station unter den Wasserspiegel baut. Ist im Nachhinein ein Glück, dass der Durchstich nicht fertig ist, sonst würden die halben Schienentunnel ständig unter Wasser stehn.”
Cummins nickte. “Fools Court ist also eine große, halb voll Wasser gelaufene Höhle mitten unter Sampton.”
“Und dieser Tunnel führt dort hin”, ergänzte Mr. Ferret und deutete in die Dunkelheit. “Wenn ich es richtig verstanden habe, müssen wir also wieder mal mit nassen Füßen rechnen, Sir. Und vermutlich mit einer weiteren Meduse?”
“Näh”, Bruggs winkte ab, “Keine Medus’n dort.”
“Dann erschließt sich mir aber ebenfalls noch immer nicht das Problem. Wir müssen unbedingt herausfinden, wohin diese Plasmaleitung führt und etwas Wasser sollte uns doch nicht aufhalten”, sagte Eric.
Die Lederhäute sahen sich unbehaglich an.
“Medusen sind nie dort, wo Quexer sind.” Whiggs drehte sich noch immer nicht um.
“Da hat sie leider recht”, bestätigte Coler. “Und wir vermuten, dass Fools Court ihre zentrale Bruthöhle ist. Genau genommen wurden die ersten Quexer sogar genau in dieser Region gesichtet. Schon während des Baus, wenn ich mich recht erinnere.”
“Ah”, sagte Eric, “aber ich denke doch, dass wir ausreichend bewaffnet sind, um uns mehr als nur einige Dutzend dieser Kerle vom Leib zu halten. Immerhin haben wir ja mit sowas gerechnet.” Er hob zur Verdeutlichung sein schweres Plasmagewehr, dessen Kontrollfenster einen beruhigend vollen Magazinstand auswiesen.
“Ich würd’ das so nich’ sag’n.” Bruggs zog seine vernarbten Brauen hoch.
Ahnungsvoll sah Mr. Ferret von einem zum anderen. “Entschuldigung - aber von wie vielen Quexern reden wir?”
Coler zuckte mit den Schultern und fingerte an seiner eigenen Waffe. “Kann man nur schätzen. Das werden seit Jahren mehr.”
“Also?”
“So einige Hundert sicherlich. Eher mehr. Einige mehr.”
“Optimist”, murmelte Samson düster.

“Tja, hilft nichts, Männer”, sagte Cummins nach einem endlos erscheinenden Moment des Schweigens und spuckte seinen Priem auf den schleimigen Boden. “Sieht so aus, als würden wir uns endlich mal um diese Sache kümmern müssen. Also gut: Ab hier in Zweiergruppen. Tawyer, Samson, übernehmen Sie die Spitze. Miss Taversham, Sie bleiben bei mir und erklären uns den Weg. Mr. Van Valen, Mr. Ferret - Sie bleiben uns dicht auf den Fersen und Bruggs und Coler, Sie bilden den Abschluss. Waffen entsichert - und achten Sie auch auf die Decken. Ich hab keine Lust, dass mir ne Froschfresse auf den Kopf fällt, klar? Dann Abmarsch.”
Mit der Präzision langjähriger Übung nahmen die Lederhäute ihre Positionen ein und aktivierten die Plasmalampen auf ihren Helmen. Schweigend marschierte die kleine Gruppe in die ewige Finsternis der innersten Eingeweide der Stadt. Über ihnen schien die Plasmaleitung leise zu summen.

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Dieser Eintrag wurde geschrieben am Freitag, August 7th, 2009 um 00:01 in der Kategorie Kapitel 5. Reaktionen zu diesem Eintrag können Sie mit dem RSS 2.0 Feed verfolgen. Die Kommentare für diese Seite sind geschlossen.

5 Kommentare bisher

 1 

Station der Untergrundbahn direkt unter dem Lower Market von Sampton.
- da stolpere ich ein wenig… ist vielleicht Geschmackssache, aber… trotzdem Vorschlag:
“direkt untermhalb vom Samptonschen Lower Market”

Potoma _Channel_ ? Ich denke da gibts keine Fernsehsender oder? Wenn ein Wasserlauf gemeint ist, würde ich eher zum englischen “canal” greifen, vielleicht auch Waterway (oder Plasmaway :D ), vielleicht auch sewer, aber “Channel” ist hier no-go.

—-

ansonsten wars das erstmal von mir. Wobei ich die Erklärung um Fools Court sehr schön fand, absolut logisch und unter einbindung diverser “historischer fakten” ^^ also: weiter so…

August 7th, 2009 at 08:41
 2 

Du hast mich gerade ziemlich verunsichert, Nico - aber du hast nur halb recht. Canal ist natürlich richtig. Aber Channel ist deshalb nicht falsch. Nicht umsonst heißt das Fährunternehmen über den Ärmelkanal “Channel Ferries” und der “Eurotunnel” auf englisch Channel-Tunnel (das Wort sieht allerdings blöder aus, je öfter man es verwendet…).

Channel ist in Hinblick auf “Wasserstraße” durchaus gebräuchlich.
Und der Potoma-Channel ist eine solche, die den Potoma Harbour mit den weiter im Inland gelegenen Hafenarealen verbindet und gleichzeitig mit der Entwässerung des ehemaligen Sumpfareals von Tanners Flat dient.
Mit Kanalisation hat er nichts zu tun (wenn man von Geruch und Wasserqualität mal absieht). Außer natürlich, dass bei Starkregen oder Springflut schon mal der eine oder andere Liter seinen Weg nach unten findet.

Nichtsdestotrotz wäre tatsächlich Canal auch richtig gewesen (und wir müssten uns auf eine Schreibweise einigen, klar. Denn irgendwo war das schon mal verwendet. Ich find’s nur grad nicht).
Vielen Dank für die anmerkungen. Wieder einmal. Und natürlich auch für das Lob. *g*

August 7th, 2009 at 09:56
 3 

Channel wird aber dennoch hauptsächlich eher bei Frequenzen benutzt - und das hat jeder im Kopf. Also… take it or leave it.

August 7th, 2009 at 10:58
 4 

Also ich spreche das Wort irgendwie automatisch mit französischem Akzent aus - dann ist die Bedeutung zwar eine völlig andere, aber mit seltsamen Gerüchen hat das zum Teil auch etwas zu tun ;-)

August 7th, 2009 at 11:53
 5 

Lol ^^
Stimmt, je nachdem, was man da so kriegt, ist das mit nem Sewer eventuell recht gut gleichzusetzen…
Was mich daran erinnert, dass es teilweise eine Tortur ist, hinter gewissen Leuten im Bus zu sitzen… *brrr*

August 7th, 2009 at 12:02

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