„Sehen Sie, Tawyer, ich habe es Ihnen gleich gesagt“, Der bullige Anführer des kleinen Trupps drehte sich so weit um, wie es sein schwerer lederner Overall zuließ. „Dieser Mister Van Valen ist trotz allem ein zäher kleiner Bursche. Wird uns alle noch um Jahrzehnte überleben.“
„Hätte keinen Cent auf den Kerl verwettet, Sir“, donnerte Tawyer fröhlich zurück, ungeachtet der Tatsache, dass das Objekt ihres Gesprächs direkt zwischen den beiden Männern durch die Kanalisation watete.
„Aber es tut mir ein wenig leid um den Pater“, fuhr Cummins fort. „Der schien irgendwie ein netter Kerl gewesen zu sein. Wirkte kräftig genug, um selbst eine Lederhaut zu werden.“
„Es sterben eben immer nur die Besten“, bestätigte Tawyer. Das klobige Rohr seiner Kompressor-Flechette schwankte kaum einen Millimeter, als er geschickt über ein kreuzendes Abwasserrohr hinwegstieg, „Nichts gegen Sie persönlich, Mister Van Valen.“
Eric rollte mit den Augen. Inspector O’Donohue hatte ihnen einen „Begleiteten Kontrollgang“ durch die Kanalisation genehmigt und sie unter der Hand mit ein paar der neuesten Riot-Guns ausgerüstet, schweren Plasmakanonen, die eine anstürmende Menschenmenge in wenigen Augenblicken in alle vier Himmelsrichtungen zerstreuen konnten und aus einem Quexer Kleinholz machen würden. Ihre Begleitung setzte sich aus Cummins, Tawyer, Samson, Bruggs und Coler von der Seuchenkontrollbehörde zusammen. Als sie hörten, dass es gegen Quexer und Wiedergänger gehen sollte, waren die Männer sofort Feuer und Flamme gewesen – außerdem war es in letzter Zeit ein wenig zu ruhig geworden, seitdem sich Bettany die Meduse aus Überlaufbecken 23 schwer verletzt und offenbar nicht minder beleidigt in die Tiefen ihres Sees zurückgezogen hatte. Allerdings fragte sich der junge Agent langsam, ob die unausgesetzten Lästereien und derben Sprüche der Männer nicht ein zu hoher Preis waren, für die Hilfe, die sie ihnen auf der Suche nach einem unterirdischen Zugang zur Fabrik boten. Bis jetzt waren sie noch nicht sehr weit vorangekommen, wie es ihm schien.
Die Fabrik war die einzige Spur, die die Agenten hatten. Doch es war klar, dass sie niemals auf legalem Weg dort hinein gelangen würden, denn die Steamtown Power Transmission Ltd. wurde wie eine Festung bewacht. Jede noch so kleine Bewegung in und um ihre Mauern herum wurde rund um die Uhr von menschlichen und mechanischen Augen überwacht. Ohne einen offiziellen Durchsuchungsbefehl des Ministeriums blieb ihnen also nur der Weg durch die Unterwelt – und der verlief direkt durch die Brutstätten der Quexer.
Den ersten Teil des Weges hatte sie Cummins noch mit traumwandlerischer Sicherheit durch die dunklen Tunnel geführt. Doch ab einem gewissen Punkt versagten selbst seine umfassenden Kenntnisse von dem weitverzweigten Kanalnetz unter Steamtowns Straßen. Irgendwann hatte sich Whiggs ohne ein Wort zu sagen an die Spitze des kleinen Trupps gesetzt und die Führung übernommen. Cumins warf der jungen Frau mehrmals stirnrunzelnde Blicke zu, als sie scheinbar zielsicher in Gänge einbog, die von der Seuchenkontrollbehörde schon seit Jahren aus Sicherheitsgründen weitläufig umgangen wurden. Aber der Anführer der Lederhäute enthielt sich jeden Kommentars. Was immer hinter seiner Stirn vor sich gehen mochte, behielt er wohlweißlich für sich.
Plötzlich blieb Mr. Ferret stehen und hob die Hand. “Sie sollten sich das einmal ansehen, Sir“, sagte er an Cummins gewandt. Er deutete mit der Hand auf ein glänzendes Leitungsrohr, das von irgendwo neben ihnen aus der Felswand zu kommen schien. Keine Frage, die Leitung war erst vor kurzem neu angebracht worden. Aber wozu diente sie? Vor allem wieso hier unten?
Der Anführer der Lederhäute trat näher und legte prüfend eine Hand an das Metall. “Das sieht mir ganz nach einer Plasmaleitung aus“, sagte er. „Einer ziemlich modernen Plasmaleitung - und es ist keine von unseren. Eigentlich ist sie viel zu neu, um sie in dieser Tiefe anzutreffen. Jemand muss sie illegal verlegt haben.“
Mr. Ferret nickte. „Seltsam“, sagte er. „Vielleicht kann uns Miss Taversham etwas dazu sagen?“
Whiggs schaute finster zurück auf den um das Rohr versammelten Trupp. Sie hatte sich letztendlich nur widerwillig dem Unternehmen dieser feinen Herren angeschlossen. Nicht, weil sie ein übles Gefühl dabei hatte, die Männer hier unten alleine zu lassen. Genau genommen gingen sie ihr am Allerwertesten vorbei und wenn sie nun mal beschlossen hatten, sich den Hintern von ein paar Quexern aufreißen zu lassen, nun ja, warum nicht? Aber sie konnte auch nicht außer acht lassen, dass der Einsatz der Lederhäute mitsamt der durch O´Donohue überaus großzügig zur Verfügung gestellten Bewaffnung, welche den Ausrüstungsstand der Tunnler um Jahrzehnte übertraf, bei den Quexern verdammt viel ausrichten konnte. Immerhin bestand die Möglichkeit, dass sie damit die Probleme hier unten in den Griff bekamen und Lethe tatsächlich gerettet wurde. Bestand nur noch der Zweifel, ob sie nach einem Erfolg in den Brutstätten nicht auch gleich bei Gelegenheit in Lethe aufräumen gingen. Aber wenn es soweit kommen sollte, wusste sie schon ziemlich genau, was dann zu tun war. Sie würde diesem jungen, arroganten Schnösel ein scharfes Messer an die Kehle legen und ihn dann höflich bitten, ihre Heimat zu verlassen. Mitsamt seiner nervenden Helfer.
“Miss Taversham”, sprach sie nun auch Eric an. “Es wäre wirklich eine große Hilfe.”
“Ich kann ja mal einen Blick drauf werfen.” Der Ton ihrer Stimme sagte genau das Gegenteil aus. Trotzdem legte Whiggs eine Hand an das Rohr und ließ ihren Emanaten-Sinn in das metallene Gehäuse sinken. Ruckartig zog sie die Hand wieder zurück.
“Das ist hochenergetisches Plasma”, keuchte sie erschrocken. “In so einer reinen, kraftvollen Form, wie ich es noch nie gesehen habe. Nein, das ist nicht ganz richtig. Der Widergänger, den Onkel Siberius getötet hat, hatte die gleiche Kraftsignatur. Was hat das zu bedeuten? Die Leitung führt mitten in das Quexergebiet. Sehen Sie doch.”
Whiggs wies auf den weiteren Verlauf der Leitung. Sie verschwand am Ende des Tunnels in der Dunkelheit. “Ab jetzt müssen wir die Waffen bereit halten. Da vorne wird es richtig gefährlich. Niemand meiner Leute, der jemals dorthin gegangen ist, hat es lebend wieder zurück geschafft.”
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