Die Plasmawerke. Drei Tote. Mister Hartlefield. Wiedergänger - und Jamie… Eric hatte seinen Blick gedankenverloren in die Ferne gerichtet, auf die unzähligen dampfenden Schornsteine der Steamtown Power Transmission Ltd., die selbst die schlanken Türme der Kirchen noch um ein Vielfaches überragten. Sie schienen den halben Horizont zu bedecken. Längst verdrängte Erinnerungen schoben sich vor sein inneres Auge und fügten sich mit den jüngsten Ereignissen langsam zu einem Bild zusammen. Doch noch konnte er nichts darauf erkennen. Noch fehlten einige Puzzleteile.
Warum ich, fragte sich Eric. Warum hat das Ministerium gerade mich für diesen Fall ausgesucht?
„Sagen Sie es mir.“ Es schien, als hätte O’Donohue in seinen Gedanken gelesen. Der Inspector hatte ebenfalls einen kurzen Blick hinaus auf die Schornsteine geworfen und schaute Eric nun stirnrunzelnd an. „Sagen Sie mir, worin der Zusammenhang mit den Plasmawerken besteht, Mister Van Valen…“
Eric erwiderte seinen Blick. „Woher sollte ich das wissen? Ich tappe genauso im Dunkeln wie Sie, Inspector.“
“Ich halte mich für einen ganz passablen Menschenkenner“, sagte O’Donohue. „Nennen Sie es Lebenserfahrung, oder Instinkt oder was auch immer. Jedenfalls sagt mir dieser Instinkt, dass Sie ein anständiger Mensch sind. Vielleicht ein wenig zu naiv und blauäugig. Aber das liegt wahrscheinlich daran, dass Sie niemals auf der Straße gearbeitet haben und dass Sie Zeit ihres Lebens kaum mit den Menschen zu tun hatten, die wirklich dort unten leben. Das bringt es eben so mit sich, wenn man in gewisse Kreise hineingeboren wurde – schauen Sie mich nicht so an, Mister Van Valen. Ich kenne Ihre Akte. Man kann sich ja schließlich nicht nur auf seine Menschenkenntnis verlassen, sondern sollte an Informationen mitnehmen, was man bekommt.“
“Das”, warf Mr. Ferret ein, “halte ich für eine sehr vernünftige Einstellung, Sir. Und wo wir gerade beim Thema sind – unser unglücklicher Freund, Pater Grand, war doch eigens dazu aufgebrochen, Informationen zu ermitteln, die uns darüber erhellen sollen, was unser Killer unten in der Kanalisation wollte.”
“Ich glaube nicht, dass er uns jetzt noch viel davon berichten kann, Ferret”, sagte der junge Assistent des Chief Inspectors spöttisch. “Oder halten Sie sich für einen so guten Forensiker? Es sei denn, natürlich, Sie erzählen uns jetzt, dass Sie auch noch medial begabt sind.”
Mr. Ferret sah den Mann einen Moment lang ausdruckslos an. Als er antwortete, imitierte er den spöttischen Tonfall des Polizisten ziemlich gut. “Ich bin, denke ich, ein so guter Forensiker, dass ich mit dem Naheliegenden anfangen würde, Sir. Und hier würde ich mich fragen, ob nicht die Nichte unseres Paters weiter helfen könnte, Sir. Vielleicht täusche ich mich ja. Aber wie ihr Chef gerade sagte: Man sollte an Informationen mitnehmen, was man bekommt.”
Joey öffnete den Mund zu einer hitzigen Erwiderung, runzelte dann jedoch die Stirn. Eric und der Chief Inspector sahen sich an. “Da hat Ihr Mann tatsächlich recht, Mr. Van Valen”, sagte O’Donohue schließlich. Er wandte sich an Whiggs, die immer noch blicklos vor sich hin starrte. “Miss? Ich weiß, der Tod Ihres Onkels ist ein Schock für Sie, aber ich muss sie dennoch fragen, ob er Ihnen gegenüber vielleicht einige Andeutungen geäußert hat, die seine aktuellen Ermittlungen betreffen könnten. Sie würden …”
“Vielleicht am besten damit anfangen, uns zu erklären, warum er unbedingt in die Kanalisation steigen musste, um Sie ausfindig zu machen”, warf Mr. Ferret trocken ein.
“Was?” fragte O’Donohue verwirrt.
Der Wiedergänger nickte. “Miss Whiggs pflegt einen eher ungewöhnlichen Lebensstil, nehm ich an. Ihre Kleidung trägt ebenso wie die des Paters deutliche Spuren der Kanalisation - wenn man sich die Mühe macht, und hin sieht.” Er deutete auf einen schlammverkrusteten Schuh, der verloren in der zerstörten Türöffnung zu Erics Schlafzimmer lag. Es war ein fester und reichlich getragen wirkender Schuh - nichtsdestotrotz jedoch das Bekleidungsstück einer weiblichen Person.
“Und eine vornehme Blässe mag unter den jungen Damen zwar momentan Mode sein”, fuhr der Wiedergänger fort, “aber Sie werden wenige finden, die eine derart weiße Haut aufweisen und dennoch keine Wiedergänger sind. Zudem entsprechen Kleidung und Frisur der jungen Dame keineswegs der aktuellen Mode, Sir, und ich würde meine nicht mehr funktionierende Nase darauf verwetten, dass sowohl sie als auch der Pater nicht nach Rosenwasser duften. Ich schließe daraus, dass sich die Nichte des Paters also eher meist auf undamenhaftem Terrain bewegt, Sir. Womöglich tief unter unseren Füßen – wo wir die erste Spur unseres Mörders verloren haben. Ich schätze, Miss Whiggs gehört den geheimnisvollen Tunnlern an, Sir. Oder lieg’ ich da falsch, Miss? Was hat den Pater ‘runter zu den Tunnlern getrieben, frag’ ich mich.”
Mit einem Räuspern schloss Mr. Ferret seine ungewöhnlich lange Rede.
Die drei anderen Männer starrten ihn erstaunt an. Dann richteten sich langsam alle Blicke auf Whiggs.
“Stimmt das, Miss?” fragte O’Donohue schließlich.
Whiggs löste zum ersten Mal in den vergangenen Minuten ihre Augen von der alten Blechdose in ihrem Schoß. Die vielfachen Fragen in ihre Richtung waren endlich durch den dumpfen Vorhang aus schmerzhaften Bildern zu ihr durchgedrungen. Wut schoss ihn ihr hoch, heiß und brennend. Onkel Siberius, den sie seit dem Tod ihrer Eltern abgrundtief hasste, hatte sich mitsamt dem Wiedergänger aus dem Fenster gestürzt. Kurz bevor der Plasmakragen, den ihm der Duke um den Hals gelegt hatte, explodiert war. Damit war ihre einzige Chance dahin, ihren Auftrag zu Ende zu bringen und Hilfe für die bedrängten Tunnler zu finden. Nicht zu vergessen, dass ihr Onkel damit wohl nicht nur ihr Leben, sondern auch das aller anderen gerettet hatte. Sie hatte ihm soviel Selbstlosigkeit gar nicht zugetraut. Aber das war jetzt egal. Er war tot und die Tunnler verloren. Und diese überheblichen Wichtigtuer hatten nichts besser zu tun, als über ihre Mode zu debattieren?
Erbost sprang sie aus dem Sessel auf. Die Blechdose fiel dabei zu Boden und entleerte ihren Inhalt über den Teppich. Ein kleiner, goldener Anhänger mit dem Bild ihrer Mutter rollte davon und blieb schließlich zwischen den Füßen von O´Donohue liegen.
“Oh, ich hoffe, ich habe nicht irgendein Gesetz gebrochen mit meinem schäbigen Aufzug”, rief sie, während ihre Stimme mit jedem Wort lauter wurde. “Oder habe ich Ihren ästhetischen Sinn für Mode beleidigt? Diese Kleidung ist nun mal bei uns Tunnlern der letzte Schrei. Ach, wie dumm von mir. Der letzte Schrei ist ja der, den wir ausstoßen, wenn uns die Quexer töten und zerreißen. Wollen Sie mich also jetzt verhaften?”
“Nun, äh … Miss”, stotterte O´Donohue verdattert über den plötzlichen Angriff. “Das wollte ich eigentlich nicht …”
Whiggs unterbrach ihn, bevor er zu Ende sprechen konnte. “Die Quexer verlassen ihre angestammten Brutgründe und fallen in Scharen über unsere Stadt her. Sie töten ohne Unterschied. Männer, Frauen, Kinder. Die Tunnler sind beinahe am Ende und mein Onkel war unsere einzige Hoffnung auf Hilfe. Was erwarten Sie also jetzt von mir? Das ich mit Ihnen ein lockeres Pläuschchen halte, während in Lethe meine Leute sterben?”
Mr. Ferrets Stimme war emotionslos wie immer, als er anstelle von O´Donohue auf Whiggs antwortete, ohne dabei auf ihre Frage einzugehen.
“Wo genau liegen denn diese Brutgründe, wenn ich fragen darf, Miss?”
“Was weiß ich. In der Nähe des Manufaktur-Viertels. Ungefähr da, wo diese hässliche Plasmafabrik steht. Warum ist das jetzt wichtig?”
Mr. Ferret blinzelte einmal, bevor er schließlich O´Donohue und Eric anschaute. “Weil ich langsam auch der Meinung bin, dass wir uns bei der Steamtown Power Transmission umsehen sollten, Sirs.”
Eric nickte nachdenklich und musterte abermals die Silouette am Horizont. “Ich denke auch, dass irgend jemand ganz massives Interesse an unserem Energieversorger Nummer eins hat.”
Tags: Eric, Joey, Mr. Ferret, O'Donohue, Steamtown Power Transmission Ltd., Van Valen, Whiggs

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