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Archiv für Juli 24th, 2009

24
Jul

Kapitel 5-02

   Posted by: Steamtown    in Kapitel 5

Es war bereits später Abend, als sie, über viele Umwege, endlich die Lord-Miller Road erreichten. Dort hatte Eric in einem düsteren Apartmenthaus für alleinstehende Männer, zumeist wohlhabendere Studenten und Beamte in der städtischen Verwaltung, eine angemessene Wohnung bezogen.

Der Nachtportier blickte ihnen unter zusammengezogenen Augenbrauen misstrauisch entgegen und seine Hand wanderte unauffällig zu dem Knüppel unter seinem Tresen, als er die zerrissenen Gestalten durch die Eingangstür kommen und direkt auf sich zusteuern sah.
Als er Eric erkannte, entspannte er sich ein wenig. Der junge Mann hatte allerdings sichtlich Mühe, ihn zu überreden, seinen Begleitern den Zutritt zum Haus zu gewähren. Erst seine Beteuerungen, dass es sich bei Grand um einen ehrwürdigen Pater handelte, der zusammen mit seiner jungen Nichte beinahe einem Überfall zum Opfer gefallen wäre, wenn er und Agent Ferret dies nicht in letzter Sekunde verhindert hätten, stimmten ihn milder.
Einige Schillinge wechselten den Besitzer und der Portier wünschte ihnen schließlich einen guten Abend. “Wenn Sie wollen, informiere ich die Polizei”, fügte er dienstbeflissen hinzu.
“Das wird nicht nötig sein”, erwiderte Eric. „Aber wenn Sie so freundlich wären, lassen Sie uns doch bitte eine Kleinigkeit zu Essen hinauf bringen. Meine Gäste sind völlig entkräftet.”
Der Portier nickte. “Ich schicke sofort den Burschen rüber ins Dover.”

Die Vier stiegen die Treppe hinauf in den zweiten Stock. Erics Wohnung lag dort am Ende eines einstmals beinahe luxuriös ausgestatteten Korridors, dessen abgewetzte Teppiche und splitternden Wandtäfelungen ihre besten Zeiten aber schon länger hinter sich hatten. Nachdem er die alte Eichentür aufgeschlossen hatte, bat der Agent seine Gäste in einen schlichten, aber überraschend geschmackvoll eingerichteten Salon hinein und versorgte sie mit je einem Glas seines kräftigsten Portweins. Dann machte er es sich in einem Sessel bequem und nickte Grand und seiner Nichte zu. “Ich fürchte, wir haben Ihnen einige Dinge zu erklären”, begann er seufzend. “Nicht zuletzt, warum man Ihnen das Haus angezündet hat und versucht, uns zu töten.” Er blickte zu Mr. Ferret hinüber. „Letzteres ist mir aber selbst noch nicht so ganz klar geworden.”

Mr. Ferret, der gänzlich darin versunken schien, seinen ramponierten Anzug wieder zurecht zu zupfen, ignorierte die indirekte Frage Erics einfach. Es war jetzt nicht der rechte Zeitpunkt, um über verschwiegene Gründe, unangenehme Aufträge oder schlecht skizzierte Steckbriefe zu sprechen. Eric hielt den Blick eine Weile auf Ferret gerichtet. Als der jedoch nicht reagierte, nahm er einen weiteren Schluck Portwein.
Allerdings gab es im Raum jemanden, der bei weitem nicht so geduldig und zurückhaltend war, wie der junge Agent.
Um genau zu sein: Pater Grand platzte jetzt, in Anbetracht der letzten Stunden, insbesondere wegen seinem niedergebrannten Haus, der Kragen. Was wirklich Besorgnis erregend war, bedachte man die Natur desselben. Wütend schleuderte Grand das Glas Portwein in den offenen Kamin, dessen spärliche Flammen mit einem Mal gehörig Nahrung bekamen. Das Glas zersplitterte mit einem lauten Klirren am Rost.
“Verdammte Scheiße, Ferret! Reden Sie oder ich knipse Ihnen die verfluchte Batterie ab. Ich will endlich wissen, was hier gespielt wird!”

Whiggs wich beim Ausbruch des Paters unweigerlich einen Schritt zurück. Ihre Hand wanderte wie von selbst zu dem kleinen Kästchen mit dem verhängnisvollen Knopf. Sie würde nicht zulassen, dass ihr Onkel durchdrehte und dabei noch mehr zu Bruch ging als nur ein Weinglas. Ihr war natürlich klar, dass ein Auslösen des Plasmakragens nicht nur für den Pater gefährlich werden konnte, wenn er zu nah an anderen Personen stand. Sie mochte zwar weder diesen Mr. Ferret, noch den geschniegelten Agenten, aber deshalb musste man sie ja nicht direkt umbringen. Wäre es allerdings nur um ihren Onkel gegangen… Sie war sich ziemlich sicher, dass sie den Schalter tatsächlich betätigen konnte, sollte es notwendig sein. Zumindest aber war das kleine Kästchen ein gutes Druckmittel, um ihn unter Kontrolle zu halten.
Mit einem Mal jedoch wurde sie sich der Tatsache bewusst, dass Mr. Ferrets Augen mit unergründlichem Blick auf ihr ruhten. Hastig klappte sie den Deckel des Kästchens wieder zu und ließ es in die Tasche ihres Kleides gleiten. Mr. Ferret zwinkerte. Einmal.

Dann wandte er seine Aufmerksamkeit den beiden Männern zu.
“Vielleicht sollten Sie unserem Kollegen besser kein Glas mehr anvertrauen, Sir”, sagte er leise zu Eric. “Zumindest, bis er sich wieder unter Kontrolle hat. Eine Blechtasse wäre vielleicht besser, Sir.”
Er stellte sein Glas Portwein unangetastet ab. Ein letztes Mal zupfte er halbherzig an seinem ruinierten Hemd. Dann seufzte er.
“Was gespielt wird, Pater? Vielleicht können Sie uns ja erhellen, Sir. Immerhin sind Sie der Mann, der seine verletzten Kollegen mitten in einer Ermittlung verlässt. Ohne Erklärung und ohne Meldung an unsere Vorgesetzten, möchte ich sagen. Aber”, er hob eine dürre Hand, um Grand, der bereits zu einer scharfen Entgegnung ansetzte, das Wort abzuschneiden, “ich bin mir sicher, dass es dafür eine vernünftige Erklärung gibt, aus der uns entscheidende Fortschritte in unserer Ermittlung erwachsen …”
“Mr. Ferret”, unterbrach ihn Eric müde, “Lassen Sie es gut sein. Mr. Grand, es interessiert Sie vielleicht, zu erfahren, dass uns der Fall entzogen wurde. Man hat uns mitgeteilt, dass die Sache offiziell als aufgeklärt und ad acta gelegt gilt.”
Pater Grand, der für einen Moment so ausgesehen hatte, als wolle er dem Wiedergänger an den Hals gehen, hustete verdutzt und fuhr herum. “Was?”

“Die genauen Gründe sind mir auch nicht klar”, fuhr Eric fort, “aber es ist wohl nicht von der Hand zu weisen, dass man im Ministerium ein gesteigertes Interesse daran hat, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Aber wenn Sie in diesem Punkt einer Meinung mit uns sind, würden wir die Ermittlungen trotzdem fortführen. Auch ohne Auftrag des Ministeriums.”

“Wie soll das möglich sein? Hat man den Mörder gefunden? Wer? Wie?” Vor lauter Verblüffung vergaß Grand seinen Streit mit dem dünnen Mann.
Erick zuckte mit den Schultern und warf eine recht mitgenommen wirkende Aktenmappe auf den Tisch. “Man hat einen Mörder gefunden”, entgegnete er. “Nach allem, was wir wissen, mag das sogar stimmen. Mr. Ferret und ich sind uns aber sicher, dass er nicht der Mörder von Mr. Hartlefield gewesen ist. Denn der ist, wie es aussieht, ein Plasmierter.”
Pater Grand schoss dem Wiedergänger einen argwöhnischen Blick zu.
“Der Mörder ist ein Plasmierter, meint Mr. Van Valen”, sagte dieser trocken. “Nicht Hartlefield.”
“Sind Sie sicher?” fragte Grand den jungen Agenten nachdenklich.
“Ziemlich. Also was sagen Sie? Es läuft noch immer ein Mörder irgendwo dort draußen herum” Eric nickte in Richtung des kleinen Fensters, hinter dem inzwischen die Nacht herein brach. “Und wenn wir ihn nicht finden - von offizieller Seite aus scheint man kein Interesse an der Wahrheit zu haben.”
Pater Grand starrte einige Momente hinaus in die bleigraue Dämmerung. Auf der Straße unter dem Fenster erwachten flackernd die Laternen zum Leben. Schließlich seufzte er. “Das muss ich erst mal verdauen. Drüber schlafen …”

“Du musst was?” Wie eine Furie, dem letzten Ausbruch ihres Onkels beinahe in nichts nachstehend, fuhr Whiggs auf. “Was gibt es da denn zu überlegen? Du stehst beim Duke im Wort! Du wirst gefälligst weitermachen, sonst …”
“Sonst – was?” Grand musterte sie müde. Dann schnaubte er und tippte spöttisch auf seinen metallenen Kragen. “Drückst du dann auf deinen kleinen, hübschen Knopf und bläst deinem Onkel den Schädel weg? Ist es das, was du willst?”
“Was ich will? Woher willst du wissen, was ich will? Du hast doch überhaupt keine Ahnung - und ich wette, es ist dir vollkommen gleichgültig. Wie dir überhaupt alles gleichgültig scheint, außer deinem eigenen, armseligen kleinen Leben!” Plötzlich war es vorbei mit Whiggs Fassung. Mit schäumender Wut in den Augen stürmte sie auf den Pater zu und noch ehe es sich die Männer versahen, krachte ihre Faust mit erstaunlicher Wucht gegen Grands stoppeliges Kinn. “Du hast sie umgebracht, Grand! Du ganz allein!” Abermals traf ihre Faust das Gesicht des Paters und ließ diesen einen Schritt zurück taumeln. Pater Grand ließ es wort- und widerstandslos geschehen. Der dritte Schlag jedoch fand sein Ziel nicht mehr.
Mr. Ferret war, unbemerkt von Whiggs, hinzu getreten und ihr in den Arm gefallen. Mit stoischem Griff fixierte er die junge Frau. “So sehr ich es Ihnen gönne, Ma’am, aber das ist im Moment nicht hilfreich”, sagte er leise.
“Lassen Sie mich sofort los!” fauchte Whiggs, ohne die Augen von ihrem Onkel zu nehmen.
“Natürlich, Ma’am”, sagte der dünne Mann. “Aber bedenken Sie – wir benötigen den Pater. Und es scheint, Sie ebenso wie wir. Also sollten Sie besser an sich halten.”
“Ich sagte, Sie sollen mich los lassen, Ferret!”
Mr. Ferret seufzte und lockerte seinen Griff. “Sie scheint tatsächlich Ihre Nichte zu sein, Pater.”

Eric räusperte sich verlegen und trat zwischen den Pater und dessen Nichte. “In Ordnung. Es wird wohl besser sein, wenn wir erst einmal zu Bett gehen. Morgen sieht das alles hoffentlich etwas besser aus. Kommen Sie, ich zeige Ihnen Ihre Schlafgelegenheiten.”

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