Inzwischen quoll zäher, dunkelgrauer Rauch durch die Türritze, tastete sich mit rollenden Fingern weiter in den Raum hinein und löste schließlich einen weiteren, allgemeinen Hustenreiz aus. Buchstäblich von Augenblick zu Augenblick stieg die Temperatur im Raum und wirkte bald, als wolle sich die Luft selbst entzünden. Das Prasseln der Flammen im Flur schien direkt aus der Hölle zu stammen und schon begann der alte Lack der Tür, sich zu verfärben und erste Blasen zu werfen. Nur Momente noch, dann würde die Feuersbrunst dieses letzte Hindernis durchbrechen.
Keuchend zerrte Grand an seinem metallenen Kragen und deutete zur schwelenden Tür. “Unser Ausweg wäre dort gewesen”, krächzte er zwischen zwei trockenen Hustenanfällen. “Unter der Treppe. Mein Keller ist mit dem meines Nachbarn verbunden.” Er schlug zur Demonstration mit der Faust gegen die Wand, die sein Haus vom angrenzenden trennte. “Vielleicht möchte ja unser Mr. Unkaputtbar einen Versuch wagen. Oder ist Ihnen die Sache zu heiß, Ferret?”
Eric stöhnte bei dieser Offenbarung. Keuchend drückte er sich wieder ans Fenster. Die Menge auf der Straße hatte einige Schritte zurück gemacht. vermutlich, um dem Rauch zu entgehen, der inzwischen die Sicht trübte. Im Obergeschoß platzten mit dumpfem Knall zwei weitere Scheiben. Diesmal waren es jedoch keine Wurfgeschosse, sondern die Flammen, die das Glas bersten ließen. Fauchend sog das Feuer weitere Luft in das Innere des Hauses. “Und dieser Keller ist der einzige Ausweg?” fragte er dumpf durch sein Taschentuch. Verzweiflung schwang in seiner Stimme mit. Pater Grand zuckte nur resigniert mit den Schultern. Alle vier starrten auf den Boden.
Dann runzelte Whiggs die Stirn. Mit einem Schwung riss sie den ausgetretenen Teppich beiseite und förderte schmale, unebene Dielen zutage.
“Ein Keller?” fragte sie. “Und aus was ist seine Decke?”
Die drei Männer sahen sie verständnislos an.
“Keine Ahnung”, sagte der Pater. “Wer achtet denn auf so was?”
Whiggs schnaubte. Dann hustete sie. “Wir Tunnler tun so was. Na los” sie wandte sich an Eric und Mr. Ferret. “Fassen Sie an! Und Sie auch. Räumen Sie den Tisch da weg. Vielleicht gelingt es uns, einige der Dielen heraus zu brechen!” Mit diesen Worten hastete sie zu dem kleinen, staubigen Kamin und riss den Schürhaken aus seiner Halterung, um ihn in den Spalt zwischen zwei Bretter zu rammen. Mit einem verzweifelten Schrei stemmte sie sich gegen die eiserne Stange.
Mr. Ferret und Eric sahen sich an.
“Entschuldigen Sie, Miss”, sagte Eric dann. “Aber überlassen Sie das bitte Mr. Ferret hier. Eile ist geboten.”
“Ach?”, keuchte die junge Frau gereizt und warf Eric einen bösen Blick zu. “Sie meinen, weil ich eine Frau…”
“Ganz und gar nicht, Miss”, sagte Mr. Ferret nahm ihr den Schürhaken aus der Hand und schob sie beiseite.
Whiggs wütende Entgegnung ging in einem neuerlichen Hustenanfall unter und der Pater winkte seine Nichte unwirsch beiseite. Zusammen mit Eric schob er den alten Tisch weg und entfernte den Teppich vollends. “Nun machen Sie schon, Ferret!” Er deutete zur Decke, wo aus Rissen und Spalten im Putz weitere Rauchfäden drangen. “Die Zeit wird langsam knapp!”
Der dünne Mann nickte nur, zog den Schürhaken aus dem Boden und rammte ihn mit aller Kraft zurück in den Spalt. Die gusseiserne Stange verschwand fast bis zum Griff zwischen den Brettern. “Hohl”, stellte er fest.
“Dem Himmel sei dank!” Eric seufzte erleichtert.
“Sparen Sie sich Ihre Luft, Sir”, riet Ferret. “Und treten Sie bitte zurück.”
Mit diesen Worten riss er das Eisen wieder aus dem Holz. Späne flogen, als er den Haken wieder und wieder in die alten Dielen rammte. Binnen Augenblicken war ein Loch entstanden, in das seine Hände passten und mit kräftigem Reißen entfernte er große Splitter und erweiterte den Durchbruch. Dann machte er sich mit grimmiger Entschlossenheit an den Unterboden und schließlich fiel das erste Brett hinab in den dunklen Kellerraum. Wie zur Antwort knarrte die Tür und eine erste Flamme leckte durch einen soeben entstandenen Riss. “Ferret!” drängte der Pater. Grunzend durchschlug der Wiedergänger zwei weitere Schalbretter, dann hockte er sich zurück.
“Nach Ihnen, Sir”, sagte er.
Eric blickte in das Loch hinab. Dann nickte er. “Grand, gibt es dort unten Licht?”
“Nur wenn die Flammen vor uns unten sind”, gab der Pater grimmig zurück. “Aber Sie können die Tür nicht verfehlen. Direkt neben Ihnen, an der linken Wand, sobald Sie unten sind. Sie ist nur verriegelt.”
Der junge Agent nickte.
“Natürlich könnte der Riegel ein wenig angerostet sein. War lange nicht mehr da unten”, fügte Grand hinzu.
Eric seufzte. Dann warf er einen letzten Blick auf den Raum. “Sie kommen nach mir” wies er Whiggs an und sprang hinab in die Dunkelheit. Krachen, Poltern und Klirren deutete darauf hin, dass der Keller nicht unbedingt aufgeräumt war.
“Alles in Ordnung. Ich hab nur… Alles in Ordnung. Ich fange Sie auf”, kam kurz darauf die Stimme Erics von unten.
Mr. Ferret musterte die junge Frau mit ausdruckslosem Blick. Dann lächelte er schmal und nickte in Richtung Loch.
Whiggs setzte zu einem Kommentar an. Dann jedoch zuckte sie mit den Schultern. “Gehen Sie lieber beiseite da unten”, gab sie zurück, raffte den Saum ihres Kleides und sprang gleichfalls hinab. Der Pater nickte dem Wiedergänger zu. Dann nahm er eine Blechdose vom Sims des Kamins, warf einen letzten Blick auf sein Wohnzimmer und sprang schließlich ebenfalls hinab in den Keller. Mr. Ferret folgte ihm. Unmittelbar hinter ihm barst die Tür und öffnete den Zugang zur Hölle in den Raum über ihnen.
Der Pater sollte recht behalten. Der Riegel zum Nachbarkeller war tatsächlich festgerostet gewesen. Was allerdings nichts war, was Mr. Ferret hätte aufhalten können.
Und so eilten sie wenig später geduckt und im Schutz der dichten, stinkenden Rauchschwaden verborgen durch den Garten des Nachbarhauses, hinaus auf die rückwärtige Gasse. Auf der Vorderseite des brennenden Hauses trieb die eintreffende Feuerwehr die Schaulustigen zurück und die Aufmerksamkeit der Kinder richtete sich auf das neue, aufregende Schauspiel der blinkenden und zischenden Dampflöschpumpen.
Das Haus rettete der Löschzug allerdings nicht mehr. Krachend und berstend stürzte der Dachstuhl ein und begrub, was auch immer sich noch im Inneren des Gebäudes befand.
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