Eigentlich sollte es kein Problem sein, dieses Haus zu betreten. Immerhin war es ja seins. Die Sache war nur die: es gab keinen Türgriff mehr. Zumindest nicht mehr in der Tür.
Der Blick des Paters fiel auf das geschwungene Stück Metall, das matt glänzend vor ihm auf dem Boden lag. Das war offensichtlich die eine Hälfte, also musste der Rest drinnen sein.
Verdammte Idioten, murmelte Grand mürrisch, kommen hier her und demolieren einfach mein Haus.
Dann ging er einen Schritt zurück, nahm Anlauf und versetzte der Tür einen kräftigen Tritt in der Höhe des Schlosses. Der unerwartet feste Widerstand ließ ihn zurücktaumeln und holte ihn beinahe von den Füßen. Nur mühsam fing er sich. Das Holz hatte zwar ein wenig nachgegeben, aber dennoch standgehalten. Die letzten Stunden schienen nicht nur an seinen Nerven, sondern auch stärker an seinen körperlichen Kräften gezehrt zu haben, als er sich selbst eingestehen wollte. Außerdem hatten sie von drinnen wohl etwas Schweres vor die Öffnung geschoben. Vermutlich die Kommode oder sonst irgendein Möbelstück- am Ende noch das gute Sofa!
„Schaffst du es alleine oder sollen wir dir zu Hilfe kommen, Sib?“ Mae lachte meckernd. Sie hatte ihre Selbstsicherheit zurückgewonnen und stachelte die Menge erneut an.
Pater Grand ignorierte sie. Seine ansteigende Wut jedoch nicht.
„Verflucht, willst du nur so da herumstehen oder mir helfen?“, fauchte er Whiggs an, die etwas seitlich von ihm mit verschränkten Armen Position bezogen hatte. Die Emanatin fühlte sich nicht besonders wohl in ihrer Haut. Mehr noch, hier war sie eine Fremde unter Fremden, allein auf weiter Flur und sah sich einem aufgeregten Mob entgegen, selbst wenn der nicht sie als das Ziel seiner Aggression auserkoren hatte. Einsamkeit kroch ihr in die Eingeweide, gepaart mit Furcht und Hilflosigkeit. Sie wollte nicht hier sein. Ganz bestimmt nicht. Ihre Furcht wandelte sich schließlich in Wut. Wut auf den verhassten Onkel, auf den Duke, der sie hier her geschickt hatte … und auf sich selbst.
Trotzig schüttelte sie den Kopf.
„Ich bin nicht deine Dienerin. Also sieh selbst zu, wie du da rein kommst.“
Plötzlich bemerkte Grand eine Bewegung hinter einem der geschlossenen Fensterläden. Den Bruchteil einer Sekunde meinte er, durch eine Lücke das Gesicht von Mr. Ferret gesehen zu haben. Schließlich ertönten hinter der Tür quietschende und kratzende Geräusche, als ob ein schwerer Gegenstand beiseite geschoben wurde. Als sie verstummten, öffnete sich die Tür einen Spalt.
„Na also, warum nicht gleich so. Jetzt wirst du was erleben, du blöder Blechschädel.“
Grand richtete sich auf, die Hände zu Fäusten geballt und stürmte wutschnaubend durch die Öffnung. Whiggs folgte ihm langsam und bedächtig.
„Pater Grand!“, rief Eric ihm vom anderen Ende des Flurs überrascht entgegen. „Dem Himmel sei Dank, dass Sie endlich da sind!“ Das Gesicht des jungen Agenten drückte eine so ehrliche Freude aus, dass der Pater verblüfft stehen blieb. „Dem Himmel…?“ fragte er verwirrt. Er konnte sich nicht mehr an eine Zeit erinnern, in der irgend jemand dankbar für seine Anwesenheit gewesen wäre. Außer vielleicht Gus, wenn er ihm wieder einmal größere Mengen SMAP abkaufte.
„Wir hatten schon befürchtet, dass der Mob uns zerreißen würde“, sagte Eric. „Aber Sie scheinen die Situation ja offensichtlich noch einmal entschärft zu haben.“
„Einen Scheißdreck habe ich“, fluchte Grand und senkte die Fäuste. Seine Wut war von einem Moment auf den nächsten verflogen. Müde folgte er dem Agenten ins Wohnzimmer und stützte sich auf seinem abgewetzten Sessel ab.
“Uns bleibt vielleicht noch eine Minute, dann stürmt dieses Pack das Haus. Die da draußen wirkten jedenfalls nicht besonders geduldig auf mich.” Ein trockenes Husten schüttelte Pater Grand. Er musste dringend seine Kehle anfeuchten. Am besten mit einem guten Tropfen.
“Schönen Kragen haben Sie da. Ist der neu, Pater?” Mr. Ferret trat hinzu. Ein schmales Lächeln verzog seine Züge und entblößte seine unnatürlich weiße Zahnreihe.
Pater Grand knurrte ungehalten. “Wir haben denkbar Wichtigeres zu tun, als mein neues Accessoire zu bestaunen. Aber wo wir gerade dabei sind, das hier ist meine Nichte Whiggs.” Er wedelte erschöpft mit der Hand in Richtung der Emanatin.
“Sehr erfreut, äh… Miss?” Eric deutete eine leichte Verbeugung an, die jene allerdings geflissentlich übersah. Es entstand eine kurze, unbehagliche Stille, ehe sich der junge Agent betreten räusperte und seinen Hemdkragen zurecht zupfte.
Plötzlich klirrte im Obergeschoss eine Scheibe. Und als hätte sie nur auf dieses Signal gewartet, begann die Meute vor dem Haus damit, sämtliche Fenster mit Steinen, Flaschen und unzähligen anderen Wurfgegenständen einzudecken. Offenbar hatte sie nun vollends die Geduld verloren und wollte nicht länger auf den Pater warten. Jedes weitere Klirren wurde von frenetischem Jubel begleitet.
Glücklicherweise waren die meisten Fenster im Erdgeschoss durch die dicken hölzernen Läden gut geschützt. Trotzdem warfen sich fast alle Anwesenden beinahe instinktiv zu Boden, als das Bombardement einsetzte. Schließlich flog eine Flasche heran, aus deren Hals ein brennender Lumpen hervorschaute. Sie durchschlug das obere Flurfenster und zerschellte auf der alten Holztreppe. Brennende Flüssigkeit spritzte über die morschen Stufen und verwandelte die Diele innerhalb von Augenblicken in ein flammendes Inferno. Mörderische Hitze und beißender Qualm zogen mit dicken, schwarzen Schwaden ins Wohnzimmer.
„Das wird die Angreifer für eine Weile draußen halten“, meldete sich Mr. Ferret zu Wort, dem der Qualm im Gegensatz zu den anderen nichts auszumachen schien. “Aber wir werden auch nicht mehr lange hierbleiben können.” Er warf die Wohnzimmertür zu, um Rauch und Flammen für einen Moment auszusperren.
“Da haben Sie wohl recht”, hustete Eric gequält hinter dem Taschentuch hervor, das er sich schnell vor Mund und Nase gepresst hatte. “Aber wo sollen wir hin?”
Pater Grand fluchte. “Ich fass’ es nicht! Wollen die Arschlöcher da draußen mich in meinem eigenen Haus abbrennen?” Grimmig schielte er durch eine Lücke der windschiefen Fensterläden, um dann mit einem weiteren Fluch zurück zu fahren, als von außen donnernd ein Pflasterstein dagegen schlug.
Vollkommen unerwartet lachte die junge Frau trocken auf. Als die drei Männer sie entgeistert anstarrten, sagte sie bitter: “Das wäre tatsächlich ein wirklich passendes Ende für den Schlächter von Arminton.”
“Ich kann das nicht lustig finden, Whiggs”, knurrte Grand gereizt.
“Das konnte meine Mutter auch nicht”, gab die junge Frau zurück. Von der Tür her untermalte das dumpfe Brausen der schnell um sich greifenden Flammen ihren Standpunkt und in einer der hinteren Ecke begann die alte Tapete, sich zu verfärben.
“Könnten sie Ihre Streitigkeiten bitte auf später vertagen?” unterbrach Eric die beiden ungehalten und hustete abermals. “Wenn uns nicht schnell irgend ein Ausweg einfällt, werden wir alle in wenigen Augenblicken gebraten!”
“In diesem Fall muss ich Mr. Van Valen zustimmen”, warf Mr. Ferret ein. “Und ich kann nicht sagen, dass mir die Vorstellung gefällt.” Er wirkte tatsächlich noch ein wenig blasser als gewöhnlich.
Tags: Eric Van Valen, Mae, Mr. Ferret, Pater Grand, Schlagwort hinzufügen, Whiggs

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