Archiv für Juli 15th, 2009
Kapitel 4-11
Während Mr. Ferret noch damit beschäftigt war, die Eingangstür zu verbarrikadieren, schaute Eric sich in der Trostlosigkeit des Wohnraums um. Ein alter Schrank, ein Ofen, ein wackliger Tisch, auf dem eine Flasche Schnaps stand, ein paar Stühle und ein Sofa, das irgendwann ein mal recht teuer gewesen sein musste. Die Wolldecke und das zerknüllte Daunenkissen deuteten darauf hin, dass der Pater das Sofa als Bettersatz nutzte – oder er hatte Besuch.
Der junge Agent drehte sich um und warf einen prüfenden Blick in die angrenzenden Zimmer. Die Küche und die kleine Abstellkammer fand er beinahe komplett leergeräumt vor. Die wenigen übrig gebliebenen Utensilien und Möbelstücke waren mit einer dicken Staubschicht bedeckt. Diese beiden Räume schienen schon seit langer Zeit nicht mehr benutzt worden zu sein. Um so überraschender war daher der Anblick der gusseisernen Wanne im Badezimmer. Ihre sorgfältige Bemalung, eine Seenlandschaft mit Reihern, und die als Löwenpfoten geformten Füße waren ein Luxus, den Eric an diesem Ort zu allerletzt erwartet hätte. Die Badewanne schien vor nicht all zu langer Zeit in Gebrauch gewesen zu sein.
Eric ging zurück in den Eingangsbereich und schaute die schmale, hölzerne Treppe hinauf, die in das Halbdunkel des oberen Stockwerks führte.
„Pater Grand?“
Keine Antwort. Er wartete einen kurzen Augenblick und ging dann weiter zur Hintertür.
Mr. Ferret trat neben ihm aus der Küche auf die Diele. “Und ich hatte gedacht, meine Unterkunft wäre traurig”, stellte er fest. “Mir scheint, der Pater ist nicht zuhause. Das macht die Sache jetzt recht unangenehm. Tut mir leid, Sir. Sie hätten da nicht mit reingezogen werden dürfen.”
“Reden Sie keinen Unsinn, Ferret.” Eric rüttelte versuchsweise an der Hintertür. Ihrem Zustand nach zu urteilen war sie schon seit geraumer Zeit nicht mehr geöffnet worden. Seit sehr geraumer Zeit. “Sie sind ein Agent des Ministeriums und ein loyaler Kollege. Es kann sich also nur um ein Missverständnis handeln. Oder um einen Akt der Barbarei gegenüber Plasmierten. Immerhin könnte das auf diesem Bild jeder gewesen sein. Es gibt…”, er ächzte beim vergeblichen Versuch, den eingerosteten Riegel zur Seite zu schieben. “Es gibt eine ganze Reihe skrupelloser Menschen in dieser Stadt, die liebend gern viel Geld ausgeben, um ihnen unliebsame Personen dauerhaft aus ihrer Welt zu entfernen”, sagte er verbittert, zog seine Waffe und schlug mit dem Knauf gegen den Riegel. “Und das nur, weil sie nicht in ihr Bild eines perfekten Lebens passen. Nein, Ferret, ich stehe da auf Ihrer Seite.”
Der dünne Mann begegnete seinem Blick ausdruckslos. Dann neigte er leicht den Kopf. “Na gut, Sir, wenn Sie meinen. Danke. Dann ich sehe mich mal oben um. Ich fürchte, wir haben nicht viel Zeit.” Mit diesen Worten verschwand Mr. Ferret die schmale Treppe ins Obergeschoss.
Nach einigen weiteren Schlägen gelang es Eric schließlich, den rostigen Riegel zu lösen und die Tür eine Handbreit aufzustemmen. Wie er gehofft hatte, führte sie hinaus auf ein winziges Gartenstück, das auf die übliche Art von einer hohen, steinernen Mauer umgeben war und an allen Seiten an identisch angelegte Nachbargrundstücke grenzte. Hinter einem vertrockneten Gemüsebeet und dem verrosteten Skelett einer schmiedeeisernen Gartenbank stand am hinteren Ende ein hölzerner Hühnerstall. Die Türen schienen schon vor längerer Zeit aufgebrochen worden zu sein und von den Bewohnern war bis auf ein paar schmutzige Federreste nichts mehr zu sehen.
Aber wenn das Dach des Häuschens nicht völlig verrottet war, konnten sie an dieser Stelle vielleicht auf die Mauer klettern und durch das Nachbarhaus ihren Verfolgern entkommen.
Eric stemmte die Tür noch ein Stück weiter auf und zwängte sich mühsam nach draußen.
Plötzlich knallte dicht neben seinem Kopf etwas gegen die Wand. Steinsplitter spritzten auf und er spürte einen stechenden Schmerz an der Wange. Instinktiv warf sich der Agent zu Boden und rollte sich herum. Ein halbwüchsiger Bursche hatte sich rittlings auf die Gartenmauer geschwungen und zielte von dort mit einer großen Steinschleuder auf ihn. Als Eric seinen Revolver hob, stieß der Junge ein Kriegsgeheul aus, wie man es häufig auf den Zuschauerrängen beim Steamball hörte, und ging schnell in Deckung. Dafür tauchte an einer anderen Stelle ein zweiter Gegner auf. Wieder schoss etwas durch die Luft, ging zum Glück aber diesmal weit daneben. Diese verdammten kleinen Bastarde, dachte Eric, schießen mit Bleikugeln!
Hastig zog er sich hinter die sichere Deckung der Haustür zurück und schob den Riegel vor.
***
Rücksichtslos drängelte sich Pater Grand an zwei vierschrötigen Halbwüchsigen vorbei. Etwas weiter vorne hatte er einen Bekannten entdeckt, jemand aus der Nachbarschaft sozusagen. Whiggs folgte ihm so gut es eben ging durch die aufgebrachte Menge.
„Hey Earl! Earl … was ist denn hier los?“
Grand fasste den kleinen, in einen viel zu langen Ledermantel gekleideten Mann am Oberarm und drehte ihn halb herum. Für einen Moment zuckte dieser mit dem rechten Arm, an dessen Ende eine beeindruckende Keule mit einem rostigen Nagel mitschwang. Dann erkannte er den Pater und senkte die Waffe.
„Ach, du bist es, Sib. Da vorne hat sich irgendein reicher Pinkel mit einem Goldkopf verbarrikadiert. Wir wollen uns die Belohnung verdienen. Deshalb der Aufruhr. Hier, kannst ja selber mal drauf gucken.“
Earl hielt dem Pater einen schmuddeligen und abgerissenen Zettel unter die Nase. Grand brauchte nicht einmal eine Sekunde, um das Konterfei jemanden zuzuordnen, den er hier am allerwenigsten erwartet hätte. Mr. Ferret. Dann war Agent van Valen auch nicht weit.
Verdammt, was treiben die hier, durchzuckte es seine Gedanken. Jetzt muss ich denen schon wieder den Arsch retten.
„Wo sind die Typen jetzt?“, fragte er Earl, ohne durchblicken zu lassen, dass er die Zielscheibe des Mobs persönlich kannte.
Der deutete wage nach vorne.
„Ich hab sie selbst auch noch nicht gesehen, aber da vorne haben´se die wohl eingekeilt. Haben wir gleich, denke ich.“
„…oder ich muss geeignete Maßnahmen ergreifen!“
Grand konnte die laute Stimme des Agenten über dem Gemurmel verstehen. Kurz darauf explodierte eine der Straßenlaternen und der Pater duckte sich unwillkürlich. Schnell fing er sich wieder.
„Bin gleich wieder da“, murmelte er, schob Earl beiseite und zog Whiggs einfach mit sich. Er kam gerade rechtzeitig, um mitzubekommen, wie ein Hagel von Wurfgeschossen auf sein Haus niederging.
„Verdammte Scheiße“, brüllte er, während er den inneren Kreis durchbrach und sich mit ausgebreiteten Armen vor die Meute stellte. „Das ist mein Haus. Hört sofort auf mit dem Mist!“
Tatsächlich schienen seine Worte etwas auszurichten. Die Menge hielt inne.
Eine der Rädelsführerinnen, eine große, massig wirkende Frau mit roten Haaren verschränkte die Arme vor dem gewaltigen Vorbau.
„Da versteckt sich ein Haufen Gold in deinem Haus“. Sie spuckte die Worte „deinem Haus“ mit verächtlichem Unterton aus, ganz so als ob sie darauf pfeife, wem etwas gehörte oder nicht.
„Und das wollen wir haben. Selbst wenn wir die Hütte dafür Ziegel für Ziegel abreißen müssen. Also tritt beiseite. Ist besser für dich.“
Grand stemmte die Fäuste in die Hüften und baute sich ganz nah vor der Frau auf, ohne im Mindesten von ihrer Drohung eingeschüchtert zu sein.
„Mae, Mae, Mae. Wie immer auf Krawall gebürstet. Ich mache euch einen Vorschlag. Ich geh rein und hole euch die Bande raus. Dafür lasst ihr mein Haus stehen. Einverstanden?“
Mae zögerte. Bis einer aus den hinteren Reihen rief: „Lasst den Pater reingehen und sie holen.“
„In Ordnung, Sib. Du hast drei Minuten. Danach holen wir ihn uns selbst.“
Lautes, zustimmendes Gejohle brandete auf, als Pater Grand sich umdrehte und zu seiner Haustür ging. Whiggs zögerte, folgte ihm dann aber doch mit einem abschätzenden Blick auf Mae.
Tags: Eric Van Valen, Mr. Ferret, Pater Grand, Whiggs

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