Archiv für Juli 10th, 2009
Kapitel 4-09
Der Kutscher setzte Eric und Mr. Ferret an der Kreuzung Maple Street und Oxroad ab. Weiter wollte er nicht fahren.
Es sei zu gefährlich, erklärte er ihnen. Zu viel Gesindel würde sich hier in der Gegend auf den Straßen herumtreiben, ihm im besten Fall seine Droschke beschädigen, wahrscheinlicher aber ihn gleich über den Haufen schießen und ausnehmen wie eine Festtagsgans. Der Mann lüpfte noch einmal grüßend den Zylinder, wünschte den beiden Agenten viel Glück und wendete das Fahrzeug.
Eric schaute sich verwundert um. Was er sah, gefiel ihm ganz und gar nicht.
Heruntergekommene Häuserreihen, Verfall und Schmutz, wohin er den Blick auch wandte. „Ich hätte nicht gedacht, dass Pater Grand in so einer Gegend wohnt“, sagte er. „Ich habe ihn mir viel eher in einem ruhigen Wohnviertel auf den Hills vorgestellt. So etwas in der Art wie Old Chapel, in einem Haus aus Backstein, mit weiß getünchten Fensterläden und einem Rosengarten davor. Direkt neben der Kirche.“
„Das hier war früher mal so ne Gegend, Sir“, sagte Mr. Ferret. „Vor der Sache mit den Wiedergängern. Feine Gegend, von Leben erfüllt, mit Rosen, wohin das Auge schaut und mit freundlichen Menschen an jeder Straßenecke.“
“Mir scheint, dass die inzwischen alle verschwunden sind“, sagte Eric mit Blick auf einen grobschlächtigen Kerl, der, lässig an einen kaputten Laternenpfahl gelehnt, die beiden Agenten mit unverschämtem Blick musterte und ihnen provozierend vor die Füße spuckte, als sie an ihm vorbei gingen.
“Ich schätze, Fremde sind hier nicht gern geseh’n, Sir“, mutmaßte Mr. Ferret, zog seinen Bowler tiefer ins Gesicht und vergrub die Hände in den Manteltaschen. „Vor allem, wenn sie so fein gekleidet sind, wie Sie, Sir.”
“Fein?” Eric blickte an sich hinab. Er trug einen schlichten, jedoch sauberen Anzug von einer Qualität, die er mit seinem ministerialen Gehalt finanzieren konnte, ohne sich in Unkosten stürzen zu müssen. Bislang hatte er seine Garderobe nicht als besonders exquisit betrachtet. Sein Blick wanderte weiter zu einer Gruppe Halbwüchsiger, die auf einer niedrigen Mauer saßen und düster zurück starrten. Tatsächlich. Deren Kleidung wies jenes charakteristische Grau auf, das man nur erhielt, wenn sie über Generationen vererbt, immer wieder geflickt und unzählige Male mit einer harten Bürste geschrubbt worden war, ohne mehr als ab und an ein Stück Kernseife gesehen zu haben.
Schuhe trug nur etwa die Hälfte der Kerle. Unwillkürlich senkte sich der Blick des jungen Mannes auf sein eigenes, ordentlich gefettetes und poliertes Schuhwerk und mit einem Mal kam er sich tatsächlich fehl am Platze vor. “Ich verstehe, was Sie meinen, Mr. Ferret.”
Der dünne Mann bezweifelte das.
Ohne sich umzusehen wusste er, dass die jungen Kerle hinter ihnen von der Mauer gesprungen waren und betont unauffällig hinter ihnen her schlenderten. Sie kamen an drei weiteren Männern vorbei, zähen, verbrauchten Arbeitern mit narbigen, ledernen Visagen. Wieder wurden sie aufmerksam gemustert. Dann löste sich einer der Männer wortlos von den anderen und betrat den düsteren Eingang hinter ihnen, der dem Geruch nach in eine namenlose Kneipe führte.
Die anderen beiden rauchten schweigend und folgten den zwei Agenten mit den Augen.
An der nächsten Kreuzung blieb Eric stehen und konsultierte den braunen Aktenordner. Unsicher starrte er dann hinauf zu dem eisernen Straßenschild, das an der Laterne über ihnen angebracht war. Oder angebracht gewesen war, denn alles, was er noch vorfand, war eine leere, eiserne Halterung, von der der Rost in großen, braunroten Blüten abstand.
“Das ist fatal, Mr. Ferret”, stellte er mit einem resignierten Seufzen fest.
“Das hoffentlich nicht”, murmelte der Widergänger und warf einen verstohlenen Blick in die schmale Gasse, die hier zwischen Hauswänden und Hinterhofmauern steil bergab führte. Eine Gruppe hagerer Männer kam die ausgetretenen Stufen herauf und Mr. Ferret hatte abermals das Gefühl, aufmerksam taxiert zu werden. “Ich denke, wir sollten hier nicht stehen bleiben, Mr. Van Valen, Sir”, sagte er.
Eric wandte seinen Blick von dem verrosteten Schildrest und nickte. “Da haben sie wohl Recht, Mr. Ferret. Lassen Sie uns besser fragen. Hallo? Ma’am?”
Er hob die Hand und winkte einer schmalen Frau im mittleren Alter zu, die einige Schritte weiter in einem der Vorgärten damit beschäftigt war, fadenscheinige Wäsche auf eine ebenso fadenscheinige Leine zu hängen. “Ma’am, könnten Sie uns vielleicht… Hallo? Wir… sowas. Mr. Ferret, haben Sie das gesehen?” Verwundert blickte Eric der Frau hinterher, die sich ohne ein Wort abgewandt hatte und soeben die Haustür hinter sich schloss.
Der Wiedergänger nickte düster. “Ja, Sir. Ich empfehle dringend, hier nicht länger zu bleiben. Als nächstes schließen sie noch die Fensterläden.” Wie auf Stichwort knallte irgendwo ein Laden oder eine Tür, was für einige verborgene Hunde das Zeichen war, mit wütendem Kläffen zu beginnen. “Das war ja klar”, stellte Mr. Ferret fest und griff Eric am Ärmel. “Kommen Sie, Sir, wir gehen hier entlang. Von dort oben haben wir eventuell den besseren Überblick.”
“Sind Sie sicher, dass das die richtige Richtung ist, Ferret?” erkundigte sich der junge Mann.
“Es ist zumindest nicht völlig falsch, Sir”, sagte Mr. Ferret mit einem Seitenblick. “Und es ist besser, als stehen zu bleiben.” Mit diesen Worten zog er Eric die schmale Gasse hinauf. Der junge Agent warf einen verwirrten Blick zurück und nahm zum ersten Mal die größer werdende Gruppe wahr, die sich in der Straße hinter ihnen gesammelt hatte. Ein Blick in die andere Richtung bestätigte ihm, dass auch dort einige Männer wie aus dem Nichts aufgetaucht waren und sie zu beobachten schienen. “Sie könnten recht haben”, sagte er leise und folgte dem Wiedergänger mit zügigen Schritten. “Irgend etwas geht hier vor. Wir sollten zusehen, dass wir so schnell wie möglich von hier …”
“Nicht. Laufen.” erwiderte Mr. Ferret dringlich. Die Gasse endete auf einer höher gelegenen Straße, die aus mehr Löchern als Kopfstein zu bestehen schien. Er blickte gerade rechtzeitig nach links, um zu sehen, wie zwei Jungen über eine Gartenmauer sprangen und sie schweigend beobachteten. “Hier entlang, Sir” stellte er fest und zog Eric nach rechts.
“Wissen wir, wo wir hinwollen, Mr. Ferret?”
“Sticky Square, sagten Sie”, entgegnete der Wiedergänger, ohne sich umzusehen. “Ich glaube, ich weiß wo das ist. Ganz in der Nähe. Wir müssen im Grunde nur eine Straße höher und… Mist.” Mr. Ferret verlangsamte seine Schritte. Vor ihnen war eine weitere Gruppe Männer aufgetaucht. “Ich versteh das nicht, Sir.”
Eric hörte dem dünnen Mann nur mit halbem Ohr zu. Seine Augen waren auf einen Bogen billigen Papiers gerichtet, der zwischen einigen anderen an einer rußgeschwärzten Backsteinwand hing. Er fiel vor allem dadurch auf, dass er erst vor kurzem hier angeklebt worden war, denn noch hatte der Regen keine schmutzigen Schlieren auf ihm hinterlassen. Was jedoch Erics Aufmerksamkeit erregt hatte, war das gedruckte Portrait auf dem Papier. Das Portrait eines hageren Mannes mit einem Bowler und einem schäbigen Mantel, das von einem Namen und einer unverschämt hohen Zahl eingerahmt war. “Ich fürchte, ich schon”, stellte er fest. Mit einem Ruck riss er das Blatt von der Wand und reichte es Mr. Ferret.
Der Wiedergänger starrte darauf. Dann blinzelte er. Einmal.
“Ich finde nicht, dass mir das ähnlich sieht”, sagte er dann.
“Die Augen”, sagte Eric. “Die sind ziemlich charakteristisch. Ich nehme an, dieser Mister Thurgood ist kein Freund von Ihnen?”
Mr. Ferret starrte Eric wortlos an.
“Dachte ich mir. Los, kommen Sie!”
Tags: Eric, Mr. Ferret, Van Valen

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