Etwas zerrte an seinem Hals. Derart rüde, dass ihm für einen Moment die Luft abgeschnürt wurde und ein scharfer Schmerz in seinem Nacken aufbrandete. Eine Stimme über ihm sagte etwas, aber er verstand nur Bruchstücke davon und das, was er hörte, konnte er seltsamerweise überhaupt nicht einordnen.
„… müsste besser halt´n als ein Geschwür am Allerwertesten … ist jetzt scharf geschaltet … sich zweimal überlegen, ob er …“
Sein Kopf fühlte sich an wie von der Dampframme überfahren. Mühsam wehrte er sich gegen den Griff in seinem Nacken, drehte sich zur Seite und wurde für die unbedachte Bewegung sofort mit einer Welle von Übelkeit belohnt. Bittere Galle sammelte sich in seinem Mund und geräuschvoll spuckte er aus. Ein Speichelfaden zog sich von seinem Mundwinkel herab und blieb hartnäckig hängen.
Er konnte nichts sehen. Wo war nur das Licht? Trotz des Schreckens schaffte er es irgendwie, sich ruhig zu halten und sei es nur, um keinen weiteren Brechreiz auszulösen. Überall um ihn herum floss undurchdringliche Schwärze. Es füllte sein Gesichtsfeld vollständig aus. Kein Licht, keine Plasmonen. Nichts.
Zumindest solange, bis er auf die Idee kam, die Augenlider anzuheben. Pater Grand war immer noch in Lethe – und er war immer noch am Leben. Wenigstens fühlte es sich so an.
Aus dem Schatten vor ihm schälten sich mehrere Silhouetten, von denen eine zu Whiggs, eine andere zum Anführer der Tunnler wurde. Der Duke trug einen blutgetränkten Verband um die Brust, der linke Arm hing in einer provisorischen Schlinge. Ernst und müde schaute er auf den Pater hinab.
„Stellt ihn auf die Füße. Ich will von Angesicht zu Angesicht mit ihm reden.“
Sofort wurde er von fremden Händen unter den Achseln gepackt und angehoben. Ächzend schwankte Grands Oberkörper nach vorne, einen weiteren Schwall übelschmeckenden Mageninhalts verlierend, der mit einem satten Geräusch auf seinen Füßen landete. Mit der Hand versuchte Grand sich über den Mund zu wischen, blieb aber auf halbem Weg nach oben an einem ungewohnten Gegenstand hängen. Er ertastete einen breiten Reif aus Metall, der eng um seinen Hals gelegt war, kleine Zahnrädchen, die sich surrend drehten und ineinander griffen, Kabel und Steckanschlüsse.
„Was zum Teufel habt ihr mit mir gemacht?“, krächzte er.
„Das ist so eine Art Lebensversicherung. Für uns, nicht für dich. Versuchst du, ihn zu entfernen, explodiert der Kragen. Versuchst du, ihn zu manipulieren, explodiert der Kragen. Drückt man auf diesen Auslöser …“ Der Duke hielt einen kleinen, zündholzschachtelgroßen, grauen Kasten mit einem unscheinbaren Knopf in die Höhe.
„ … explodiert der Kragen. Hab´s schon kapiert.“
„Gut. Nachdem wir das nun geklärt haben, kommen wir zum Thema: Warum bist du zu Whiggs gekommen?“
„Warum, warum. Was geht es dich an? Ihr wollt mich hinrichten, da ist der Grund doch vollkommen egal.“
„Mal angenommen, es gäbe einen Weg, diese Hinrichtung zu verschieben.“ Der Duke legte eine bedeutungsschwangere Pause ein. „Also, warum?“
„Ich wollte sie warnen.“
„Vor dem Killer aus der Kanalisation?“
„Wieso fragst du mich, wenn du es schon weißt?“
Ein grober Stoß von hinten ließ in einen Schritt nach vorne taumeln.
„Weil es nicht der wahre Grund ist. Rede endlich.“
Grand schwieg zunächst verbissen. Er rang mit sich selbst, haderte und entschied dann doch, mit mehr herauszurücken.
„Es ist nicht irgendein Killer. Er sondert Hesiodplasmonen ab.“
Whiggs, die immer noch neben dem Duke stand, erbleichte. „Das verfluchte Plasma?“
„Das wäre natürlich eine Erklärung, warum die Quexer durchdrehen“, antwortete der Duke anstelle von Grand. „Ich hatte mir schon gedacht, dass es einen triftigen Grund für dieses aggressive Verhalten gibt. Was mich zu der Frage bringt, was du damit zu tun hast.“
„Das Ministerium hat mich auf den Killer angesetzt. Er soll gefunden und unschädlich gemacht werden, bevor er noch weitere wichtige Bürger der Stadt zu Tode metzelt“, prahlte Pater Grand. Er witterte eine unbestimmte Chance für sich, wenn er nur ausreichend selbstsicher auftrat.
„Dich?“, entgegnete Whiggs verächtlich. „Das nenne ich mal einen Abstieg.“
Der Duke brachte sie mit einer Geste zum Schweigen. Dann legte er seinen unverletzten Arm auf den Rücken und ging nachdenklich auf und ab. Schließlich stoppte er genau vor dem Pater.
„Aufgrund deiner Vergangenheit müsste ich dich auf der Stelle töten lassen. Selbst wenn ich annehmen würde, dass du mit dem Tod von Adams und Cryker nichts zu tun hast. Der einzige Grund, dass ich es trotz des Protestes der anderen noch nicht getan habe, ist der, dass ich ohne dein Eingreifen vorhin in der Bargler-Kaverne jetzt nicht mehr hier wäre. Deshalb gewähre ich dir einen Aufschub. Du wirst für uns zum Ministerium gehen und dort unsere Lage darlegen. Kehrst du nicht innerhalb von drei Tagen mit Unterstützung zurück oder versuchst uns zu betrügen …“
„Lass mich raten: explodiert der Kragen?“
„Exakt. Whiggs wird dich begleiten und dich im Auge behalten.“
„Was?“, fuhren beide zeitgleich auf.
„Auf keinen Fall!“ Whiggs schrie beinahe vor Entrüstung. „Keine Sekunde verbringe ich freiwillig allein mit diesem Monster. Das kannst du vergessen.“
„Du WIRST gehen, Whiggs. Es gibt niemand anderen, der diese Aufgabe übernehmen kann. Lethe steht kurz vor dem Untergang. Noch so ein Angriff und wir sind alle Würmerfutter. Ich brauche jeden waffenfähigen Tunnler hier unten.“ Damit drückte ihr der Duke die Fernsteuerung für den Kragen in die Hand.
„Keine Widerrede.”
Whiggs verkniffs sich ihren Kommentar und starrte Pater Grand hasserfüllt an. Der zuckte nur mit den Schultern.
“Das wird bestimmt ein unterhaltsamer Spaziergang. Wann geht es los?”
Tags: Bargler-Kaverne, Duke, Pater Grand, Quexer, Whiggs

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