Kampflärm erfüllte die kleine Enklave unter der Erde.
Der Angriff schien nicht nur von einer Seite aus zu erfolgen, wie Grand beunruhigt feststellte. Von mindestens drei Seiten gleichzeitig drangen Rufe, das Klirren von Waffen, vereinzelte Schüsse und das Dröhnen der Quexer zu ihnen herüber.
Es schien, als sei Lethe Zentrum eines konzentrierten Angriffes geworden.
“Kommt das eigentlich öfter vor?” erkundigte sich der Pater bei den Männern, die mit ihm zurück geblieben waren.
Seine Frage riss die beiden aus ihrer Ablenkung. “Das geht dich’n Scheiß an, Arschloch. Beweg’ dich.” Und mit diesen Worten wurde Grand vorwärts gestoßen und musste einige schnelle, stolpernde Schritte machen, um trotz der gefesselten Hände auf den Beinen zu bleiben. Eilig liefen sie auf einen der niedrigeren Seitentunnel zu, als plötzlich die wenigen Lampen in der Haupthalle flackerten, trüb wurden und eine nach der anderen erloschen.
Die beiden Männer stöhnten nahezu synchron auf. “Was? Was ist passiert?” fragte Grand.
“Irgend jemand muss die Plasmaleitung für diesen Sektor beschädigt haben”, sagte einer der beiden in der tiefer werdenden Dunkelheit. Er blieb stehen und kratzte sich seinen verdreckten Vollbart.
“Quatsch nich’ Cryker”, knurrte sein Partner, ein Bär von einem Mann mit verfilzten Haarsträhnen, der sich den Zylinder des Paters samt Okular aufgesetzt hatte. “Behalt’ den da im Auge!” Er nickte zu Grand und wühlte in seiner Umhängetasche, um schließlich eine kleine Plasmalaterne hervor zu ziehen. Nach zwei, drei Schlägen des Feuerrades entzündete sich der Docht und tauchte den Bärtigen in grünliches Licht.
“Du siehst Scheiße aus, Mann.” stellte Grand fest. “Und das Licht verbessert es nicht. Außerdem ist das mein Zylinder, den du da trägst.”
“Das is’ das kleinste deiner Probleme, Schlächter”, entgegnete der Verfilzte ungerührt. “Ich denk’ wo du hingehst, brauchst du den nich mehr.” Er grinste und zog im Schein der Laterne eine Grimasse.
“Du solltest vorsichtig damit sein. Du hast keine Ahnung, was er wert ist”, sagte Grand kalt. “Wenn der auch nur einen Kratzer abbekommt, wird dir das verdammt leid tun.
“Ach, haltet die Fresse. Alle beide”, knurrte der Bärtige und zog eine alte, doppelläufige Plasmapistole aus einer Tasche seines Mantels. “Adams, gib mir die Lampe. Du machst’n Abschluss. Bleibt dicht zusamm’ und folgt mir. Un’ keine blöd’n Ideen, Schlächter, sonst macht dir Adams’n Luftloch in’n Rück’n, klar?”
In diesen wenigen Augenblicken war eine beinahe absolute Finsternis über das Zentrum der Siedlung gefallen. Die Stimmen der Quexer schienen mit einem Mal um ein Vielfaches lauter - und um einiges bedrohlicher.
Wenn man die Augen schloss, meinte man beinahe, inmitten eines großen Teiches zu sitzen, an dem Frösche ihr abendliches Konzert anstimmten. Zugegeben, sehr große Frösche. Gelegentlich machten sie eine Pause, so, als würden sie verzückt einem der von Grauen erfüllten Todesschreie der Tunnler lauschen, nur um anschließend um so lauter zu antworten.
“Geht klar”, brummte der Verfilzte, zwinkerte Grand zu und tippte sich bedeutungsvoll mit der Spitze seiner Machete an den Hut.

Ausnahmsweise enthielt sich der Pater eines Kommentars, als sie sich in Bewegung setzten.
Direkt vor ihm lief Cryker, in der einen Hand die Laterne, in der anderen die Schusswaffe. Adams war direkt hinter ihm, so dicht, dass Grand seinen nach Zwiebel und Zahnfäule stinkenden Atem im Nacken spürte. Beide Männer beobachteten unruhig die Umgebung. Immer wieder änderten sie plötzlich die Richtung und bogen in Seitentunnel ab, deren Finsternis von der trüben Lampe des Tunnlers eher noch vertieft wurde.
“Hör ma’ Cryker” sagte Adams schließlich. “Könn’ wir den Kerl nicht einfach im Wartungsraum 3 einschließ’n? Bis wir an den Zell’n sind, is der Spaß schon vorbei. Außerdem klingt das diesmal groß. Ich denk’ die könn’ uns dringend brauch’n und wir spiel’n hier die Amme für dieses Arschloch.”
“Adams, du hast den Duke gehört, oder? Das war’n Befehl” gab Cryker über die Schulter zurück.
“Ach komm, Mann! aus’m Wartungsraum kommt der genauso wenig raus wie aus ner Zelle! Un’ wo soller hin? Er hat kein Licht un’ draußn wart’n grad eh nur die Quexer.”
“Hör’ auf den Mann, Cryker”, stimmte Grand zu. “Wartungsraum klingt gut für mich. Außerdem hat er Recht. Ihr werdet an der Front gebraucht.” Wartungsraum klang vor allem nach rostigen Kanten und vergessenem Werkzeug, das er zweifellos in einer Zelle nicht vorfinden würde.
Eine Gruppe schweigender Menschen kam ihnen plötzlich aus der Dunkelheit entgegen und die drei Männer pressten sich an eine Seitenwand, Grand mit der Klinge von Adams’ Machete an der Kehle.
Wenige Bewaffnete leiteten den Zug von Alten und kleinen Kindern, die die Jüngsten auf dem Arm trugen oder in Stoffe geschlagene Bündel von Habseligkeiten mit sich schleppten. Eine alte Frau mit vernarbtem Gesicht blickte Grand im Vorbeigehen an. Dann weiteten sich ihre Augen in plötzlichem Erkennen. Sie blieb stehen, musterte den Pater einmal von oben bis unten - und spie ihm dann ins Gesicht, bevor sie sich abwandte und weiter schlurfte. Die folgenden Flüchtlinge musterten den Pater argwöhnisch. Doch während der ganzen Zeit fiel kein einziges Wort.
Überhaupt war der schweigende Zug erstaunlich diszipliniert, wie Grand mit Interesse feststellte. Das Ganze wirkte wohl organisiert, geradezu eingeübt. So, als hätten sich selbst die Kleinsten sorgsam auf einen solchen Vorfall vorbereitet. Oder aber, als seien Vorfälle dieser Art hier alles andere als selten.
Als die Nachhut der Gruppe sie schließlich passiert hatte, sagte der Verfilzte leise: “Mardre Singer. Haste ihr Gesicht geseh’n, Schlächter? Sie war in Arminton. Du siehst - du hast hier unt’n keine Freunde.”
“So wie du riechst, hast du ganz sicher nicht mehr als ich, oder?”, knurrte Grand. “Und jetzt nimm das verdammte Ding aus meinem Gesicht!” Er nickte mit dem Kinn auf die Machete.
„Halt´s Maul.“ Adams zog die Klinge zurück und rammte dem Pater den Knauf grob in die Rippen. Grand stolperte, prallte gegen die Tunnelwand fiel klatschend in das zentimetertiefe, brackige Wasser am Boden des Tunnels.

„Verdammt, man wird ja wohl noch fragen dürfen. Kann mir mal einer hochhelfen?“
„Hilf dir selber und mach gefälligst schnell“, schnauzte Cryker und richtete die Mündungen seiner Waffe auf Grand. “Und halt verdammt nochmal endlich dein Maul, sons… ” Ein blökender Quexerruf in unmittelbarer Nähe unterbrach, was immer er hatte sagen wollen. Er wirbelte herum und starrte in die Dunkelheit des Ganges.
„Wird´s bald? Steh auf, sonst lass’ ich dich hier als Quexerfutter“ flüsterte Adams gepresst und beugte sich schließlich doch herunter, um den Pater auf die Beine zu ziehen. In diesem Moment löste sich ein flirrender Schatten von der Decke, flog nur eine Armlänge entfernt über sie hinweg und landete mit blitzenden Klauen auf den Schultern von Cryker. Ein widerlich feuchtes, reißendes Geräusch erklang, als der Mann nach vorn geschleudert wurde und irgend etwas nasses, warmes, klebriges Grand ins Gesicht klatschte.

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Dieser Eintrag wurde geschrieben am Montag, Juni 29th, 2009 um 00:01 in der Kategorie Kapitel 4. Reaktionen zu diesem Eintrag können Sie mit dem RSS 2.0 Feed verfolgen. Die Kommentare für diese Seite sind geschlossen.

9 Kommentare bisher

Betti
 1 

Ein nasses, reißendes Geräusch … etwas nasses, warmes, klebriges …

1. nasses doppelt
2. etwas nasses, … ist hauptwörtlich gebraucht und daher groß zu schreiben

Juni 29th, 2009 at 10:09
 2 

Ich finds interessant was ihr aus dem “Er soll tun, was er für angemessen hält” gemacht habt *g*

Juni 29th, 2009 at 13:45
 3 

Pöh.
Wart’s halt ab! *gg* Ich hab Carstens weiteren Plan gelesen - der Pater hält echt seltsame Sachen für angemessen… ;)

Juni 29th, 2009 at 14:09
TPF
 4 

Der Wächter von Grand hat erst eine Machete, dann eine Lanze in der Hand.
Aber eine Machete ist keine Lanze.

Sonst finde ich es sehr gut, vor allem, wie man die Tunnelwelt durch die Augen des Pater warnimmt, wenn er z.B. darüber nachsinnt, wie diszipliniert die Kinder sind und was das für Gründe haben mochte (er tut es nicht direkt, aber ich habe das Gefühl, es seien seine Gedanken).

Juni 29th, 2009 at 16:38
 5 

Verdammt. Ich WUSSTE, dass ich das mindestens einmal übersehe. (Wir hatten kurzfristig umgerüstet) *g*
Danke, TPF. Ich geh nachher nochmal drüber.

Juni 29th, 2009 at 17:05
Stephan
 6 

@ Betti: Hm, müssten dann die nach “Nasses” folgenden zwei Worte eigentlich auch groß geschrieben werden?

Juni 29th, 2009 at 19:57
 7 

Ich überlege gerade ernsthaft, ob nicht das “etwas” der substantivisch genutzte Satzteil ist…

Juni 29th, 2009 at 20:23
 8 

Irgend jemand muss die Plasmaleitung

- Irgendjemand

ine kleine Plasmalaterne hervor zu ziehen

- hervor zu holen

Immer wieder änderten sie plötzlich die Richtung und bogen in Seitentunnel ab

- plötzlich streichen

nicht vorfinden würde.
Eine Gruppe

- hier bitte einen großen Absatz

oder in Stoffe geschlagene

- Stoff; Singular reicht vollkommen

ihre Augen in plötzlichem Erkennen

- die Phrase nutzt ihr gerne, oder? dieses “plötzliche Erkennen” …

prallte gegen die Tunnelwand fiel klatschend

- und fiel klatschend

irgend etwas nasses, warmes, klebriges Grand ins Gesicht klatschte

- irgendetwas nasses, warmes und klebriges in Grands Gesicht klatschte

Bezüglich der Großschreibung von nasses etc. sind sie eigentlich alle drei substantivisch gebraucht… allerdings beziehen sich alle auch auf das Selbe… von daher könnte man auch meinen das nur eines großgeschrieben werden sollte… andererseits sollte irgendetwas zusammengeschrieben werden und ob sich das dann wieder ändert… da bräuchte man langsam tatsächlich nen Germanisten (hab gerade keine Lust danach zu suchen).

Ansonsten find ich die ein oder andere Formulierung nicht ganz gelungen, aber im Moment fällt mir auch nix besseres ein.

Ich warte noch auf “das was angemessen ist” ^^

Juni 30th, 2009 at 07:17
 9 

Da bin ich ja mal gespannt. Ich dachte schon, seinen Bewachern auf die Nerven gehen, wäre das angemessenste, was Grand einfällt. Wobei das ja auch schonmal nicht schlecht ist *g*

Juni 30th, 2009 at 09:17

Die Kommentare sind geschlossen.