„Wie dem auch sei, Mister Van Valen, letzten Endes hat die Sache ja noch ein gutes Ende gefunden. Doch was ungleich wichtiger ist…”, Ministerialrat Granville lehnte sich langsam in seinem ledernen Sessel zurück und legte eine theatralische Pause ein, ehe er schließlich die überraschende Neuigkeit verkündete, “Wir haben den Mörder gefasst!”
„Tatsächlich, Sir?“ fragte Eric erstaunt.

„Nun, ich gebe zu, dass ’gefasst’ vielleicht nicht ganz der korrekte Ausdruck ist“, Der Ministerialrat legte die dünnen Fingerspitzen aneinander und lächelte selbstgefällig. „Vielmehr, und das haben wir nicht nur meiner Voraussicht, sondern sicherlich zu einem Teil auch Ihrem persönlichen Einsatz zu verdanken, konnten wir ihn vom Rasen des Coleman-Asylum auflesen – mit gebrochenen Knochen und zerschmettertem Schädel. Der Sprung vom Dach hat dem üblen Treiben dieses Spitzbuben ein für alle mal ein Ende bereitet.“
Eric runzelte ungläubig die Stirn. „Wie bitte?“ fragte er. „Das kann nicht sein. Ich habe doch gesehen, wie er davon gelaufen ist. Hier muss eine Verwechslung vorliegen.“

„Keineswegs“, entgegnete Granville und schlug die Akte ‘Hartlefield’ auf, die zwischen ihm und Eric auf dem Mahagoni-Schreibtisch lag. „Sehen Sie, wir fanden ihn direkt unterhalb der Stelle an der er sich, laut Ihrer Meldung vor zwei Tagen, vom Dach gestürzt hat. Er lag mitten im einem Gebüsch - wahrscheinlich haben Sie ihn deshalb übersehen. Inzwischen konnte der Mann aber eindeutig identifiziert werden: Alessandro Esposito, ein grober Klotz von zweifelhafter Herkunft und mit einem bedauerlichen Hang zur Gewalttätigkeit, wenn er betrunken oder gar berauscht war. Vor einiger Zeit war er in der Heilanstalt noch als Pfleger beschäftigt. Doch aufgrund diverser Vergehen wurde er entlassen und ist daraufhin immer weiter abgerutscht. Als er schließlich völlig am Ende war, muss er durchgedreht sein und das Asylum für sein Scheitern verantwortlich gemacht haben. Wie Sie wissen, arbeitete eines der Mordopfer früher ebenfalls im Coleman-Asylum und ist aus diesem Grund als erstes seiner Rache zum Opfer gefallen. Die arme Mrs. McManus tötete er wohl aus dem gleichen Grund. Und was Mister Hartlefield angeht – der wird ihm zufällig über den Weg gelaufen sein. Glücklicherweise haben Sie diesen Verrückten aufhalten können, ehe er noch mehr Unheil anrichten konnte.“

„Sie müssen sich irren, Sir“, beharrte Eric. „Wer immer uns attackiert hat, war kein normaler Mensch. Niemand hält mehreren direkten Treffern eines Plasma-Geschosses stand und ist danach noch in der Lage, jemandem wie Mr. Ferret so heftig zuzusetzen. Und dann seine Augen… sie waren schwarz wie die eines Plasmierten!“
„Zweifeln Sie etwa an der Kompetenz unserer Inspekteure, Mister Van Valen?“ Granville beugte sich nach vorn. „Selbstverständlich haben wir Ihre Aussagen in die Untersuchungen mit einbezogen. Aber bei dem Toten handelt es sich eindeutig nicht um einen Wiedergänger. Schwarze Augen hatte er, das ist sicher - aber dennoch nichts Ungewöhnliches für einen Ausländer mit seiner Herkunft. Und dass ihm Ihre Geschosse nichts anhaben konnten und er danach noch in der Lage war, Sie und Ihren Kollegen anzugreifen, wird wohl auf die Substanzen zurückzuführen sein, die sein Hirn zerstört haben. Sie wissen ja, wie unberechenbar die Wirkung von Drogen wie SMAP oder Absinth ist. Sie machen aus einem einfachen Mann und braven Familienvater einen unberechenbaren Wahnsinnigen. Wer weiß, was sie dann erst bei einem Subjekt wie diesem Esposito anrichten konnten.“
„Bei allem Respekt, Sir“, entgegnete Eric verzweifelt, „aber ich habe gesehen, was ich gesehen habe. Diese… Kreatur war weder berauscht noch wahnsinnig. Sie handelte vielmehr gezielt und wohl überlegt. Das war keinesfalls ein betrunkener Verrückter, der nicht wusste, was er tat. Wer auch immer die Untersuchung geleitet hat, er unterliegt einem bedauerlichen Irrtum.“

Granville beugte sich noch weiter nach vorn und deutete mit seinem dünnen Zeigefinger auf den jungen Agenten. „Überlegen Sie sich genau, was Sie sagen“, drohte er in scharfem Tonfall. „Das Ministerium ist ihnen dankbar für ihre geleistete Ermittlungsarbeit, aber es duldet keine Aufsässigkeiten.“ Ohne Eric aus den Augen zu lassen, blätterte er in der aufgeschlagenen Akte herum. „Sehen Sie, in diesem Untersuchungsbericht haben wir nicht nur die Erkenntnisse der Inspekteure notiert, sondern auch eine Beschwerde der Anstaltsleitung gegen Sie und Ihren Kollegen. Laut den Unterlagen haben Sie sich mehrmals eigenmächtig über die Anordnungen des Leitenden Chefarztes hinweggesetzt und damit nicht nur sein, sondern auch das Leben der Insassen in sträflichster Weise gefährdet. Darüber hinaus haben Sie das halbe Inventar der Anstalt zerstört.“

„Was?“ Eric riss fassungslos Mund und Augen auf. „Das ist unerhört!“ protestierte er lautstark. „Sir, wir mussten umgehend handeln! Wir konnten doch nicht erst auf das Wachpersonal warten und dabei riskieren, dass der Mörder unerkannt entkam. Höchste Eile war geboten.“
„Sie geben es also zu“, entgegnete Granville. „Sie geben zu, dass Sie Ihre Befugnisse bei weitem überschritten haben. Mister Van Valen, glauben Sie mir: Sie bewegen sich auf einem schmalen Grat. Belassen Sie es also dabei, dass der Fall erfolgreich abgeschlossen wurde. Wir haben unseren Mörder gefasst, die Öffentlichkeit ist beruhigt und Sie bekommen Ihren Orden oder Ihre Beförderung oder was auch immer sie sich vorgestellt haben.“
Eric setzte mehrmals zu einer Erwiderung an und schüttelte schließlich den Kopf. „Nein, Sir“, sagte er bestimmt. „Ich bin der festen Überzeugung, dass der Mörder noch frei herumläuft – was immer Sie auch sagen. Und ich werde ihn finden.“
Diesmal war es an Granville, laut zu werden. „Sie zweifeln an meiner Kompetenz?!“ herrschte er Eric an. „Was glauben Sie eigentlich, wen Sie vor sich haben? Wenn Sie nicht unverzüglich ihre wahnwitzigen Ideen fallen lassen, werde ich dafür sorgen, dass man Sie von Ihrem Posten entfernt. Und glauben Sie nicht, dass Ihr… Ihre Herkunft Ihnen helfen wird. Man hätte Sie von vorne herein nicht für diese Aufgabe einsetzen sollen.“ Granville deutete auf die Tür. „Und nun gehen Sie. Hinaus! Aus meinen Augen!“

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Dieser Eintrag wurde geschrieben am Montag, Juni 22nd, 2009 um 00:01 in der Kategorie Kapitel 4. Reaktionen zu diesem Eintrag können Sie mit dem RSS 2.0 Feed verfolgen. Die Kommentare für diese Seite sind geschlossen.

8 Kommentare bisher

 1 

Er lag mitten im einem Gebüsch

- in einem

Doch aufgrund diverser Vergehen wurde er entlassen

- Vorschlag: Aufgrund diverser Vergehen wurde er jedoch entlassen

[...]eines der Mordopfer früher[...]seiner Rache zum Opfer gefallen.”

- Unschön. Wie wärs mit: Wie Sie wissen, arbeitete das erste Mordopfer ebenfalls im Coleman-Asylum und ist wohl aus Rache von ihm getötet worden.

[...]über die Anordnungen des Leitenden Chefarztes

- des leitenden Chefarztes

—-

Absinth ist eine Droge? Ich kenne es als verdammt starkes Alkoholisches getränk (so 90% ?)

Ansonsten: Van Valen ist ein Idiot… der hätte früher merken können, dass es nichts bringt, seinem Chef das ganze auf die Nase zu binden und einfach heimlich weiter machen.

Außerdem: Was ist mit dem fehlenden Auge? Warum ist er darauf nicht auch eingegangen? Das wäre zumindest DAS Indiz gewesen, das der Unbekannte nicht der “Mörder” sein konnte…
Bin gerade etwas… unzufrieden…

Juni 22nd, 2009 at 08:46
Tom
 2 

Nun ja, ja - Absinth ist eine Droge.
Zum einen ist auch Alkohol eine Droge (und Absinth liegt mit zwischen rund 50 bis rund 80% je nach Hersteller doch recht weit oben) und zum anderen wurde er wegen seines Thujon-Gehaltes tatsächlich als Droge eingestuft und war (auch bei uns) lange Zeit verboten.

Ansonsten: Eric ist, denke ich, ein Ehrenmann. Wobei das gelegentlich tatsächlich leicht mit einem Idioten verwechselt werden kann.
;)

Juni 22nd, 2009 at 10:13
Stephan
 3 

Das mit dem Auge wollte ich tatsächlich noch erwähnen - und zwar im Zusammenhang mit dem zerschmetterten Schädel. Das habe ich leider in der Kürze der Zeit übersehen.

Zum Absinth: Besten Dank für die Bemerkung, die zeigt, dass Du aufmerksam mitliest ;-)
Diese Drogen-Äußerung habe ich tatsächlich aus den von Tom geschilderten Gründen mit völliger Absicht eingebaut. (siehe auch:
http://de.wikipedia.org/wiki/Absinth )

Juni 22nd, 2009 at 12:42
TPF
 4 

Ich finde das Kapitel ganz gut und sowas ahnte man ja schon damals in der Szene, in der Eric auf den Fall angesetzt wird.

Allerdings sehe ich es wie Nico, Eric widersetzt sich einen Moment zu lange. So kommt er einem unnötig naiv vor. Mir wäre es lieber, wenn er am Ende, als der Inspektor ganz offen ausspricht, daß es hier nicht um die wirkliche Lösung des Falles geht, mit einem resignierten “Ja Sir” erkennen läßt, daß er verstanden hat, was Sache ist. Er ist ja kein Dummer, oder?

Übrigens: “Sie bewegen sich auf einem schmalen Grad.” Es ist wohl eher der Grat, der schmal ist, als das Grad (Celsius oder Fahrenheit)? :-)

Juni 22nd, 2009 at 15:25
 5 

Volle Zustimmung @TPF

Um übrigens nochmal auf den Absinth zurückzukommen: Das eigentlich berauschende ist da wirklich nur der Alkohol… und dann kann mand en auch direkt benennen. (das andere ist in zu geringem Umfang vorhanden, als dass man davon beraucht wird - und falls man genug Absinth trinkt, dass es so wirkt, ist man vorher an einer Alkoholvergiftung gestorben.)

Juni 22nd, 2009 at 15:35
Stephan
 6 

Nene, vom Absinth bringst Du uns nicht ab, Nico ;-)
Das Zeug wurde ja nicht aufgrund des Alkoholgehaltes verboten, sondern aufgrund seiner fälschlicherweise angenommenen anderen Nebenwirkungen.

@TPF: Grad Oechsle meinte ich natürlich (wenn wir schon von Alkohol reden…)

Juni 22nd, 2009 at 15:56
 7 

Das weißt du - und das wissen auch wir, Nico.
Aber “damals” (also zu Zeiten von Lord Byron bis E.A. Poe und ähnlichen Künstlerkonsorten) galt Absinth nun mal als Droge und wurde klar von den restlichen Alkoholika abgegrenzt. Dass die Leute nicht von Wirkstoffen des Wermuth, sondern von mies gebranntem Alkohol blind wurden, war eben nicht bekannt.
In diesem Fall darfst du wohl wirklich nicht von deinem modernen Wissen ausgehen. Wenn es ein Zeitgenosse in wörtlicher Rede als Droge klassifiziert, dann kannst du ihm vermutlich glauben, dass Absinth zu seiner Zeit als Droge gilt.
Während es Kokain zum Beispiel damals noch nicht tat - weshalb ein Sherlock Holmes zumindest in den frühen Romanen von Sir Arthur fröhlich vor sich hin kokst.

Aber dass ich das noch mal erleben darf, dass einer von Stephans Texten als “zu unnötig lang” deklariert wird… *gg*

Juni 22nd, 2009 at 15:56
 8 

Hrhr… meinetwegen… aber ihr hättet auch einfach sagen können: Das ist in ST kein Alkohol sondern eine Droge…
Es hat mich halt stutzig gemacht (und macht es andere Leser eventuell auch)…

Achja… damals… als in Coca Cola auch noch wirklich “Coca”in war… :D
Naja Zeiten ändern sich und Gesetze eben auch…

Juni 22nd, 2009 at 22:55

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