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Archiv für Juni 22nd, 2009

22
Jun

Kapitel 4-01

   Posted by: Stephan    in Kapitel 4

„Wie dem auch sei, Mister Van Valen, letzten Endes hat die Sache ja noch ein gutes Ende gefunden. Doch was ungleich wichtiger ist…”, Ministerialrat Granville lehnte sich langsam in seinem ledernen Sessel zurück und legte eine theatralische Pause ein, ehe er schließlich die überraschende Neuigkeit verkündete, “Wir haben den Mörder gefasst!”
„Tatsächlich, Sir?“ fragte Eric erstaunt.

„Nun, ich gebe zu, dass ’gefasst’ vielleicht nicht ganz der korrekte Ausdruck ist“, Der Ministerialrat legte die dünnen Fingerspitzen aneinander und lächelte selbstgefällig. „Vielmehr, und das haben wir nicht nur meiner Voraussicht, sondern sicherlich zu einem Teil auch Ihrem persönlichen Einsatz zu verdanken, konnten wir ihn vom Rasen des Coleman-Asylum auflesen – mit gebrochenen Knochen und zerschmettertem Schädel. Der Sprung vom Dach hat dem üblen Treiben dieses Spitzbuben ein für alle mal ein Ende bereitet.“
Eric runzelte ungläubig die Stirn. „Wie bitte?“ fragte er. „Das kann nicht sein. Ich habe doch gesehen, wie er davon gelaufen ist. Hier muss eine Verwechslung vorliegen.“

„Keineswegs“, entgegnete Granville und schlug die Akte ‘Hartlefield’ auf, die zwischen ihm und Eric auf dem Mahagoni-Schreibtisch lag. „Sehen Sie, wir fanden ihn direkt unterhalb der Stelle an der er sich, laut Ihrer Meldung vor zwei Tagen, vom Dach gestürzt hat. Er lag mitten im einem Gebüsch - wahrscheinlich haben Sie ihn deshalb übersehen. Inzwischen konnte der Mann aber eindeutig identifiziert werden: Alessandro Esposito, ein grober Klotz von zweifelhafter Herkunft und mit einem bedauerlichen Hang zur Gewalttätigkeit, wenn er betrunken oder gar berauscht war. Vor einiger Zeit war er in der Heilanstalt noch als Pfleger beschäftigt. Doch aufgrund diverser Vergehen wurde er entlassen und ist daraufhin immer weiter abgerutscht. Als er schließlich völlig am Ende war, muss er durchgedreht sein und das Asylum für sein Scheitern verantwortlich gemacht haben. Wie Sie wissen, arbeitete eines der Mordopfer früher ebenfalls im Coleman-Asylum und ist aus diesem Grund als erstes seiner Rache zum Opfer gefallen. Die arme Mrs. McManus tötete er wohl aus dem gleichen Grund. Und was Mister Hartlefield angeht – der wird ihm zufällig über den Weg gelaufen sein. Glücklicherweise haben Sie diesen Verrückten aufhalten können, ehe er noch mehr Unheil anrichten konnte.“

„Sie müssen sich irren, Sir“, beharrte Eric. „Wer immer uns attackiert hat, war kein normaler Mensch. Niemand hält mehreren direkten Treffern eines Plasma-Geschosses stand und ist danach noch in der Lage, jemandem wie Mr. Ferret so heftig zuzusetzen. Und dann seine Augen… sie waren schwarz wie die eines Plasmierten!“
„Zweifeln Sie etwa an der Kompetenz unserer Inspekteure, Mister Van Valen?“ Granville beugte sich nach vorn. „Selbstverständlich haben wir Ihre Aussagen in die Untersuchungen mit einbezogen. Aber bei dem Toten handelt es sich eindeutig nicht um einen Wiedergänger. Schwarze Augen hatte er, das ist sicher - aber dennoch nichts Ungewöhnliches für einen Ausländer mit seiner Herkunft. Und dass ihm Ihre Geschosse nichts anhaben konnten und er danach noch in der Lage war, Sie und Ihren Kollegen anzugreifen, wird wohl auf die Substanzen zurückzuführen sein, die sein Hirn zerstört haben. Sie wissen ja, wie unberechenbar die Wirkung von Drogen wie SMAP oder Absinth ist. Sie machen aus einem einfachen Mann und braven Familienvater einen unberechenbaren Wahnsinnigen. Wer weiß, was sie dann erst bei einem Subjekt wie diesem Esposito anrichten konnten.“
„Bei allem Respekt, Sir“, entgegnete Eric verzweifelt, „aber ich habe gesehen, was ich gesehen habe. Diese… Kreatur war weder berauscht noch wahnsinnig. Sie handelte vielmehr gezielt und wohl überlegt. Das war keinesfalls ein betrunkener Verrückter, der nicht wusste, was er tat. Wer auch immer die Untersuchung geleitet hat, er unterliegt einem bedauerlichen Irrtum.“

Granville beugte sich noch weiter nach vorn und deutete mit seinem dünnen Zeigefinger auf den jungen Agenten. „Überlegen Sie sich genau, was Sie sagen“, drohte er in scharfem Tonfall. „Das Ministerium ist ihnen dankbar für ihre geleistete Ermittlungsarbeit, aber es duldet keine Aufsässigkeiten.“ Ohne Eric aus den Augen zu lassen, blätterte er in der aufgeschlagenen Akte herum. „Sehen Sie, in diesem Untersuchungsbericht haben wir nicht nur die Erkenntnisse der Inspekteure notiert, sondern auch eine Beschwerde der Anstaltsleitung gegen Sie und Ihren Kollegen. Laut den Unterlagen haben Sie sich mehrmals eigenmächtig über die Anordnungen des Leitenden Chefarztes hinweggesetzt und damit nicht nur sein, sondern auch das Leben der Insassen in sträflichster Weise gefährdet. Darüber hinaus haben Sie das halbe Inventar der Anstalt zerstört.“

„Was?“ Eric riss fassungslos Mund und Augen auf. „Das ist unerhört!“ protestierte er lautstark. „Sir, wir mussten umgehend handeln! Wir konnten doch nicht erst auf das Wachpersonal warten und dabei riskieren, dass der Mörder unerkannt entkam. Höchste Eile war geboten.“
„Sie geben es also zu“, entgegnete Granville. „Sie geben zu, dass Sie Ihre Befugnisse bei weitem überschritten haben. Mister Van Valen, glauben Sie mir: Sie bewegen sich auf einem schmalen Grat. Belassen Sie es also dabei, dass der Fall erfolgreich abgeschlossen wurde. Wir haben unseren Mörder gefasst, die Öffentlichkeit ist beruhigt und Sie bekommen Ihren Orden oder Ihre Beförderung oder was auch immer sie sich vorgestellt haben.“
Eric setzte mehrmals zu einer Erwiderung an und schüttelte schließlich den Kopf. „Nein, Sir“, sagte er bestimmt. „Ich bin der festen Überzeugung, dass der Mörder noch frei herumläuft – was immer Sie auch sagen. Und ich werde ihn finden.“
Diesmal war es an Granville, laut zu werden. „Sie zweifeln an meiner Kompetenz?!“ herrschte er Eric an. „Was glauben Sie eigentlich, wen Sie vor sich haben? Wenn Sie nicht unverzüglich ihre wahnwitzigen Ideen fallen lassen, werde ich dafür sorgen, dass man Sie von Ihrem Posten entfernt. Und glauben Sie nicht, dass Ihr… Ihre Herkunft Ihnen helfen wird. Man hätte Sie von vorne herein nicht für diese Aufgabe einsetzen sollen.“ Granville deutete auf die Tür. „Und nun gehen Sie. Hinaus! Aus meinen Augen!“

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