Betont unbeteiligt, mit der nonchalanten Anmutung von Langeweile, saß Constance DeGuin auf einem eleganten Stuhl im Präsentationsraum. Ihr Kinn auf eine Hand gestützt, betrachtete sie den goldbestickten Besatz aus Edelsteinseide.
Eine namen- und gesichtslose Hilfsschneiderin kniete gleichzeitig zu Füßen einer anderen Kundin und versuchte so flink und zugleich vorsichtig wie möglich die breite Zierborte am Schößchen des Oberteils fest zu stecken, das die junge Frau vor ihr trug.

Diese junge Dame der Gesellschaft stand bewegungslos auf dem Podest, um die Schneiderin nicht zu stören – und eine Verletzung durch Stecknadeln zu vermeiden. Miryam Veronette Prackenham-Baxter, der wohlklingende Name deutete die noble Herkunft an, trug die Last dieses Namens auf ihren Schultern. Vielleicht war die Last der Grund dafür, dass diese etwas breiter geraten waren, als man es nach gängigem Geschmack bei einer Lady ihres Alters goutierte.
Ihre Hüften waren ebenfalls etwas üppiger, da kam es ihrer öffentlichen Wirkung sehr entgegen, dass die Mode den Einsatz des Schnürkorsetts perfektioniert hatte. Keine Dame, die etwas auf sich hielt, konnte es sich erlauben ohne dieses Kleidungsstück aus dem Haus zu gehen.
Hinzu kam die ausgesprochen förderliche Wirkung, die Mrs Gormett-Smithers patentierte Korsetts auf die Präsentation der weiblichen Büste hatten. Dies alles trug dazu bei, dass Lady Miryam sich sehr vorteilhaft darzustellen wusste. Sicher tat das gut gefüllte Konto ihres Vaters bei der Bakerbank sein Übriges dazu.

Dame Roshnatow, die sich ebenfalls in dem Raum aufhielt, war die derzeit führende Modistin der High Society von Steamtown und der umliegenden Verwaltungsbezirke. Wer es sich leisten konnte und Reichtum und hervorragenden Geschmack zur Schau stellen wollte, schickte die weiblichen Mitglieder seiner Familie zu Dame Roshnatows Salon. Auch jene, die es sich nicht leisten konnten, deren bedeutungsvolle Position jedoch eine angemessene Kleidung notwendig machten, bemühten sich um einen Termin in dem Salon an der Ringstraße um den Maltwasherpark. So stand natürlich außer Frage, dass sowohl Constance DeGuin als auch Miryam Veronette Prackenham-Baxter dort ausstaffiert wurden.

„Wie Sie sehen, verehrte Lady Miryam, verleiht die Behandlung der Seidenfäden mit Edelsteinextrakt dem Stoff einen wirklich außergewöhnlichen Schimmer.“
Mit einer knappen Handbewegung scheuchte die Modistin ihre Mitarbeiterin beiseite, um selbst an die Kundin herantreten zu können. Leicht bewegte sie den Stoff, um den erwähnten Schimmer noch besser zur Geltung zu bringen.

Myriam strich mit beiden Händen über ihren flachen Bauch nach unten und strahlte Constance DeGuin an: „Was meinen Sie, Constance, wird dies Ihrem Bruder gefallen?“
Die blonde Adelige setzte sich mit einer fließenden Bewegung auf und ließ über ihr Gesicht ein bezaubertes Lächeln gleiten: „Aber ja, meine Liebe. Ich kann mir kaum vorstellen, dass dieses entzückende Ensemble sein Herz nicht zum Schmelzen bringen wird.“

In der Tat konnte sich Constance DeGuin nur schwerlich vorstellen, dass Ciriaco DeGuin durch so etwas Unbedeutendes wie die Kleidung seiner angehenden Braut – oder gar diese Braut höchstselbst – zu einem so gefühlsbetonten Verhalten bewegt werden könnte. Aber, und das musste Constance ihrem Bruder zugestehen, hatte er sich und seine Bedürfnisse so weit im Griff, dass er erst nach dem offiziellen Abschluss dieser lohnenden Verbindung seine Gleichgültigkeit an diesem Dummchen zur Schau stellen würde.

„Dann bin ich zufrieden, liebe Constance.“ Lady Miryam Prackenham-Baxter wandte sich zu der Modistin um und nickte. „Wunderbar, liebe Dame Roshnatow. Wie besprochen liefern Sie das Ensemble bitte in zwei Tagen. Denken Sie an die passende Stola, Fächer und Abendtasche, ja? Es ist unerlässlich, dass ich mich beim Empfang der Baker-Guild so vorteilhaft wie möglich präsentiere.“
Von dem Podest aus konnte die junge Kundin direkt nach hinten in die Umkleidekabine gehen, wo eine Mitarbeiterin wartete, um ihr beim Wechsel in das Nachmittagskleid behilflich zu sein.
Dame Roshnatow rieb sich innerlich die Hände. Teuerster Gros d’ Indrahap für Rock und Oberteil, Seidenkordel, feinste Edelsteinseidenborte mit Goldstickerei, dazu hauchfeines Ramie für die Stola … das Beste war gerade gut genug gewesen.

Als die jungen Damen in Begleitung ihrer Zofen und Constance DeGuins Dame d’Honeur den Modesalon verließen, betrat Miryam Prackenham-Baxters Vater zur gleichen Zeit ein anderes Gebäude, in einer wesentlich weniger gesellschaftsfähigen Gegend der Stadt. Er reichte dem Mädchen, das ihm geöffnet hatte, seinen Hut und ging zielstrebig den kurzen Flur entlang, an dessen Ende eine Treppe ins Obergeschoss führte. Links neben der Treppe war die Tür zum Salon, in dem Xander Prackenham-Baxter bereits erwartet wurde.
Seidenweiche Arme schlossen sich um seinen faltigen Hals, und ein junger, straffer Körper presste sich an ihn: „Mein lieber Xanny“, hauchte eine rauchige Stimme an seinem Ohr „ich konnte es gar nicht erwarten, dich zu sehen. Du kommst später als sonst.“ Ein schmollender Unterton mischte sich in die Begrüßung.

Mit einem um Entschuldigung heischenden Lächeln schob Lord-Assistent Prackenham-Baxter die aufreizende Schönheit von sich und ließ ein flaches Pappkästchen in ihren üppigen Ausschnitt gleiten.
„Sei nicht so übellaunig, mein Schäfchen“, schmunzelte er. „Als Mitglied der Baker-Guild und Vertrautem von Bullcroft hat man nicht immer die Freiheit, sich seinen Passionen zu widmen. Und seien sie noch so verführerisch.“
Xander Prackenham-Baxter küsste den bloßen Hals der Frau, die seit einigen Monaten seine Geliebte war. Es war durchaus nicht ungewöhnlich, dass ein Mann der besseren Gesellschaft sinnliche Freuden bei einem der sogenannten „Butterflies“ suchte. Die Vergleiche mit den kapriziösen Geschöpfen des Tierreiches kamen nicht von ungefähr, konnten es sich doch nur wohlhabende Männer leisten, ein „Schmetterlingshaus“ zu unterhalten. Die meisten Männer schreckten jedoch davor zurück, zu groß war die Angst vor einer Entdeckung, die mit gesellschaftlichem Ruin der ganzen Familie einher ging. Man begnügte sich mit gelegentlichen Affären mit Tänzerinnen oder Besuchen in einschlägigen Etablissements. Der Lord-Assistent von V.C. Bullcroft jedoch fühlte sich aufgrund seines Rangs in Ministerium und Gesellschaft über solche Besorgnisse erhaben.

Maggie Lindsel, die junge Frau, die sich glücklich wähnen konnte, einen der dicksten Fische in Steamtown an ihrer Angel zu haben, zog das schmale Behältnis aus ihrem Dekolleté und öffnete es. Ein kleiner Aufschrei der Begeisterung erscholl, als ein kostbares Halsband entdeckte, das aus mehreren Reihen Goldflechten bestand.
„Oh, Xanny, war für ein wunderschönes Halsband. Das ist doch genau das Band, von dem ich dir erzählt habe.“ Ihre Stimme wurde zu einem Gurren. „Wie soll ich mich da nur bei dir bedanken, mein großzügiger Schatz?“
Der Gönner, der nichts weniger hatte erreichen wollen, tätschelte seinem Butterfly leicht das Hinterteil. „Nun, mein Schäfchen, ich glaube, da wird uns doch was einfallen, oder?“
Als Maggie ihren Versorger nach oben ins Schlafzimmer zog, zwinkerte sie ihrem Hausmädchen verstohlen zu, das ebenso unauffällig nickte. Es war alles vorbereitet.

Stunden später, Dunkelheit legte sich über den Vorort von Steamtown, stahl sich das Hausmädchen in das Schlafzimmer im oberen Stock des Hauses und entzündete den Plamsaverbrenner in einer der Wandlampen.
Xander Prackenham-Baxter lag auf der Seite, sein üppiger Bauch bewegte sich bei jedem Atemzug, und schnarchte laut. Ihre Herrin, Maggie Lindsel, hatte sich auf den Bauch gedreht und wartete, bis das Mädchen die Kleidungsstücke auf dem Boden aufgesammelt hatte.
„Hat alles geklappt?“ Maggie strich sich die wirren Haare aus dem Gesicht und bemühte sich nicht einmal darum, ihre Stimme zu dämpfen. Sie war sich sehr sicher, dass der Mann neben ihr nichts bemerken würde.
„Ja, Ma’am Lindsel“, gab das Mädchen wesentlich leiser zurück und warf einen unsicheren Blick auf die Stuckverzierung des Spiegels auf der dem Bett gegenüber liegenden Wandseite. Nur einem sehr aufmerksamen Beobachter würde auffallen, dass der dunkele Rahmen an einer Stelle heraus genommen war um eine kleine Öffnung in die benachbarte Kammer zu schaffen. „Joey hat gesagt, alles is fein. Er is auch schon weg.“
Maggie lächelte zufrieden und streckte sich, so dass die Decke auf dem Bett verrutschte und den Blick auf ihren herrlichen Rücken preisgab. Die Falle war zugeschnappt, wie schön. Die Auftraggeber würden sich freuen – und es ihr danken, das war sicher.

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Dieser Eintrag wurde geschrieben am Freitag, Juni 19th, 2009 um 00:01 in der Kategorie Kapitel 3. Reaktionen zu diesem Eintrag können Sie mit dem RSS 2.0 Feed verfolgen. Die Kommentare für diese Seite sind geschlossen.

9 Kommentare bisher

Stephan
 1 

Hier wieder mal meine “Autorengedanken” zum Geschriebenen:

Während wir schreiben, benötigen wir immer wieder Charaktere, die unseren Protagonisten über den Weg laufen und dieses und jenes tun, das die Geschichte voranbringt.
Manchmal wirken diese Charaktere farblos oder irgendwie fehl am Platz, weil man sich vorher überhaupt keine Gedanken darüber gemacht hat, was sie eigentlich antreibt und warum sie zufällig gerade an diesem Ort und zu diesem Zeitpunkt auftauchen.

Das aktuelle Zwischenstück von Bettina beschreibt (übrigens sehr stimmungsvoll geschrieben, wie ich finde) Personen in einer Gesellschaftschicht, mit der ich mich so gut wie gar nicht auskenne (das liegt daran, dass ich kaum entsprechende Bücher gelesen und auch keine Kontakte habe - ich bin ja leider nur von niederem Bürgeradel ;-)

Wenn ich demnächst aus dieser Schicht einen Charakter benötige, erspare ich mir eine Menge Gedanken und Recherchearbeit, indem ich mir einfach einen “vorgefertigten” aus dem Zwischenstück klaue (mindestens einer der Charaktere könnte übrigens wirklich seine Chance bekommen - mal sehen, ob es jemand errät).

Für angehende Bestsellerautoren die weniger faul sind, könnte das übrigens eine gute Schreibübung sein: “Schreiben Sie über einen Ihrer unwichtigen Nebencharaktere oder Nebenschauplätze eine eigene Kurzgeschichte.”
Schreibübung 2: “Bauen Sie einen beliebigen in der Kurzgeschichte auftauchenden Nebencharakter in Ihren nächsten Roman ein.”

Juni 19th, 2009 at 21:58
 2 

Schreibübung 3: Schreiben Sie über einen unserer Nebencharaktere eine eigene Steamtown-Geschichte. Sobald wir unser Forum installiert haben, könnte sich ein Platz für ihn (oder sie) finden…
Regel Nummer 1 dabei ist übrigens: beschädige oder töte keinen Haupt-Charakter eines anderen Autoren. Was einschließt: unterstelle ihm keine Handlungen, die für ihn unlogisch sind oder sein Leben nachhaltig verändern.
Das zumindest war Regel Nr. 1 in “Kopfgeld” - und sie hat sich bewährt.

Juni 19th, 2009 at 22:51
 3 

Aber bitte bitte nicht Lady Miryam … die eignet sich so wunderbar zur tragischen Heldin … oder zumindest zu wunderbar tragischen Seitheldin ;-).
Ich muss gestehen, dass mich interessieren würde, was aus Ciriaco DeGuin wird.

Juni 19th, 2009 at 23:08
 4 

Hm. Nachdem ich ja den Albino schon als glänzenden Duellanten erwähnt hatte, ist diese Verbindung natürlich tatsächlich ziemlich interessant. Übrigens kommt Constance exakt so rüber ,wie ich sie mir am Anfang schon vorgestellt hatte. Ich denke, damit haben sich zumindest Myriam und Constance zu Hauptfiguren im Sinne von “nicht kaputt machen” qualifiziert. Herzlichen Dank nochmals dafür, Bettina.

Juni 20th, 2009 at 09:02
 5 

Danke für den Dank, Tom :-).
Constance hat sich ja schon in der ersten Szene meiner Meinung nach selbst beworben um diesen Job, ebenso wie ihr Bruder.
Ich habe schon ein paar Ideen, was mit der armen Myriam so alles passieren könnte … ich bin halt ein großer Fan von Austen’schen Szenarien, habe als Pubertierende Cartland etc. gelesen und habe allgemein ein Faible für solche Szenarien.
Bettina

Juni 20th, 2009 at 10:21
 6 

Wirklich, ein wunderbares Zwischenspiel, auch sehr schön geschrieben, Kompliment.

Aber es gibt auch etwas zu bemängeln:
“Eine namen- und gesichtslose Hilfsschneiderin kniete gleichzeitig zu Füßen einer anderen Kundin und versuchte so flink und zugleich vorsichtig wie möglich die breite Zierborte am Schößchen des Oberteils fest zu stecken, das die junge Frau vor ihr trug.”
Hier wird zu viel gewollt, finde ich, in einem einzigen Satz. Mir ist jedenfalls nicht auf Anhieb klar, vor wem jetzt wer kniet. Und das Oberteile nur ein Schößchen haben (ich kannte nur Frackschöße, und das sind zwei, IIRC) wußte ich auch nicht und das verwirrte mich noch mehr.
Nein, der Satz ist nicht so flüssig wie der Rest.

Juni 22nd, 2009 at 15:13
 7 

Das mit dem Schößchen habe ich übrigens auch erst an dieser Stelle gelernt. Ich musste auch erst nachsehen.
Man lernt nie aus…

Juni 22nd, 2009 at 15:58
TPF
 8 

Ihr könntet Hyperlinks unter die Begriffe legen. Immerhin ist das hier das Internet! :-)

Juni 22nd, 2009 at 16:24
 9 

Meinst du in den Kommentaren oder im laufenden Text der Geschichte? (Letzteres halte ich für unnötig kompliziert - was dem einen geläufig ist, ist dem anderen unbekannt - und wie weit soll man mit der Verhyperung gehen? Ich denke, wenn es begriffliche Unklarheiten im laufenden Text gibt, kann auch jeder Leser selbst Tante Google oder den Wiki Peter bemühen. Immerhin ist er ja gerade im Internet. ;-)

Juni 22nd, 2009 at 16:43

Die Kommentare sind geschlossen.