Es wunderte Grand, dass er es tatsächlich bis zu seinem Haus geschafft hatte, ohne nennenswertes Aufsehen zu erregen. Wie immer das auch vonstatten gegangen sein mochte, roch er doch wie eine pünktlich zum heißesten Tag des Jahres übergelaufene Jauchegrube. Droschken oder Besucher verirrten sich nur selten nach Sticky Square, dem Viertel, das den Verlorenen und den Ausgestoßenen gehörte. Hier kümmerte man sich nur um sich selbst und seine eigenen Belange.
Jetzt, da er an seinem Refugium angekommen war, spürte er die Anstrengungen der letzten Stunden. Erschöpfung machte sich in seinen Knochen breit. Mit einem müden Ächzen schabte er die Sohlen seiner Schuhe über das Stiefeleisen am Eingang, um den Dreck des Weges abzustreifen. Dann griff er, als er sich einen Moment unbeobachtet wähnte, hinter einen losen Backstein in der Mauer, holte den Eingangsschlüssel hervor und trat ein.

Grands Haus war nicht bemerkenswert, sogar alles andere als augenscheinlich. Klein und rotgrau, schmiegte es sich links und rechts beinahe windschief an weitere, gesichtslose Gebäude seiner Art. Den schmalen Streifen Erde vor seinem Heim konnte man selbst beim besten Willen nicht einmal als spärlich bezeichnen. Von grünen Pflanzen, die dem Anblick etwas Geruhsames oder gar Gemütliches gegeben hätten, war weit und breit nichts zu sehen. Man hätte fast den Eindruck gewinnen können, dass der marode Holzzaun, der das Grundstück nach vorne zur Straße hin abtrennte, sogar das Unkraut davon abhielt, seine Wurzeln an diesem trostlosen Ort einzugraben. Dazu ein flaches, ebenso graues Dach, mit zerbrochenen Schindeln übersät und milchige Fensterscheiben, durch die man nur mit Mühe hindurch blicken konnte. Es war wahrlich nicht viel, aber es war Seins. Auch wenn er es hasste. Immerhin ging ihm hier niemand auf die Nerven.

Auch das Inventar mutete eher einfach und teilweise überraschend schäbig an. Ein verschlissenes Sofa, dessen Federn unentwegt versuchten, ihre Freiheit durch den fadenscheinigen Stoff zu erlangen, ein einfacher Holztisch mit einem einsamen Stuhl und ein muffiger Kleiderschrank, dessen Türknauf schon lange abgebrochen war. Nicht gerade einladend. Grand zog sich die stinkenden Klamotten aus, warf sie in der Ecke des Zimmers auf einen Haufen und ging in das Badezimmer. Dort ließ er heißes Wasser in die Wanne laufen, einem Relikt aus besseren Zeiten, legte sich hinein und schloss für eine Weile die Augen.
Ein weit entfernter Schrei, einem Nachhall eines dunklen Traumes aus der Vergangenheit gleich, schreckte ihn aus seinem Schlummer. Er war tatsächlich eingeschlafen und viel zu spät dran. Eleonore würde nicht warten. Nicht eine Minute und besonders nicht wegen ihm.

Hastig nahm er sich frische Kleidung aus dem Schrank und zog sie über. Dann griff er nach einem braunen Karton, der auf dem obersten Schubfach lag und stellte ihn auf den Holztisch. Vorsichtig hob er den Deckel. Zum Vorschein kam das Werkzeug eines Ætheromanten der höheren Weihen, eines Priors der Kirche zur heiligen Erweckung. Ein Okular aus blitzenden Edelmetall und funkelndem Kristallglas. Filigrane Intarsien aus seltenen Halbedelsteinen verzierten die Einfassung und verstärkten den Eindruck einer ganz besonders wertvollen Arbeit. Grand hatte das Okular lange nicht mehr in Händen gehalten. Genau genommen seit dem Vorfall von Arminton. Da sein übliches Gerät nun in den Tiefen des Staubeckens lag, blieb ihm keine andere Wahl. Dort, wo er hinzugehen trachtete, würde er eines brauchen und Ersatz konnte man nun mal nicht in jedem Warengeschäft bekommen.
Eine Träne schlich sich in seine Augen und Grand wischte sie mit einem unwirschen Knurren weg, während er das kostbare Okular in seine Tasche steckte. Er hatte jetzt keine Zeit für Sentimentalitäten. Er hatte eine wichtige Verabredung, die er auf keinen Fall verpassen durfte.

Aus einer Schublade am Fuß des Schranks förderte er Papier und Tinte zum Vorschein. Schnell kritzelte er einige Zeilen auf den Bogen und faltete es notdürftig zusammen. Das Ministerium würde langsam aber sicher wissen wollen, was aus der kleinen Abteilung geworden war, die sich vor einer halben Ewigkeit hinab in die Kanalisation begeben hatte, um einen Mörder zu verfolgen. Der Pater ging allerdings nicht davon aus, dass irgendwer aufmerksam geworden war und sie vermisste. Verstärkung war daher sicher das Letzte, was gerade auf dem Weg in ihre Richtung war. Aber es schien vernünftig, keine schlafenden Hunde zu wecken. Mit der Nachricht erklärte er ihren Verbleib, ohne auf seinen Alleingang einzugehen. Weder das Ministerium, noch der Agent Eric Van Valen würden sein Vorgehen gutheißen. Daher war es besser, darüber kein Wort zu verlieren. Wenn es nach ihm ginge, würde er es auch nicht zu einem späteren Zeitpunkt erklären.

Grand zog die Tür hinter sich in Schloss, ohne sich noch einmal umzusehen und ging die Straße hinab bis zur nächsten Droschkenstation. Dort drückte er einem Jungen eine Münze und das Schreiben an das Ministerium in die Hand, mit dem Auftrag, es sofort an geeigneter Stelle abzugeben. Anschließend stieg er in eine der wartenden Kutschen und ließ sich zum Hovener Garden fahren, in dessen Nähe er Eleonore treffen würde. Er konnte nicht verhehlen, dass seine Hände klamm und zittrig waren. Grand war nervös, ein Zustand, der eher nicht zu seinem normalen Repertoire gehörte.

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Dieser Eintrag wurde geschrieben am Freitag, Juni 12th, 2009 um 00:01 in der Kategorie Kapitel 3. Reaktionen zu diesem Eintrag können Sie mit dem RSS 2.0 Feed verfolgen. Die Kommentare für diese Seite sind geschlossen.

12 Kommentare bisher

 1 

Hier kümmerte sich man

- sich und man tauschen…

spürte er die Anstrengung der letzten

- die Anstrengungen, oder?

Schranks beförderte er Papier und Tinte zum Vorschein

- die fördert man nur zum Vorschein (afaik)

Der Pater ging zwar nicht davon aus…

- nach dem ‘zwar’ erwarte ich eine Fortsetzung mit ‘aber’ im selben Satz - einfach das Wort kürzenm…

Dann bin ich mal auf Eleonore gespannt…

Juni 12th, 2009 at 08:07
 2 

Zustimmung in allen Punkten. Danke, Nico.
Ja, Eleonore dürfte wohl etwas ganz besonderes sein …
;)

Juni 12th, 2009 at 09:49
 3 

Frauen können furchteinflößend sein, gerade wenn man sie näher kennt ;)

Juni 12th, 2009 at 16:48
 4 

Ich würde nun gerne wissen was es mit dem Vorfall von Arminton auf sich hat

Juni 12th, 2009 at 17:34
 5 

Da kann ich euch nur einen Tipp geben: Dran bleiben. Kommt Zeit, kommt Arminton.
;)

Juni 12th, 2009 at 22:31
 6 

Also das mit den Frauen find ich ja schon wirklich gemein. Dass ihr Frauen als furchteinflößend empfindet liegt nur daran, dass ihr uns nicht wirklich kennt.

Carsten: Ich hänge an dem Satz:
“Grands Haus war nicht bemerkenswert, sogar alles andere als augenscheinlich.”

In welchem Sinn gebrauchst du hier “augenscheinlich”?

Juni 13th, 2009 at 10:34
 7 

Im Sinn von “augenfällig” (auch: auffallend, auffällig, ins Auge fallend, unübersehbar, etc.)

Ich muss aber zugeben, dass ich daran auch kurz gestolpert bin und im Synonym-Duden nachgeschlagen habe.
Der sagt aber tatsächlich: augenscheinlich -> siehe: augenfällig.

Das war mir vorher so auch nicht bewusst. So lernt man immer etwas neues über unsere schöne Sprache.

Das “ihr” bei den furchteinflößenden Frauen möchte ich übrigens relativiert sehen, Bettina.
Da solltest du mal bitte nur für dich sprechen, Nico… ;)

Juni 13th, 2009 at 11:03
 8 

Ich rede auch von “können” nicht von einem generellen “sind” - kleiner, aber feiner Unterschied.

Juni 13th, 2009 at 11:23
 9 

ach … so genau nehme ich das nicht, wenn es gegen Frauen geht :-). Ich habe einen Ruf als Emanze zu verteidigen *sinnier*

Juni 13th, 2009 at 11:40
Stephan
 10 

Ich gebe Nico recht. Ihr anderen kennt nur meine Freundin nicht ;-)

Juni 15th, 2009 at 08:20
Judith
 11 

Danke, Schatz!
Wir sehen uns dann morgen…

August 6th, 2009 at 12:11
 12 

Hrhrhr…

Ich kenn sie. Ich sag jetzt besser nix falsches.

August 6th, 2009 at 12:45

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