Das Dach enttäuschte, zu Mr. Ferrets nicht unbeträchtlichem Unbehagen, keine seiner Erwartungen. Es war abschüssig, glatt, ohne nennenswerte Haltemöglichkeiten und dank des zuverlässigen steamtowner Nebels unangenehm glitschig.
Die Regenrinne ächzte unter dem Griff des dünnen Mannes und entwickelte bedenkliche Falten.
Mr. Ferret war durchaus bewusst, dass sich der zu feste Druck seiner Hände nachteilig auf die Integrität des Rohres auswirken würde. Und doch war es ihm nicht möglich, seinen Instinkten zu befehlen, den Griff etwas zu lockern.
Nur mit äußerster Mühe und Konzentration gelang es ihm, sich über den Rand des Daches ab zu lassen und sich der zweifelhaften Stabilität der Dachrinne anzuvertrauen.
Die Konstruktion danke es ihm nicht. Mit einem letzten Ächzen und einem unmittelbar darauf folgenden, metallischen Kreischen lösten sich die eisernen Halteklauen, von der vorhergehenden Belastung durch Eric und den Flüchtigen bereits geschwächt, aus der Wand. Und unter dem Seufzen gequälten Metalls fiel Mr. Ferret samt der jetzt losen Rinne hinaus über den Abgrund.
Der Wiedergänger hatte inzwischen das andere Ende des Daches erreicht und war aus Erics Sichtfeld verschwunden. Als der junge Agent endlich ankam, sah er, was das Ziel des Mannes gewesen war: Eine schmale Feuerleiter, die hinab zu einem weiteren Nebengebäude führte, einem Gebäudetrakt mit einem neumodischen, flachen Dach – und einem kleinen Aufbau mit Zugang zu einem der Treppenhäuser.
Doch zur Überraschung des Wiedergängers war die schwere Stahltür verschlossen. Mit mechanischen Bewegungen probierte er nacheinander verschiedene Schlüssel aus einem großen Bund, den er zuvor aus der Jacke gezogen hatte. Als er damit keinen Erfolg zu haben schien, ließ er den Bund schließlich fallen und schlug mit geballten Fäusten gegen Schloss und Rahmen. Doch obwohl sich der Stahl unter seinem heftigen Angriff verformte und wie ein verletztes Tier ächzte und stöhnte, hielt die Tür stand.
Eric kletterte die Feuerleiter hinunter und ging langsam auf den Wiedergänger zu, die Hand mit dem Scheuerpulver hoch erhoben, bereit zu werfen, falls der Mann irgend eine falsche Bewegung machen sollte.
Als dieser die Schritte hinter sich vernahm, zuckte sein Kopf ruckartig herum. Er fixierte den jungen Agenten für einen Moment hasserfüllt mit seinem übrig gebliebenen, schwarzen Auge und schien drauf und dran zu sein, sich auf ihn zu stürzen. Als sein Blick auf Erics provisorische Waffe fiel, überlegte er es sich jedoch anders.
Knurrend trat er von der Tür zurück und bewegte sich zur Seite, um den Dachaufbau zwischen sich und den Agenten zu bringen.
Eric räusperte sich und forderte den Wiedergänger mit bebender Stimme auf, sich zu ergeben.
Der Mann in der Pflegerkleidung knurrte abfällig und irgendwie machte er damit deutlich, dass er diese Forderung nicht als Option betrachtete.
“Ich warne Sie”, sagte der Agent und bemühte sich, seine Stimme unter Kontrolle zu bringen. Nur zu deutlich hatte er die beeindruckenden Dellen in der stählernen Tür vor Augen. Und obwohl es eine erstaunliche Wirkung auf den Wiedergänger zu haben schien, so ist doch ein geöffnetes Paket Scheuerpulver selbst für mutigere Männer als Eric eine Waffe, die nicht unbedingt dazu verleitet, sich in Sicherheit zu wiegen. “Ich warne Sie letztmalig”, wiederholte er und diesmal klang es bestimmter, ” Ergeben Sie sich, oder ich sehe mich gezwungen, Gewalt anzuwenden. Darüber hinaus sind wir zu zweit und Ihnen steht kein Fluchtweg mehr offen. Mr. Ferret, wenn Sie so freundlich wären… Mr. Ferret?” In diesem Augenblick ging Eric auf, dass er von dem dünnen Mann noch nichts gehört hatte. Unwillkürlich blickte er sich um. Doch weder auf der Fläche hinter ihm, noch auf der Feuerleiter oder dem höher gelegenen Dach konnte er seinen Begleiter sehen. “Mr. Ferret?”
Einen zischenden Laut ausstoßend nutzte der Pfleger die Ablenkung und duckte sich hinter den Aufbau des Treppenganges außer Sicht.
Fluchend setzte Eric an, ihm zu folgen, hielt dann jedoch inne. Dem Gegner zu folgen, erschien ihm allein als schlechte Idee. Was, wenn jener ihm hinter der Ecke auflauerte? Verfehlte das Scheuerpulver seine Wirkung - oder verfehlte er damit sein Ziel, dann wäre er dem Wiedergänger auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.
Was angesichts der demolierten Tür wohl bedeutete, dass er sich schneller in eine blutige Masse Brei verwandeln würde, als er nach dem zweiten Paket des Pulvers greifen konnte. Wo blieb nur Mr. Ferret?
In diesem Augenblick hörte er knirschende Schritte hinter dem Dachaufbau. Eric spannte alle Muskeln an und hob die improvisierte Waffe, bereit, sie seinem Angreifer entgegen zu schleudern. Doch als der Wiedergänger schließlich in seinem Sichtfeld auftauchte, war zu dessen größtem Erstaunen nicht Eric das Ziel der Kreatur. Vielmehr lief der Wiedergänger mit kraftvollen Schritten auf das entfernte Ende des Daches zu. Dort aber kam, wie Eric wusste, kein weiteres Gebäude. Dort warteten nur fünfzehn Meter freier Fall und regennasses Kopfsteinpflaster.
“Halt! Warten Sie!” rief er unwillkürlich, doch da hatte der Pfleger bereits die niedrige Umrandung der Dachfläche erreicht. Mit einem kraftvollen Tritt stieß er sich ab und sprang weit hinaus in die Leere, so als wolle er die Dächer auf der gegenüberliegenden Seite der Straße erreichen. Doch Eric war sich nur zu gut der Tatsache bewusst, dass das unmöglich zu schaffen war. Ohne einen Laut verschwand der Mann außer Sicht.
Ohne zu Zögern hinkte der Agent zum Rand des Flachdaches und sah hinab in die Tiefe - so sehr er auch den Anblick scheute, der sich ihm bieten würde.
Tief unter ihm, auf der Mitte der Straße entdeckte er die reglose Gestalt des Pflegers.
Nicht jedoch, wie er erwartet hatte, zerschmettert und verdreht auf dem Kopfsteinpflaster liegend.
Stattdessen stand die Kreatur dort unten, als sei sie soeben aus einem Hauseingang getreten, und blickte zu ihm hinauf. Als sie Eric entdeckte, hob sie gar eine Hand zu einem spöttischen Gruß. Dann wandte sie sich um und ging zügigen Schrittes die Straße hinab, auf die Gassen des Stadtviertels zu.
Wütend schleuderte ihm der junge Agent das Scheuerpulver hinterher, doch das war nur eine nutzlose Geste. Das Geschoss fiel viel zu kurz, zerplatzte mit dumpfem Knall auf der feuchten Straße und hinterließ einen weißlichen Stern von Pulver, der harmlos zu zerrinnen begann.
Der Wiedergänger drehte sich nicht einmal um.
“Oh verdammt!” rief Eric verzweifelt aus.
“Da sagen Sie was, Sir”, stimmte Mr. Ferret zu.
Der junge Agent wirbelte herum. “Mr. Ferret! Wo zum Teufel haben Sie gesteckt? … Was tun sie da, Mann?”
“Tut mir leid, Sir, aber in diesem Umfeld fühl ich mich wirklich nich wohl”, antwortete Mr. Ferret entschuldigend. Er lag bäuchlings auf dem höheren Dach und tastete sich umständlich an die Feuerleiter heran. Der kupferne Dachrand bog sich bereits unter der Gewalt seines Griffs. “Das kann ne Weile dauern, Sir. Erinnern Sie mich bitte das nächste Mal daran, dass ich mit Höhen nicht besonders gut klar komme. Möglichst, bevor ich mich auf ein nasses Dach fallen lasse. Rücklinks. Ich bin wirklich froh, dass ich keine Verdauung mehr habe. Wenn Sie verstehen, was ich meine.”
Tags: Coleman-Asylum, Eric, Mr. Ferret, Van Valen

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